Skoliose, Trichterbrust und Neuromuskuläre Ursachen: Therapieansätze im Überblick

Die komplexe Thematik von Skoliose, Trichterbrust und neuromuskulären Ursachen erfordert ein umfassendes Verständnis der verschiedenen Aspekte, um adäquate Therapieansätze zu entwickeln. Dieser Artikel beleuchtet die Zusammenhänge, Ursachen und Therapiemöglichkeiten dieser Erkrankungen.

Skoliose: Eine dreidimensionale Deformität der Wirbelsäule

Als Skoliose bezeichnet man eine Seitverbiegung der Wirbelsäule, die mit einer Verdrehung einzelner Rumpf- und Wirbelsäulenabschnitte einhergeht. Diese dreidimensionale Deformität betrifft nicht nur die seitliche Ansicht, sondern auch das Profil von der Seite.

Entstehung und Ursachen der Skoliose

Skoliosen können unterschiedliche Ursachen haben. In den meisten Fällen ist die Ursache jedoch unbekannt (idiopathische Skoliose). Zu den idiopathischen Skoliosen gehören die infantile Skoliose (bis zum dritten Lebensjahr), die juvenile Skoliose (zwischen dem 4. und 10. Lebensjahr) und die Adoleszentenskoliose (nach dem 10. Lebensjahr).

Weitere Ursachen können sein:

  • Knochen- und Rippenfehlbildungen (kongenitale Skoliosen)
  • Erkrankungen von Nerven und Muskeln (neuromuskuläre Skoliosen)
  • Andere Ursachen wie Tumoren oder Stoffwechselerkrankungen

Die sogenannte Säuglingsskoliose (Lagedeformität) ist gutartig und unterscheidet sich von den anderen Skolioseformen.

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Symptome der Skoliose

Die Skoliose wird oft im Pubertätsalter entdeckt, beispielsweise im Schwimmbad. Meistens verursacht sie keine wesentlichen gesundheitlichen Beeinträchtigungen und ist eher ein kosmetisches Problem. Mittelgradige Krümmungen können jedoch die Wirbelsäulen- und Atemfunktion leicht einschränken. Laut einer schwedischen Studie sind lebensverkürzende Beeinträchtigungen der Atemfunktion nur bei Krümmungen von mehr als 100° zu erwarten.

Diagnose der Skoliose

Die klinische Untersuchung ist für die Diagnosestellung entscheidend. Im Vorbeuge-Test (Adams Bending Test) wird die skoliotische Fehlstellung deutlich sichtbar. Das Ausmaß des Rippenbuckels und somit der Grad der Verdrehung wird mit einem Scoliometer® gemessen. Die Abweichung von der normalerweise lotrechten Körperstellung wird fotografisch oder durch Oberflächenvermessung (z. B. Formetric®) dokumentiert. Oft stehen die Schulterblätter unterschiedlich hoch.

Eine Röntgenaufnahme ermöglicht die Bewertung der Form und Ausprägung der Skoliose sowie die Messung des Krümmungswinkels (nach Cobb). Auf Röntgenbildern (Becken, linke Hand) lässt sich auch das Restwachstum der Wirbelsäule abschätzen, um eine Prognose des weiteren Verlaufs zu erstellen.

Therapie der Skoliose

Die Behandlung einer Skoliose sollte von einem erfahrenen Skoliose-Spezialisten durchgeführt werden. Die Wahl der Behandlungsmethode hängt vom Alter des Patienten und dem Schweregrad der Deformität (Cobb-Winkel) ab.

Physiotherapie und Korsett

Bei einem Cobb-Winkel von weniger als 20 Grad wird Physiotherapie als alleinige Behandlung empfohlen. Alternativ wird neuerdings auch die frühzeitige Nachtversorgung mit einem Korsett bei Krümmungen ab 15° im Wachstumsalter empfohlen. Bei größeren Winkeln werden Physiotherapie und Korsettversorgung für 16 - 23 Stunden täglich eingeleitet. Das Korsett soll die Wuchsrichtung der Wirbelsäule beeinflussen, was nur bei guter Krümmungskorrektur im Korsett möglich ist.

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Die Korsettversorgung nach Gipsabdruck wird zunehmend durch die CAD-basierte Versorgung (Computer Aided Design nach Scan) abgelöst. Es gibt bereits standardisierte Korsettbibliotheken, die hinsichtlich Komfort und Korrektureffekt kontinuierlich verbessert werden.

