Die Spastik, auch bekannt als spastische Lähmung oder spastische Parese, ist eine häufige Bewegungsstörung bei Kindern, die durch eine erhöhte Muskelspannung gekennzeichnet ist. Sie kann verschiedene Ursachen haben, darunter Schlaganfall, Hirnverletzungen und Zerebralparese. Dieser Artikel beleuchtet die Ursachen, Symptome, Diagnose und Behandlungsmöglichkeiten der Spastik bei Kindern.
Einführung in die Spastik
Spastik leitet sich vom griechischen Wort "spasmós" ab und bedeutet Krampf. Medizinisch gesehen handelt es sich um eine krankhafte Erhöhung der Muskelspannung (Muskeltonus) aufgrund einer Schädigung des zentralen Nervensystems (ZNS). Die spontane unkontrollierbare Muskelaktivität führt zu dauerhaften Fehlstellungen von Gelenken in Armen und Beinen und damit verbundenen Bewegungseinschränkungen, der sogenannten spastischen Lähmung.
Ursachen der Spastik bei Kindern
Eine Spastik wird ausgelöst, wenn das zentrale Nervensystem (ZNS) so geschädigt ist, dass Nervenbahnen zwischen Gehirn und Rückenmark betroffen sind, die unsere Bewegungen steuern. Die Schädigung des Gehirns oder des Rückenmarks kann zahlreiche Ursachen haben, z. B.:
- Schlaganfall (Hirninfarkt)
- Hirnblutung
- Schädel-Hirn-Trauma
- Multiple Sklerose
- Zerebralparese (ICP)
- Hirntumor
- Verletzungen oder Tumore im Gehirn oder Rückenmark
- Chronisch-entzündliche Erkrankungen
- Akute oder chronische Entzündungen im Bereich des Zentralnervensystems
- Frühgeburtlichkeit (Hirnblutung oder periventrikuläre Leukomalazie)
- Perinatale Asphyxie
- Konnatale Mediainfarkt oder Hirnfehlbildungen
- Mutationen in Kollagen-IV-Genen (COL4A1 o. COL4A2)
Die Spastik kann zeitnah oder mit einer Verzögerung von Wochen oder Monaten nach der eigentlichen Schädigung des Zentralnervensystems auftreten.
Zerebralparese als häufigste Ursache
Die Zerebralparese (ICP) ist eine der häufigsten Ursachen für Spastik bei Kindern. Sie ist eine lebenslange Erkrankung, die Bewegung oder Koordination beeinträchtigt. Die häufigste Ursache einer Zerebralparese sind Probleme, die die Entwicklung des Gehirns des Babys im Mutterleib beeinträchtigt. Zwar ist dies weniger häufig der Fall, aber eine Zerebralparese kann auch durch eine Schädigung des Gehirns des Babys während oder kurz nach der Geburt verursacht werden.
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Es gibt eine Reihe von Risikofaktoren, die die Wahrscheinlichkeit einer Zerebralparese erhöhen können. Es ist jedoch wichtig zu wissen, dass diese Risikofaktoren nicht unbedingt zu einer Erkrankung führen.
Symptome der Spastik
Die Symptome einer spastischen Lähmung sind abhängig davon, welche Bereiche im Gehirn betroffen sind und wie stark diese in Mitleidenschaft gezogen wurden. Sie reichen von leichten Bewegungsbeeinträchtigungen bis hin zu starken körperlichen Einschränkungen. Aufgrund der Schädigung steigt die Muskelspannung (Muskeltonus) in der betroffenen Region, sodass sich die Muskeln versteifen, die Bewegungsfähigkeit eingeschränkt ist und Muskelreflexe leichter ausgelöst werden können. Weitere mögliche Symptome sind:
- Erhöhter Muskeltonus der Extremitäten mit Klappmesserphänomen
- Gesteigerte Muskeleigenreflexe mit verbreiterten Reflexzonen
- Kloni
- Positives Babinski-Zeichen
- Koordinationsstörungen
- Probleme beim Schlucken und Sprechen
- Schielen und Doppelbildsehen
- Schmerzen und / oder Sensitivitätsstörungen
- Halbseitige schlaffe Lähmung (häufig bei Spastik nach Schlaganfall)
- Eingeschränkte Beweglichkeit und teils bizarre Fehlhaltungen der Gelenke
- Armspastik (äußert sich an den Schulter- sowie Ellbogen-, Hand- und Fingergelenken)
- Gebeugte Zehen
Die Symptome der Spastik können unterschiedlich stark ausgeprägt sein. Verschiedene Betroffene können daher ähnliche Symptome aufweisen, aber völlig andere Einschränkungen in ihrem Alltag erleben. Eine individuelle Betrachtung der Symptome einer spastischen Lähmung ist somit unerlässlich.
