Die Wahl des richtigen Verhütungsmittels kann für Frauen, die unter Migräne leiden, eine Herausforderung darstellen. Hormonelle Schwankungen, insbesondere des Östrogenspiegels, können Migräneattacken auslösen oder verstärken. Slinda, eine östrogenfreie Pille, die das Gestagen Drospirenon enthält, wird oft als eine mögliche Option für Frauen mit Migräne in Betracht gezogen. Dieser Artikel beleuchtet die Zusammenhänge zwischen Slinda und Migräne, verschiedene Aspekte der Migräne im Zusammenhang mit dem Menstruationszyklus und hormonellen Verhütungsmitteln sowie alternative Verhütungsmethoden.
Einführung in Slinda
Slinda ist eine östrogenfreie Pille, die seit April in Deutschland zugelassen ist. Sie enthält das Gestagen Drospirenon, das dem natürlichen Progesteron ähnelt. Da sich der prothrombotische Effekt kombinierter hormoneller Kontrazeptiva auf die Östrogenkomponente zu beschränken scheint, stellen östrogenfreie Kontrazeptiva nach aktuellem Wissensstand kein zusätzliches Risiko für das Auftreten einer venösen Thromboembolie dar. Auch östrogenbedingte Nebenwirkungen wie Übelkeit, Mastodynie und Ödembildung sind deutlich seltener.
Der Zusammenhang zwischen Östrogen und Migräne
Einige Studien belegen, dass ein absinkender Östrogenspiegel Migräne-Attacken begünstigt. Entscheidend ist aber nicht die absolute Höhe des Hormonspiegels, sondern nur dessen Veränderung. In der ersten Hälfte des Zyklus steigt der Östrogenspiegel stetig an, danach nimmt er leicht ab und steigt ca. 4-5 Tage vor der Periode wieder an. Kurz vor oder während der Regelblutung fällt er aber plötzlich stark, so dass sich an diesen Tagen häufig eine Migräne-Attacke ankündigt.
Menstruelle und menstruationsassoziierte Migräne
Es besteht ein wissenschaftlich belegter Zusammenhang zwischen dem Auftreten von Migräne und den verschiedenen Phasen des Menstruationszyklus. In einer Studie trat die Migräne bei 22% der weiblichen Migräne-Betroffenen besonders häufig (über 50%) in einer bestimmten Phase ihres Menstruationszyklus auf. Dabei muss zwischen einer reinen menstruellen Migräne (5-10 % der Patient:innen mit Migräne) und einer menstruationsassoziierten Migräne unterschieden werden.
Bei der menstruellen Migräne treten die Attacken in mindestens zwei Drittel der Menstruationszyklen ausschließlich kurz vor oder nach der Periode auf. Bei der menstruationsassoziierten Migräne fallen die Attacken zwar gehäuft in die Tage rund um die Menstruation, treten zusätzlich aber auch in anderen Zyklusphasen auf. Eine Möglichkeit, herauszufinden, ob es sich um eine menstruelle oder eine menstruationsassoziierte Migräne handelt, bietet ein Kopfschmerztagebuch.
Lesen Sie auch: Vergleichende Analyse: Migräne vs. Epilepsie
Neben dem sinkenden Östrogenspiegel als Ursache für diese hormonell bedingten Kopfschmerzen gibt es noch weitere Einflussfaktoren, die mit Hormonen und deren Schwankungen assoziiert sind. So wird zum Beispiel die Verarbeitung schmerzhafter Reize im Gehirn durch Hormone wie Östrogen und Progesteron beeinflusst, so dass Betroffene durch hormonell bedingte physische Veränderungen vor der Periode besonders empfindlich auf Stressfaktoren reagieren.
Migräne und die Pille: Eine differenzierte Betrachtung
Früher setzte man die Pille oft zur Migräneprophylaxe ein - was vor dem Hintergrund, dass viele Attacken vermutlich durch den Hormonumschwung kurz vor der Regelblutung ausgelöst werden, erstmal logisch klingt. Heute, mit neueren Erkenntnissen, muss man das Ganze differenzierter betrachten. Mittlerweile raten Ärzt:innen eher von einer hormonellen Therapie durch die orale Gabe von Östrogen oder Hormonpflastern ab, da die Migräne- oder Kopfschmerz-Attacke dadurch nur für ein paar Tage verschoben, aber nicht verhindert wird.
