Epilepsie ist eine neurologische Erkrankung, von der etwa 1 von 100 Menschen in Deutschland betroffen sind. Charakteristisch sind wiederkehrende Anfälle, die das Leben der Betroffenen und ihrer Familien stark beeinträchtigen können. Konventionelle Therapien umfassen in der Regel die Einnahme von Medikamenten, die Anfälle unterdrücken sollen. Jedoch sind nicht alle Menschen mit Epilepsie ausreichend mit diesen Medikamenten zu behandeln, was den Wunsch nach alternativen oder ergänzenden Therapieansätzen verstärkt. In den letzten Jahren hat medizinisches Cannabis, insbesondere der Inhaltsstoff Cannabidiol (CBD), zunehmend an Aufmerksamkeit gewonnen. Dieser Artikel beleuchtet die verschiedenen Aspekte der Krampfanfallbehandlung mit Cannabis, einschliesslich Erfahrungen von Patienten, wissenschaftliche Erkenntnisse und rechtliche Rahmenbedingungen.
Konventionelle Behandlungsmethoden bei Epilepsie
Die medikamentöse Therapie ist die häufigste Behandlungsform bei Epilepsie. Ziel ist es, durch die Einnahme von Anfallssuppressiva (früher Antiepileptika oder Antikonvulsiva genannt) die Anfallshäufigkeit zu reduzieren oder idealerweise Anfallsfreiheit zu erreichen. Laut medizinischer Leitlinie werden etwa 50 % der Patienten mit dem ersten Medikament anfallsfrei, weitere 10-15 % mit dem zweiten. Insgesamt können etwa zwei Drittel der Betroffenen durch Medikamente eine gute Anfallskontrolle erreichen. Es ist jedoch wichtig zu beachten, dass diese Medikamente lediglich die Anfälle unterdrücken und nicht die Epilepsie selbst heilen. Zudem können Antiepileptika verschiedene Nebenwirkungen haben, die von Mensch zu Mensch unterschiedlich stark ausgeprägt sind.
Neben der dauerhaften medikamentösen Therapie gibt es auch Notfallmedikamente (Bedarfs- oder Akutmedikation), die bei einem Anfall oder einer Anfallsserie eingesetzt werden, um diese zu unterbrechen oder zu verkürzen. Ein Status epilepticus, ein Anfall der länger als 5 Minuten dauert, erfordert in der Regel den Einsatz von Notfallmedikamenten. Diese Medikamente sind in verschiedenen Formen erhältlich, wie z.B. Nasensprays, Spritzen, Tropfen, Zäpfchen oder Tabletten.
Bei etwa einem Drittel der Menschen mit Epilepsie führen Medikamente nicht zu einer ausreichenden Anfallskontrolle. In diesen Fällen spricht man von einer pharmakoresistenten Epilepsie. Hier können weitere Behandlungsoptionen in Betracht gezogen werden, wie z.B. eine Operation oder die Neurostimulation.
Eine Operation kommt nur bei fokal beginnenden Anfällen in Frage, d.h. Anfällen, die von einer bestimmten Stelle im Gehirn ausgehen. Es gibt verschiedene operative Verfahren, wie z.B. resektive Verfahren, bei denen der Anfallsherd entfernt wird, oder diskonnektive Verfahren, bei denen ein Teil des Gehirns vom Rest getrennt wird. Die Entscheidung für oder gegen eine Operation sollte sorgfältig abgewogen werden, da sie mit Risiken verbunden sein kann.
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Die Neurostimulation ist eine weitere Option für Menschen mit pharmakoresistenter Epilepsie. Dabei werden Elektroden ins Gehirn implantiert oder der Vagusnerv im Halsbereich stimuliert, um die Anfallsaktivität zu beeinflussen.
Ergänzende Verfahren wie Patientenschulungen, psychologische Betreuung und spezielle Diäten können die Behandlung von Epilepsie unterstützen und die Lebensqualität der Betroffenen verbessern.
