Manchmal verspüren wir ein Unwohlsein, wie einen Kloß im Hals, das oft von selbst wieder verschwindet. Doch was, wenn solche Beschwerden anhalten und keine organische Ursache gefunden wird? Dieser Artikel beleuchtet die somatoforme Störung, ihre vielfältigen Erscheinungsformen, Ursachen und Behandlungsmöglichkeiten, wobei ein besonderer Fokus auf der neurologischen Perspektive liegt.
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Einführung in die somatoforme Störung
Somatoforme Störungen sind außerordentlich häufig, wobei die Angaben für alle klinisch behandlungsbedürftigen Unterformen zusammen bei etwa 10-20 % der Allgemeinbevölkerung liegen. Sie äußern sich durch körperliche Beschwerden, für die sich keine ausreichende organische Ursache finden lässt. Betroffene suchen oft wiederholt nach einer organischen Ursache für ihre Symptome und veranlassen fortwährend diagnostische Abklärungen, das sogenannte „Ärztehopping“, ohne dass sich daraus Fortschritte oder neue Ansatzpunkte für die Behandlung ergeben. Diese Situation führt oft zu Verunsicherung durch widersprüchliche Befunde und erfolglose Behandlungsversuche und kann ein schwieriges Verhältnis zwischen Betroffenen und Behandlern entstehen lassen.
Klassifikation und Erscheinungsformen
Somatoforme Störungen sind unter dem ICD-Code F45 klassifiziert. Zu den Hauptkategorien und schwerwiegendsten Störungsbildern gehören:
- Somatisierungsstörung (F45.0): Gekennzeichnet durch multiple, wiederholt auftretende und häufig wechselnde körperliche Symptome, die über einen Zeitraum von mindestens 2 Jahren andauern und durch keine diagnostizierbare körperliche Krankheit erklärt werden können. Eventuell vorliegende bekannte körperliche Krankheiten erklären nicht die Schwere, das Ausmaß, die Vielfalt und die Dauer der körperlichen Beschwerden oder die damit verbundene soziale Behinderung. Symptome können im Magen-Darm-Bereich (z.B. Bauchschmerzen, Übelkeit), im Herz-Kreislauf-Bereich (z. B. Atemlosigkeit, Brustschmerzen), im Urogenitalbereich (z.B. Dysurie, Miktionshäufigkeit, Ausfluss) sowie als Haut- und Schmerzsymptome auftreten.
- Undifferenzierte Somatisierungsstörung (F45.1): Hierbei handelt es sich um eine mildere Form der vorgenannten Somatisierungsstörung.
- Hypochondrische Störung (F45.2): Bei der hypochondrischen Störung besteht beim Betroffenen seit mindestens sechs Monaten die anhaltende Überzeugung, an höchstens zwei schweren körperlichen Krankheiten zu leiden, manifestiert durch anhaltende körperliche Beschwerden oder anhaltende Beschäftigung mit den körperlichen Phänomenen (F45.2). Oder es besteht eine anhaltende Beschäftigung mit einer vom Betroffenen angenommenen Fehlstellung oder Missbildung (dysmorphophobe Störung, F45.21).
- Anhaltende somatoforme Schmerzstörung (F45.4): Vorherrschend wird ein andauernder, schwerer und quälender Schmerz, der durch einen physiologischen Prozess oder eine körperliche Störung nicht vollständig erklärt werden kann, beschrieben. Im Vordergrund bestehen Schmerzen in einer oder mehrerer anatomischer Regionen, die ihren Ausgangspunkt in einem physiologischen Prozess oder einer körperlichen Störung haben.
- Somatoforme autonome Funktionsstörung (F45.3): Bei dieser Störung werden Symptome so geschildert, als beruhten sie auf der körperlichen Erkrankung eines Systems oder eines Organs, das weitgehend oder vollständig vegetativ interveniert und kontrolliert wird.
Ursachen und Risikofaktoren
Bisher ist noch keine eindeutige Ursache für die Entstehung von Somatisierungsstörungen bekannt. Mediziner gehen von einem Zusammenspiel verschiedener Umstände aus, z.B.: Genetische und biologische Faktoren, Frühe Erfahrungen mit Krankheit bei sich oder Angehörigen, Soziale Konflikte, Starke Belastungen wie Operationen, Trennungen, Arbeitslosigkeit etc., Konflikte und Belastungen im Privatleben oder am Arbeitsplatz, Allgemein angst- oder sorgenvoller Umgang mit körperlichen Beschwerden. Häufig wird Somatisierung als ein prozesshafter, akuter bis chronisch verlaufender Erlebens-und Verhaltensmodus beschrieben, geprägt durch einen übermäßigen Automatisierungsstil mit Klagen über Schmerzen oder Behinderungen in der Ursprungsfamilie, verbunden entweder mit mangelnder elterlicher Fürsorge oder mütterliche Überprotektivität. Dadurch entsteht ein Krankheitsverhalten mit der Tendenz, psychosozialen Stress in Form von körperlichen Symptomen wahrzunehmen und zu kommunizieren und so psychosozialen Stress zu bewältigen. Ursache können somit Erfahrungen aus Kindheit und Erwachsenenalter verbunden mit automatisierter Bewältigung, unverarbeiteter Trauer, verdrängter und unterdrückter Gefühle etc. Man geht davon aus, dass übermäßiger (seelischer) Stress zur Überlastung und Störung innerer Organe führen kann. Schmerzsymptome wie z.B. Magen- und Darmsymptomen wie z.B. weitere Beschwerden mit neurologischem Erscheinungsbild wie z.B. urogenitalem Erscheinungsbild wie z.B. oder Herz-Kreislauf-Erscheinungsbild wie z.B.
