Migräne-Operation: Ja oder Nein? Eine umfassende Betrachtung

Die operative Behandlung von Migräne ist ein kontrovers diskutiertes Thema. Ursprünglich ein Zufallsbefund, wird das Verfahren, bei dem ein Stirnmuskel getrennt wird, von einigen Medizinern befürwortet, während andere es aufgrund fehlender Evidenz und potenzieller Risiken ablehnen. Dieser Artikel beleuchtet die Hintergründe, die verschiedenen Standpunkte und die wissenschaftliche Evidenzlage, um eine fundierte Entscheidungsgrundlage zu bieten.

Die zufällige Entdeckung der Migräne-Operation

Die Beobachtung, dass sich Migränebeschwerden bei manchen Menschen nach einer Operation zur Entfernung der Zornesfalte über der Nasenwurzel besserten, machten Mediziner erstmals Ende der 1990er Jahre. Dieser Effekt führte zu der Hypothese, dass ein Muskel zwischen den Augenbrauen, der Corrugator, eine Rolle bei der Auslösung von Migräneattacken spielen könnte.

Die Theorie hinter der Operation

Der Corrugator, auch Zornesmuskel genannt, ist für die Bildung der Zornesfalten auf der Stirn verantwortlich. Die Theorie besagt, dass dieser Muskel bei manchen Menschen die kleinen Äste des Gesichtsnervs (Trigeminusnervs) zusammenquetscht. Diese starke Stimulierung des Nervengeflechts könnte eine Migräneattacke auslösen. Plastische Chirurgen argumentieren, dass der M. corrugator supercilii, der Zornesfaltenmuskel oberhalb der Nasenwurzel, durchtrennt werden müsse, um den Kopfweh-Urheber schachmatt zu setzen. Ihrer Theorie zufolge reize dieser Muskel durch übermäßige Anspannung nahe liegende Nerven, was zur Konstriktion von Gefäßen führe.

Der Test vor der Operation: Botox als Indikator?

Vor der Operation wird in der Regel ein Test durchgeführt, um den möglichen Erfolg des Eingriffs abzuschätzen. Dabei wird der Zornesmuskel vorübergehend mit dem Nervengift Botulinumtoxin (Botox) gelähmt. Wenn die Migränebeschwerden daraufhin nachlassen, wird dies als positives Zeichen für einen möglichen Erfolg der Operation gewertet.

Kritiker bemängeln jedoch, dass es bisher keinen Beweis dafür gibt, dass die Botoxspritze denselben Effekt wie die Operation hat. Sie vermuten, dass durch den Test bevorzugt Menschen für den Eingriff ausgewählt werden, die verstärkt auf Placebos ansprechen. Diese Patienten glauben fest an den Erfolg einer Behandlung, was die Ergebnisse verfälschen könnte.

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Kontroverse Diskussion unter Experten

Die Operation als Migränetherapie wird von Experten sehr kontrovers diskutiert. Befürworter der Methode argumentieren, dass die Patienten nach der Operation nur noch halb so oft unter Migräneattacken leiden wie zuvor. Bei etwa 30 Prozent der Betroffenen soll der Eingriff sogar zu einer vollständigen Beschwerdefreiheit führen.

Allerdings gibt es bisher keine kontrollierten Studien zur Wirksamkeit dieser Operation. Die Theorie über das Zusammenspiel der genannten Muskeln ist umstritten. Zudem warnen Experten davor, dass die Entfernung des Zornesmuskels die Mimik dauerhaft verändern kann, was zu Unzufriedenheit führen kann.

Die Risiken und Nebenwirkungen

Neben der möglichen Veränderung der Mimik birgt die Migräne-Operation auch andere Risiken und Nebenwirkungen. Wie bei jedem chirurgischen Eingriff können Komplikationen wie Infektionen, Blutungen oder Nervenverletzungen auftreten. Zudem ist die Operation nicht immer erfolgreich, und die Migränebeschwerden können trotz des Eingriffs weiterhin bestehen.

Es besteht die Gefahr, dass Migränepatienten in unlauterer Weise auf die nicht wirklich nachgewiesenen Erfolge dieser Methode aufmerksam würden und falsche Hoffnung für eine Besserung ihres Leidens schöpften.

Die Kosten der Behandlung

Die Migräne-Operation ist eine teure Behandlung. Die Kosten für die Operation einschließlich Vor- und Nachuntersuchungen belaufen sich auf etwa 5000 Euro. Da die Wirksamkeit der Operation umstritten ist, übernehmen die Krankenkassen die Kosten in der Regel nicht.

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Die Kritik der Deutschen Gesellschaft für Neurologie

Die Deutsche Gesellschaft für Neurologie (DGN) steht der Migräne-Operation äußerst kritisch gegenüber. Sie prangert das von manchen Schönheitschirurgen propagierte Verfahren als unseriöse Beutelschneiderei an. Die DGN sieht in der Operation in erster Linie finanzielle Interessen, nicht aber einen therapeutischen Nutzen.

Professor Dr. Hans-Christoph Diener von der Abteilung Neurologie am Universitätsklinikum Duisburg-Essen bezeichnet das Verfahren als "tragisches Beispiel der vorsätzlichen Körperverletzung, getarnt als vorbeugende Behandlung". Er betont, dass die Migräne eine genetisch bedingte Erkrankung ist, bei der es zu Veränderungen in der Freisetzung von Transmittern, bei der Modulation schmerzverarbeitender Strukturen im Gehirn und zu Veränderungen der kortikalen Aktivität kommt. Mit den wirklichen Ursachen der Migräne habe die Theorie der Muskelverspannung wenig zu tun.

