Die spinocerebelläre Ataxie Typ 2 (SCA2) ist eine von vielen Formen der autosomal-dominant vererbten spinocerebellären Ataxien. Diese Gruppe von Erkrankungen manifestiert sich in der Regel im Erwachsenenalter und ist durch eine fortschreitende Degeneration des Kleinhirns gekennzeichnet. SCA2 ist nach SCA3 und SCA6 zusammen mit SCA1 in Deutschland die dritthäufigste Form dieser Art von Ataxien.
Klinische Erscheinung und Symptomatik
Die spinocerebellären Ataxien, einschließlich SCA2, weisen eine ähnliche Symptomatik auf, was die klinische Unterscheidung erschwert. Zu den typischen Symptomen gehören:
- Cerebellär bedingte Gang- und Standataxie: Unsicherer Gang und Gleichgewichtsstörungen beim Stehen.
- Dysarthrie: Sprachstörungen, die zu undeutlicher oder verwaschener Sprache führen.
- Störungen der Okulomotorik: Probleme mit der Augenbewegung.
- Muskuläre Hypotonie: Verminderte Muskelspannung.
- Dysdiadochokinese: Schwierigkeiten bei der Ausführung schneller, wechselseitiger Bewegungen.
- Intentionstremor: Zittern, das bei zielgerichteten Bewegungen auftritt.
- Extrapyramidale Symptome: Bewegungsstörungen, die über die Pyramidenbahn hinausgehen.
Zusätzlich können Pyramidenbahnzeichen, Beteiligung des peripheren Nervensystems (Polyneuropathie) und autonome Störungen (imperativer Harndrang, Impotenz, orthostatische Dysregulation) auftreten.
Krankheitsbeginn und Verlauf
Der Erkrankungsbeginn von SCA2 variiert zwischen dem 10. und 60. Lebensjahr, typischerweise jedoch in der vierten Lebensdekade. Eine zunehmende Anzahl von Wiederholungen bestimmter DNA-Sequenzen (Repeats) im Gen ist statistisch mit einem früheren und schwereren Krankheitsverlauf verbunden. Es ist jedoch wichtig zu betonen, dass im Einzelfall eine exakte Prognose des Krankheitsverlaufes nicht möglich ist.
Ursachen und genetische Grundlagen
Ursache von angeborenen, erblichen Ataxien ist ein fortschreitender Untergang bestimmter Nervenzellen im Kleinhirn, wofür - je nach Unterform - unterschiedliche Genveränderungen verantwortlich sind. Die erblichen Ataxien können dominant vererbt werden, wobei die Krankheit von einer Generation an die nächste weitergegeben wird. In diesem Fall wissen die Patienten oft um das Vorhandensein der Krankheit in ihrer Familie. Unter den dominant vererbten Ataxien ist die spinozerebelläre Ataxie Typ 3 (SCA3), auch Machado-Joseph-Krankheit genannt, am häufigsten. Sie beginnt üblicherweise zwischen dem 30. und 40. Lebensjahr.
Lesen Sie auch: Erfahrungen von SCA-Patienten
Sind die Eltern nicht betroffen, aber deren Kind oder mehrere Geschwisterkinder erkrankt, handelt es sich um eine rezessiv vererbte Ataxie. Das bedeutet, dass beide Elternteile Träger der krankmachenden Erbanlage sind, die Krankheit aber bei ihnen nicht zum Ausbruch kommt. Damit das Kind erkrankt, müssen beide Elternteile die Genveränderungen vererben. Unter allen rezessiven Ataxien kommt die Friedreich-Ataxie am häufigsten vor. Sie beginnt in der Kindheit bzw. Pubertät.
Diagnose
Die Diagnose von Ataxien, einschließlich SCA2, erfordert eine umfassende neurologische Untersuchung. Dabei werden die Funktion von Gehirn, Rückenmark und Nerven überprüft.
Ergänzende Untersuchungen umfassen:
- Kernspintomografie (MRT) des Schädels, um strukturelle Veränderungen im Gehirn darzustellen.
- Elektroneurografie (ENG), um die Funktion der peripheren Nerven zu überprüfen.
- Blutuntersuchungen, um andere mögliche Ursachen wie Vitaminmangel oder Infektionen auszuschließen.
