Die Geschichte der Nervenheilkunde ist ein komplexes und vielschichtiges Feld, das von unterschiedlichen Perspektiven und Einflüssen geprägt ist. Von den frühesten Versuchen, psychische Erkrankungen durch Rituale und Dämonologie zu heilen, bis hin zu den modernen neurowissenschaftlichen Ansätzen hat sich die Nervenheilkunde stetig weiterentwickelt. Dabei spielten sowohl wissenschaftliche Erkenntnisse als auch gesellschaftspolitische Rahmenbedingungen eine entscheidende Rolle.
Das Leipziger Psychiatriemuseum: Eine Verbindung von Kunst und Wissenschaft
Das Leipziger Psychiatriemuseum feierte sein zehnjähriges Bestehen mit einem Symposium unter dem Titel "IRR-SINN", das künstlerische und wissenschaftliche Veranstaltungen vereinte. Diese Kombination ist charakteristisch für diese ungewöhnliche Institution, die von der Interessengemeinschaft Psychiatriebetroffener "Durchblick e.V." getragen wird.
Psychiatrie in der DDR: Zwischen Anpassung und Eigenständigkeit
Die Frage, ob es eine spezifische DDR-Psychiatrie gab oder ob es sich lediglich um Psychiatrie in der DDR handelte, ist bis heute nicht abschließend geklärt. Laut Dr. med. Ekkehardt Kumbier, Oberarzt in der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Universität Rostock, scheint es jedoch zumindest eine gewisse Eigenständigkeit gegeben zu haben, auch wenn das Fach wissenschaftlich nicht so abgekapselt war, wie man vielleicht vermuten würde.
Phasen der Psychiatrie in der DDR
Kumbier unterscheidet vier Phasen der "Psychiatrie in der DDR":
- Phase 1 (1945-1949): Mangelverwaltung, insbesondere Ärztemangel. Flüchtige Entnazifizierung und schnelle Integration von Ärzten, um die medizinische Versorgung sicherzustellen und die wissenschaftlichen Ressourcen zu erhalten.
- Phase 2 (1950-1960): Anhaltende Abwanderung von Ärzten, Aufbau eigener Strukturen. Gründung der Gesellschaft für Psychotherapie und Neurologie in der DDR (1956). Propagierung der Lehre von Iwan Petrowitsch Pawlow, Betonung biologischer Erklärungsursachen psychischer Erkrankungen, Zurücktreten sozialer Aspekte. Trotzdem Beteiligung von Ost und West an der Tagung der Fachgesellschaft 1956.
- Phase 3 (1961 bis Mitte 1970): Der Bau der Mauer (1961) stoppte die Abwanderung von Ärzten und markierte eine Zäsur im Verhältnis zwischen Wissenschaft und Politik. Eine neue Psychiatergeneration verhielt sich loyal gegenüber dem politischen System, brach aber nicht mit tradierten Berufsauffassungen. Verabschiedung der "Rodewischer Thesen" (1963) auf einem Symposium sozialistischer Länder über psychiatrische Rehabilitation, die die Öffnung der Großanstalten und die Integration der psychisch Kranken in die Gesellschaft forderten.
- Phase 4 (ab 1970): Vorsichtige Liberalisierung. Anerkennung individuell bezogener Verfahren einschließlich Psychoanalyse und tiefenpsychologisch fundierter Psychotherapie, die seit den 50er Jahren diskreditiert waren, aber seit den 80er Jahren an Einfluss gewannen.
Politischer Missbrauch der Psychiatrie in der DDR
Die Frage nach dem politischen Missbrauch der Psychiatrie in der DDR ist noch nicht abschließend zu beantworten. Während Dr. med. Sonja Süß zu dem Ergebnis kommt, dass es keinen systematischen politischen Missbrauch gegeben habe, räumt sie Übergriffe in einzelnen Fällen ein. Presseberichte über Missstände in der ärztlichen und pflegerischen Betreuung sowie bauliche Mängel in den Anstalten Waldheim und Uchtspringe betrafen laut Kumbier jedoch keinen politischen Missbrauch. Im Publikum waren jedoch auch Stimmen zu hören, die solchen Missbrauch für möglich hielten, wenn auch für schwer nachweisbar.
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Die Rodewischer Thesen: Ein Schritt in die richtige Richtung?
Die "Rodewischer Thesen" von 1963 forderten die Öffnung der Großanstalten und die Integration der psychisch Kranken in die Gesellschaft. Prof. Dr. med. Klaus Weise, einer der Vorkämpfer einer Psychiatriereform in der DDR, bemerkte jedoch, dass die Wirkung der Rodewischer Thesen "insgesamt sehr schwach" gewesen sei. Dennoch hätten sie örtliche Auswirkungen gehabt, zum Beispiel in Leipzig, Halle und Brandenburg. Die DDR sei eben ein armes Land gewesen, und die Psychiater seien sich nicht einig gewesen.