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Weitere Risikofaktoren sind ein niedriges Bildungsniveau und eine niedrige soziale Schicht, eine genetische Disposition, prädisponierende Persönlichkeitszüge sowie gestörte Prozesse der Aufmerksamkeit und der interozeptiven Wahrnehmung. Vernachlässigung, Verluste wichtiger Bezugspersonen, sexueller Missbrauch und schwierige Lebensbedingungen in der Kindheit sind dabei ebenso aufzuführen wie traumatisierende Erlebnisse im Erwachsenenalter. Auch die Tendenz zur Somatisierung kann ein Produkt soziokultureller Prägung oder elterlichen Modelllernens sein, sie kann aber auch Vorteile verschaffen, wie etwa Vermeidung unangenehmer Verpflichtungen, vermehrte Zuwendung seitens Arzt und Familie und die Herausnahme aus der Arbeitsbelastung. Arbeitslose, Berufsunfähige und Arme sind überdurchschnittlich häufig von somatoformen Störungen betroffen.
Neurologische Aspekte
Obwohl somatoforme Störungen traditionell als psychische Erkrankungen betrachtet werden, spielen neurologische Prozesse eine wichtige Rolle. Das vegetative Nervensystem, das für unwillkürliche Körperfunktionen wie Herzschlag, Atmung und Verdauung zuständig ist, kann durch Stress und emotionale Belastungen beeinflusst werden. Dies kann zu einer Vielzahl von körperlichen Symptomen führen, die oft im Zusammenhang mit somatoformen Störungen auftreten.
Darüber hinaus können Veränderungen in der Schmerzwahrnehmung und -verarbeitung im Gehirn eine Rolle spielen. Chronische Schmerzen, die bei somatoformen Schmerzstörungen im Vordergrund stehen, können zu einer Sensibilisierung des zentralen Nervensystems führen, wodurch Schmerzsignale verstärkt und chronifiziert werden.
Diagnose
Um somatoforme Störungen diagnostizieren zu können, ist zunächst eine gründliche körperliche Untersuchung einschließlich der apparativen Diagnostik und Laboruntersuchungen notwendig, um das Vorliegen organischer Erkrankungen und Veränderungen, die eine vorrangig akut medizinische Behandlung erforderlich machen, auszuschließen. Das Erfassen biografischer und/oder psychosozialer Belastungsfaktoren im Rahmen einer psychologischen Anamnese ist für eine vollumfängliche Diagnostik unabdingbar, wobei auch mit dem Beschwerdebild verbundene berufliche und private Einschränkungen erfasst werden sollten.
Die Diagnose der somatoformen Störung ist der erste Schritt zur Therapie. Sie beginnt mit der sorgfältigen Erhebung Ihrer Krankengeschichte. Dazu prüft unser behandelndes ärztliches Personal alle Vorbefunde noch einmal ganz genau.
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Behandlung
Grundsätzlich gilt: Die Voraussetzung für eine erfolgreiche Therapie ist ein stabiles Vertrauensverhältnis zwischen Patient und Arzt. Insbesondere der Hausarzt nimmt für den Betroffenen eine Schlüsselrolle ein, denn er ist nicht nur Behandler, sondern auch Vermittler (zu Fachärzten und Physiotherapeuten) sowie Motivator (zur Aufnahme von Entspannungs- und/oder Sporttraining). Die Behandlung der somatoformen Störung richtet sich nach dem beschriebenen Beschwerdebild und der entsprechenden Diagnose. Durch die verschiedensten Ursachen und der Vielzahl von Beeinträchtigungen des Alltagslebens, ist die Reduktion der körperlichen Symptome zwar ein wichtiges, aber nicht das einzige Ziel der Behandlung. Leichte Symptome sind häufig bereits mittels Entspannungstechniken therapierbar. Sind die Beschwerden hartnäckiger, werden psychosomatische Medizin und Psychotherapie kombiniert. Seelische Konflikte sind aufzuspüren und in Zusammenhang mit den somatischen Störungen zu betrachten. Belastende körperliche Symptome werden durch Physiotherapie erträglicher gemacht. Nur bei besonders schwerer Symptomatik finden Medikamente Anwendung. Es ist nicht immer möglich, sämtliche Symptome zu beseitigen. Deshalb ist es wichtig, den Betroffenen zu vermitteln, nicht jede wahrgenommene Körperfunktion gleich als Krankheitssymptom aufzufassen. Der Betroffene sollte ein Gefühl dafür entwickeln, dass Gesundheit nicht mit Beschwerdelosigkeit gleichzusetzen ist. Voraussetzung für die Behandlung im rehabilitativen Kontext ist das Vorliegen von Rehabilitationsbedürftigkeit und Rehabilitationsfähigkeit. Rehabilitationsbedürftigkeit besteht dann, wenn schwerwiegende Beeinträchtigungen des körperlichen und psychischen Funktionierens vorliegen, die ein gesundes Aktivitätsniveau und eine befriedigende Teilhabe an relevanten Bereichen des menschlichen Zusammenlebens (z.B. Rehabilitationsfähigkeit ist gegeben, wenn der Schweregrad psychischer und körperlicher Symptome bzw.
