Selbstständig arbeiten mit Multipler Sklerose: Herausforderungen, Chancen und Strategien

Multiple Sklerose (MS) ist eine chronisch-entzündliche Erkrankung des zentralen Nervensystems, die sich bei jedem Menschen anders äußert. Die Auswirkungen auf das Berufsleben sind vielfältig und können von geringen Einschränkungen bis hin zur vollständigen Arbeitsunfähigkeit reichen. Viele Menschen mit MS können jedoch weiterhin erfolgreich arbeiten, insbesondere wenn sie die Möglichkeit haben, ihre Arbeitsbedingungen an ihre individuellen Bedürfnisse anzupassen. Für manche Betroffene kann die Selbstständigkeit eine attraktive Option sein, um mehr Flexibilität und Kontrolle über ihre Arbeitsbedingungen zu erlangen. Dieser Artikel beleuchtet die Herausforderungen und Chancen der Selbstständigkeit mit MS und bietet Strategien für ein erfolgreiches und erfülltes Berufsleben.

Einführung in die Selbstständigkeit

Selbstständigkeit bedeutet, sein eigener Chef zu sein. Der Begriff umfasst Selbstständige, Freiberufler und Gewerbetreibende. Wer selbstständig arbeitet, arbeitet selbst und ständig. Viele Selbstständige sind Einzelkämpfer.

Der Schritt in die Selbstständigkeit sollte gut überlegt sein, denn er erfordert ein hohes Maß an Selbstorganisation und -disziplin. Neben der fachlichen Kompetenz sind unternehmerische Fähigkeiten gefragt. Ein Selbstständiger muss Koordinator, Materialbeschaffer, Sekretär, Stratege, Planer, Rechercheur, Ein- und Verkaufsleiter, Kundenakquisiteur, Telefonist, Fahrer, Reinigungskraft, Hausmeister und Steuerexperte in einer Person sein.

Multiple Sklerose und Arbeitsfähigkeit

Viele Menschen mit Multipler Sklerose (MS) können sehr gut ihrer Arbeit nachgehen, auch wenn es immer wieder zu Phasen der Arbeitsunfähigkeit kommen kann. Bestimmte Rahmenbedingungen (z.B. flexible Arbeitszeiten) oder Unterstützungsmöglichkeiten (z.B. Arbeitsassistenz) können dazu beitragen, die Arbeitsfähigkeit langfristig zu erhalten. Medizinische Reha kann die Krankheitsbewältigung verbessern und einer Behinderung oder Pflegebedürftigkeit entgegenwirken. Berufliche Reha fördert die Arbeits- und Berufstätigkeit.

MS kann sich auf den Berufswunsch auswirken und wiederholte oder längere Zeiten der Arbeitsunfähigkeit nach sich ziehen. Es ist wichtig, sich über die finanziellen Auswirkungen von Arbeitsunfähigkeit zu informieren. So gibt es beispielsweise eine Entgeltfortzahlung im Krankheitsfall für insgesamt 6 Wochen wegen derselben Erkrankung. Danach kann Krankengeld bezogen werden.

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Chancen der Selbstständigkeit mit MS

Trotz der Herausforderungen bietet die Selbstständigkeit Menschen mit MS einige entscheidende Vorteile:

  • Flexibilität: Selbstständige können ihre Arbeitszeiten und -orte flexibel gestalten und so ihre Arbeit an ihren individuellen Biorhythmus und ihre Leistungsfähigkeit anpassen. Dies ermöglicht es, Ruhephasen einzuplanen und Termine optimal zu organisieren.
  • Kontrolle: Selbstständige haben die Kontrolle über ihre Arbeitsbedingungen und können diese an ihre Bedürfnisse anpassen. Sie können beispielsweise Aufgaben delegieren, Arbeitsabläufe optimieren und Hilfsmittel einsetzen.
  • Selbstbestimmung: Selbstständige können ihre berufliche Tätigkeit selbstbestimmt gestalten und ihren eigenen Interessen und Leidenschaften nachgehen. Dies kann zu mehr Motivation und Zufriedenheit führen.
  • Selbstverwirklichung: Die Selbstständigkeit bietet die Möglichkeit, eigene Ideen zu verwirklichen und etwas zu bewirken. Dies kann das Selbstwertgefühl stärken und zu einem erfüllten Leben beitragen.
  • Maximale Flexibilität: Auch wenn durch die Digitalisierung und Homeoffice-Optionen heute auch Anstellungsverhältnisse in vielen Branchen deutlich flexibler geworden sind, war ich nie so flexibel wie in der Selbstständigkeit. Durch die freie Strukturierung der Arbeitstage und die Freiheit, meine Kundentermine für mich optimiert zu organisieren, kann ich mir alle Termine rund um die MS super in meine Wochen einplanen.
  • Arbeiten nach Biorhythmus und Leistungsfähigkeit: Als Einzelunternehmerin, bisher ohne Team, bin ich niemandem Rechenschaft schuldig, zu welchen Zeiten ich arbeite. Ich kann die Tage meinem Biorhythmus und meiner Leistungsfähigkeit anpassen und mir, wenn ich nicht gerade beim Kunden vor Ort bin, zwischendurch auch mal Ruhephasen gönnen, die der MS guttun.
  • Selbstoffenbarung nach eigenem Ermessen: Ich habe die Möglichkeit selbst zu entscheiden, wem ich im beruflichen Kontext von meiner MS erzähle, weil es ausschließlich Auswirkungen auf meine eigene Wirkung und Wirtschaftlichkeit hat. Gerade als Diversity-Trainerin gehe ich inzwischen auch Kunden gegenüber sehr selbstbewusst damit um, dass ich chronisch krank bin. Ich empfinde das in meinem Kontext eher als Bereicherung und als einen Teil der Authentizität in meiner Rolle.

Herausforderungen der Selbstständigkeit mit MS

Die Selbstständigkeit mit MS ist jedoch auch mit Herausforderungen verbunden:

  • Unregelmäßiges Einkommen: Das Einkommen von Selbstständigen kann schwanken und ist nicht immer planbar. Dies kann zu finanzieller Unsicherheit führen.
  • Hoher Arbeitsaufwand: Selbstständige müssen oft viele Aufgaben gleichzeitig erledigen und haben einen hohen Arbeitsaufwand. Dies kann zu Stress und Erschöpfung führen.
  • Verantwortung: Selbstständige tragen die volle Verantwortung für ihr Unternehmen und müssen alle Entscheidungen selbst treffen. Dies kann belastend sein.
  • Soziale Absicherung: Selbstständige müssen sich selbst um ihre soziale Absicherung kümmern, z.B. Kranken-, Renten- und Arbeitslosenversicherung. Dies kann kompliziert und teuer sein.
  • Mögliche Verdienstausfälle mitdenken: Wenn ich mich als Einzelkämpferin bei Kunden krankmelden muss und Termine nicht wahrnehmen kann, habe ich unmittelbare Verdienstausfälle. Und auch wenn jede*r krank werden kann, habe ich dieses Thema als MS-Patientin sicher noch etwas intensiver durchdacht als Menschen ohne chronische Erkrankung.

Strategien für eine erfolgreiche Selbstständigkeit mit MS

Um die Chancen der Selbstständigkeit mit MS zu nutzen und die Herausforderungen zu meistern, sind folgende Strategien hilfreich:

  • Gründliche Planung: Vor dem Start in die Selbstständigkeit ist eine gründliche Planung unerlässlich. Dazu gehört die Entwicklung eines Businessplans, die Klärung der finanziellen Situation und die Auseinandersetzung mit den rechtlichen Rahmenbedingungen.
  • Realistische Ziele: Es ist wichtig, realistische Ziele zu setzen und sich nicht zu überfordern. Dies gilt sowohl für die Arbeitszeiten als auch für die Umsatzziele.
  • Netzwerk: Ein gutes Netzwerk ist für Selbstständige von großer Bedeutung. Der Austausch mit anderen Selbstständigen, Branchenexperten und potenziellen Kunden kann wertvolle Unterstützung bieten.
  • Unterstützung: Es ist wichtig, sich Unterstützung zu suchen, wenn man sie braucht. Dies kann die Unterstützung von Familie und Freunden, aber auch die professionelle Unterstützung von Coaches, Beratern oder Therapeuten sein.
  • Gesundheitsmanagement: Ein gutes Gesundheitsmanagement ist für Menschen mit MS besonders wichtig. Dazu gehören regelmäßige Arztbesuche, eine gesunde Ernährung, ausreichend Bewegung und Entspannung.
  • Flexibilität: Es ist wichtig, flexibel zu bleiben und sich an veränderte Umstände anzupassen. Dies gilt sowohl für die Arbeitsorganisation als auch für die Geschäftsstrategie.
  • Private vs. gesetzliche Versicherung klären: In der Gründungsphase besteht die Möglichkeit selbst zu entscheiden, ob man als selbstständige Person freiwillig gesetzlich versichert bleiben oder sich privat versichern möchte. Für mich war die Entscheidung, vor allem durch die chronische Erkrankung schnell getroffen. Da man in einer privaten Versicherung annähernd alle gesundheitlichen Leistungen erstmal finanziell vorstrecken muss und sie erst im Nachgang von der Kasse erstattet bekommt, war diese Option schnell vom Tisch. MS-Medikamente sind zwar ein Segen, kosten aber nicht selten drei- oder vierstellige Beträge.
  • Über Zusatzbeitrag für Krankengeld informieren: Neben der Frage gesetzlich oder privat versichern, steht man im Gründungsprozess auch vor der Entscheidung, welchen Umfang es dabei braucht. Bei meiner Krankenkasse gab es die Option über einen geringen Aufpreis des monatlichen Beitrags Krankengeld zu beziehen. Ohne chronische Erkrankung hätte ich diese Option vielleicht dankend abgelehnt und gerade zu Beginn der Selbstständigkeit lieber den Zusatzbeitrag gespart.
  • Festlegung zu Rentenbeiträgen treffen: Für Selbstständige hält die Rentenversicherung unterschiedliche Beitragsmodelle bereit. Für bestimmte Branchen ist es sogar möglich, nur freiwillige Beiträge zu zahlen und dadurch von der Beitragspflicht befreit zu sein. Als chronisch kranke Person habe ich mich von vornherein gegen diese Befreiung entscheiden, weil sie einige Risiken birgt: Wer in den letzten 5 Jahren z.B. nicht mindestens 3 Jahre den Pflichtbeiträgen nachgekommen ist, hat keinen Anspruch auf Erwerbsminderungsrente. Bei allem Optimismus und gutem Krankheitsverlauf besteht dahingehend mit MS natürlich ein Risiko. Zudem ist es für mich aktuell undenkbar, eine Kur oder Reha selbst zu zahlen, wenn sie nötig werden sollte.

Finanzielle Unterstützung und Fördermöglichkeiten

Für Menschen mit MS, die sich selbstständig machen möchten, gibt es verschiedene finanzielle Unterstützungsmöglichkeiten und Fördermittel:

  • Gründungszuschuss: Wenn Du arbeitslos bist, besteht die Möglichkeit, einen Gründungszuschuss von der Agentur für Arbeit zu erhalten. Die Voraussetzungen: Du übst Deine Selbstständigkeit hauptberuflich aus und beendest damit Deine Arbeitslosigkeit. Außerdem muss eine fachkundige Stelle bestätigen, dass Dein Geschäftsmodell tragfähig ist und Du die entsprechenden Voraussetzungen mitbringst.
  • Kredite und Bürgschaften: Über die Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) kannst Du Kredite zu günstigen Konditionen und Teilbürgschaften erhalten. Menschen mit Behinderungen, die im Erwerbsleben tätig sind, stehen verschiedene Darlehen oder Zinszuschüsse zur Gründung und zur Erhaltung einer selbständigen beruflichen Existenz zur Verfügung.
  • Berufliche Reha: Berufliche Reha umfasst z.B. Arbeitsassistenz, Kraftfahrzeughilfe oder Zuschüsse an Betriebe.