Formen der Spastik
Je nach Ausmaß der Spastik teilt der Arzt die Spastik in verschiedene Formen ein:
- Fokale Spastik: Die Spastik ist auf eine einzelne Körperregion, beispielsweise das Handgelenk, den Fuß oder die Zehen, begrenzt.
- Multifokale Spastik: Die Spastik betrifft zwei oder mehrere Gliedmaßen oder Körperregionen, die nicht dicht beieinanderliegen, zum Beispiel Arm und Bein.
- Generalisierte Spastik: Die Spastik betrifft den ganzen Körper.
- Hemispastik: Von der Lähmung sind sowohl ein Bein als auch ein Arm einer Körperseite betroffen.
- Tetraspastik: Von der Lähmung sind beide Beine und Arme betroffen. Je nach Ausprägung können auch die Hals- und Rumpfmuskulatur betroffen sein.
Diagnose der Spastik
Zur Diagnose einer Spastik untersucht der Arzt den Patienten zunächst körperlich. Zusätzlich wird er wahrscheinlich einige neurologische Tests durchführen und bildgebende Verfahren (z. B. CT, MRT) anwenden. Der Muskeltonus (Messung des Grades der Anspannung der Muskulatur z.B. Die SchmerzintensitätDie Informationen helfen dem Arzt bei der Diagnosestellung und Planung der anschließenden Therapiemaßnahmen, um die Spastik zu lösen. Ferner kann anhand von Bewertungsskalen das Ansprechen auf die Behandlung beurteilt und nachverfolgt werden.
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Die Ashworth-Skala (nach Ashworth 1964) bzw. die modifizierte Ashworth-Skala (nach Bohannon und Smith 1987) ist eine gebräuchliche Methode zur Beurteilung der Spastizität von Muskeln.
Um die Ausprägung der spastischen Lähmung bei Ihrem Kind genauer bestimmen zu können, nutzen wir auch bildgebende Diagnoseverfahren. Dazu stehen uns die strahlungsarme digitale Volumentomografie (DVT) sowie die Magnetresonanztomografie (MRT) zur Verfügung. Darüber hinaus können wir mithilfe der Elektromyografie (EMG) die Muskelaktivität bei Ihrem Kind messen und feststellen, ob die Erkrankung vom Muskel (Myopathie) oder dem zugehörigen Nerv (Neuropathie) ausgeht. Störungen von Nerven außerhalb von Gehirn und Rückenmark (periphere Nerven) können wir anhand einer Elektroneurografie (ENG) untersuchen.
Behandlungsmöglichkeiten der Spastik bei Kindern
Spastik kann nicht geheilt werden, aber sie kann behandelt werden. Die Prävention ist sehr wichtig, um größere Störungen wie dauerhafte Kontrakturen oder Knochendeformationen zu vermeiden. Im Mittelpunkt der Behandlung steht eine multidisziplinäre Therapie aus unterschiedlichen medizinischen, orthopädischen und therapeutischen Ansätzen. Die Infantile Zerebralparese ist nicht heilbar, doch je nach Ausprägung können durch eine kombinierte Behandlung große Fortschritte erzielt werden.
Für die betroffenen Kinder ist es das Beste, wenn sie ab der Diagnosestellung, also im frühesten Baby- und Kleinkindalter bis zu ihrem 18.Lebensjahr und darüber hinaus von einem Team an Ärzten, Therapeuten und Orthopädietechnikern begleitet und betreut werden. Grundsätzlich wird versucht, Fehlstellungen möglichst frühzeitig zu korrigieren.
