Epilepsie und Schwangerschaft stellen besondere Herausforderungen dar. Spezialisierte Kliniken bieten umfassende Betreuung vor, während und nach der Geburt, um die Gesundheit von Mutter und Kind bestmöglich zu gewährleisten. Dieser Artikel beleuchtet die verschiedenen Aspekte der Versorgung von Schwangeren mit Epilepsie und stellt einige führende Einrichtungen in Deutschland vor.
Einleitung
Viele Frauen mit Epilepsie wünschen sich ein Kind, sind aber unsicher, ob ihre Erkrankung für sie selbst oder ihr Kind mit besonderen Risiken einhergeht. Durch die verbesserten Behandlungsbedingungen sind die meisten epilepsiekranken Frauen heute in der Lage, ein ganz normales Leben mit unwesentlichen oder nur leichten Einschränkungen zu führen - auch wenn sie nicht frei von Anfällen sind und wenn sie Medikamente zur Anfallskontrolle einnehmen müssen. Es gibt in der Regel keinen Grund, warum eine Frau mit Epilepsie keine Kinder bekommen sollte. Um mögliche Risiken durch die Anfälle oder die Behandlung zu verringern, sollte eine Schwangerschaft idealerweise geplant werden.
Spezialisierte Einrichtungen in Deutschland
Perinatalzentrum Bielefeld (EvKB)
Das Perinatalzentrum Bielefeld am Evangelischen Krankenhaus Bielefeld (EvKB) bietet eine hervorragend geführte, moderne und komfortable Frauenklinik. Es ist weit über Bielefelds Grenzen hinaus bekannt für sein breites Spektrum an medizinischen und begleitenden Angeboten für Patientinnen und Patienten. Auf Komplikationen bei der Geburt kann das Zentrum mit allen bekannten Geburtshilfeverfahren reagieren und bringt nötigenfalls Ihr Kind per Kaiserschnitt zur Welt. Die Frauenklinik im Haus Gilead I ist verlässliche Ansprechpartnerin für Schwangere und ihre Angehörigen in der Zeit vor, während und nach der Geburt. Durch die Anbindung der Kinderchirurgie können sofort nach der Geburt zu behandelnde angeborene Fehlbildungen oder akute Entzündungen des Verdauungstrakts sofort operiert werden.
Ruhr-Epileptologie (Knappschaft Kliniken Universitätsklinikum Bochum)
Die Ruhr-Epileptologie ist das größte Epilepsie-Referenzzentrum der Metropolregion Ruhr. Es bietet für Patient*innen ab 16 Jahre das gesamte Spektrum der Epileptologie, von der Differentialdiagnose anfallsartiger Ereignisse bis hin zur prächirurgischen Epilepsiediagnostik und Epilepsiechirurgie. Besondere Situationen wie Schwangerschaftswunsch/Schwangerschaft werden berücksichtigt. Durch die Angliederung an die Klinik für Neurologie der Knappschaft Kliniken Universitätsklinikum Bochum können Überlappungen von Epilepsien mit anderen neurologischen Erkrankungen interdisziplinär auf höchstem Niveau behandelt werden.
Epilepsiezentrum Freiburg (Universitätsklinikum Freiburg)
Das Epilepsiezentrum am Universitätsklinikum Freiburg ist ein Zentrum der Maximalversorgung in Deutschland. Es bietet für Epilepsien und insbesondere für seltene Epilepsieformen eine umfassende multimodale Diagnostik zu differentialdiagnostischen Zwecken sowie spezifische Diagnostikprogramme zur Planung spezieller Therapien. Therapeutisch werden neben medikamentösen Behandlungsverfahren spezifische Therapieverfahren einschl. Das Epilepsiezentrum ist anerkanntes Zentrum der Deutschen Gesellschaft für Epileptologie und hat einen Schwerpunkt im Bereich Epilepsiechirurgie.
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Epilepsie-Zentrum Hamburg
In der Spezialambulanz für Anfalls-Leiden des Epilepsie-Zentrums Hamburg werden Patienten in besonderen Lebenssituationen (z.B. geplante Schwangerschaft) und bei Therapieresistenz sowie nach einem stationären Aufenthalt betreut und beraten. Dabei wird u.a. überprüft, ob die Medikation verbessert werden kann oder ob andere Therapieformen (z.B. Epilepsie-Chirurgie, Stimulationsverfahren) möglich sind.
Epilepsiekliniken im Epilepsie-Zentrum Bethel
Wenn es um Diagnostik, Therapie und Beratung anfallskranker Menschen geht, zählen die Epilepsiekliniken im Epilepsie-Zentrum Bethel zu den ersten Adressen. Das Behandlungsspektrum der Epilepsiekliniken für Kinder und Erwachsene reicht von der differenzierten medikamentösen Therapie über Psycho- und Verhaltenstherapie bis hin zur operativen Behandlung (Epilepsie-Chirurgie). Betroffenen und deren Angehörigen steht ein Team aus den Fachrichtungen Medizin, Psychologie, Sozialarbeit, Sport- und Ergotherapie, Heilpädagogik, Schule und Seelsorge zur Seite. Die Fachlichkeit im Epilepsie-Zentrum Bethel ist geprägt von einem ganzheitlichen Ansatz. Nicht nur die Diagnostik und Behandlung der Anfälle und Epilepsien sind im Blickpunkt, sondern die betroffenen Menschen werden in ihren individuellen Lebensbezügen gesehen und unterstützt.