Rechtliche Aspekte

Bei der Selbstständigkeit mit MS sind einige rechtliche Aspekte zu beachten:

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  • Versicherung: Handwerksleute, Kunstschaffende, Publizierende, Geburtshelfende oder freiberufliche Lehrende sind gesetzlich pflichtversichert. Alle anderen haben die Möglichkeit, sich freiwillig bei der gesetzlichen Renten-, Unfall- und Krankenversicherung zu versichern. Alternativ kannst Du Dich privat versichern. Da chronische Erkrankungen wie MS für private Träger ein finanzielles Risiko darstellen, solltest Du diese vor Vertragsabschluss unbedingt angeben und die Konditionen genau abklären. Achtung: ab 55 Jahren kannst Du i.d.R. nicht mehr von der privaten zur gesetzlichen Versicherung zurückwechseln. Ob Du eine private Unfallversicherung abschließen musst oder pflichtversichert bist, erfährst Du bei der Berufsgenossenschaft.
  • Arbeitszeitreduzierung: Möchten Menschen mit MS ihre Arbeitszeit reduzieren, haben sie unter bestimmten Voraussetzungen einen Anspruch darauf.
  • Unterstützungsmöglichkeiten: Wenn die Auswirkungen von MS so schwer sind, dass sie die Berufstätigkeit gefährden oder der bisherige Beruf nicht mehr ausgeübt werden kann, gibt es zudem weitere Unterstützungsmöglichkeiten.

Reha-Maßnahmen

Eine medizinische Reha kann Menschen mit MS dabei unterstützen, besser mit ihrer Erkrankung umzugehen und ihre Selbstständigkeit und Lebensqualität zu verbessern. Eine ambulante Reha findet wohnortnah in einer Reha-Einrichtung statt, meist im Umfang von 4-6 Stunden pro Tag. Sie hat den Vorteil, dass die erlernten und in der Reha-Einrichtung erprobten Verhaltens- und Bewegungsstrategien zuhause getestet werden können. So kann die Reha bei Problemen individuell angepasst werden. Eine stationäre Reha wird umgangssprachlich oft als Kur bezeichnet und findet mit Übernachtung in der Reha-Einrichtung statt. Für Menschen mit MS gibt es in der Regel eine multimodale Reha. Multimodal bedeutet, dass verschiedene Behandlungsmethoden gleichzeitig über mehrere Wochen hinweg angewendet werden. Die multimodale Reha sollte auf die individuellen Beeinträchtigungen der Patienten abgestimmt sein. Folgeerkrankungen und -schäden entgegenwirken bzw. Eine Behandlung in speziellen MS-Kliniken ist sinnvoll, wenn viele verschiedene Beschwerden durch die MS oder Begleiterkrankungen auftreten.

Hilfsmittel und Heilmittel

Der Gesetzgeber definiert den Begriff „Hilfsmittel“ folgendermaßen: Sie sollen den Erfolg einer Behandlung sichern und krankheitsbedingte Einschränkungen ausgleichen. Für Menschen mit MS bedeutet dies vor allem: Erhaltung und oder Verbesserung der Selbstständigkeit und Mobilität im Alltag. „Heilmittel“ werden beschrieben als ärztlich verordnete Dienstleistungen, die einem Heilzweck dienen oder einen Heilerfolg sichern sollen. Wenn Sie also beispielsweise aufgrund Ihrer MS-Spastik Physiotherapie oder Ergotherapie in Anspruch nehmen möchten, sprechen wir von einer „Heilmittelverordnung“. Üblicherweise ist in einer Verordnung Ihrer Ärztin bzw. Ihres Arztes eine feste Anzahl an Behandlungen festgelegt.

Erfolgsgeschichten

Viele Menschen mit MS haben den Schritt in die Selbstständigkeit erfolgreich gemeistert. Ihre Erfahrungen zeigen, dass es möglich ist, trotz der Erkrankung ein erfülltes und erfolgreiches Berufsleben zu führen.

  • Eine Betroffene berichtet: "Ich habe so viel Freude an meiner Arbeit, an den Menschen und vor allem erfüllt mich all die Wertschätzung die ich geben und empfangen darf." Sie ermutigt dazu, erst einmal klein und nebenberuflich zu starten und sich gut beraten zu lassen.
  • Eine andere Betroffene, eine Business-Trainerin, sagt: "Sich selbstständig zu machen ist, egal ob mit oder ohne chronische Erkrankung, eine Herausforderung - aber eine der schönsten, die ich bisher gemeistert habe."

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