Viele Menschen bemerken im Alter eine gewisse Vergesslichkeit und Schwierigkeiten beim schnellen Lernen. Obwohl diese Symptome besorgniserregend sein können, sind sie nicht unvermeidlich. Regelmäßiges Gehirntraining kann dazu beitragen, das Gedächtnis im Alter zu erhalten. Es ist wichtig zu verstehen, dass unser Gehirn verschiedene Gedächtnisformen besitzt, die unterschiedliche Aufgaben erfüllen. Das semantische Gedächtnis, ein Teil des Langzeitgedächtnisses, kann im Alter sogar besser werden, da es auf einen immer größeren Wissensschatz zurückgreifen kann. Probleme im Alter betreffen jedoch häufiger das Arbeitsgedächtnis, welches für Denkvorgänge von zentraler Bedeutung ist. Dieser Artikel beleuchtet die semantische Demenz im Detail, einschließlich ihrer Definition, Symptome und der aktuellen Forschungsbemühungen.
Das Gedächtnis: Ein komplexes System
Das Gedächtnis ist die Fähigkeit des Gehirns, Informationen zu erlernen, zu speichern, sich daran zu erinnern und sie wieder abzurufen. Einzelne Informationen werden als Engramme bezeichnet, und die Gesamtheit aller Engramme bildet unser Gedächtnis. Es ist ein Kernpfeiler unserer Identität. Für die verschiedenen Teilbereiche des Gedächtnisses sind spezifische Hirnregionen zuständig, insbesondere solche im limbischen System, wie der Hippocampus.
Das Gedächtnis lässt sich nach Inhalten und nach der Dauer der Speicherung unterscheiden. Zum Langzeitgedächtnis gehören alle Formen des Gedächtnisses, die Informationen über längere Zeiträume speichern. Im Gegensatz dazu steht das Kurzzeitgedächtnis oder Arbeitsgedächtnis, das Informationen nur kurzzeitig speichert, beispielsweise eine Telefonnummer, bis sie gewählt wird.
Teilbereiche des Gedächtnisses
Kurzzeitgedächtnis: Speichert Informationen für Sekunden bis Minuten, solange die Aufmerksamkeit aufrechterhalten wird. Es ist auf etwa sieben Informationseinheiten begrenzt. Ein Beispiel ist das kurzzeitige Merken einer Telefonnummer.
Arbeitsgedächtnis: Ermöglicht die mentale Manipulation von Informationen und die Abschirmung gegenüber Störinformationen. Es hat eine wichtige ausführende Funktion. Ein Beispiel ist das Kochen nach einem Rezept oder das Einkaufen mit einer Liste.
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Langzeitgedächtnis: Speichert Informationen, die nach längerer Zeit abrufbar sind, mit theoretisch unbegrenzter Kapazität.
Neugedächtnis: Bezieht sich auf Informationen, die nach einer Hirnschädigung ins Gedächtnis aufgenommen wurden.
Altgedächtnis: Betrifft Informationen, die vor längerer Zeit oder vor einer Hirnschädigung ins Gedächtnis aufgenommen wurden und bereits lange gespeichert sind.
Prospektives Gedächtnis: Ermöglicht das Erinnern und Ausführen von Aufgaben oder Terminen zu einem bestimmten Zeitpunkt oder beim Eintreffen eines bestimmten Ereignisses in der Zukunft.
Deklarative Gedächtnisinhalte können bewusst wiedergegeben werden und werden in das semantische und das episodische Gedächtnis unterteilt. Das nondeklarative Gedächtnis läuft eher unbewusst ab und umfasst Priming, prozedurales Gedächtnis (Lernen von Fertigkeiten und Routinen) und Konditionierung.
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Das semantische Gedächtnis: Fakten und Wissen
Das semantische Gedächtnis umfasst das gesamte Faktenwissen, das ein Mensch im Laufe seines Lebens ansammelt, also sein Allgemeinwissen. Die meisten Menschen wissen, dass die Hauptstadt von Frankreich Paris ist, erinnern sich aber in der Regel nicht daran, wann, wo und von wem sie diese Tatsache das erste Mal gehört haben. Es speichert abstraktes Faktenwissen über die Welt, wie z. B. dass Rom die Hauptstadt von Italien ist. Es ist ein Teil des Wissensgedächtnisses, welches wiederum ein Bestandteil des Langzeitgedächtnisses ist.
Der kanadische Psychologe Endel Tulving hat den Unterschied zum episodischen Gedächtnis auf folgende Formel gebracht: Das episodische Gedächtnis speichert Informationen, an die wir uns "erinnern", das semantische Gedächtnis speichert Informationen, die wir "wissen".
