Spinozerebelläre Ataxien (SCA) sind eine Gruppe von erblichen neurologischen Erkrankungen, die durch eine fortschreitende Koordinationsstörung (Ataxie) gekennzeichnet sind. Mehr als 40 verschiedene Formen sind bekannt, die sich in ihren Symptomen, ihrem Verlauf und ihrer Ursache unterscheiden. Allen gemeinsam ist die Schädigung des Kleinhirns, welches eine zentrale Rolle bei der Koordination von Bewegungen spielt. Dieser Artikel beleuchtet die verschiedenen Aspekte der SCA, von den Symptomen und Ursachen bis hin zu den verfügbaren Therapien und Selbsthilfemöglichkeiten, wobei persönliche Erfahrungen und aktuelle Forschungsergebnisse einbezogen werden.
Einführung in die Spinozerebellären Ataxien
Die Spinozerebellären Ataxien (SCA) umfassen eine vielfältige Gruppe von neurodegenerativen Erkrankungen, die sich hauptsächlich durch eine fortschreitende Ataxie manifestieren. Diese Ataxie entsteht durch die Degeneration des Kleinhirns oder seiner Verbindungen zum Rückenmark. Die verschiedenen Formen der SCA werden oft durch genetische Mutationen verursacht, wobei viele autosomal-dominant vererbt werden. Das bedeutet, dass bereits eine einzige Kopie des mutierten Gens ausreicht, um die Krankheit auszulösen.
Symptome der Spinozerebellären Ataxie
Die Symptome der SCA sind vielfältig und variieren je nach Form der Erkrankung. Zu den häufigsten Symptomen gehören:
- Koordinationsstörungen: Schwierigkeiten beim Gehen, Gleichgewicht halten und bei feinmotorischen Aufgaben wie dem Greifen nach Gegenständen.
- Sprechstörungen (Dysarthrie): Verwaschene oder undeutliche Sprache.
- Schluckstörungen (Dysphagie): Schwierigkeiten beim Schlucken von Nahrung und Flüssigkeiten.
- Empfindungsstörungen: Taubheit, Kribbeln oder Schmerzen in den Extremitäten (sensible Polyneuropathie).
- Muskelschwäche: Allgemeine Schwäche und Kraftverlust.
- Augenbewegungsstörungen: Unkontrollierte oder verlangsamte Augenbewegungen.
- Kognitive Störungen: Gedächtnisprobleme, Aufmerksamkeitsdefizite und Demenz.
- Weitere Symptome: Epileptische Anfälle, Muskelsteifheit (Spastik)
Persönliche Erfahrungen mit SCA
Die Auswirkungen der SCA auf das tägliche Leben können erheblich sein. Ein Betroffener berichtet von ersten Symptomen im Alter von 35 Jahren, die sich durch Unsicherheiten beim Gehen und gelegentliche Stürze äußerten. Im Laufe der Zeit kam es zu einer fortschreitenden Einschränkung der körperlichen Kräfte, trotz regelmäßiger Trainingseinheiten und Therapien wie Logopädie, Ergotherapie und Physiotherapie.
"Heutzutage merke ich eine tägliche Einschränkung. Die körperlichen Kräfte lassen trotz Trainingseinheiten und Therapien (Logotherapie, Ergotherapie, Physiotherapie) langsam aber stetig immer etwas nach. Manchmal ist es auch tagesformabhängig. Ich wechsele im Haus zwischen Trippelstuhl und Rollator. Kleine Strecken draußen funktionieren manchmal noch mit vielen Pausen am Rollator. Für längere Strecken nutze ich mittlerweile einen elektrischen Rollstuhl oder das Liegerad (3Rädrig) Hase Kettwiesel. Bin auf dem Übergang zum dauerhaft Rollstuhl. Meine Hoffnung ist, dass der derzeitige Übergangs-Zustand noch ein bisschen andauert. Aber ich bin sicher, das wird irgendwann kommen."
