Nervenschmerzen, auch neuropathische Schmerzen genannt, entstehen, wenn die sensiblen Fasern des zentralen oder des peripheren Nervensystems beschädigt oder in ihrer Funktion gestört sind. Wenn diese Schmerzen im Gesichtsbereich auftreten, kann dies auf eine Small-Fiber-Neuropathie (SFN) zurückzuführen sein, eine Erkrankung, die oft erst spät erkannt wird. Dieser Artikel beleuchtet die Ursachen, Diagnose und Behandlung der Small-Fiber-Neuropathie im Gesicht, um Betroffenen und Interessierten einen umfassenden Überblick zu bieten.
Was ist Small-Fiber-Neuropathie?
Die Small-Fiber-Neuropathie (SFN) ist eine Erkrankung, die vor allem die dünnen, kleinen Nervenfasern der Haut betrifft. Diese Nervenfasern sind für die Empfindsamkeit der Haut zuständig und können bei einer SFN Symptome wie starkes Brennen, Ziehen oder Kribbeln auslösen. Charakteristisch für die SFN sind Schäden an den nicht-myelinisierten sensorischen C-Fasern, an dünn ummantelten A-delta-Fasern sowie an autonomen und trophischen Fasern.
Einige Experten schätzen, dass weltweit mehr als zehn Millionen Menschen von einer SFN betroffen sind, die Diagnose aber nur bei jedem zehnten Patienten überhaupt gestellt wird. Dies liegt daran, dass gängige neurologische Untersuchungen oft keine auffälligen Befunde zeigen.
Small Fibers erfüllen diverse somatosensorische, motorische und autonome, aber auch parakrine und trophische Funktionen. Das erklärt, weshalb sich die SFN durch unterschiedliche Beschwerden bemerkbar machen kann, so die Autoren. Typischerweise klagen Betroffene über brennende Schmerzen in den distalen Extremitäten, vor allem an Beinen und Füßen. Hinzu kommen sensorische Defizite. Viele Patienten berichten aber auch von unspezifischen Beschwerden, wie gastrointestinalen Problemen, Schwitzen, neuropathischen Juckreiz oder Fatigue.
Ursachen der Small-Fiber-Neuropathie im Gesicht
Die Ursachen für eine SFN sind vielfältig. Häufige Gründe sind Alkoholismus und Diabetes. Wenn diese beiden Gründe nicht vorliegen, kommen viele seltene Erkrankungen in Frage.Zu den möglichen Ursachen und Risikofaktoren gehören:
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- Metabolische Ursachen: Diabetes mellitus und gestörte Glukosetoleranz sind häufige Auslöser. Auch Hypothyreose kann eine Rolle spielen.
- Infektionen: HIV-Infektion, Hepatitis C und die Chagas-Krankheit können mit einer SFN in Verbindung stehen.
- Medikamente und Substanzen: Metronidazol, Statine, Nitrofurantoin, Chemotherapeutika und Alkohol können Nervenschäden verursachen.
- Autoimmunerkrankungen: Systemischer Lupus erythematodes (SLE), Sjögren-Syndrom, Zöliakie und Sarkoidose können eine SFN begünstigen.
- Hereditäre Ursachen: HSAN II, II, III, IV, Erythromelalgie, Natriumkanalmutationen, Amyloidose und Morbus Fabry können genetisch bedingt sein.
- Malnutrition: Ein Mangel an Vitamin B1 oder B12 sowie eine Überdosierung von Vitamin B6 können eine SFN verursachen.
- Paraneoplastische Ursachen: Multiples Myelom kann in seltenen Fällen eine SFN auslösen.
Eine kraniale Ganglionitis kann SFN-Symptome einschließlich Schmerzen und Erythromelalgie im Gesichts- und Kopfbereich verursachen. Meist ist eine Ganglionitis inflammatorisch bedingt, insbesondere bei Frauen und Patienten mit raschem Symptombeginn.
Symptome der Small-Fiber-Neuropathie im Gesicht
Die Symptome einer SFN können vielfältig sein und variieren je nach betroffenem Bereich. Im Gesicht können folgende Symptome auftreten:
- Schmerzen: Heftige Attacken meist einseitiger Gesichtsschmerzen, brennende Schmerzen oder neuropathische Schmerzen im Gesichtsbereich.
- Sensorische Störungen: Kribbeln, Taubheit oder ein vermindertes Temperaturempfinden im Gesicht.
- Autonome Störungen: Trockene Augen oder Mund, starkes Schwitzen im Gesichtsbereich.
- Erythromelalgie: Episodisch gerötete Haut mit Schmerzen und Hyperhidrose im Gesicht.
Es ist wichtig zu beachten, dass die Symptome nicht immer eindeutig sind und die Diagnose dadurch erschwert wird.
Diagnose der Small-Fiber-Neuropathie
Die Diagnose einer SFN kann eine Herausforderung sein, da die üblichen neurologischen Untersuchungen wie die Messung der Nervenleitgeschwindigkeit oft unauffällig sind. Folgende Diagnosemethoden können jedoch Aufschluss geben:
- Anamnese und klinische Untersuchung: Eine ausführliche Erhebung der Krankengeschichte und eine sorgfältige körperliche Untersuchung sind entscheidend, um den Verdacht auf eine SFN zu erhärten.
- Hautbiopsie: Die Analyse von Hautbiopsien gilt als Standard zur Bestätigung der Diagnose. Dabei werden 3-mm-Hautstanzen unter Lokalanästhesie entnommen und die Dichte der intraepidermalen Nervenfasern licht- oder fluoreszenzmikroskopisch dargestellt.