Therapieansätze im Überblick
- Psychotherapie: Kognitive Verhaltenstherapie, psychodynamische Therapie und andere Ansätze können helfen, dysfunktionale Denkmuster und Verhaltensweisen zu erkennen und zu verändern, Stress zu bewältigen und emotionale Konflikte zu lösen.
- Pharmakotherapie: Antidepressiva und angstlösende Medikamente können bei Begleiterkrankungen wie Depressionen und Angststörungen eingesetzt werden. Schmerzmittel sollten nur mit Vorsicht und unter ärztlicher Aufsicht verwendet werden.
- Physiotherapie und Bewegungstherapie: Diese Therapien können helfen, körperliche Beschwerden zu lindern, die Körperwahrnehmung zu verbessern und die körperliche Aktivität zu fördern.
- Entspannungstechniken: Progressive Muskelentspannung, autogenes Training, Yoga und andere Entspannungstechniken können helfen, Stress abzubauen und das vegetative Nervensystem zu beruhigen.
- Achtsamkeitstraining: Achtsamkeitstraining kann helfen, die Aufmerksamkeit auf den gegenwärtigen Moment zu lenken und die Akzeptanz von körperlichen Beschwerden zu fördern.
Interdisziplinäre Behandlung
Eine einseitige medizinische Behandlung somatoformer Störungen bleibt in der Regel erfolglos. Therapiert werden müssen auch die psychischen Faktoren, die die Störung verursachen und aufrechterhalten. Nach heutigen Erkenntnissen lassen sich Behandlungserfolge nur interdisziplinär erzielen, in der Praxis ist man davon jedoch noch weit entfernt. Nach wie vor sind Allgemeinmediziner und Fachärzte die erste Anlaufstelle für die Betroffenen. Psychotherapeuten werden meistens erst nach langem Störungsverlauf und fehlgeschlagenen Behandlungen hinzugezogen. Ein Umdenken wäre angebracht, denn an somatoformen Störungen haben psychische Aspekte einen erheblichen Anteil.
Umgang mit der Diagnose
Es ist nicht immer möglich, sämtliche Symptome zu beseitigen. Deshalb ist es wichtig, den Betroffenen zu vermitteln, nicht jede wahrgenommene Körperfunktion gleich als Krankheitssymptom aufzufassen. Der Betroffene sollte ein Gefühl dafür entwickeln, dass Gesundheit nicht mit Beschwerdelosigkeit gleichzusetzen ist.
Prognose
Je früher eine Somatisierungsstörung erkannt und behandelt wird, umso günstiger ist die Prognose. Eine Somatisierungsstörung entwickelt sich häufig zu einer chronischen Erkrankung. Das ist hauptsächlich darin begründet, dass oft Jahre vergehen, bis eine Störung richtig diagnostiziert wurde und mit der Behandlung begonnen werden kann.
Somatoforme Beschwerden mindern zwar nicht die Lebenserwartung, wohl aber die eigene Leistungsfähigkeit. Nicht selten führt die Erkrankung zu längeren Arbeitsunfähigkeiten und zu frühzeitigen Rentenantritten.
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Was Patienten selbst tun können
- Gesunde Lebensführung: Bewegung und Sport, gesunde Ernährung, eine feste Tagesstruktur und meditative Betätigung (beispielsweise im Rahmen von Tai Chi, Qigong, Yoga, Selbsthypnose oder autogenem Training).
- Beibehaltung beruflicher Tätigkeit: Wenn möglich, Vermeidung von Krankschreibungen.
- Verzicht auf Schonung und Passivität: Schonung ist eigentlich nur akzeptabel nach Operationen und Verletzungen, bei Infektionen und bei bösartigen Erkrankungen.
- Schlafhygiene: Auf die eigene Schlafhygiene zu achten oder die Schlafqualität zu optimieren, können Linderung verschaffen.
- Stressbewältigung: Die eigenen Anzeichen für zu viel Stress oder andere Belastungen gut zu kennen, vielleicht auch ein Stressbewältigungstraining zu besuchen.
- Beschäftigung mit Glückskonzepten: Den sogenannten „PERMA-Konzepten“. PERMA ist ein Akronym, bei dem jeder Buchstabe einen Teilaspekt von Glück repräsentiert: P=positive emotions, E=engagement, R= relationship, M=Meaning und A=accomplishment.
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