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Auch das Sprechen kann beeinträchtigt sein, was das Vorlesen und Sprechen anstrengend macht und die Verständlichkeit reduziert. Feinmotorische Fähigkeiten wie Schreiben, Greifen und die Zubereitung von Speisen können ebenfalls zunehmend schwerfallen.
Trotz dieser Einschränkungen ist es wichtig, am sozialen Leben teilzunehmen und positive Erlebnisse zu suchen. Der Betroffene berichtet, wie er weiterhin gerne mit Freunden und Familie essen geht, Auszeiten und Urlaube genießt, auch wenn dabei Barrierefreiheit und Planung eine größere Rolle spielen. Der Besuch von Konzerten ist ein weiteres Beispiel dafür, wie man trotz Einschränkungen am kulturellen Leben teilhaben kann.
"Es geht zwar einiges nicht mehr so, wie es mal ging. Aber es geht trotzdem noch Vieles, wenn auch mit Einschränkungen und Hilfe. Darum bin ich froh, ermöglicht mir Teilhabe und Genuß am sozialen Leben."
Ursachen und Diagnose
Die meisten SCA-Formen werden autosomal-dominant vererbt, was bedeutet, dass eine einzige Kopie des mutierten Gens ausreicht, um die Krankheit auszulösen. Die Diagnose erfolgt in der Regel durch eine neurologische Untersuchung und eine molekulargenetische Analyse, bei der das Blut auf spezifische Genmutationen untersucht wird.
Beispiele für spezifische SCA-Formen
Spinocerebelläre Ataxie Typ 1 (SCA1)
Die SCA1 ist durch eine progressive cerebelläre Ataxie, Dysarthrie und bulbäre Dysfunktion gekennzeichnet. Der Erkrankungsbeginn liegt meist in der 3. bis 4. Lebensdekade. Im Anfangsstadium manifestiert sich die Erkrankung häufig mit einer Gangstörung, einer verwaschenen Sprache, Gleichgewichtsstörungen und einer milden Dysphagie. Klinisch-neurologisch können weiterhin eine Hyperreflexie, hypermetrische Sakkaden und Nystagmus auffallen. Im weiteren Krankheitsverlauf werden eine Dysdiadochokinese, extrapyramidale Zeichen einschließlich Dystonie und choreatiforme Bewegungsstörungen, eine Hirnstammbeteiligung, Muskelatrophien und eine schwere Dysphagie beobachtet. Optikusatrophien, Störungen der Okulomotorik und kognitive Einbußen sind bei einigen Patienten beschrieben. In bildgebenden Verfahren zeigt sich eine OPCA (olivopontocerebelläre Atrophie).
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Die SCA1 wird durch die Verlängerung eines CAG-Nukleotidtripletts des Gens ATX1 (Ataxin 1) im kurzen Arm von Chromosom 6p22.3 verursacht. Die Triplett-Wiederholung liegt im translatierten Bereich von Ataxin 1. Durch den Einbau einer zu großen Anzahl von Glutaminresten kommt es zu einer strukturellen Veränderung des entsprechenden Proteins, die dann krankheitsverursachend ist. Statistisch ist eine höhere Triplettanzahl mit einem früheren Krankheitsbeginn und einem rascheren Krankheitsverlauf verknüpft. Die SCA1 wird autosomal dominant vererbt. Bei der Vererbung über die männliche Keimbahn tritt überwiegend eine weitere Expansion auf (durchschnittliche Zunahme 3,3 CAG Repeats). Dies führt zu einer Antizipation, d.h. einer früheren Manifestation der Erkrankung in der folgenden Generation. Nach SCA3 und SCA6 ist SCA1 zusammen mit SCA2 in Deutschland die dritthäufigste Form der autosomal dominant vererblichen Spinocerebellären Ataxien.
