Myasthenia gravis (MG) ist eine seltene, chronische Autoimmunerkrankung, die durch Muskelschwäche gekennzeichnet ist. Diese Schwäche resultiert aus einer Störung der Signalübertragung zwischen Nerven und Muskeln. Obwohl die Krankheit gut behandelbar ist, suchen Forscher weiterhin nach ergänzenden Therapieansätzen, um die Lebensqualität der Betroffenen zu verbessern. In diesem Zusammenhang rückt die Rolle des Darmmikrobioms und der Einsatz von Probiotika zunehmend in den Fokus.
Was ist Myasthenia Gravis?
Die generalisierte Myasthenia gravis (gMG) ist eine seltene chronische Autoimmunkrankheit. Schätzungen zufolge sind 100 bis 200 Personen pro 1 Million Einwohner betroffen. Myasthenia gravis kann bei Menschen aller Bevölkerungsgruppen in jedem Lebensalter - auch in der Kindheit - auftreten, am häufigsten wird die Krankheit bei Frauen unter 40 Jahren und Männern über 60 diagnostiziert.
Bei einer Autoimmunerkrankung produziert unser Abwehrsystem Antikörper, die Strukturen des eigenen Körpers als fremd einstufen und angreifen. Derartige Autoimmunreaktionen rufen bestimmte Fehlfunktionen des Organismus hervor.
Die Signalübertragung zwischen Nerven und Muskeln erfolgt über sogenannte Synapsen. Dort werden Nervenimpulse mittels des Botenstoffs Acetylcholin weitergegeben. Bei der Myasthenia gravis haften sich die Antikörper an die Synapsen der Muskelzellen an und stören die Übertragung von Nervensignalen an die Muskeln. Zudem kommt es zu einer Aktivierung des Komplementsystems, einem Teil unseres Immunsystems. Die durch die Auto-Antikörper markierten Muskelzellen werden angegriffen und geschädigt.
Myasthenia gravis kann durch verschiedene Antikörper-Typen verursacht werden: In etwa 85 Prozent der Fälle AChR-Antikörper (AChR = Acetylcholinrezeptor) nachweisbar. Bei acht Prozent der Patienten handelt es sich um MuSK- Antikörper. Etwa 15 bis 20 Prozent der gMG-Patienten erleben mindestens einmal eine myasthene Krise. Der medizinische Notfall tritt auf, wenn die Atemmuskulatur derart geschwächt ist, dass eine Intubation, unterstützende Beatmungsmaßnahme, notwendig wird.
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Vor allem dann, wenn die Muskelschwäche nicht so stark ausgeprägt ist oder sich auf wenige Muskelgruppen beschränkt, wird Myasthenia gravis häufig übersehen oder die Diagnosestellung verzögert sich, da die Symptome auch auf andere Erkrankungen hindeuten können. Die Diagnose basiert auf einer ausführlichen Erhebung der Krankengeschichte des Patienten (Anamnese). Anhand verschiedener körperlicher und neurologischer Untersuchungen werden durch diagnostische Tests Muskelkraft und -tonus, Koordination und Beweglichkeit (Motilität) der Augen überprüft. Zusätzlich kann eine Computertomographie (CT) oder Magnetresonanztomographie (MRT) des Brustkorbes erfolgen. Zur Unterstützung der Diagnose sollte ein Bluttest herangezogen werden.
Konventionelle Behandlungsmethoden
Myasthenia gravis ist mittlerweile gut behandelbar. Bei rund 85 bis 90 Prozent der Patienten kann die Muskelschwäche mithilfe verschiedener Therapien reduziert und verbessert werden und den Betroffenen ein normales Leben ohne größere Einschränkungen ermöglicht werden. Bei einigen Patienten - vor allem in einem frühen Krankheitsstadium - kann sogar eine vollständige Remission, also die Beseitigung der Symptome, erreicht werden.
Das therapeutische Vorgehen beruht auf zwei Säulen: Der symptomatischen Therapie mit Anticholinesterase-Wirkstoffen und der Immunsuppression mit verschiedenen Medikamenten. Durch die Gabe von Acetylcholinesteraseinhibitoren wird das Enzym Acetylcholinesterase gehemmt und damit der Acetylcholin-Abbau verringert. Auf diese Weise kann die neuromuskuläre Übertragung verbessert und die Muskelkraft erhöht werden. Die immunsuppressive Therapie zielt auf die Unterdrückung der Immunreaktion ab, indem die Produktion der Auto-Antikörper verhindert wird.
Da sich die verschiedenen Beschwerden bei einer Myasthenia gravis schnell verändern können, empfiehlt es sich für Betroffene, ein Symptomtagebuch zu führen, indem alle auftretenden Beschwerden und deren Intensität täglich erfasst werden. Das unterstützt den Arzt, die therapeutischen Maßnahmen gezielt an den Zustand des Patienten anzupassen. Etwa 10 bis 15 Prozent der Patienten sprechen auf die Behandlungsoptionen nicht an. Mediziner bezeichnen das als refraktäre generalisierte Myasthenia gravis.
