Alkoholismus ist ein komplexes Problem, das weit über den bloßen Konsum von Alkohol hinausgeht. Er betrifft nicht nur den Körper, sondern auch die Psyche und das Nervensystem. Viele Menschen greifen zu Alkohol, um Stress, Angst oder andere negative Gefühle zu betäuben. Doch dieser vermeintliche Ausweg kann schnell in eine Abhängigkeit führen, die schwerwiegende Folgen hat.
Alkohol und das Nervensystem: Eine gefährliche Beziehung
Alkohol wirkt sich auf verschiedene Neurotransmitter im Gehirn aus, darunter GABA, Dopamin und Glutamat. Diese Veränderungen führen zu einer kurzfristigen Beruhigung, können aber auch die Balance im Gehirn stören.
- GABA (Gamma-Aminobuttersäure): Alkohol verstärkt die Wirkung von GABA, einem Neurotransmitter, der beruhigend wirkt. Dies führt zu Entspannung und verminderter Angst.
- Dopamin: Alkohol setzt Dopamin frei, ein Neurotransmitter, der mit Belohnung und Freude verbunden ist. Dies kann zu einem Gefühl der Euphorie und des Wohlbefindens führen.
- Glutamat: Alkohol blockiert die Wirkung von Glutamat, einem Neurotransmitter, der erregend wirkt. Dies trägt ebenfalls zur beruhigenden Wirkung bei.
Diese Veränderungen im Nervensystem können dazu führen, dass sich Menschen kurzfristig besser fühlen. Allerdings sind die Effekte nur von kurzer Dauer. Langfristig kann Alkoholkonsum die Balance der Neurotransmitter im Gehirn stören und zu Angstzuständen, Depressionen und anderen psychischen Problemen führen.
Die dunkle Seite des Alkohols: Serotoninmangel und Sucht
Ein besonders problematisches Verhältnis besteht zwischen Alkohol und Serotonin. Serotonin ist ein Botenstoff, der eine wichtige Rolle bei der Stimmungsregulation spielt. Ein Mangel an Serotonin wird mit Depressionen in Verbindung gebracht.
Alkohol setzt zwar kurzfristig Serotonin frei, was zu einem Gefühl des Wohlbefindens führen kann. Allerdings zerstört Alkohol auch Serotonin, was langfristig zu einem Mangel führen kann. Dieser Serotoninmangel kann zu Depressionen und Angstzuständen führen, was wiederum den Alkoholkonsum verstärken kann - ein Teufelskreis entsteht.
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Alkohol als "Mutmacher"? Die trügerische Wirkung auf Scham und Angst
Viele Menschen greifen zu Alkohol, um Hemmungen abzubauen und mutiger zu werden. Alkohol dämpft im Gehirn die Region, die für Gefahrenwahrnehmung zuständig ist, was dazu führt, dass wir Hemmungen verlieren. Alkohol enthemmt und blockiert Angst auslösende Prozesse im Körper. Daher haben wir in dem Moment kein Schamgefühl mehr, weil dieses ebenfalls blockiert wird.
Allerdings ist dieser Effekt trügerisch. Alkohol überlagert Ängste, Grenzen und Feinfühligkeit, die uns sonst leiten würden. Man zeigt vielleicht eine enthemmte Version von sich, aber nicht das wahre Selbst. Die vermeintliche Freiheit, die Alkohol bietet, ist nur von kurzer Dauer und kann langfristig zu Problemen führen.
Bin ich alkoholabhängig? Der CAGE-Test und andere Hilfsmittel
Wenn Sie sich Sorgen um Ihr eigenes Trinkverhalten machen, kann der CAGE-Test ein erster Schritt zur Selbsteinschätzung sein. Beantworten Sie ehrlich die folgenden Fragen:
- Cut-down: Haben Sie schon einmal das Gefühl gehabt, dass Sie weniger Alkohol trinken sollten?
- Annoyed: Haben Sie sich schon einmal darüber geärgert, dass andere Ihr Trinkverhalten kritisiert haben?
- Guilt: Haben Sie sich wegen Ihres Alkoholkonsums schon einmal schlecht oder schuldig gefühlt?
- Eye-opener: Haben Sie jemals bereits morgens Alkohol getrunken, um Ihre Nerven zu beruhigen oder keinen Kater zu bekommen?
Wenn Sie zwei oder mehr Fragen mit Ja beantwortet haben, besteht ein dringender Verdacht auf ein Alkoholproblem. Es ist ratsam, ein ärztliches Gespräch zu suchen, um den aktuellen Zustand näher zu erkunden.
Neben dem CAGE-Test gibt es weitere Tests wie den AUDIT (Alcohol Use Disorders Identification Test) und den Münchener Alkoholismustest (MALT), die in der Facharztpraxis durchgeführt werden können, um das Ausmaß des Alkoholproblems genauer zu bestimmen.
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Die fünf Typen von Trinkern nach Jellinek
I. Jellinek hat fünf Subgruppen von Trinkern unterschieden, um das unterschiedliche Trinkverhalten besser zu verstehen:
- Alpha-Trinker: Konflikttrinker, die Alkohol zur Spannungsreduktion nutzen.