Die Sinnfrage in der Nervenheilkunde
Die Sinnfrage spielt in der Nervenheilkunde eine zentrale Rolle. Sie betrifft sowohl die Ursachen und Behandlung psychischer Erkrankungen als auch die Rolle des Menschen in der Gesellschaft. Naturwissenschaftliche Verfahren können diese Frage nicht beantworten, da sie sich auf erfassbare Prozesse im Sinne biologischer, neurophysiologischer Prozesse konzentrieren. Die Reduktion des Psychischen auf biologische Prozesse ist jedoch naiv, da das Verhalten von Individuen kulturell und gesellschaftlich bedingt ist.
Die Verdrängung der Sinnfrage in der modernen Medizin
In der modernen Medizin, insbesondere in der naturwissenschaftlich orientierten Psychiatrie, wird die Sinnfrage oft verdrängt. Dies führt zu einer Ausblendung der Beziehung zwischen Arzt und Patient und des Zusammenhangs des Organismus. Die Konzentration auf Pillen und Operationen berührt die Psychotherapie nur am Rande, da das Gespräch und die Beziehung zum Therapeuten das Zentrum der heilsamen Beziehung bilden.
Die Konformität der Patienten
Viele Patienten sind konform mit der naturwissenschaftlichen Sichtweise der Medizin und erwarten, dass die richtige Behandlung gegen ihre Krankheit eingesetzt wird. Diese Konformität ist ein Phänomen des allgemein verbreiteten Denkens, das durch die Medien und die Pharmaindustrie verstärkt wird.
Die Macht der Pharmaindustrie
Die Pharmaindustrie hat großen Einfluss auf die Gesundheitsversorgung und die Forschung. Sie ist bei allen Besprechungen der Gesundheitsreform mit am Tisch und versucht, ihre Produkte zu verkaufen. Die Medien spielen dabei oft eine unkritische Rolle und verbreiten Erfolgsnachrichten, die durch naturwissenschaftliches Denken ermöglicht werden.
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Die Einführung naturwissenschaftlicher Konzepte in die Therapie
Naturwissenschaftliche Konzepte werden zunehmend in die Therapie eingeführt, um eine Bestätigung der therapeutischen Konzepte zu erhalten. Dies führt jedoch oft zu einer Ablenkung von den eigentlichen Aufgaben der Therapeuten und von den Problemen der Patienten.
Die Reduzierung der Ausbildung auf Verhaltenstherapie
Die Reduzierung der Ausbildung auf eine Ausbildung in Verhaltenstherapie ist problematisch, da sie die Vielfalt der psychotherapeutischen Ansätze einschränkt und die Bedeutung der Sinnfrage vernachlässigt. Die Fokussierung auf die "sogenannten" Fakten zerstört das Bild von Heilung und psychischer Gesundheit.
Der Weg ins Ungewisse
Die Psychotherapie ist oft ein Weg ins Ungewisse, ins Unbewusste. Vor diesem Weg haben viele Patienten Angst, da sie das dunkle Ungewisse nicht sichtbar werden lassen wollen.
Die Willensfreiheit
Die Frage nach der Willensfreiheit spielt in der Nervenheilkunde ebenfalls eine wichtige Rolle. Die Neurowissenschaften versuchen, die Willensfreiheit naturwissenschaftlich zu erklären, was jedoch aus philosophischer Sicht problematisch ist. Die Erfahrung der Willensfreiheit lässt sich nicht widerlegen, da wir jeden äußeren Zwang als Zwang und Beschränkung unserer Freiheit empfinden.
Die Rolle des Unbewussten
Das Unbewusste spielt in der Psychoanalyse eine zentrale Rolle. Mittlerweile haben sich jedoch Gegenstimmen erhoben, die die Bedeutung des Unbewussten in Frage stellen. Die Neurowissenschaften versuchen, das Unbewusste auf der Ebene der Neuronen und Synapsen abzubilden, was jedoch eine Reduktion des Psychischen auf biologische Prozesse darstellt.
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Die Macht der Verhältnisse
Die Macht der Verhältnisse spielt in der Entstehung und Behandlung psychischer Erkrankungen eine wichtige Rolle. Die Bedingungen der Macht beeinflussen unser Denken und Handeln, oft unbewusst. Es ist wichtig, sich dieser Macht bewusst zu werden und sie auf die Macht unserer "Natur" umzulenken.