Spinocerebelläre Ataxie Typ 3 (SCA3) oder Machado-Joseph-Erkrankung (MJD)
Die Spinocerebelläre Ataxie Typ 3 (SCA3), auch als Machado-Joseph-Erkrankung (MJD) bezeichnet, ist eine autosomal-dominant vererbte, spät manifestierende, neurodegenerative Erkrankung, bei der es zu der Bildung typischer sog. intranukleärer Einschlusskörperchen und einem Absterben von Nervenzellen in bestimmten Regionen des Gehirns kommt. Ursächlich für die Erkrankung ist die Verlängerung eines Bereiches von CAG-Wiederholungen im ATXN3 Gen. Diese resultiert im kodierten Ataxin-3 Protein in einen expandierten Bereich mit Glutamin-Wiederholungen. Somit gehört die SCA3 zu einer Gruppe von Erkrankungen, den Polyglutamin-Erkrankungen, die alle durch so eine Verlängerung eines Polyglutamin-Bereiches verursacht werden.
Die Forschung konzentriert sich auf die Aufklärung der Pathogenese der SCA3 und die Entwicklung von Therapieansätzen. Dabei werden molekulare, proteinbiochemische und zellbiologische Methoden eingesetzt, um die physiologische Funktion von Ataxin-3 und die Auswirkungen der pathologischen Expansion des Polyglutamin-Bereiches zu untersuchen. Zellkultur- und Tiermodelle werden verwendet, um mögliche Therapieansätze zu testen.
Therapieansätze und aktuelle Forschung
Obwohl es derzeit keine Heilung für SCA gibt, gibt es verschiedene Therapieansätze, die darauf abzielen, die Symptome zu lindern und die Lebensqualität der Betroffenen zu verbessern. Dazu gehören:
- Physiotherapie: Zur Verbesserung der Koordination, des Gleichgewichts und der Muskelkraft.
- Ergotherapie: Zur Erhaltung von Fähigkeiten im Alltag und zur Anpassung der Umgebung an die Bedürfnisse der Betroffenen.
- Logopädie: Zur Verbesserung der Sprach- und Schluckfunktion.
- Medikamentöse Behandlung: Zur Linderung spezifischer Symptome wie Spastik oder Depressionen.
Die Forschung im Bereich der SCA konzentriert sich auf die Entwicklung neuer Therapien, die auf die Ursachen der Erkrankung abzielen. Dazu gehören Gentherapien, die darauf abzielen, das mutierte Gen zu korrigieren, und Medikamente, die die Proteinaggregation verhindern oder die Funktion der betroffenen Nervenzellen verbessern.
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Selbsthilfegruppen und Unterstützung
Selbsthilfegruppen spielen eine wichtige Rolle bei der Unterstützung von Menschen mit SCA und ihren Familien. Sie bieten eine Plattform für den Austausch von Erfahrungen, Informationen und emotionaler Unterstützung. In Deutschland gibt es verschiedene Organisationen, die sich für Menschen mit Ataxie einsetzen, darunter die Deutsche Heredo-Ataxie-Gesellschaft e.V. (DHAG).
Die DHAG ist eine gemeinnützige Organisation, die sich für die Interessen von Menschen mit Heredo-Ataxie einsetzt. Sie bietet:
- DHAG-Bundesverband: Die zentrale Anlaufstelle für Informationen und Unterstützung.
- DHAG-Regionalgruppen: Lokale Gruppen, die regelmäßige Treffen und Aktivitäten organisieren.
- Selbsthilfegruppen für Ataxie-Erkrankte: Eigenständige Gruppen, die sich gegenseitig beraten, informieren und unterstützen.
Die Regionalgruppen arbeiten nach dem Prinzip der Hilfe zur Selbsthilfe durch gegenseitige Beratung, Informationsvermittlung, Erfahrungsaustausch und Unterstützung. Die Selbsthilfegruppen sind eigenständig und unterliegen nicht der Satzung der DHAG e. V., sondern definieren sich nach § 20H SGB V.