- Beta-Trinker: Soziale Gelegenheitstrinker, deren Trinkverhalten durch soziale Umstände begünstigt wird.
- Gamma-Trinker: Süchtige Trinker, die die Kontrolle über ihre Trinkmenge verloren haben.
- Delta-Trinker: Spiegeltrinker, die einen konstanten Alkoholspiegel aufrechterhalten, um Entzugserscheinungen zu vermeiden.
- Epsilon-Trinker: Quartalstrinker oder Dipsomaniker, die zwischen langen Phasen der Abstinenz und Phasen exzessiven Trinkens wechseln.
Die verheerenden Folgen des chronischen Alkoholismus
Chronischer Alkoholismus kann zu einer Vielzahl von körperlichen und psychischen Folgeerkrankungen führen.
Psychische Folgen
- Alkoholentzugsdelir: Eine akute Psychose, die nach schwerem Alkoholentzug auftreten kann.
- Alkoholhalluzinosen: Eine Psychose, die durch akustische Halluzinationen gekennzeichnet ist.
- Korsakow-Syndrom: Eine Demenzform, die durch Merkfähigkeitsstörungen, Desorientierung und Konfabulation gekennzeichnet ist.
- Wernicke-Enzephalopathie: Eine neurologische Erkrankung, die mit Augenmuskellähmungen, Pupillenstörungen und Nystagmus einhergeht und oft in ein Korsakow-Syndrom übergeht.
Somatische Folgen
Im Bereich der Inneren Medizin gibt es kaum ein Organsystem, das nicht durch Alkoholkonsum direkt oder indirekt geschädigt wurde:
- Lebererkrankungen: Fettleber, Alkoholhepatitis, Leberzirrhose
- Herz-Kreislauf-Erkrankungen: Bluthochdruck, Herzinsuffizienz, Herzrhythmusstörungen
- Krebserkrankungen: Insbesondere Brustkrebs, aber auch Krebs des Verdauungstrakts
- Neurologische Erkrankungen: Hirnschäden, Polyneuropathie, Krampfanfälle
Wege aus der Abhängigkeit: Therapie und Unterstützung
Der Weg aus der Alkoholsucht ist oft lang und beschwerlich, aber er ist möglich. Es gibt verschiedene Therapieansätze, die helfen können, die Abhängigkeit zu überwinden und ein abstinentes Leben zu führen.
- Psychotherapie: Gesprächstherapeutische und verhaltenstherapeutische Ansätze helfen, die Ursachen der Sucht zu erkennen und neue Verhaltensmuster zu erlernen.
- Medikamentöse Behandlung: Medikamente können helfen, Entzugserscheinungen zu lindern und das Verlangen nach Alkohol zu reduzieren.
- Selbsthilfegruppen: Der Austausch mit anderen Betroffenen kann eine wertvolle Unterstützung sein.
- Traditionelle Chinesische Medizin: Insbesondere Akupunktur und die Anwendung von klassischen chinesischen Arzneimittelrezepturen können helfen, das problematische Trinkverhalten aufzulösen.
Alkohol und Schlaf: Ein gestörter Rhythmus
Alkohol wird oft als Einschlafhilfe missverstanden. Alkohol wirkt im Gehirn, man fühlt sich entspannt und schläft auch leichter ein.
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Aber Alkohol stört die Schlafphasen, dadurch schläft man unruhiger und wacht nachts häufiger auf. Wer alkoholisiert ins Bett geht, überspringt die ersten beiden Phasen und fällt meist direkt in den Tiefschlaf. Dieser ist dann oftmals auch länger als normal. Was sich eigentlich gut anhört, hat aber eine verkürzte und sehr unruhige REM-Schlafphase zur Folge. Man wacht öfter auf und schwitzt stärker. Der Körper und das Gehirn sind damit beschäftigt, den Alkohol und seine Wirkung zu verarbeiten. Entspannte Träume und entsprechende Regeneration sind so kaum möglich.
Alternative Wege zur Beruhigung und Stressbewältigung
Es gibt viele gesunde Alternativen zu Alkohol, um Stress abzubauen und das Nervensystem zu beruhigen.
- Sport und Bewegung: Regelmäßige körperliche Aktivität kann helfen, Stress abzubauen und die Stimmung zu verbessern.
- Entspannungsverfahren: Yoga, Meditation, progressive Muskelentspannung und autogenes Training können helfen, das Nervensystem zu beruhigen und Stress abzubauen.
- Soziale Kontakte: Zeit mit Freunden und Familie zu verbringen kann helfen, Stress abzubauen und das Gefühl der Verbundenheit zu stärken.
- Achtsamkeit: Achtsamkeitspraktiken können helfen, im gegenwärtigen Moment präsent zu sein und Stress abzubauen.
- Nervensystemarbeit: Die Arbeit mit dem Nervensystem führt langfristig und vor allen Dingen nachhaltig (!!!!) dazu, dass du mutiger wirst, dich mehr traust und dir selber mehr vertraust. Und dass du auch mit Ängsten besser umgehen kannst.