In der großen norwegischen Studie Head-HUNT wurden 13.944 Frauen im gebärfähigen Alter zur Verwendung von Verhütungsmitteln befragt - mit einem erstaunlichen Ergebnis: Frauen, die östrogenhaltige orale Kontrazeptiva (Pille) einnahmen, hatten durchschnittlich 1,4-mal häufiger Migräne-Attacken und 1,2-mal häufiger Spannungskopfschmerzen als diejenigen, die auf eine andere Weise verhüteten. Dabei wurde kein signifikanter Zusammenhang zwischen der Höhe der Östrogendosis und der Kopfschmerzhäufigkeit gefunden.
Tatsächlich war die Anfälligkeit sowohl bei der normalen Antibabypille, einer normal stark dosierten Kombinationspille mit Gestagen und Östrogen, als auch bei der Mikro-Pille, die niedrig dosiert ist, vorhanden. Für die Mini-Pille, ein reines Gestagen Präparat, wurde kein Zusammenhang mit dem Auftreten von Kopfschmerzen oder Migräne gefunden.
Wenn eure Kopfschmerzattacken erstmalig bei Anwendung einer Pille aufgetreten sind, solltet ihr das Präparat auf jeden Fall absetzen.
Lesen Sie auch: Neurologische Expertise bei Migräne
Migräne mit und ohne Aura und die Wahl der Verhütungsmethode
Neben der Unterscheidung zwischen menstruationsassoziierter und menstrueller Migräne muss bei der Frage nach einer geeigneten Verhütungsmethode noch zwischen einer Migräne mit und ohne Aura unterschieden werden.
Migräne ohne Aura
Bei Migräne ohne Aura ist die Verhütung mit Pille oft hilfreich, um weitere Attacken abzuschwächen oder sogar zu verhindern. Dabei ist es wichtig, Dosierung und Einnahmefrequenz zu beachten, denn Migräne ohne Aura wird häufig beim prämenstruellen Abfall des Östrogenspiegels vor der Periode getriggert. Bei dieser Form der Migräne können Kombinationspillen, die sowohl Östrogen als auch Gestagen enthalten, eingenommen werden. Diese sollten aber möglichst niedrig dosiert sein und über einen längeren Zeitraum (bis zu 6 Monate) ohne Pillenpause eingenommen werden, damit der Abfall der Hormone während der Pillenpause ausbleibt.
Durch den konstanten Östrogen- und Gestagenspiegel reduziert sich bei vielen Betroffenen die Attackenanzahl deutlich. Die Mikropille (Kombinationspille aus Gestagen und Östrogen) eignet sich, neben der östrogenfreien Minipille, am Besten, für die Einnahme über einen längeren Zeitraum. Nach einem halben Jahr sollte man jedoch eine 7-tägige Pillenpause einlegen. Aufgrund vom Wegfall der Hormone in dieser Pause kommt es erneut zur Abbruchblutung und häufig ebenfalls zu Migräne Attacken, bei einigen jedoch mit geringerer Intensität.
Migräne mit Aura
Bei Migräne mit Aura hat die Pille leider keinen positiven Nebeneffekt, denn sie wird selten menstruell assoziiert. Die WHO rät Aura-Patient:innen mit Migräne sowohl von östrogenhaltigen als auch gestagenhaltigen Pillen in jeden Altersstufen ab, weswegen alternative Verhütungsmethoden besonders interessant und wichtig sind.
Schlaganfallrisiko
Migräne ist ein Risikofaktor für Schlaganfall und andere vaskuläre Ereignisse. Es besteht umfangreiche Evidenz, dass ein erhöhtes Risiko für ischämische Schlaganfälle sowohl mit der Migräne ohne Aura als auch mit der Migräne mit Aura assoziiert ist.
Lesen Sie auch: Migräne als Risikofaktor für Demenz?
Alternative Verhütungsmethoden für Patient:innen mit Migräne
Wenn eure Kopfschmerz- oder Migräne-Attacken unabhängig von eurem Zyklus auftreten, solltet ihr eher auf Alternativen zur hormonellen Verhütung zurückgreifen. Kupfer- oder Gold-Spiralen, mechanische (z.B. Kondome oder Diaphragma) oder natürliche Verhütungsmethoden sind mögliche Alternativen.