Leben mit Myasthenia Gravis
Myasthenia gravis ist zwar gut therapierbar, trotzdem kann das Leben mit einer chronischen Erkrankung gewisse Einschränkungen mit sich bringen. Um den Alltag zu bewältigen, ist es wichtig, die persönlichen Belastungsgrenzen zu kennen und zu akzeptieren. Überforderung ist zu vermeiden, körperlich anstrengende Aufgaben sollten möglichst an andere Personen abgegeben werden. Reichen die Kräfte lediglich für einen begrenzten Zeitraum aus, gilt es die alltäglichen Anforderungen entsprechend einzuteilen und längere Ruhepausen einzuplanen. Im Berufsleben profitieren Myastheniker von flexiblen Arbeitszeiten und der Möglichkeit, zumindest teilweise im Homeoffice arbeiten zu können.
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Aufgrund der nachlassenden körperlichen Aktivitäten und einer eventuellen Behandlung mit Kortison kommt es bei Betroffenen häufig zu einer Zunahme des Körpergewichts. Ein gesunder, ausgewogener Ernährungsstil spielt deshalb eine zentrale Rolle. Falls notwendig kann eine Ernährungstherapie helfen, den Speiseplan entsprechend anzupassen und auch etwaige Probleme beim Kauen und Schlucken zu berücksichtigen.
Das Darmmikrobiom und Autoimmunerkrankungen
Das Mikrobiom des Menschen wirkt sich vielfältig auf die Gesundheit aus und ist an der Entstehung und Modulation zahlreicher Erkrankungen beteiligt - von chronisch-entzündlichen Darmleiden über Stoffwechsel- und Autoimmunerkrankungen bis hin zu neurodegenerativen Prozessen. Ein Bindeglied zwischen Bakterium und Immunsystem sind die bakteriellen Metaboliten wie z. B. kurzkettige Fettsäuren (SCFA). Zu den SCFAs gehört auch Butyrat, das in der Lage ist, regulatorische T-Zellen (Tregs) im Darmepithel zu induzieren. Tregs sind eine spezialisierte Untergruppe der CD4+ T-Lymphozyten, die eine überschießende Immunreaktion gegen Fremdantigene verhindern können, indem sie die Aktivität allo- und autoreaktiver Effektor-T-Zellen supprimieren. Dadurch kommt ihnen eine Schlüsselrolle in der Aufrechterhaltung der Eigentoleranz zu.
In neueren Untersuchungen fand sich zudem ein Zusammenspiel zwischen Darm und zentralen Nervensystem. Das Mikrobiom des Darms hat im Tierversuch Einfluss auf die Pathophysiologie des ischämischen Schlaganfalls. Mäuse mit antibiotisch veränderter Darmflora hatten im Experiment eine geringere Schlaganfallgröße und damit ein besseres Outcome im Vergleich zu Kontrolltieren und im Darm aktivierte T-Lymphozyten konnten nachfolgend im Bereich der Hirnhäute des Schlaganfallareals nachgewiesen werden.
Mikrobiomforschung bei Myasthenia Gravis
Das Mikrobiom des Menschen mit neuromuskulären Autoimmunerkrankungen ist bislang noch nicht untersucht. Aktuell steht vor allem das Mikrobiom des Darms im Fokus vieler Forschungsbemühungen, die aber auch andere Lokalisationen wie Mund, Nasen-Rachenraum und Urogenitaltrakt miteinbeziehen. Dabei konnten Zusammenhänge zwischen der bakteriellen Speziesvariation sowie deren Häufigkeitsverteilung und Erkrankungen wie chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen, Diabetes mellitus Typ 1, Psoriasis und rheumatoider Arthritis herausgestellt werden.
Aus diesem Grund sollen von Stuhlproben gewonnen werden, die im Anschluss im Institut für Mikrobiologie untersucht werden. Um die Rolle der Darmbakterien bei der Entwicklung einer Myasthenia zu verstehen, ist es notwendig, die Zusammensetzung der Darmflora im Vergleich zu gesunden Personen, Patienten ohne Autoimmunerkrankung bzw. zu Patienten mit anderen Autoimmunerkrankungen zu charakterisieren. Durch die geplanten Untersuchungen soll geklärt werden, welche Bakterien sich im Darm von Myastheniepatienten befinden und wie sich die Zusammensetzung im Vergleich zu den Kontrollgruppen unterscheidet.
