Multiple Sklerose (MS) ist eine chronisch-entzündliche Erkrankung des zentralen Nervensystems, die das Gehirn und das Rückenmark betrifft. Weltweit sind etwa 2,9 Millionen Menschen betroffen. Die Symptome und der Verlauf der MS können von Person zu Person stark variieren, was die Erkrankung oft als "Krankheit mit tausend Gesichtern" bezeichnet. Zu den häufigsten Symptomen gehören Fatigue, kognitive Einschränkungen, Spastik und Gleichgewichtsstörungen. Diese Symptome können die Mobilität und die Lebensqualität der Betroffenen erheblich beeinträchtigen.
Lange Zeit wurde Menschen mit MS von körperlicher Betätigung abgeraten, da man annahm, dass sie sich negativ auf den Krankheitsverlauf auswirken könnte. Heute wissen wir jedoch, dass Sport und Bewegung eine wichtige Rolle bei der Linderung von Beschwerden und der Verbesserung der Lebensqualität von Menschen mit MS spielen können.
Die Vorteile von Sport bei MS im Überblick
Regelmäßige körperliche Aktivität kann bei Menschen mit MS eine Vielzahl von positiven Auswirkungen haben:
- Verbesserung der Muskelkraft: Krafttraining kann helfen, den Muskelabbau zu verlangsamen und die Muskelkraft zu erhalten oder sogar zu steigern.
- Steigerung der Mobilität: Sport und Bewegung können die Beweglichkeit verbessern und die Durchführung alltäglicher Aufgaben erleichtern.
- Stärkung des Gleichgewichts und der Körperstabilität: Gleichgewichtsübungen können helfen, Stürze zu vermeiden und die Körperstabilität zu verbessern.
- Förderung des Selbstvertrauens: Sportliche Aktivität kann das Selbstwertgefühl stärken und zu einem positiven Körpergefühl beitragen.
- Steigerung der Lebensqualität: Durch die Linderung von Symptomen und die Verbesserung der körperlichen und geistigen Gesundheit kann Sport die Lebensqualität von Menschen mit MS deutlich erhöhen.
Darüber hinaus verringert Sport das Risiko von Begleiterkrankungen wie Fettleibigkeit, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Typ-2-Diabetes, Krebs, Arthritis, Osteoporose und Depressionen.
Welche Sportarten eignen sich für Menschen mit MS?
Die Wahl der geeigneten Sportart sollte immer in Absprache mit dem behandelnden Arzt oder Therapeuten erfolgen und an die individuellen Bedürfnisse und den Gesundheitszustand angepasst sein. Allgemein wird eine Kombination aus Kraft-, Ausdauer-, Beweglichkeits- und Koordinationstraining empfohlen.
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- Ausdauersportarten: Laufen, Walken, Schwimmen, Radfahren und Nordic Walking belasten Herz und Kreislauf gleichmäßig und moderat. Studien haben gezeigt, dass Menschen mit MS bereits nach vier Wochen Ausdauertraining Verbesserungen ihrer Beweglichkeit und eine Reduktion von Müdigkeitssymptomen feststellen konnten.
- Krafttraining: Krafttraining im Fitnessstudio oder bei der Wassergymnastik kann dem Abbau der Muskeln - vor allem in den unteren Extremitäten - und der Verringerung der Knochendichte entgegenwirken.
- Beweglichkeits- und Koordinationsübungen: Flexibilitäts-, Gleichgewichts- und Dehnungsübungen, wie sie zum Beispiel beim Yoga oder Pilates vorkommen, machen Muskeln und Gelenke stark und geschmeidig. Schmerzende Muskelkrämpfe lassen sich so verringern. Auch Stürzen können Betroffene so vorbeugen.
- Wassergymnastik: Stabilisiert die Mobilität und unterstützt das Herz-Kreislauf-System. Besonders gut geeignet bei spastischen MS-Symptomen (nicht kontrollierbare Muskelspannungen), weil der Körper aktiv und passiv bewegt wird.