Fazit: Alkohol ist keine Lösung
Alkohol mag kurzfristig helfen, Stress und Angst zu betäuben, aber er ist keine langfristige Lösung. Alkohol kann das Nervensystem schädigen, die Stimmung verschlechtern und zu einer Abhängigkeit führen. Es gibt viele gesunde Alternativen zu Alkohol, um Stress abzubauen und das Nervensystem zu beruhigen. Wenn Sie Schwierigkeiten haben, Ihren Alkoholkonsum zu kontrollieren, suchen Sie professionelle Hilfe. Es gibt Wege aus der Abhängigkeit, und ein abstinentes Leben ist möglich.
Wichtige Hinweise
- Dieser Artikel dient nur zu Informationszwecken und ersetzt keine professionelle Beratung.
- Wenn Sie unter einer Alkoholsucht leiden, suchen Sie professionelle Hilfe.
- Es gibt viele Ressourcen, die Ihnen helfen können, die Abhängigkeit zu überwinden.
Die Rolle von Dopamin bei Suchtverhalten
Der Botenstoff Dopamin spielt eine zentrale Rolle bei der Entstehung von Suchtverhalten. Dopamin hat die Aufgabe, auf mögliche Belohnungen hinzuweisen, also eine belohnungsankündigende Wirkung. Das spielt beim Belohnungslernen eine große Rolle. Situationen, die mit Belohnungen einhergehen, werden gewissermaßen durch das Dopamin gelikt und dann im Suchtgedächtnis abgespeichert als etwas, das mit Belohnung verbunden ist.
Soziale Medien nutzen unser Belohnungssystem des Gehirns und das kann in Extremfällen zu einer Ähnlichkeit mit klassischen Abhängigkeiten führen.
Dopamin-Detox
Menschen, die zu sich kommen wollen, müssen sich abschotten von äußeren Reizen. Wenn man sich von äußeren Triggern abschottet, dann reagiert das Dopamin nicht andauernd auf äußere Signale, es gibt keine Höhen und Tiefen. Das beste Beispiel dafür ist die Meditation. Das ist ein Zustand, den Menschen anstreben, um zu ihrem Inneren zu gelangen.
Alkohol und Angststörungen
Personen, die unter psychischen Problemen leiden, häufiger zur Ausbildung eines chronischen Alkoholmissbrauchs tendieren als ausgeglichene Menschen, weil der Alkohol negative Gefühle wie Schuld, Scham oder Angst mildert bzw. Menschen, die zum Alkohol greifen, um ihre Angst zu bekämpfen, leiden unter den verschiedensten Angstzuständen.
Schon kleine Mengen Alkohol können dafür sorgen, dass im Gehirn der Neurotransmitter Dopamin ausgeschüttet wird. Dieser wird nicht umsonst als Glückshormon bezeichnet, denn er hebt die Stimmung und sorgt für Unbeschwertheit und gute Laune. Die letzte Panikattacke ist dadurch genauso schnell vergessen, wie die Gefühle persönlicher Unzulänglichkeit oder Scham. Gleichzeitig ruft der Alkohol im Gehirn für eine verstärkte Aktivität des Botenstoffs GABA hervor. Dies hat zur Folge, dass die Übertragungsaktivität der Nervenzellen nachlässt und sich Erregungszustände wie Angst und Panik verflüchtigen.
Psychische Störungen wie zum Beispiel eine generalisierte Angststörung mit Panikattacken, eine Depression oder auch eine Borderline-Erkrankung lassen sich nicht mit Alkohol therapieren. Vielmehr werden im Gehirn künstliche Glücksgefühle und Entspannung hervorgerufen, die lediglich zeitlich begrenzt für Linderung sorgen. Sobald die Wirkung der Droge Alkohol abklingt, kehren die Ursprungsgefühle wieder zurück.
Hangxiety
In der letzten Zeit ist in den Medien immer häufiger der Begriff „Hangxiety“ zu lesen. Hierbei handelt es sich um ein Wort, dass aus den englischen Begriffen „hangover“ (deutsch: Kater) und „anxiety“ (deutsch: Angst) zusammengesetzt wurde. Anstelle eines normalen Katers mit Symptomen wie Kopfschmerzen, Übelkeit und starkem Durst, erleben die Konsumenten zusätzlich einen psychischen Kater, der ihnen ein mulmiges Gefühl gibt. Nicht selten erleiden sie ihre erste Panikattacke im Anschluss an einen stimmungsvollen Abend mit viel Alkohol. Am nächsten Tag fühlen sich die Betroffenen depressiv, ängstlich und körperlich unwohl.
Komorbidität von Angststörung und Alkoholsucht
Tritt die Angststörung in Verbindung mit einer Alkoholsucht auf, spricht man auch von einer sogenannten Komorbidiät. In diesem Falle muss zusätzlich eine Suchttherapie durchgeführt werden, d. h. eine professionelle Entgiftung und Entwöhnung von Alkohol. Andernfalls besteht das Risiko, dass die Angststörung trotz adäquater Behandlung durch die Sucht erneut hervorgerufen wird.
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