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Ziel der vorliegenden Studie ist die Klärung der Frage, ob und wie sich die Zusammensetzung des Mikrobioms des Darms bei Patienten mit MG von Kontrollpatienten unterscheidet. Daher beabsichtigen die Antragsteller, das Mikrobiom des Darms von Patienten, die über die Myastheniesprechstunde der Klinik für Neurologie rekrutiert werden, zu charakterisieren. Geplant ist, sowohl bei MG-Patienten, als auch zur Kontrolle bei Patienten ohne neurologische Autoimmunerkrankung und als weitere Kontrolle bei Patienten mit anderen neurologischen Autoimmunerkrankungen, Stuhlproben zu gewinnen: bei 40 Myastheniepatienten, bei 20 Kontrollpatienten (z.B. Schlaganfall, Kopfschmerz, Parkinson), bei 20 Kontrollpatienten mit anderen neurologischen Autoimmunerkrankungen (z.B.
Die Rekrutierung der Kontrollpatienten erfolgt über die Sprechstunden der Klinik für Neurologie. Zur Rekrutierung der gesunden Kontrollpersonen werden bei Konsultation altersähnliche Familienangehörige angesprochen. Die Stuhlprobenentnahmen erfolgen standardisiert sowohl im ambulanten als auch im stationären Setting. Die Stuhlproben werden in Röhrchen mit Schraubverschluss gesammelt und im Institut für Medizinische Mikrobiologie weiterverarbeitet. Die DNA-Isolierung aus Stuhl erfolgt im Institut für Medizinische Mikrobiologie mittels herkömmlicher Kits. Zur Mikrobiom-Analyse werden das Intestinal Infections Microbial DNA qPCR Array der Firma Qiagen ® sowie Next Generation Sequencing Technologien angewandt.
Probiotika: Ein möglicher Therapieansatz?
Probiotika sind lebende Mikroorganismen, die, wenn sie in ausreichender Menge verabreicht werden, einen gesundheitlichen Nutzen für den Wirt haben. Sie können potenziell das Darmmikrobiom modulieren und somit indirekt das Immunsystem beeinflussen. Obwohl es noch keine spezifischen Studien zu Probiotika bei Myasthenia gravis gibt, deuten Forschungsergebnisse bei anderen Autoimmunerkrankungen darauf hin, dass bestimmte probiotische Stämme entzündungshemmende Wirkungen haben und die Immunantwort regulieren können.
Es ist jedoch wichtig zu betonen, dass die Wirkung von Probiotika stark von den spezifischen Stämmen, der Dosierung und der individuellen Zusammensetzung des Darmmikrobioms abhängt. Daher ist es entscheidend, vor der Einnahme von Probiotika einen Arzt oder Ernährungsberater zu konsultieren, insbesondere bei einer bestehenden Autoimmunerkrankung wie Myasthenia gravis.
Weitere unterstützende Maßnahmen
Neben der potenziellen Rolle von Probiotika gibt es weitere Maßnahmen, die Patienten mit Myasthenia gravis ergreifen können, um ihre Lebensqualität zu verbessern:
- Ernährung: Eine ausgewogene Ernährung mit viel Gemüse, Obst und hochwertigen Proteinen kann das Immunsystem stärken und Entzündungen reduzieren. Bei Schluckstörungen kann es außerdem helfen, Soßen oder Reis zu binden. Bei Soßen ist das mit Stärke leicht möglich, Reis kann nach dem Kochen durch z.B.
- Bewegung: Angepasste körperliche Aktivität kann die Muskelkraft erhalten und die allgemeine Fitness verbessern. Während bei gesunden Menschen das Training bis zur leichten Erschöpfung ideal ist, um Muskulatur und Kondition aufzubauen, müssen Personen mit Myasthenia gravis in kleineren Schritten vorgehen und häufiger Pausen einlegen.
- Stressmanagement: Chronischer Stress kann das Immunsystem negativ beeinflussen. Entspannungstechniken wie Yoga, Meditation oder Atemübungen können helfen, Stress abzubauen.
- Selbsthilfegruppen: Der Austausch mit anderen Betroffenen kann wertvolle Unterstützung und Informationen bieten.
- Reisen: Patient*innen mit myasthenen Syndromen möchten und können, trotz ihrer Erkrankung, in den Urlaub fahren. Im Vorfeld bedarf es einiger Organisation und eventuell auch, je nach Schweregrad und Behandlung, eine individuelle Abstimmung mit der behandelnden Ärztin / dem behandelnden Arzt. Beachten Sie bei der Planung ihre Therapieintervalle von regelmäßigen Infusionen (z. B. IVIG, Eculizumab, Efartigimod, Rituximab, etc.) und, dass diese eventuell vor Ort verabreicht werden müssen. Stellen Sie sicher, dass die medizinische Versorgung und neurologische Betreuung im Notfall vor Ort gewährleistet werden können. Vermeiden Sie Temperaturextreme. Patientinnen und Patienten mit myasthenen Syndromen vertragen Hitze meist schlechter.
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