Etwas weniger zuverlässig, aber ebenfalls möglich ist die Verhütung durch Zeitplanung. Zur sogenannten NFP (Natürliche Familien Planung) zählt zum einen die Symptothermal-Methode, bei der man zyklische Temperaturschwankungen des Körpers und die Veränderung des Gebärmutterschleims beobachtet, und ggf. auch den Zustand des Gebärmutterhalses ertastet, um Rückschlüsse auf die fruchtbaren Tage zu erhalten. Zum anderen besteht die Möglichkeit anhand von Zyklus-Apps oder Hormon- bzw. Temperaturcomputern den Eisprung zu berechnen. Bei diesen Methoden ist eine zuverlässige und sorgsame Anwendung, sowie ein regelmäßiger Rhythmus der Periode, allerdings Voraussetzung für eine hohe Sicherheit.
Wollt ihr trotz Migräne hormonell verhüten, wählt am besten eine niedrig dosierte Pille, die nur das Hormon Gestagen (z.B. Mini-Pille) enthält, statt zusätzlich noch Östrogen, wie es bei den meisten Kombinationspillen der Fall ist. Diese wird ohne Pause eingenommen, sodass hier auch der Abfall des Hormonspiegels wegfällt.
Individuelle Erfahrungen mit Slinda
Viele Frauen teilen ihre persönlichen Erfahrungen mit Slinda in Bezug auf Migräne und andere Nebenwirkungen. Einige berichten von positiven Effekten, wie dem Ausbleiben der Migräne und PMS, während andere negative Erfahrungen machen, wie Stimmungsschwankungen, Angstzustände, Haarausfall und Hautprobleme. Es ist wichtig zu beachten, dass jede Frau anders auf die Pille reagiert und es ratsam ist, die Einnahme mit einem Arzt zu besprechen und die Erfahrungen anderer Frauen als Anhaltspunkt zu nehmen.
Einige Frauen berichten, dass sie die Slinda gut vertragen und keine Periode mehr haben, während andere Schmierblutungen erleben. Wieder andere berichten von einer Verschlechterung der Stimmung und Ängsten. Es ist wichtig, die individuellen Erfahrungen zu berücksichtigen und die Pille gegebenenfalls abzusetzen, wenn die Nebenwirkungen zu stark sind.
Die Placebo-Pillen in Slinda: Sinn und Alternativen
Slinda enthält 24 wirkstoffhaltige Pillen und 4 Placebo-Pillen. Die Placebo-Pillen sind dazu da, eine Abbruchblutung auszulösen. Einige Frauen fragen sich, ob es sinnvoll ist, die Placebo-Pillen einzunehmen, wenn doch der Hormonspiegel zur Migräne-Vermeidung konstant gehalten werden soll. Eine mögliche Alternative ist der Langzyklus, bei dem die wirkstofffreien Pillen einfach übersprungen werden und die Pille durchgenommen wird. Dies kann helfen, den Hormonspiegel konstant zu halten und Migräneattacken zu vermeiden. Es ist jedoch wichtig, dies mit einem Arzt zu besprechen, um die beste Vorgehensweise für die individuelle Situation zu ermitteln.
Zusätzliche Aspekte und Behandlungen
Magnesium und Mutterkraut
Einige Frauen berichten von positiven Erfahrungen mit Magnesium und Mutterkraut zur Linderung von Migränebeschwerden. Es ist ratsam, dies mit einem Arzt zu besprechen, um die richtige Dosierung und Anwendung zu ermitteln.
Neurologisch-verhaltensmedizinische Schmerzklinik Kiel
Die Neurologisch-verhaltensmedizinische Schmerzklinik Kiel bietet spezielle Therapien für Migräne mit und ohne Aura, Migräne-Komplikationen und andere Kopfschmerzen an.
sinCephalea App
Die sinCephalea App ist eine digitale Gesundheitsanwendung, die als nicht-medikamentöse Migräneprophylaxe dient. Sie bietet die Möglichkeit, mittels eines Blutzuckersensors die Reaktion des Blutzuckers auf gewisse Mahlzeiten und Lebensmittel zu testen und individuell zugeschnittene Ernährungsempfehlungen zu erhalten.