Friedreich-Ataxie: Eine spezielle Form der Ataxie
Die Friedreich-Ataxie ist eine seltene, degenerative Multisystemerkrankung, die sich von den Spinozerebellären Ataxien unterscheidet, aber ähnliche Symptome aufweisen kann. Die ersten Symptome treten am häufigsten um die Pubertät herum auf, seltener in der frühen Kindheit und in einigen Fällen erst später im Leben.
Symptome der Friedreich-Ataxie
Die Symptome der Friedreich-Ataxie sind sehr vielfältig und umfassen:
- Koordinationsstörungen des Bewegungsablaufs und Gleichgewichts (Ataxie)
- Sprechstörung (Dysarthrie)
- Schluckstörungen (Dysphagie)
- Empfindungsstörungen (Sensibilität, sensible Polyneuropathie)
- Schwäche der Muskelkraft
- Wirbelsäulenverkrümmung (Skoliose)
- Fußverkrümmung (sog. Hohlfüße „Friedreich Fuß, pes cavus)
- Herzwandverdickung (Kardiomyopathie)
- Sehstörungen
- Hörstörungen
- Diabetes mellitus
Ursachen und Diagnose der Friedreich-Ataxie
Bei der Friedreich-Ataxie handelt es sich um eine vererbbare Erkrankung mit autosomal-rezessiven Erbgang. Das heißt, die Krankheit kommt in der Regel nur zum Ausbruch, wenn von beiden Eltern jeweils ein defektes Gen vererbt wird, also das Kind zwei defekte Kopien des Gens besitzt. Die Diagnose erfolgt durch eine molekulargenetische Diagnostik und eine neurologische Untersuchung.
Therapie der Friedreich-Ataxie
Die Friedreich-Ataxie ist bislang nicht heilbar. Die Therapie konzentriert sich auf die Linderung der Symptome und die Verbesserung der Lebensqualität. Dazu gehören regelmäßige neurologische, kardiologische und orthopädische Kontrollen sowie körperliches Training, Krankengymnastik, Ergotherapie und Logopädie.
Omaveloxolon: Ein neuer Therapieansatz für Friedreich-Ataxie
Am 12. Februar wurde Omaveloxolon (SKYCLARYSâ) der Firma Biogen für Patienten mit einer Friedreich Ataxie im Alter von 16 Jahren oder älter in der Europäischen Union zugelassen. In der MOXIe-Studie wurde festgestellt, dass Omaveloxolon die neurologischen Funktionen deutlich verbessert. Die Zulassung ist ein erster Meilenstein für Menschen mit Friedreich Ataxie, einer fortschreitenden genetisch-bedingten neurodegenerativen Erkrankung. Für die Einnahme von Omaveloxolon müssen bestimmte Kriterien erfüllt sein, u.a. ist ein Alter von mindestens 16 Jahren erforderlich und es darf keine schwerwiegende Herzerkrankung vorliegen.
Die Rolle der Forschung bei SCA3
Die Forschung zur Spinocerebellären Ataxie Typ 3 (SCA3) konzentriert sich auf die Aufklärung der Mechanismen und Hintergründe der Erkrankung. Auf molekularer, proteinbiochemischer und zellbiologischer Ebene interessieren sich Forscher für die physiologische Funktion von Ataxin-3 und die Veränderungen, die die pathologische Expansion des Polyglutamin-Bereiches auslöst. Durch die Aufklärung pathophysiologischer Vorgänge bei der SCA3 versuchen sie, Angriffspunkte für therapeutische Interventionen zu gewinnen und testen in präklinischen Analysen mögliche Therapieansätze.
Die Forschung wird von verschiedenen Organisationen und Institutionen unterstützt, darunter die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG), die Europäische Union (EUROSCA), das Luxemburgische Ministerium für Kultur, Hochschulwesen und Forschung, die Fritz-Thyssen-Stiftung für Wissenschaftsförderung, das Bundesministerium für Bildung und Forschung, Ataxia UK und die National Ataxia Foundation (NAF).
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