Medizinisches Cannabis und CBD: Eine Einführung
Cannabis ist der lateinische Name der Hanfpflanze, die eine Vielzahl von Inhaltsstoffen enthält, darunter Tetrahydrocannabinol (THC) und Cannabidiol (CBD). THC ist für die berauschende Wirkung von Cannabis verantwortlich, während CBD keine psychoaktiven Effekte hat.
In der Medizin werden Cannabispräparate aufgrund ihrer potenziellen therapeutischen Wirkung bei verschiedenen Erkrankungen eingesetzt, darunter chronische Schmerzen, Muskelkrämpfe, Übelkeit und Appetitlosigkeit. Auch bei Epilepsie hat medizinisches Cannabis, insbesondere CBD, in den letzten Jahren an Bedeutung gewonnen.
CBD interagiert mit dem Endocannabinoid-System (ECS) des Körpers, einem komplexen Netzwerk von Rezeptoren und chemischen Signalen, das eine wichtige Rolle bei der Regulierung verschiedener Körperfunktionen spielt, darunter auch die neuronale Aktivität im Gehirn. Es wird angenommen, dass CBD durch verschiedene Mechanismen die Anfallsaktivität beeinflussen kann, wie z.B. durch die Modulation der elektrischen Aktivität im Gehirn, die Verringerung von Entzündungsreaktionen und den Schutz vor oxidativem Stress.
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CBD bei Epilepsie: Studienlage und Evidenz
Die wissenschaftliche Evidenz für die Wirksamkeit von CBD bei Epilepsie ist vielversprechend, aber noch nicht abschliessend. Es gibt jedoch Studien, die zeigen, dass CBD die Häufigkeit und Schwere von Anfällen reduzieren kann, insbesondere bei schweren Formen wie dem Dravet-Syndrom oder Lennox-Gastaut-Syndrom.
Eine israelische Studie aus dem Jahr 2022 untersuchte die Wirkung von CBD-reichem Cannabisöl bei Kindern und Jugendlichen mit schwer behandelbarer Epilepsie. Die Ergebnisse zeigten, dass bei 73,3 % der Patienten eine Verbesserung der Anfallshäufigkeit während der Behandlung festgestellt wurde. Eine amerikanische Studie aus dem Jahr 2019 untersuchte die Lebensqualität von Epilepsie-Patienten vor und nach einer einjährigen CBD-Behandlung. Die Ergebnisse zeigten, dass sich die Lebensqualität während der Einnahme von CBD verbesserte, was vor allem mit einer besseren Stimmung zusammenhing.
Es ist wichtig zu beachten, dass die Studienlage bei Erwachsenen mit Epilepsie noch dürftig ist und weitere Forschung erforderlich ist, um die Wirksamkeit von CBD in dieser Patientengruppe zu bestätigen.
In Europa ist ein CBD-basiertes Medikament namens Epidyolex zur Behandlung von therapieresistenten Epilepsieformen im Kleinkindalter zugelassen. Dieses Medikament wird in Form einer oralen Lösung verabreicht und die Dosierung wird individuell angepasst.
THC bei Epilepsie: Kontroverse und Risiken
Im Gegensatz zu CBD ist die Wirkung von THC bei Epilepsie umstritten. Während einige Studien einen krampflösenden Effekt von THC nahelegen, konnten andere Studien diese Wirkung nicht bestätigen oder kamen sogar zu dem Schluss, dass THC Krampfanfälle begünstigen könnte.
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Es gibt Berichte, dass THC bei manchen Menschen mit Epilepsie Anfälle auslösen oder verstärken kann. Daher wird THC in der Epilepsie-Therapie in der Regel nicht empfohlen.
Erfahrungen von Patienten mit CBD bei Epilepsie
Es gibt zahlreiche Berichte von Patienten mit Epilepsie, die positive Erfahrungen mit der Anwendung von CBD gemacht haben. Viele berichten von einer Reduktion der Anfallshäufigkeit und -schwere sowie einer Verbesserung ihrer Lebensqualität.
Eine 35-jährige Patientin mit therapieresistenter Epilepsie berichtete, dass sich ihre Anfallshäufigkeit nach Beginn einer Therapie mit Epidyolex um die Hälfte reduzierte.