Konservative Maßnahmen
Bei der konservativen Therapie werden sowohl Medikamentengabe als auch Ergotherapie, Logopädie, Krankengymnastik, Physiotherapie, neurophysiologische Therapien (Vojta, Bobath, Castillo Morales, Petö …), Schienen- und Orthesenbehandlung, Rollstuhlversorgung, Korsett und GPS-Orthese, Botulinumtoxin und Redressionsgipsbehandlung einbezogen. Die Maßnahmen sollten so früh wie möglich beginnen.
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- Physiotherapie: Besonders wichtig ist die passive Muskelstreckung zusätzlich zur ausgewählten Standardtherapie.
- Ergotherapie:
- Logopädie:
- Neurophysiologische Therapien: (Vojta, Bobath, Castillo Morales, Petö …)
- Orthesen: Eine Lähmung ausgleichen und günstige Effekte auf die Muskelspannung und Muskellänge haben Schienen, Splints, Verbände (Casts) und Orthesen.
- Elektrostimulation: Elektrostimulation aktiviert über angeklebte Elektroden auf der Haut Nerven und Muskelfasern mit kleinen Strömen (transkutane elektrische Nervenstimulation, TENS). Hier gibt es positive Effekte auf Spastik und den Bewegungsumfang (ROM). Auch die funktionelle Elektrostimulation (FES) für Bewegungen, die vom Patienten ganz oder teilweise selbst ausgeführt werden (z.B. Greifen und Hantieren, Gehen), kann neben der Verbesserung motorischer Funktionen einen Spastik-mindernden Effekt aufweisen. Günstige Auswirkungen auf die Spastik wurden zudem mittels Oberflächenelektrostimulation des Rückenmarks bzw.
- Robotik: Für die Therapie von Standsicherheit, Gang, Treppensteigen oder der Arm-Hand-Funktion sieht man vielversprechende Verbesserungen bei einer Spastik durch den Einsatz von Robotern.
- Medikamentöse Behandlung: Die Verabreichung von verschriebenen Medikamenten wie Baclofen, Benzodiazepinen, Dantrolen oder Tizanidin. Obwohl diese Therapie wirksam ist, hat sie verschiedene Nebenwirkungen, wie Schläfrigkeit, Übelkeit oder Müdigkeit.
- Dantrolen bewirkt Muskelentspannung durch Hemmung der Freisetzung von Kalziumionen im Muskel.
- Sativex® ist ein Spray für die Mundhöhle und ausschließlich für die bei Multipler Sklerose auftretende spastische Tonuserhöhung zugelassen.
- Botulinumtoxin A (BoNT): BoNT wird bei einer Überaktivität von Muskeln angewendet, also auch zur Behandlung einer Spastik. Es lässt Muskeln für eine bestimmte Zeit erschlaffen, indem es die Übertragung vom Nerv auf den Muskel für einige Wochen bis Monate blockiert. Sowohl im Hinblick auf die Nebenwirkungen einer oralen Therapie, als auch im Hinblick auf die Wirksamkeit ist eine BoNT-Behandlung Tabletten und Spray überlegen und mindert zudem Schmerzen, die von der Spastik herrühren. Schließlich mehren sich Daten, dass sich eine Spastik nach Schlaganfall durch eine frühzeitige Injektion in reduzierter Dosis vermeiden lässt.
- Redressionsgipsbehandlung: Durch das Anlegen von Casts kann schrittweise ein eingeschränkter Bewegungsumfang wieder ausgedehnt werden.
Operative Behandlung
Bei komplexen Deformitäten, Kontrakturen und Fehlstellungen der Extremitäten, können zusätzlich knöcherne Operationsverfahren indiziert sein. Sie dienen der Korrektur bzw. Stabilisierung der Hebelarme und der anatomischen Rekonstruktion der Gelenkstellung. Sobald eine ausreichende knöcherne Stabilität erreicht ist, wird in der Nachbehandlung eine zügige therapeutische Beübung und Aufbelastung/Remobilisierung angestrebt. Die einzelnen Prozeduren werden je nach Befund als Mehretageneingriff an oberer und unterer Extremität durchgeführt.
- Knöcherne Operationsverfahren:
- Dorsale Rhizotomie oder Eingriffe in der Eintrittszone der Hinterwurzel ins Rückenmark: Durch sie können ausgeprägte Fehlhaltungen vermieden werden und damit verbundene Pflegehemmnisse, hygienische Probleme und Komplikationen wie Kontrakturen oder Hautläsionen.