Operation

Ab einem Cobb-Winkel von mehr als 45 Grad wird oft eine Operation empfohlen. Ziel der Operation ist es, die Fehlstellung zu korrigieren. Die Operation sollte idealerweise gegen Ende des Wachstums erfolgen. Dabei wird die Wirbelsäule mit Implantaten fixiert und versteift, was die Beweglichkeit in dem fixierten Abschnitt aufhebt.

Um die Verformung zu korrigieren, werden Stäbe mit Schrauben am oberen und unteren Ende an die vorkorrigierte Wirbelsäule angebracht. Eine Querschnittlähmung durch Verletzung des Rückenmarks ist heutzutage selten. Da viele Komplikationen jedoch erst nach 5 bis 20 Jahren auftreten, ist die Langzeitprognose nach Operation ungewiss. Es gibt bisher keinen Beweis dafür, dass eine Skolioseoperation die Zeichen und Symptome einer Skoliose langfristig verbessert.

Prognose

Die Prognose der Skoliose hängt von Alter, Schweregrad und Ursache ab. Bei jungen Patienten kann das Wachstum der Wirbelsäule durch ein Korsett guter Qualität beeinflusst und korrigiert werden. Mit einer guten konservativen Behandlung (korrigierende Physiotherapie und hochkorrigierende Korsettversorgung) kann das Ausmaß der Deformität der Wirbelsäule im jungen Alter erfolgreich beeinflusst werden.

Spezialisten für Skoliose

Spezialisten für Skoliose sind Orthopäden, die sich auf die Therapie von Wirbelsäulenverkrümmungen spezialisiert haben. Durch ihre Erfahrung und langjährige Tätigkeit sind sie die richtigen Ansprechpartner für Diagnose und Therapie.

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Trichterbrust: Eine angeborene Fehlbildung des Brustkorbs

Eine Trichterbrust (Pectus excavatum) ist eine meist angeborene Verformung des Brustkorbs, bei der sich das Brustbein vor allem im unteren Bereich nach innen wölbt. Von außen betrachtet hat die vordere Brustwand die Form eines Trichters. Typischerweise sind vier bis fünf Rippen pro Seite sowie das Brustbein betroffen.

Häufigkeit und Ursachen

Die Trichterbrust ist die häufigste angeborene Deformation des Brustkorbs. Im Schnitt betrifft sie eines von 400 Neugeborenen, Jungen vier bis fünf Mal häufiger als Mädchen. Bei etwa einem Drittel aller Betroffenen hat mindestens ein weiteres Familienmitglied eine Trichterbrust (familiäre Häufung).

Die Ursache für die Entstehung der Trichterbrust ist eine Störung des Knorpel- und Knochenwachstums im Bereich des Brustkorbs. Dadurch wächst der Rippenknorpel unkontrolliert. Wie es dazu kommt, ist unklar. Da die Trichterbrust bei einem Drittel aller Patienten familiär gehäuft vorkommt, gehen Ärzte von einer gewissen genetischen Veranlagung aus.

Symptome

Eine Trichterbrust verursacht nur selten körperliche Beschwerden, häufig aber psychische Belastungen. Ist die Eindellung jedoch sehr tief, ist es möglich, dass sie innere Organe wie Herz und Lunge verdrängt und in ihrer Funktion einschränkt.

Weitere Symptome können sein:

  • Paradoxe Atmung beim Kleinkind
  • Kreuz- und Rückenschmerzen durch Fehlhaltung
  • Schmerzen in der Brust
  • Hängende und vorgezogene Schultern, Hervortreten des Bauches, Hohlkreuz, Rundrücken
  • Wirbelsäulenverkrümmung (Skoliose)
  • Die Rippen am unteren Rippenbogen ragen möglicherweise etwas hervor.
  • Seelischer Leidensdruck durch die ästhetische Beeinträchtigung

Diagnose

Erster Ansprechpartner bei Verdacht auf eine Trichterbrust ist der Kinderarzt. Spätestens nach der Pubertät reicht der Blick auf den Brustkorb aus, um eine Trichterbrust zu diagnostizieren. Zur weiteren Abklärung überweist der Arzt den Patienten in der Regel an einen Orthopäden oder Chirurgen.

Zunächst vermisst der Arzt die Deformation und dokumentiert sie mit Fotos.

Therapie

Ob und wie eine Trichterbrust behandelt wird, richtet sich nach dem Ausmaß der Fehlbildung und dem Alter des Patienten. Grundsätzlich gilt: Eine Trichterbrust ist gut behandelbar.