Alternative Erklärungen für den Erfolg

Diener hat zwei Erklärungen für den scheinbaren Erfolg der Operation bei manchen Patienten: Zum einen bessert sich das Leiden bei vielen Patienten im Alter zwischen 45 und 55 Jahren von selbst. Zum anderen haben operative Eingriffe bei Migräne eine starke Placebowirkung. So zeige Scheinakupunktur dieselben Erfolge bei der Migränetherapie wie echte chinesische Akupunktur. Unter beiden Verfahren halbiere sich die Anzahl der Attacken bei der Hälfte der Patienten.

Die Rolle des Placebo-Effekts

Der Placebo-Effekt spielt bei der Behandlung von Migräne eine wichtige Rolle. Studien haben gezeigt, dass auch Scheinbehandlungen zu einer deutlichen Linderung der Beschwerden führen können. Dies liegt daran, dass die Erwartungshaltung und die Überzeugung des Patienten einen positiven Einfluss auf den Krankheitsverlauf haben können.

Die suggestive Kraft chirurgischer Verfahren sei viereinhalbmal so groß wie die von Tabletten, sagt Gaul. Somit könnten sogar die Besserungsraten von über 80 Prozent, von denen die Migränechirurgen berichten, ein Placeboeffekt sein. Hinzu kommt, dass die Einbildung umso stärker wirkt, wenn Patienten zahlen müssen.

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Die Langzeitwirkung der Operation

Eine Studie von Guyuron aus dem Jahr 2011 untersuchte die Langzeitwirkung der Migräne-Operation. Dabei wurden 69 Patienten befragt, die fünf Jahre zuvor operiert worden waren. Bei 20 Patienten war der Kopfschmerz immer noch verschwunden, bei weiteren 41 Patienten trat er seltener und schwächer auf als vor der Operation. Sie litten im Durchschnitt nur noch viermal statt elfmal im Monat an einer Attacke, die dann nur acht statt 34 Stunden dauerte.

Trotz dieser positiven Ergebnisse betonen Kritiker, dass die Studie methodische Mängel aufweist und die Ergebnisse nicht verallgemeinert werden können.

Die Bedeutung einer sorgfältigen Patientenauswahl

Thomas Muehlberger, der in Berlin ein Migräne-Chirurgie-Zentrum betreibt, betont die Bedeutung einer sorgfältigen Patientenauswahl. Nur wenige Patienten kommen für die Operation in Frage. Zunächst muss die Diagnose Migräne feststehen, und die Patienten müssen einen langen Leidensweg hinter sich haben.

Eine Migräne gilt unter Befürwortern der Technik aber nur dann als operabel, wenn sie an einem von drei so genannten Triggerpunkten an Stirn, Schläfen oder Nacken ihren Ausgang nimmt. Hier, so vermuten die Chirurgen, drücken Muskeln auf Nervenäste und verursachen den Schmerz.

Die operative Technik

Die Technik der Migräne-Operation ähnelt der Technik der endoskopischen Gesichtsstraffungsoperation. Die Nervenäste im Bereich der Stirn und Schläfen werden mit den Endoskopen erreicht, und es wird dafür gesorgt, daß diese Nerven entspannt werden. Diese Anwendung erfolgt unter der haarigen Kopfhaut, daher ist es nicht möglich, daß irgenwelche Narben bzw. Spuren im Gesicht hinterlassen werden.

Alternative operative Ansätze

Das Team um Guyuron entfernt nun auch die untere Nasenmuschel, um Migräne zu behandeln. Ärzte vom Miriam Hospital in Rhode Island berichten, wie sie schwer übergewichtigen Migränepatienten einen Magenbypass gelegt oder den Magen mit einem Band verkleinert haben.

Konservative Behandlungsmethoden als Alternative

Bevor eine operative Behandlung in Erwägung gezogen wird, sollten alle konservativen Behandlungsmethoden ausgeschöpft werden. Dazu gehören:

  • Medikamentöse Prophylaxe: Es gibt verschiedene Medikamente, die zur Vorbeugung von Migräneattacken eingesetzt werden können. Dazu gehören Betablocker, Antidepressiva und Antiepileptika.
  • Akuttherapie: Bei einer akuten Migräneattacke können Schmerzmittel oder Triptane eingenommen werden.
  • Botulinumtoxin-Injektionen: Botulinumtoxin kann zur Behandlung von chronischer Migräne eingesetzt werden.
  • Verhaltensmedizinische Therapie: Entspannungstechniken, Stressmanagement und Biofeedback können helfen, die Häufigkeit und Intensität von Migräneattacken zu reduzieren.
  • Spezielle Therapie von Migräne: Mit und ohne Aura, Migräne-Komplikationen, alle Kopfschmerzen, wie z.B. chronische Spannungskopfschmerzen, Kopfschmerz bei Medikamentenübergebrauch, Clusterkopfschmerz, Nervenschmerz (neuropathischer Schmerz), Rückenschmerz und andere Formen chronischer Schmerzerkrankungen.

Die Bedeutung einer umfassenden Anamnese und Diagnose

Vor jeder Behandlung von Migräne ist eine umfassende Anamnese und Diagnose durch einen Neurologen erforderlich. Der Neurologe kann die Ursachen der Migräne abklären und eine individuelle Therapieempfehlung aussprechen.

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