- Nervenwasseruntersuchung (Liquorpunktion)
- Molekularbiologische Untersuchungen zum Nachweis erblich bedingter Ataxieformen.
Bei Verdacht auf genetische degenerative Krankheiten des Gehirns sollte auch nach einem kirschroten Fleck der Netzhaut gesucht werden.
Therapie und aktuelle Forschung
Momentan sind Ataxien noch nicht medikamentös behandelbar. Die Behandlung zielt darauf ab, die Symptome zu lindern und die Lebensqualität der Betroffenen zu verbessern. Physiotherapie, Ergotherapie und Logopädie können helfen, die motorischen Fähigkeiten, die Koordination und die Sprachfähigkeit zu erhalten oder zu verbessern.
Lesen Sie auch: SCA4 verstehen
Forschende des DZNE widmen sich an mehreren Standorten in verschiedenen großen klinischen Studien der Erforschung von Ataxien. Der Schwerpunkt liegt dabei auf genetisch bedingten Ataxien. So nehmen sie den Verlauf spinozerebellärer Ataxien unter die Lupe und fahnden nach messbaren biologischen Merkmalen (sogenannten Biomarkern, z. B. im Blut oder im Nervenwasser) für die Früherkennung. Darüber hinaus widmen sich Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler des DZNE auch neuen Wegen für die Therapie. So arbeiten sie an neuen, individuell auf die Betroffenen abgestimmten Gentherapien, um bei genetisch bedingten Ataxie-Formen den Krankheitsverlauf zu verlangsamen oder sogar aufzuhalten.
Robin Schmetzer, ein junger Mann, der an SCA2 leidet, setzt sich aktiv für die Erforschung und Behandlung dieser Krankheit ein. Er hat zusammen mit einem Modelabel ein T-Shirt entworfen, dessen Erlös ihm zugutekommt, um eine Stammzellentherapie in Thailand zu finanzieren, die in Deutschland nicht zugelassen ist.
Differenzialdiagnose
Bei der Diagnose von Ataxien müssen andere Erkrankungen mit ähnlichen Symptomen berücksichtigt werden. Dazu gehören unter anderem:
- Andere Formen der spinocerebellären Ataxie
- Friedreich-Ataxie
- Multiple Sklerose
- Schlaganfall
- Hirntumore
- Stoffwechselerkrankungen
- Alkoholbedingte Ataxie
Seltene Erkrankungen und Ataxien
Ataxien gehören zu den seltenen Erkrankungen. In der EU gilt eine Erkrankung als selten, wenn weniger als 5 von 10.000 Menschen betroffen sind. Es gibt viele verschiedene seltene Erkrankungen, schätzungsweise mehr als 6.000. Diverse neurodegenerative Erkrankungen gelten daher als „selten“, wie die Huntington-Erkrankung und die familiäre Form von Alzheimer.
Aktuelle Forschung zu Huntington und SCA3
In zwei aktuellen Studien untersuchten Forschende, wie verschiedene Teile des Gehirns durch CAG-Expansionen bei der Huntington-Krankheit (HK) auf der Ebene einzelner Gehirnzellen betroffen sind. Die Wissenschaftler untersuchten postmortale Gehirne von Menschen mit und ohne HK, um molekulare Veränderungen in verschiedenen Hirnregionen, dem Kortex und dem Striatum, zu verfolgen. Diese Studien haben neue Erkenntnisse darüber geliefert, was zur HK beiträgt.
Lesen Sie auch: SCA-Stadien im Detail
Eine der Veränderungen, die die Wissenschaftler in jeder Zelle untersuchten, war die CAG-Anzahl im Huntingtin-Gen. HK ist auf genetischer Ebene als Zustand definiert, bei dem Menschen mehr als 36 sich wiederholende C-A-G-DNA-Bausteine in ihrem Huntingtin-Gen haben, wobei die meisten Menschen mit HK 40-50 CAGs aufweisen, verglichen mit Menschen ohne HK, die etwa 18 CAGs haben. Schon seit einiger Zeit wissen wir, dass in bestimmten Zelltypen diese CAG-Anzahl nicht stabil ist und sich im Laufe des Lebens eines Menschen verändert, oft deutlich länger wird. Dieser Prozess der CAG-Zunahmen in einigen Zellen ist als somatische Expansion bekannt. Diese spielt wahrscheinlich eine Rolle im Verlauf der Krankheit.