- Tai Chi und Qi Gong: Rhythmische und langsame Bewegungen helfen besonders bei Ataxie, also bei Störungen in der Bewegungskoordination.
- Kanufahren oder Stand-up-Paddling: Trainieren den ganzen Körper, fördern den Gleichgewichtssinn sowie Bewegungsabläufe. Je nach Schwere der Erkrankung kann Stand-up-Paddling aber auch zum Sit-up-Paddling werden.
Sport und MS: Was Sie generell beachten sollten
- Sprechen Sie mit Ihrem Arzt oder Therapeuten: Lassen Sie sich individuell beraten und einen Trainingsplan erstellen, der auf Ihre Bedürfnisse und Ihren Gesundheitszustand abgestimmt ist.
- Stecken Sie sich realistische Ziele: Beginnen Sie langsam und steigern Sie die Intensität und Dauer des Trainings allmählich.
- Achten Sie auf Ihre Grenzen: Unterbrechen Sie das Training bei auftretenden Symptomen wie Müdigkeit, Schwindel oder Gleichgewichtsproblemen.
- Vermeiden Sie Überhitzung: Tragen Sie atmungsaktive Sportkleidung und sorgen Sie für ausreichend Kühlung, zum Beispiel durch eine Flasche mit kaltem Wasser oder einen Mini-Ventilator. Vermeiden Sie es, an heißen Tagen zu trainieren.
- Trainieren Sie nicht während eines akuten Schubes: Sprechen Sie mit Ihrem Arzt, bevor Sie nach einem Schub wieder mit dem Training beginnen.
- Wärmen Sie sich gut auf und dehnen Sie sich ausgiebig nach dem Sport: Das beugt Versteifungen und Spastiken vor.
Sport als Therapie: Die Geschichte von Klaus
Klaus (Anfang 40) steht trotz MS mitten im Leben. Für die mentale Bewegung sorgt sein Job als IT-Koordinator bei einem internationalen Konzern. Für sportlichen Ausgleich sorgt Klaus selbst mit großer Konsequenz, Tage ohne Sport sind bei ihm sehr selten. Zusammen mit seiner Partnerin Nicole, die ebenfalls MS hat, und ihrer Tochter Julia (12) lebt er im Großraum Nürnberg.
Erste Anzeichen bemerkte der gelernte IT-Kaufmann im Sommer 2012. Im Frühjahr 2013 kamen Sensibilitätsstörungen linksseitig in Gesicht und Arm hinzu. Nach Liquordiagnostik stand die Diagnose MS jedoch schnell fest. Verschiedene Therapieansätze verursachten bei ihm teils starke Nebenwirkungen. Im Winter 2016/ 17 entschloss er sich in Absprache mit seinen Ärzten, die Medikation vorläufig auszusetzen. Im Frühjahr 2018 zeigten sich im MRT neue Entzündungsherde, sodass Klaus eine Therapie mit Ocrelizumab begann, die er bis heute gut verträgt.
Schon während seiner ersten Reha 2013 wurde ihm der Spitzname „Mr. Nebenwirkungen“ verliehen, gefolgt vom Attribut des "am besten informierten MS-Patienten". Klaus informiert sich gerne auf den Internetseiten der AMSEL, verfolgt die Diskussionen in entsprechenden Foren und liest mit Vorliebe medizinische Studien.
Das Skifahren hat Klaus mit drei Jahren begonnen, Schwimmen mit vier, Sport liegt quasi in seiner DNA. Skifahren war schon immer seine Leidenschaft und wurde ihm aufgrund seiner MS zum Ansporn und Trainingsziel. Krafttraining, Schwimmen, Joggen, Wandern, auch Bergwandern sieht er als Trainingseinheiten auf sein liebstes Ziel hin: die Berggipfel. Sehr gern ist er mit seinem Freund Michi unterwegs, denn die beiden haben in etwa das gleiche Leistungsniveau und verstehen sich ohne Worte. 2018 entdeckte der IT-Experte seine Liebe zum Mountainbiken. Zusammen mit Michi ist er zu Events wie dem „Stoneman“ in ganz Europa unterwegs und absolviert Rundkurse mit circa 180 Kilometern und bis zu 4.000 Höhenmetern in den Dolomiten (in Planung), im Erzgebirge oder den Ardennen.