Es ist jedoch wichtig zu beachten, dass die Erfahrungen von Patienten individuell unterschiedlich sein können und dass CBD nicht bei jedem wirkt. Zudem ist es wichtig, die Anwendung von CBD mit einem Arzt abzusprechen, um mögliche Risiken und Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten zu berücksichtigen.
Mögliche Nebenwirkungen und Wechselwirkungen von CBD
CBD gilt allgemein als gut verträglich, kann aber dennoch Nebenwirkungen verursachen. Zu den häufigsten Nebenwirkungen gehören Müdigkeit, Schläfrigkeit, Appetitverlust, Durchfall und Veränderungen der Leberwerte.
CBD kann auch Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten haben, insbesondere mit Antiepileptika wie Clobazam oder Valproat. CBD kann die Blutspiegel dieser Medikamente erhöhen, was zu verstärkten Nebenwirkungen führen kann. Daher ist es wichtig, regelmäßige Kontrollen der Leberwerte und Medikamentenspiegel durchführen zu lassen.
Rechtliche Aspekte und Kostenübernahme von medizinischem Cannabis
In Deutschland ist medizinisches Cannabis seit 2017 legal und kann von Ärzten verschrieben werden. Die Kosten für medizinisches Cannabis werden in der Regel von den Krankenkassen übernommen, wenn bestimmte Voraussetzungen erfüllt sind. Dazu gehört, dass eine schwerwiegende Erkrankung vorliegt, die sich nicht ausreichend mit anderen Therapien behandeln lässt.
Seit April 2024 ist Cannabis für Erwachsene zu Genusszwecken teilweise legal. Dies beinhaltet den erlaubten Eigenanbau, Besitz und Konsum geringer Mengen bzw. den Erwerb als Mitglied eines Cannabis-Social-Clubs. Menschen mit Epilepsie sollten die Anwendung von Cannabis jedoch unbedingt vorher mit ihrem behandelnden Neurologen absprechen, da es zu unerwünschten Wechselwirkungen oder Nebenwirkungen kommen kann.
Die Kosten für CBD-Medikamente wie Epidyolex können sehr hoch sein und monatlich 2000-3000 Euro betragen. Die Kostenübernahme durch die Krankenkassen ist möglich, erfordert aber einen Antrag mit ärztlicher Begründung.
CBD-Öl und andere CBD-Produkte: Was ist zu beachten?
Auf dem Markt sind zahlreiche CBD-Öle und andere CBD-Produkte erhältlich, die frei verkäuflich sind. Es ist jedoch wichtig zu beachten, dass diese Produkte nicht standardisiert und nicht medizinisch geprüft sind. Daher können sie unwirksam oder sogar schädlich sein.
Bei frei verkäuflichen CBD-Produkten ist oft nicht klar, wie viel CBD tatsächlich enthalten ist und ob sie Verunreinigungen enthalten. Zudem können sie auch THC enthalten, was bei Menschen mit Epilepsie unerwünschte Wirkungen hervorrufen kann.
Es ist daher ratsam, CBD-Produkte nur auf ärztliche Empfehlung hin zu verwenden und auf Produkte auszuweichen, die von hoher Qualität sind und einen zertifizierten CBD-Gehalt aufweisen.
Fazit: CBD als vielversprechende Option, aber keine Wunderlösung
Medizinisches Cannabis, insbesondere CBD, bietet eine vielversprechende Option für Menschen mit Epilepsie, insbesondere für diejenigen, bei denen konventionelle Therapien nicht ausreichend wirken. CBD kann die Häufigkeit und Schwere von Anfällen reduzieren und die Lebensqualität verbessern.
Es ist jedoch wichtig zu beachten, dass CBD keine Wunderlösung ist und nicht bei jedem wirkt. Zudem kann es Nebenwirkungen und Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten geben. Daher ist es wichtig, die Anwendung von CBD mit einem Arzt abzusprechen und sich umfassend beraten zu lassen.
Die Forschung zu CBD bei Epilepsie ist noch nicht abgeschlossen und weitere Studien sind erforderlich, um die Wirksamkeit und Sicherheit von CBD in verschiedenen Patientengruppen zu bestätigen.