Der Vagusnerv: Funktion, Selbstheilung und Bedeutung für die Gesundheit

Der Vagusnerv, auch Nervus vagus genannt, ist ein faszinierender und wichtiger Bestandteil unseres Körpers. Er wird dem vegetativen Nervensystem zugeordnet, insbesondere dem parasympathischen Anteil, der für Verdauung, Selbstheilung und Erholung zuständig ist. Als einer der zwölf Hirnnerven spielt der Vagusnerv eine bedeutende Rolle bei der Regulation fast aller inneren Organe und beeinflusst unsere körperliche und psychische Gesundheit.

Anatomie und Geschichte des Vagusnervs

Der Name "Vagusnerv" stammt aus dem Lateinischen und bedeutet "der herumschweifende Nerv". Diese Bezeichnung ist treffend, da sich der Nerv vom Kopf aus im ganzen Körper ausbreitet und dabei einen besonderen Einfluss auf Magen, Darm, Herz und Lunge ausübt.

Bereits in der Antike wurde die Bedeutung des Vagusnervs erkannt. Der Arzt Claudius Galenos, der im alten Rom arbeitete, untersuchte den Vagusnerv an Gladiatoren, Affen und Schweinen. Er stellte fest, dass eine Durchtrennung dieses Nervs bei Verletzungen zu Funktionsstörungen im ganzen Körper führt. Seine Erkenntnisse bildeten die Grundlage für medizinische und psychologische Anatomiebücher der folgenden zwei Jahrtausende.

Das vegetative Nervensystem und die Polyvagal-Theorie

Das vegetative Nervensystem besteht aus zwei komplementären Anteilen: dem Sympathikus und dem Parasympathikus. Der Sympathikus aktiviert den Körper für Kampf und Flucht, während der Parasympathikus für Entspannung, Verdauung und Selbstheilung zuständig ist.

Dr. Stephan Porges, ein Verhaltens-Neurowissenschaftler, erweiterte diese Vorstellung 1994 mit seiner Polyvagal-Theorie. Er postulierte, dass unser autonomes Nervensystem nicht nur zwei, sondern drei Anteile hat, die miteinander in Verbindung stehen. Diese Anteile entspringen an verschiedenen Orten im Gehirn, sind entwicklungsgeschichtlich unterschiedlich alt und haben verschiedene Funktionen.

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Der hintere Vagusnerv fährt den Körper herunter bis hin zum Totstellen. Der vordere Vagusnerv übernimmt die Funktionen Verdauung, Selbstheilung und Erholung, aber auch Kontakt und Kommunikation. Dieser Anteil ist mit den Mimiknerven im Gesicht verbunden, insbesondere in der oberen Gesichtshälfte, und dient der Wahrnehmung sicherer und unsicherer Kontakte. Diese Wahrnehmung wird als Neurozeption bezeichnet. Eine sichere Situation ermöglicht Face-to-Face-Kontakt, spielerischen Umgang und körperliche Nähe, was zur gegenseitigen nervlichen Regulierung und Beruhigung beiträgt.

Die Bedeutung des Vagusnervs für die Gesundheit

Der Vagusnerv spielt eine entscheidende Rolle für unsere körperliche und seelische Gesundheit. Er beeinflusst zahlreiche Körperfunktionen, darunter:

  • Herzfrequenz und Atmung: Der Vagusnerv reguliert die Herzfrequenz und hat Einfluss auf die Atmung.
  • Verdauung: Der viszerale Nervenstrang des Vagusnervs ist für die Kommunikation zwischen dem Gehirn und den Organen im Bauchraum zuständig, darunter Magen, Leber, Bauchspeicheldrüse und Darm.
  • Entzündungsregulation und Immunreaktionen: Der Vagusnerv spielt eine Rolle in der Regulation von Entzündungen und Immunreaktionen.
  • Psychische Gesundheit: Es besteht eine enge Verbindung zwischen dem Vagusnerv und der psychischen Gesundheit. Eine starke Aktivität dieses Nervs kann helfen, Stress effektiver zu bewältigen und die Resilienz gegenüber belastenden Situationen zu erhöhen.

Eine gestörte Vagusfunktion kann zu einer Vielzahl von Problemen führen, darunter Migräne, Rückenschmerzen, Angstzustände, Depressionen, Verdauungsbeschwerden, Bluthochdruck, Herzrhythmusstörungen, Allergien und sexuelle Unlust. Chronischer Stress kann die Funktion des Vagusnervs beeinträchtigen und zu einem Zustand der Überreizung führen, in dem es schwierig ist, sich zu erholen.

Möglichkeiten zur Aktivierung und Stärkung des Vagusnervs

Es gibt verschiedene Möglichkeiten, den Vagusnerv zu stimulieren und seine Aktivität zu fördern. Dazu gehören:

  • Atemübungen: Bewusstes, ruhiges Atmen, insbesondere die Zwerchfellatmung, ist eine effektive Methode, um den Vagusnerv zu aktivieren.
  • Singen, Summen und Gurgeln: Vibrationen im Hals- und Rachenraum, die durch Singen, Summen oder Gurgeln entstehen, können den Vagusnerv anregen.
  • Kälteexposition: Kurze Kältereize, wie das Abspülen des Gesichts mit kaltem Wasser oder eine kalte Dusche, können den Vagusnerv stimulieren.
  • Bewegung: Leichte Bewegung wie Spazierengehen, Radfahren oder Yoga wirkt sich positiv auf den Vagusnerv aus.
  • Positive Emotionen: Lachen, freundliche Gespräche oder Nähe zu vertrauten Menschen fördern die Ausschüttung von Wohlfühlhormonen und stimulieren den Vagusnerv.
  • Meditation und Achtsamkeit: Meditation und Achtsamkeitsübungen können helfen, das Nervensystem zu beruhigen und den Vagusnerv zu aktivieren.
  • Akupressur: Das Drücken bestimmter Punkte in der Ohrmuschel, die mit dem Vagusnerv in Verbindung stehen, kann ebenfalls stimulierend wirken.
  • Ernährung: Langsames, langes und aufmerksames Kauen verbessert die Aufnahme von Nährstoffen und kann sich positiv auf den Vagusnerv auswirken.

Stanley Rosenberg, ein Körpertherapeut, hat in seinem Buch "Der Selbstheilungsnerv" acht Übungen vorgestellt, um den Vagusnerv zu aktivieren und Blockaden zu lösen. Eine dieser Übungen ist die Grundübung, bei der man auf dem Rücken liegt, die Finger verschränkt und unter den Hinterkopf legt. Dann bewegt man nur die Augen so weit wie möglich nach rechts und links.

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Der Vagusnerv und die Herzratenvariabilität (HRV)

Die Herzratenvariabilität (HRV) ist ein Maß für die Variationen in den Zeitabständen zwischen Herzschlägen. Eine höhere HRV wird mit einer besseren Anpassungsfähigkeit des Körpers an Stress und einer insgesamt besseren Gesundheit in Verbindung gebracht. Der Vagusnerv spielt eine wichtige Rolle bei der Regulation der HRV. Eine Stimulation des Vagusnervs kann die HRV erhöhen und somit die Gesundheit fördern.

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