Organisation des semantischen Gedächtnisses
Man kann sich das semantische Gedächtnis wie eine eigene Bibliothek vorstellen, in der unser Wissen nach Themengebieten sortiert ist. Wir verknüpfen Informationen untereinander, um sie uns besser merken und wieder aufrufen zu können. Es kann auch vorkommen, dass eine Information zunächst im episodischen Gedächtnis gespeichert wird, weil sie mit einer Emotion verknüpft ist. Wenn eine Erfahrung jedoch öfter gemacht wird, kann sie als Wissen ins semantische Gedächtnis übergehen.
Funktion und Bedeutung
Das semantische Gedächtnis ist wichtig für das Auswendiglernen von Fakten, die nicht emotional verknüpft sind. Um sich beispielsweise Zahlenreihen trotzdem schnell zu merken, können diese mit Bildern verbunden werden.
Demenz: Eine Übersicht
Der Begriff Demenz beschreibt einen hirnorganisch bedingten, pathologischen Abbau kognitiver Leistungen. Die Weltgesundheitsorganisation definiert Demenz als ein Syndrom infolge einer meist chronischen oder fortschreitenden Erkrankung des Gehirns. Zu den wesentlichen Merkmalen gehören multiple kognitive Defizite, darunter Gedächtnisstörungen und mindestens eine weitere kognitive Störung wie Aphasie, Apraxie, Agnosie oder eine Beeinträchtigung exekutiver Funktionen.
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Die Alzheimer-Krankheit ist die häufigste Ursache (ca. 50%), gefolgt von zerebrovaskulären Erkrankungen (17%) und Mischformen (16%). Weitere Ursachen sind Pick-Krankheit, Chorea Huntington, Parkinson-Syndrom und HIV-Erkrankung.
Symptome der Demenz
Beeinträchtigungen des Gedächtnisses, insbesondere des Neugedächtnisses, sind ein notwendiges und prominentes Symptom. Die kognitiven Störungen wirken sich auf das Denken, die Urteilsfähigkeit, die Intelligenz und die Orientierung aus. Psychotische Symptome wie Halluzinationen oder Wahnideen können ebenfalls auftreten.
Chronische Gedächtnisstörungen
Viele chronische neurologische und psychiatrische Erkrankungen können langfristig das Gedächtnis und andere kognitive Funktionen beeinträchtigen, darunter Epilepsie, Parkinson, Schizophrenie, Depression und multiple Sklerose. Neurodegenerative Demenzen treten vornehmlich im höheren Lebensalter auf.
Ein gut durchblutetes Gehirn wird in der Regel seltener und weniger schwer von einer Demenz betroffen als ein Gehirn mit Durchblutungsstörungen. Viele kleine Durchblutungsstörungen, die im Laufe der Zeit immer weitere Hirnanteile betreffen, stellen eine der häufigsten Demenzursachen dar.
Semantische Demenz: Eine spezifische Form der frontotemporalen Demenz
Die semantische Demenz (SD) ist eine seltene Form der frontotemporalen Demenz (FTD), die durch den fortschreitenden Verlust semantischer Informationen gekennzeichnet ist. Sie wurde erst vor wenigen Jahren als eigenständiges Syndrom definiert. Ursächlich ist eine non-Alzheimer degenerative Pathologie, wobei eine Blässe des inferolateralen temporalen Neocortex unter relativer Aussparung des Hippocampuskomplexes auffällt.
Symptome der semantischen Demenz
Patienten mit SD zeigen typischerweise eine langsam fortschreitende Verschlechterung ihres sprachlichen Wissens über Menschen, Dinge, Tatsachen und die Bedeutung von Wörtern. Im Gegensatz dazu bleibt das Tag für Tag episodische Gedächtnis relativ gut erhalten. Auch das Wissen auf der Kategorieebene (übergeordnet) bleibt besser erhalten als das feinabgestufte (untergeordnete) semantische Wissen.
- Sprachstörung: Flüssige, aber inhaltsleere Spontansprache, Benennungsstörung, Verlust des Wortsinnverständnisses, semantische Paraphasien.
- Störung des Erkennens: Schwierigkeiten beim Erkennen ehemals vertrauter Gesichter (Prosopagnosie) und/oder visuelle oder taktile Objektagnosie.
- Erhaltene Fähigkeiten: Intaktes Zuordnen von Bildern, ungestörtes Abzeichnen, ungestörtes Nachsprechen einzelner Wörter, ungestörtes Vorlesen und Schreiben von Wörtern, die nicht von Rechtschreibregeln abweichen.
- Weitere Symptome: Sprechdrang, eigenartiger Wortgebrauch, lexikalische Dyslexie/Dysgraphie bei gleichzeitigem Fehlen von phonematischen Paraphasien und ungestörtem Rechnen.