Die Forschung deutet darauf hin, dass eine zunehmende CAG-Anzahl bei HK nur einer der notwendigen Schritte sein könnte, damit Zellen krank werden. Für sich genommen könnte die somatische Expansion unzureichend sein, um den Zelltod zu verursachen, da die Forschenden CAG-Expansionen in Zellen berichten, die bei HK nicht anfällig für den Zelltod sind, wie den Betz-Zellen.
Ähnliche Forschung wurde auch für SCA3 betrieben, wobei festgestellt wurde, dass die CAG-Anzahl in den MSN-Zellen zunahm, aber nicht in anderen Arten von Gehirnzellen, obwohl die MSN-Zellen in den Gehirnen dieser Personen nicht so stark betroffen waren. Dies bedeutet, dass MSNs möglicherweise besonders anfällig für die Expansion von CAG-Repeats sind, unabhängig davon, welches Gen die langen CAG-Repeats aufweist. Die sich ständig ausdehnenden CAG-Repeats sind jedoch möglicherweise nicht der direkte Grund dafür, dass diese Zellen absterben.
Neuronale Zeroidlipofuszinosen (NCL)
Neuronale Zeroidlipofuszinosen (NCL) sind die häufigsten erblichen hirndegenerativen Krankheiten bei Kindern. Gemeinsam sind ihnen progredienter Visusverlust und Demenz sowie die ubiquitäre intrazelluläre Speicherung von Zeroidlipofuszin. Geschädigt werden fast ausschließlich Gehirn und Augen. Ursächlich sind Mutationen in 13 bekannten Genen, wobei die Verlaufsform auch innerhalb des Gentypus unterschiedlich sein kann. Die Klassifizierung berücksichtigt sowohl das betroffene Gen als auch den Verlaufstypus. Alle NCL des Kindes- und Jugendalters werden autosomal-rezessiv vererbt.
Morbus Gaucher
Bei den verschiedenen Formen des Morbus Gaucher wird aufgrund von lysosomalen Defekten das Sphingolipid Glukozerebrosid in phagozytierenden Zellen verschiedener Organe gespeichert. Die bekannteste Form ist der Morbus Gaucher Typ 1, der Organe außerhalb des Nervensystems befällt.
Morbus Niemann-Pick
Die Bezeichnung Morbus Niemann-Pick bezieht sich auf genetische Krankheiten mit unterschiedlich ausgeprägter Speicherung von Lipiden und Infiltration von Schaumzellen in Geweben. Die klinischen Erscheinungen bestehen hauptsächlich in Hepatosplenomegalie und pulmonaler Insuffizienz. Zusätzlich oder überwiegend wird das ZNS geschädigt. Ursächlich kommen zwei verschiedene Mechanismen infrage. Histopathologisch charakteristisch sind lipidreiche Riesenzellen (Niemann-Pick-Zellen) in Leber, Milz, lymphatischem Gewebe, Nebennierenrinde und Knochenmark, die mikroskopisch von Gaucher-Zellen unterscheidbar sind.
GM1- und GM2-Gangliosidosen
Defekte der β-Galaktosidase führen zur Speicherung eines Gangliosids mit sog. M1-Struktur. Geschädigt werden Neuronen, wobei es zu einem Umbau der interneuronalen Konnektivität kommt. Die Neuropathologie beschränkt sich auf die graue Substanz des ZNS und Ganglienzellen der Netzhaut. Deren Fotorezeptoren sind nicht betroffen, das Elektroretinogramm daher nicht ausgelöscht. Je nach Substrataffinität der β-Galaktosidase kommt es auch außerhalb des Nervensystems zu Speichererscheinungen.
Speichermaterial sind Ganglioside mit M2-Struktur bei gestörtem Abbau (durch Hexosaminidasen und ein Aktivatorprotein).
Bedeutung der Gehirnspende
Die Forschung zu neurodegenerativen Erkrankungen wie SCA2 profitiert enorm von der Spende von Gehirngewebe nach dem Tod. Durch die Untersuchung von postmortalen Gehirnen können Wissenschaftler Einblicke in die molekularen und zellulären Veränderungen gewinnen, die der Krankheit zugrunde liegen. Dies ermöglicht die Entwicklung neuer Therapien und Behandlungsstrategien.
tags: #spinozerebellare #ataxie #typ #2 #todlich