- Quantitative sensorische Testung (QST): Diese Testung dient der quantitativen Bestimmung der klinischen Symptomatik. Um das Temperaturempfinden exakt zu messen, kommen bei der sogenannten Thermode computergesteuerte Temperaturreize zum Einsatz.
- Corneale konfokale Mikroskopie: Diese Methode ermöglicht eine automatisierte Auswertung und Messung der Nervenfaserlänge und -dichte.
- Weitere Laboruntersuchungen: Nüchternblutzucker, HbA1c, oraler Glukosetoleranztest, GOT, Gamma-GT, CD-Transferrin, TSH, CRP, Vitamin B1- und B6-Spiegel, Vitamin B12-Spiegel, Hepatitis C Virus Antikörper, HIV-Test, Immunelektrophorese, ANA, RF, ds-DNA-AK, Anti-Sm-Antikörpern, Anti-Ro/SSA, Anti-La/SSB können zur Abklärung möglicher Ursachen durchgeführt werden.
- Genetische Diagnostik: Bei Verdacht auf Natriumkanalmutationen oder hereditäre Ursachen kann eine genetische Diagnostik indiziert sein.
Behandlung der Small-Fiber-Neuropathie im Gesicht
Die Behandlung der SFN zielt darauf ab, die Grunderkrankung zu behandeln, die Schmerzen zu lindern und die Lebensqualität der Betroffenen zu verbessern.
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- Behandlung der Grunderkrankung: Wenn eine behandelbare Ursache wie Diabetes mellitus, Alkoholismus oder eine Autoimmunerkrankung vorliegt, sollte diese gezielt behandelt werden. So ist zum Beispiel bei Diabetes mellitus eine optimale Blutzuckereinstellung unerlässlich. Bei Alkoholismus als Ursache ist eine sofortige, lebenslange Abstinenz angezeigt.
- Medikamentöse Schmerztherapie: Gängige Schmerzmittel sind bei der SFN oft unwirksam. Zur Schmerzbekämpfung haben sich Antidepressiva und Medikamente gegen Krampfanfälle (Epilepsie), sogenannte Antikonvulsiva, bewährt. Zwei wichtige Vertreter sind beispielsweise die Wirkstoffe Gabapentin und Pregabalin. Auch schmerzmodulierende Medikamente wie Amitriptylin und Duloxetin können eingesetzt werden. Lokal begrenzte Nervenschmerzen lassen sich zudem mit speziellen Pflastern lindern, die Wirkstoffe wie das örtlich betäubende Lidocain oder das aus der Chilischote gewonnene Capsaicin enthalten. Opioide sind bei neuropathischen Schmerzen erst das Mittel der letzten Wahl.
- Nicht-medikamentöse Therapien: Ergänzend zur medikamentösen Behandlung haben sich Verhaltenstherapien bewährt. Dort erlernen die Patienten Strategien, die ihnen helfen, besser mit ihren Schmerzen umzugehen, und die zudem verhindern können, dass die Beschwerden chronisch werden. Eine weitere hilfreiche Maßnahme kann es sein, ein Schmerztagebuch zu führen. Auch Entspannungsverfahren oder Kälteanwendungen können helfen. Bei der Elektrotherapie werden die Nerven durch Impulse aus einem speziellen Gerät so stimuliert, dass Erkrankte statt Schmerzen ein leichtes Kribbeln spüren. Von außen lässt sich dieses durch ein TENS-Gerät erreichen. Gegen die fortschreitende Gangunsicherheit wirkt Gleichgewichtstraining in der Physiotherapie. Wie die gezielten Reize der Akupunktur die Nerven beleben, ist noch ungeklärt.
- Weitere Behandlungsoptionen: Es gibt Hinweise, dass Kortikosteroide bei akuter Manifestation einer inflammatorischen SFN insbesondere bei jungen Patienten mit niedrigem Komplikationsrisiko effektiv und sicher sein können. Seit 2017 können Ärzte in Deutschland medizinisches Cannabis auf Rezept verschreiben. Der Einsatz von medizinischem Cannabis bei chronischen neuropathischen Schmerzen wird kontrovers diskutiert.
Leben mit Small-Fiber-Neuropathie
Eine SFN kann die Lebensqualität der Betroffenen erheblich beeinträchtigen. Es ist wichtig, sich umfassend über die Erkrankung zu informieren und sich Unterstützung zu suchen.
- Selbsthilfegruppen: In einer Selbsthilfegruppe treffen Sie auf Menschen, die genau verstehen, was es bedeutet, mit Polyneuropathie zu leben. Hier können Sie sich mit anderen Betroffenen über ihre Erfahrungen austauschen und praktische Tipps für den Alltag erhalten.
- Ernährung und Bewegung: Eine ausgewogene Ernährungsweise versorgt Ihren Körper mit allen essenziellen Vitaminen und Nährstoffen. Regelmäßige Bewegung kann neuropathische Beschwerden lindern und die Regeneration der Nerven anregen. Ideal ist die Kombination aus einem moderaten Ausdauertraining und Krafttraining.
- Fußpflege: Bei Sensibilitätsstörungen ist eine tägliche Fußpflege unverzichtbar. Um Folgeschäden an den Füßen vorzubeugen, empfiehlt sich eine regelmäßige medizinische Fußpflege beim Podologen.
- Hilfsmittel: Verschiedene Hilfsmittel können das Leben mit Polyneuropathie erleichtern. Bei erheblichen Beeinträchtigungen kann Anspruch auf einen Schwerbehindertenausweis bestehen.
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