Sollte er dem inneren Schweinehund doch einmal Raum geben und ein paar Tage nicht trainieren - was selten vorkommt -, meldet sich seine MS prompt mit erhöhtem Muskeltonus und Krämpfen im linken Oberschenkel. Neben der Medikation ist deshalb Sport für ihn die beste Therapieoption. Klaus möchte der MS keine Chance geben, die Hoheit über sein Leben zu übernehmen.
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Radfahren als ideale Ergänzung
Selbstständig, unabhängig und mobil sein - das ist gerade für MS-Erkrankte ein hohes Gut, das es trotz gesundheitlicher Einschränkungen zu erhalten gilt. In diesem Zusammenhang kann das Fahrrad der ideale Partner und manchmal auch die Rettung sein. Es ist nicht nur ein effektives Trainingsgerät, das Körper und Geist fit hält, es eröffnet auch neue Möglichkeiten, wenn eine eingeschränkte Gehfähigkeit das tägliche Leben beeinträchtigt.
Radfahren stärkt Ausdauer, Gleichgewicht und Kraft und wirkt der motorischen Fatigue entgegen. Es hat aber auch ganz allgemein einen positiven Effekt auf die Gesundheit: Es trainiert Herz und Kreislauf, aktiviert den Stoffwechsel und schont Muskeln und Gelenke, weil der Sattel bis zu 80 Prozent des Körpergewichts auffängt. Es arbeiten zudem jene Muskeln, die für das Gehen bedeutend sind und bei MS-Erkrankten häufig früh schon schwach sind: Fußheber, Hüftbeuger, untere Bauch- und Oberschenkelmuskulatur.
Es gibt verschiedene Arten von Fahrrädern, die für Menschen mit MS geeignet sind:
- Pedelec: Ein Fahrrad, bei dem Sie bei Bedarf einen Elektromotor zuschalten können.
- Dreirad/Trike: Ideal bei Gleichgewichtsproblemen.
- Handbike: Ein Fahrzeug, vergleichbar mit dem Fahrrad oder Liegerad, das allein durch die Arme angetrieben wird.
- Tandem: Eine gute Alternative, um gemeinsam mit einem nicht an MS erkrankten Partner unterwegs zu sein.
Sport und Immunmodulation
Die positiven Effekte von Sport bei MS werden unter anderem auf Veränderungen im Immunsystem zurückgeführt. Sport kann entzündungshemmende Botenstoffe freisetzen und die Aktivität von Immunzellen regulieren.
Akute körperliche Belastungen provozieren intensitätsabhängig zuerst einen inflammatorischen Zustand, dem durch die Produktion und Ausschüttung von anti-inflammatorisch wirkenden löslichen Faktoren entgegengesteuert wird. Man nimmt an, dass diese wiederkehrende kompensatorische Induktion eines antiinflammatorischen Zustands nach der Bewegung auf Dauer zu einer Verschiebung der Zellfraktionen der unterschiedlichen Immunzellen in Ruhe führt.
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Sportangebote für Menschen mit MS
Es gibt eine Vielzahl von Sportangeboten, die speziell auf die Bedürfnisse von Menschen mit MS zugeschnitten sind. Dazu gehören:
- Neurologische Rehabilitationssportgruppen: Diese Gruppen sind von den gesetzlichen Krankenkassen anerkannt, so dass Sie nach ärztlicher Verordnung Leistungen bei Ihrer Krankenkasse beantragen können. Ein Beispiel hierfür ist das kombinierte Kraft-, Ausdauer- und Koordinationstraining in der Gruppe zur Verbesserung von Mobilität und Stabilität im Alltag, das vom Zentrum für Prävention und Sportmedizin der Technischen Universität München angeboten wird. Die medizinische Betreuung erfolgt durch Dr. Sabine Uez am MVZ St. Cosmas in Neubiberg.
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