- Verhaltensstörungen: Verlust von Empathie und Sympathie, eingeengte Interessen, Geiz.
Diagnose der semantischen Demenz
Die Diagnose der SD basiert auf der klinischen Präsentation und neuropsychologischen Tests. Bildgebende Verfahren wie MRT können eine Atrophie des anterioren Temporallappens zeigen.
Da Änderungen der Persönlichkeit und Verhaltensauffälligkeiten bei der frontotemporalen Demenz im Vordergrund stehen, wird sie häufig mit Depressionen, Burnout, Schizophrenie oder Manie verwechselt.
Verlauf der semantischen Demenz
Aktuelle Ereignisse bleiben diesen Patienten besser im Gedächtnis als weiter zurückliegende. Sie haben damit auch ein besseres frisches autobiographisches und semantisches Gedächtnis in Relation zur Beeinträchtigung in der Erinnerung von weiter zurückliegenden Ereignissen. Im Frühstadium der Erkrankung sind die Patienten entsprechend gut lernfähig. Wesentlich für die erhaltene Fähigkeit neues zu lernen und zu behalten ist bei diesen Patienten, dass der Hippocampus erst später im Verlauf geschädigt wird, was die Bedeutung des Hippocampus für die Gedächtnisfunktion unterstreicht.
Im Gegensatz zur primär progredienten Aphasie treten bei der SD semantische statt phonematische Paraphasien auf. Teilbereiche (z.B. Tiere und Pflanzen im Gegensatz zu Werkzeugen) können unterschiedlich betroffen sein. Die Patienten schreiben nach Gehör ohne Wissen um die Worte und machen Fehler wie Kinder im ersten Schuljahr. Andere kognitive Bereiche sind bei der SD kaum beeinträchtigt. Neurologische Befunde sind erst im späten Verlauf nachweisbar.
Im Endstadium der Krankheit ist ein Mutismus ggf. mit Zeichen des Klüver-Bucy-Syndroms zu beobachten.
Therapie der semantischen Demenz
Gezielte Therapiemöglichkeiten bei frontotemporaler Demenz gibt es bislang nicht - lediglich die Symptome können ein wenig gelindert werden. Bewährt haben sich beispielsweise serotonerge Antidepressiva. Diese steigern den Antrieb und können allgemein zu mehr Ausgeglichenheit führen. Bei intensiver Unruhe oder Aggression werden häufig beruhigende Neuroleptika verordnet. Medikamente, die bei Morbus Alzheimer zum Einsatz kommen, wirken bei frontotemporaler Demenz hingegen nicht.
Darüber hinaus kann versucht werden, die Symptome durch nicht-medikamentöse Ansätze zu lindern. Um einem Rückzug entgegenzuwirken, empfiehlt sich Aktivitätstraining, während Kreativ- und/oder Bewegungstherapien zu mehr innerer Ruhe führen können.
Logopädische Therapie kann helfen, die sprachlichen Fähigkeiten so lange wie möglich zu erhalten und alternative Kommunikationsstrategien zu entwickeln.
Aktuelle Forschung und zukünftige Perspektiven
Wissenschaftler betreiben intensiv Ursachenforschung. Basierend auf der Vermutung, dass ein Zusammenhang mit dem Protein TDP-43 besteht, könnte eine entsprechende Antikörpertherapie ein vielversprechender Ansatz sein: Forscher entwickeln spezifische Antikörper, die gezielt pathologische Formen des Proteins TDP-43 erkennen und seine toxischen Effekte reduzieren. Der Krankheitsverlauf kann so womöglich verlangsamt oder gestoppt werden - rückgängig machen lässt er sich jedoch nicht.
Aktuelle Forschungen im Bereich Frontotemporale Demenz konzentrieren sich auch auf neue Therapieansätze, präzise Biomarker und innovative Diagnostikmethoden.
Das FRONTAL-Projekt entwickelt ein neuartiges Therapeutikum zur Behandlung von FTD mit fehlgefalteter Tau-Protein-Aggregation, wobei autophagie-modulierende Moleküle und spezifische Biomarker wie Protein- und S-Nitrosylierungs-Profile untersucht werden, um klinische Studien vorzubereiten.
Parallel dazu arbeiten Wissenschaftler an der Identifizierung proteomischer Biomarker, die den Beginn klinischer Symptome bei genetisch bedingter FTD vorhersagen können, indem sie hochspezifische Technologien wie die Massenspektrometrie nutzen.
Eine weitere Innovation stammt vom Deutschen Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen (DZNE), das KI-gestützte Sprachtests entwickelt, um minimale sprachliche Veränderungen als Frühindikatoren für FTD zu identifizieren. Diese Tests sollen eine schnelle und einfache Diagnostik ermöglichen, die perspektivisch auch per Telefon erfolgen könnte.
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