Vivantes Humboldt-Klinikum (Berliner Epilepsiezentrum)
Das Team der Klinik für Neurologie im Vivantes Humboldt-Klinikum besteht aus qualifizierten Ärztinnen und Ärzten, Pflegekräften sowie Therapeutinnen und Therapeuten und behandelt Patientinnen und Patienten mit Erkrankungen aus dem gesamten Spektrum der Neurologie und ist auch besonders spezialisiert auf Schwangere mit Epilepsie. Viele Frauen mit Epilepsie wünschen sich ein Kind, sind aber unsicher, ob ihre Erkrankung für sie selbst oder ihr Kind mit besonderen Risiken einhergeht. Es gibt in der Regel keinen Grund, warum eine Frau mit Epilepsie keine Kinder bekommen sollte.
Mannheimer Epilepsiezentrum
Das Mannheimer Epilepsiezentrum behandelt Patient:innen mit Anfallserkrankungen ambulant und stationär und verfügt über modernste diagnostische Verfahren einschließlich Video-EEG-Monitoring, spezialisierten MRT-Techniken (z. B. funktionelle MRT), PET und Neuropsychologie. Die Behandlung richtet sich nach den Prioritäten der zu behandelnden Person und ihrer besonderen Situation, sei es ein erster Anfall, eine therapierefraktäre Epilepsie, Schwangerschaft, Alter, nichtepileptische Anfälle oder Evaluation eines epilepsiechirurgischen Eingriffs.
Epilepsiezentrum Aachen (Uniklinik RWTH Aachen)
Seit Januar 2021 verfügt die Uniklinik RWTH Aachen mit dem „Epilepsiezentrum Aachen“ über eine zusätzliche hochspezialisierte Behandlungsstruktur. Seit 2024 ist das Zentrum ein durch die Deutsche Gesellschaft für Epileptologie (DGfE) anerkanntes Epilepsiezentrum. Das Zentrum verfügt in der Patientenversorgung über folgende klinischen Schwerpunkte:
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- Prächirurgische Diagnostik und Epilepsiechirurgie für Erwachsene und Jugendliche.
- Differentialdiagnostik (Abgrenzung zu nicht-epileptischen Anfällen)
- Klinisch integrierte Beratung von Patienten genetisch bedingter Epilepsien.
- Beratung und Behandlung von Patientinnen mit Epilepsie hinsichtlich Kontrazeption und Schwangerschaft.
- Behandlung von Patienten mit psychogenen nicht-epileptischen Anfällen im Erwachsenen- sowie Kindes- und Jugendalter.
- Ketogene Diät
- Behandlung von Epilepsiepatienten mit Mehrfachbehinderung
Epilepsie: Grundlagen und Auswirkungen
Epilepsien sind Erkrankungen des Gehirns, die durch spontan auftretende epileptische Anfälle gekennzeichnet sind. Jeder Mensch kann einen epileptischen Anfall erleiden - im Laufe des Lebens beträgt die Wahrscheinlichkeit etwa 5 %. Epilepsien sind chronische Erkrankungen, bei denen das Gehirn dazu neigt, spontan epileptische Anfälle auszulösen. Während solcher Anfälle ist die Großhirnrinde ganz oder teilweise übererregt, wodurch für kurze Zeit (10 Sekunden bis 2 Minuten) die Kontrolle über Bewusstsein, Bewegungen, Empfindungen oder andere Körperfunktionen beeinträchtigt sein kann.
Es gibt verschiedene Formen epileptischer Anfälle und auch verschiedene Arten von Epilepsien. Fokale Anfälle entstehen an einem bestimmten Punkt im Gehirn, generalisierte Anfälle hingegen in beiden Hirnhälften gleichzeitig. Manche Anfälle können nur von der Patientin oder von dem Patienten selbst wahrgenommen werden (Auren), andere gehen mit Bewusstseinsstörung, Muskelzuckungen und / oder Stürzen einher (z. B. Grand-Mal-Anfälle).
Planung der Schwangerschaft bei Epilepsie
Für Frauen mit Epilepsie ist die Planung der Schwangerschaft besonders wichtig, um die Therapie bereits im Vorfeld im Hinblick auf die Anfallskontrolle und das Fehlbildungsrisiko zu optimieren und damit die Risiken für Mutter und Kind in der Schwangerschaft zu minimieren.