Konservative Therapie

  • Krankengymnastik: Solange der Körper im Wachstum ist, ist Krankengymnastik eine gute Möglichkeit, der Trichterbrust und der damit verbundenen Fehlhaltung entgegenzuwirken.
  • Saugglocke: Bei einer leichten Brustwandeinziehung erzielt die Behandlung mit einer speziellen Saugglocke gute Ergebnisse.
  • Neuromuskuläre Elektrostimulation (NMES): Besteht eine Fehlhaltung der Wirbelsäule, eignet sich eine gezielte neuromuskuläre Elektrostimulation, um die Rückenmuskulatur zu kräftigen und die Stabilität des Rumpfes zu verbessern.

Operative Therapie

  • Operationsmethode nach Donald Nuss: Dabei wird ein Metallbügel unter dem Brustbein hindurchgeführt, der die Einsenkung des Brustbeins nach außen drückt und den Trichter so beseitigt. Der Bügel wird nach drei Jahren entfernt.
  • Stabilisierung durch Metallplatten: Bei dieser Methode stabilisiert der Arzt das Brustbein durch Metallplatten und Drahtnähte. Sie werden in der Regel nach einem Jahr wieder entfernt.

Risikofaktoren

Nicht immer tritt die Trichterbrust als einzige (isolierte) Erkrankung auf, in manchen Fällen sind weitere Krankheiten vorhanden, die eine Trichterbrust begünstigen:

  • Skoliose
  • Marfan-Syndrom
  • Poland-Syndrom
  • Fetales Alkoholsyndrom
  • Vitaminmangel

Neuromuskuläre Skoliose: Ursachen und Therapie

Unter neuromuskulärer Skoliose versteht man eine Verbiegung der Wirbelsäule, die durch Erkrankungen der Muskeln oder des Nervensystems verursacht wird. Die Muskulatur kann aufgrund einer Muskeldystrophie oder Muskelatrophie selbst erkrankt sein, oder sie wird durch erkrankte Nerven (z. B. spinale Muskelatrophie, Cerebralparese) nicht ausreichend innerviert.

Ursachen

  • Muskeldystrophien: Hierzu gehört beispielsweise die Fazio-skapulo-humerale Muskeldystrophie (FSHD), auch bekannt als Muskeldystrophie Typ Landouzy-Déjérine. Die FSHD betrifft typischerweise die Gesichts-, Schultergürtel- und Oberarmmuskulatur.
  • Spinale Muskelatrophie: Eine genetisch bedingte Erkrankung, die zum Abbau von Muskelgewebe führt.
  • Cerebralparese: Eine Bewegungsstörung, die durch Schädigungen des Gehirns verursacht wird.
  • Querschnittlähmung: Eine Schädigung des Rückenmarks, die zu Lähmungen und Funktionsstörungen führt.
  • Spastik: Erhöhte Muskelspannung, die zu unkontrollierten Bewegungen führt.
  • Krankhafte Muskelschwäche: Allgemeine Schwäche der Muskulatur aufgrund verschiedener Ursachen.

Therapie

Die Therapie der neuromuskulären Skoliose unterscheidet sich von der Therapie der idiopathischen Skoliose. Da die Verkrümmung der Wirbelsäule eine Folge der Grunderkrankung ist, muss die Behandlung immer im Kontext dieser Grunderkrankung erfolgen.

  • Korsett: Korsette können helfen, den Patienten im Rollstuhl aufrecht zu halten, haben aber in der Regel keinen Einfluss auf die Entwicklung der Skoliose. Zudem werden Korsette bei bestimmten Grunderkrankungen nicht toleriert.
  • Operation: Da man bei vielen Grunderkrankungen weiß, dass sie eine Skoliose entwickeln und es zu Problemen kommen wird, versucht man schon recht früh korrigierend einzugreifen. Ziel ist es, die Lungenfunktion zu verbessern und die Sitzfähigkeit im Rollstuhl zu gewährleisten. Man sollte nicht warten, bis die Grunderkrankung so weit fortgeschritten ist, dass eine Operation nicht mehr möglich ist.

Spezialisten für neuromuskuläre Skoliose

Skoliosen sollten von hochspezialisierten und erfahrenen Orthopäden mit Schwerpunkt in der Wirbelsäulenchirurgie und der Kinderorthopädie behandelt werden. Es ist wichtig, die Erfahrung des einzelnen Arztes zu prüfen und wie oft er diesen Eingriff durchführt.

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