Der Diskurs der Macht
Der Diskurs der Macht beeinflusst unsere Wahrnehmung von Ursachen und Zuständen. Um eine "sinnvolle" Antwort auf die Frage nach den Ursachen psychischer Erkrankungen zu geben, muss man den gesellschaftlichen Kontext berücksichtigen.
Individuelle Sinn-Produktion
Die individuelle Sinn-Produktion ist nicht nur gesellschaftlich, sondern auch individuell bedingt. Jeder Mensch hat seine eigene Position und seine eigenen Ressourcen, die seine Wahrnehmung und Deutung der Welt beeinflussen.
Ausgeschlossen sein
Wer nicht den gesellschaftlichen Vorgaben entspricht, läuft Gefahr, ausgeschlossen und seiner Freiheit beraubt zu werden. Dies kann zu psychischen Problemen führen.
Autonomie und Selbstverwirklichung
Die Ideale von Autonomie und Selbstverwirklichung können für Menschen, die von Ausbeutung und Unterordnung betroffen sind, zur Last werden. Die Unfähigkeit, sich ausbeuten zu lassen und sich unterzuordnen, wird ihnen dann als persönliche Unfähigkeit ausgelegt.
Psychopharmaka
Psychopharmaka können dazu beitragen, Menschen an die gesellschaftlichen Verhältnisse anzupassen. Sie können jedoch auch dazu führen, dass die eigentlichen Ursachen der psychischen Probleme verdeckt werden.
Die Rücknahme der Errungenschaften der gewerkschaftlichen Kämpfe
Die Rücknahme der Errungenschaften der gewerkschaftlichen Kämpfe und die zunehmende Prekarisierung der Arbeitsverhältnisse führen zu einer wachsenden Unsicherheit und Angst in der Bevölkerung. Dies kann sich negativ auf die psychische Gesundheit auswirken.
Der Ausschluss der "wirtschaftlich Nutzlosen"
Der Ausschluss der "wirtschaftlich Nutzlosen" aus der Gemeinschaft ist ein weiteres Problem unserer Gesellschaft. Menschen, die als nutzlos und/oder gefährlich gelten, werden stigmatisiert und ausgegrenzt.
Die Geschichte der Psychiatrie in Leipzig
Die Geschichte der Psychiatrie an der Universität Leipzig reicht bis ins Jahr 1806 zurück, als Christian August Heinroth seine erste Vorlesung hielt. Seitdem hat sich die Leipziger Psychiatrie zu einem bedeutenden Zentrum der Nervenheilkunde entwickelt.
Die NS-Zeit
Die NS-Zeit ist ein dunkles Kapitel in der Geschichte der Leipziger Psychiatrie. Viele Psychiater waren in die Verbrechen des Nationalsozialismus verwickelt, insbesondere in die "Kindereuthanasie". Es ist bedauerlich, dass diese Zusammenhänge in der Festschrift zum 200-Jährigen nur angedeutet werden.
Stellungnahme zu Leid- und Unrechtserfahrungen in Heimen, Anstalten und Kliniken in der Nachkriegszeit
Die Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie e.V. (DGKJP) setzt sich für eine umfassende Anerkennung, historische Aufarbeitung und niedrigschwellige Hilfe für Menschen ein, die als Kinder und Jugendliche in der Zeit von 1949 bis 1975 (Bundesrepublik Deutschland) bzw. 1949-1990 in stationären Einrichtungen der Behindertenhilfe bzw. stationären psychiatrischen Einrichtungen Unrecht und Leid erfahren haben.
Medikamentenversuche und Dauermedikationen
In der Nachkriegszeit gab es in der Kinder- und Jugendpsychiatrie kaum therapeutische Möglichkeiten. Neue Medikamente wurden daher oft "begeistert" aufgegriffen und an Kindern und Jugendlichen erprobt. Dabei wurden oft Medikamentenversuche durchgeführt, ohne dass die genauen Wirkungen und Nebenwirkungen bekannt waren. Auch Dauermedikationen mit Psychopharmaka waren in Heimen und Anstalten üblich, oft zu rein "pädagogischen" Zwecken.
Verantwortung
Das "pharmazeutische Netzwerk" aus Ärzten, Pharmaunternehmen, Einrichtungs- und Kostenträgern und den staatlichen Fürsorge- und Gesundheitsbehörden ist ethisch-moralisch verantwortlich für Medikamentenversuche und die darauf folgende gängige Praxis der Dauermedikation in Heimen und Anstalten der Nachkriegszeit.
Aufarbeitung
Es ist wichtig, dieses dunkle Kapitel der deutschen Heimgeschichte aufzuarbeiten und den Betroffenen eine adäquate Anerkennung zukommen zu lassen. Die DGKJP wird sich für eine Fortsetzung des Runden Tischs Heimerziehung einsetzen, da tausende von Heimkindern betroffen waren.