Medikamentöse Therapie
Prinzipiell gehen alle Antiepileptika mit einem erhöhten Fehlbildungsrisiko einher. Insgesamt liegt die Rate großer Fehlbildungen bei den Kindern antiepileptisch behandelter Patientinnen mit Epilepsie bei ca. 6 % im Vergleich zu 2 - 4 % in der Normalbevölkerung. Die Auswahl der Antiepileptika wird Ihr Arzt in erster Linie nach der Art Ihrer Epilepsie treffen. Anzustreben ist eine verträgliche Monotherapie (Behandlung mit nur 1 Medikament) mit einer möglichst niedrigen Tagesdosis. Eine Therapie mit verschiedenen Antiepileptika sollte, wenn es möglich ist, vermieden werden. Bei anhaltender Anfallsfreiheit kann man mit dem Arzt besprechen, ob die Medikamente vorsichtig reduziert oder abgesetzt werden können. Es scheint für das Kind günstiger zu sein, wenn der Medikamentenspiegel möglichst wenig schwankt.
Medikamentöse Wechselwirkungen einiger Antiepileptika mit oralen Kontrazeptiva können zum Wirkungsverlust der Pillenpräparate führen. Nach aktuellem Kenntnisstand wird die orale Kontrazeption bei gleichzeitiger Behandlung mit einigen bestimmten antiepileptischen Präparaten als zuverlässig eingeschätzt, aber auch bei diesen Präparaten sollte die kontrazeptive Sicherheit durch Einnahme einer monophasischen, gestagen-betonten Pille mit einer Gestagendosis deutlich über der sogenannte Ovulationshemmdosis im Ultralangzyklus (also ohne einwöchige Einnahmepause) erhöht werden. Gegebenenfalls ist auch eine Dosisanpassung des Antiepileptikums sinnvoll.
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Erblichkeit
Das Risiko der Nachkommen aller Patienten mit Epilepsie, ebenfalls an einer Epilepsie zu erkranken, liegt bei 3 - 5 % und ist damit im Vergleich zur Allgemeinbevölkerung (1 - 2 %) etwa doppelt so hoch. Die einzelnen Epilepsieformen unterscheiden sich jedoch z. T. erheblich in ihrem Vererbungsrisiko. Nur sehr seltene Epilepsiesyndrome (< 1 % aller Epilepsien) unterliegen einer monogenen Vererbung im Sinne klassischer "Erbkrankheiten", bei denen die Erkrankung auf einen einzelnen Gendefekt zurückgeführt wird. Bei ca. 40 % der Epilepsien, u.a. den sogenannten idiopathischen Epilepsien, geht man davon aus, dass eine Kombination verschiedener genetischer Merkmale zur Manifestation der Erkrankung beiträgt. Die exakte genetische Architektur dieser Epilepsien ist jedoch größtenteils ungeklärt. In den übrigen Fällen werden äußere Einflussfaktoren, d. h. im Laufe des Lebens erworbene Hirnläsionen bzw.
Viele Menschen mit Epilepsie überschätzen die Erblichkeit der Erkrankung. In der Regel ist die Beratung zum Vererbungsrisiko durch den behandelnden Neurologen ausreichend. Mit wenigen Ausnahmen sind Epilepsien keine Erbkrankheiten im engeren Sinne. 3% bis 5% aller Kinder von epilepsiekranken Frauen oder Männern entwickeln selber eine Epilepsie (mit höherer Wahrscheinlichkeit eine gutartige, relativ leicht behandelbare Epilepsie), weil sich über die Gene zwar nicht die Krankheit, wohl aber eine Bereitschaft, in bestimmten Situationen Anfälle zu entwickeln, übertragen kann. Da allerdings auch 1% aller Kinder, deren Eltern keine Epilepsie haben, im Laufe ihres Lebens an Epilepsie erkrankt, ist das Risiko nur leicht erhöht. Mehr als 95% der Kinder epilepsiekranker Eltern erkrankt nicht an einer Epilepsie.
Allgemeine Aspekte der Epilepsiebehandlung
Epilepsien sind zwar meistens nicht heilbar (sodass die erhöhte Bereitschaft zu epileptischen Anfällen verschwände), aber durchaus gut behandelbar (sodass die Anfälle unterdrückt werden). Hierzu ist es in der Regel notwendig, dauerhaft spezielle Medikamente (Antiepileptika) einzunehmen. Zwei Drittel aller Patientinnen und Patienten werden mit einem niedrig dosierten Medikament anfallsfrei.
Neben den rein medizinischen Aspekten kann eine Epilepsie Auswirkung auf viele andere Lebensbereiche einer Patientin oder eines Patienten haben, beispielsweise auf die Kraftfahrzeug-Fahrtüchtigkeit, das Berufsleben oder die Familienplanung. Hierzu beraten die Spezialambulanzen umfassend und leiten sie gegebenenfalls an andere Anlaufstellen weiter.
Forschung und Innovation
Die Forschung im Bereich Epilepsie ist vielfältig und reicht von den Ursachen über die Therapiemöglichkeiten bis zum Einfluss der Epilepsie auf das Leben der Betroffenen. Viele Einrichtungen bieten regelmäßig Fort- und Weiterbildungen mit Vorträgen renommierter Experten und Expertinnen an.
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