- Selektive Neurotomy: Nach Versagen der Standardtherapieverfahren und damit verbundenen Schmerzen können in weiteren chirurgischen Verfahren bestimmte Stellen eines Nerven durchtrennt werden (motorische Endäste, z.B. Nervus tibialis bei spastischem Spitzfuß, „pes equinus“).
- Verlängerung der Achillessehnen: Verkürzte Achillessehnen lassen sich durch eine Operation verlängern. Hierzu stehen verschiedene chirurgische Verfahren zur Verfügung. Welches hier zum Einsatz kommt hängt vom Alter der Behandelten und vom genauen Krankheitsbild ab.
Aggressive Therapie
Eine aggressive Therapie bedeutet, dass man nicht wartet bis ein Schaden eingetreten ist, sondern bereits frühzeitig operiert. Über kleinere Eingriffe können so Gelenke wie Hüfte, Knie oder Sprunggelenk gar nicht erst in eine Fehlstellung kommen. Auch wenn Therapeuten manchmal empfehlen länger mit einem Eingriff zu warten, hat es sich gezeigt, dass häufig ein früherer, kleinerer Eingriff besser für das betroffene Kind ist, als ein späterer Eingriff, der mit vielen Deformitätskorrekturen verbunden ist.
Positionierung und Rollstuhlanpassung
Die Positionierung von Gliedmaßen kann eine wesentliche Rolle bei der Hemmung spastischer Reaktionen spielen, da sie gezielt die Muskelspannung beeinflusst und dadurch die Spastik mindern kann. Das Prinzip dahinter beruht darauf, dass sich ein Muskel bei Kontraktion in einen „Muskelbauch“ zusammenzieht, wie es etwa bei einem angespannten Bizeps sichtbar wird. Durch gezielte Streckung wird dieser Muskelbauch minimiert, was eine Kontraktion erschwert und spastische Reaktionen hemmt.
Dieses Prinzip lässt sich gezielt in der Konfiguration eines Rollstuhls anwenden, insbesondere zur Hemmung von Streckspastiken in den Beinen. Beispielsweise kann ein enger Beinwinkel von etwa 88° bis 92° (anstatt der üblichen 100°) gewählt werden, manchmal ist hier auch eine zusätzliche Rahmenkröpfung sinnvoll. Auch zur Hemmung von Hüftstreckerspastiken kann die Rollstuhlanpassung beitragen. Ein reduzierter Sitzwinkel (z. B. eine Sitzneigung von 5-10°) kombiniert mit einem nach vorne geneigten Rückenwinkel (einstellbar auf unter 90°) kann die Spastik wirksam hemmen. Darüber hinaus können spezielle Positionierungskissen zur Regulierung des Muskeltonus beitragen, indem sie eine anatomisch unterstützende Sitzhaltung fördern.
Studien zeigen, dass eine optimierte Positionierung der Gliedmaßen nicht nur die Spastik reduzieren, sondern auch die allgemeine Mobilität und Stabilität der Betroffenen verbessern kann.
Vorbeugung eines Spitzfußes
Auch wenn sich der habituelle Zehenspitzengang meist von selbst legt, sollten Kinder möglichst früh lernen, mit den Füßen beim Gehen normal abzurollen, um das Risiko eines Spitzfußes zu verringern und damit eine Achillessehnenverkürzung und mögliche Haltungsschäden zu vermeiden. Wenn Eltern bei ihren Kindern also ein dauerhaftes auffälliges Laufverhalten beobachten, ist es ratsam, dies mit dem Kinderarzt oder der Kinderärztin zu besprechen, ob eine Physiotherapie oder bestimmte Bewegungsübungen notwendig sind.
In der Pflege ist es wichtig, durch Bewegung - soweit es möglich ist - den Fuß zu belasten und einer Sehnenverkürzung vorzubeugen. Hier kann auch schon Fußgymnastik im Bett helfen. Außerdem ist darauf zu achten, dass die Füße beim Liegen nicht durch schwere Decken zu stark heruntergedrückt werden. Spezielle Keile oder Kissen zur Fußentlastung sind oft hilfreich.