Therapie neurologischer Erkrankungen: Ein umfassender Überblick

Neurologische Erkrankungen stellen eine erhebliche Belastung für die Betroffenen und die Gesellschaft dar. Sie sind weltweit eine der Hauptursachen für den Verlust von Selbstständigkeit und Lebensqualität. In Europa sind neurologische Erkrankungen wie Schlaganfall, Demenz, Kopfschmerzen, Multiple Sklerose oder Parkinson die häufigste Ursache für Behinderungen und die zweithäufigste Ursache für Todesfälle. Glücklicherweise hat sich die Neurologie in den letzten Jahrzehnten rasant weiterentwickelt und bietet heute eine Vielzahl von Therapieansätzen, die die Lebensqualität der Patienten deutlich verbessern können.

Die Anfänge der Neurologie

Die Faszination für das menschliche Gehirn und seine Funktionen reicht weit zurück. Bereits im alten Ägypten, wie im Papyrus Smith dokumentiert, finden sich erste schriftliche Überlieferungen zur Hirnforschung. Hierin werden bereits Ursachen für Kopfschmerzen und deren Behandlung beschrieben, aber auch erste Bewegungsstörungen. Dies sind die ersten Beschreibungen neurologischer Erkrankungen.

Schlaf und neurologische Erkrankungen

Die Bedeutung des Schlafs für die Gesundheit des Gehirns wird zunehmend erkannt. Studien zeigen, dass Schlafstörungen nicht nur die unmittelbare Leistungsfähigkeit beeinträchtigen, sondern auch mit neurologischen Erkrankungen in Verbindung stehen können.

REM-Schlaf und neuronale Erregbarkeit

Die REM-Schlafphase (Rapid Eye Movement) spielt eine entscheidende Rolle bei der Regulation der neuronalen Erregbarkeit. Während des Tages wirken neue Sinneseindrücke auf das Gehirn ein, wodurch die Empfindsamkeit der Neuronen im Gehirn erhöht wird. In der Nacht wird in der REM-Schlafphase die neuronale Erregbarkeit reguliert und dadurch das physiologische Gleichgewicht wiederhergestellt. Somit ist es dem Gehirn möglich, am nächsten Morgen wieder neue Informationen verarbeiten zu können. Wenn die Schlafrhythmen aus dem Gleichgewicht geraten, können bestimmte Gehirnregionen nicht mehr richtig miteinander kommunizieren, was zu Gedächtnisdefiziten führen kann.

Neue Therapieansätze durch Schlafforschung

Die Erkenntnisse über den Zusammenhang zwischen Schlaf und neurologischen Erkrankungen könnten neue Therapieansätze eröffnen. So könnte es in Zukunft möglich sein, die Hirnrhythmen beispielsweise mittels elektrischer Stimulation wieder in den richtigen Takt zu bringen und dies als Therapie zu nutzen.

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Schlaganfall: Fortschritte in der Akuttherapie

Der Schlaganfall ist eine der häufigsten schweren Erkrankungen in Deutschland, von der jährlich etwa 270.000 Menschen betroffen sind. Lange Zeit war die Akuttherapie sehr eingeschränkt. Doch das hat sich in den 90er Jahren geändert. Da die Gehirnzellen bei Unterbrechung der Sauerstoffversorgung innerhalb weniger Minuten absterben - muss schnell gehandelt werden („Time is Brain“). Dank moderner bildgebender Verfahren wie Computertomographie (CT), Magnet-Resonanz-Tomographie (MRT) und Ultraschall können Ärzte das Gehirngewebe und die Blutgefäße im Detail untersuchen.

Systemische Thrombolyse und mechanische Thrombektomie

Ein wichtiger Fortschritt war die Einführung der systemischen Thrombolyse im Jahr 1996. Hierbei wird ein Medikament über die Vene gegeben, um Blutgerinnsel aufzulösen. Seit 2008 steht zudem die mechanische Thrombektomie zur Verfügung, bei der ein Katheter über die Leiste bis zum Blutgerinnsel vorgeschoben wird, um es zu entfernen.

Stroke Units und mobile Stroke Units

Ein weiterer Meilenstein war die Einführung von Schlaganfall-Spezialstationen, den „Stroke Units“, im Jahr 1990 in Deutschland. Inzwischen gibt es in Krankentransportwagen integrierte Mobile Stroke Units. Dieser rasante Fortschritt bei den Diagnose- und Behandlungsmöglichkeiten hat entscheidend dazu beigetragen, dass die Sterblichkeitsrate nach einem Schlaganfall in den letzten 30 Jahren deutlich zurückgegangen ist.

Parkinson-Krankheit: Revolutionäre Therapieansätze

Die Parkinson-Krankheit ist durch Bewegungsverlangsamung (Bradykinese), Muskelsteifigkeit (Rigor) und Zittern (Tremor) gekennzeichnet.

L-Dopa und tiefe Hirnstimulation

In den 1960er Jahren revolutionierte die Einführung von L-Dopa die Therapie der Parkinson-Krankheit. Ein weiterer Durchbruch war die Entdeckung der Tiefen Hirnstimulation (THS) im Jahr 1987. Bei der THS werden Elektroden in das Gehirn eingesetzt, die mit einem Hirnschrittmacher verbunden sind. Dank der elektrischen Impulse lassen sich die allgemeine Beweglichkeit und das Zittern gut behandeln.

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Genetische Ursachen und Gentherapie

Etwa 5 Prozent aller Parkinson-Erkrankungen haben eine genetische Ursache. Die Identifizierung dieser Gene ermöglicht die Entwicklung von gezielteren Therapien.

Spinale Muskelatrophie: Ein Durchbruch in der Behandlung

Bei der spinalen Muskelatrophie (SMA) kommt es zu einem Verlust von motorischen Vorderhornzellen im Rückenmark, was zu Muskelschwund führt. In der Mehrzahl der Fälle erkranken Betroffene im Kindesalter und im weiteren natürlichen Verlauf führt die Erkrankung zu einem frühen Tod oder zu schwerwiegenden motorischen Behinderungen.

Antisense-Oligonukleotide (ASOs)

Ein Durchbruch in der Behandlung der SMA ist die Verwendung von Antisense-Oligonukleotiden (ASOs). ASOs dienen einer Art von Gen-Stummschaltungs-Behandlung, in der speziell entworfene DNA-Moleküle genutzt werden, um ein „Gen auszuschalten“. Bei Patienten mit einer spinalen Muskelatrophie besteht ein Mangel an einem bestimmten Eiweiß, dem SMN-Protein. Dieser Mangel führt vorwiegend zu einem Absterben (Degeneration) von motorischen Vorderhornzellen. Dadurch wird der Verlust von Nervenzellen reduziert und die Symptome der Erkrankung können verbessert werden.

Weitere neurologische Erkrankungen und ihre Behandlung

Neben den genannten Erkrankungen gibt es eine Vielzahl weiterer neurologischer Erkrankungen, die unterschiedliche Symptome und Verläufe aufweisen.

Multiple Sklerose

Multiple Sklerose (MS) ist eine chronisch-entzündliche Erkrankung des zentralen Nervensystems. Zurzeit gibt es keine kurative Therapie, das Ziel der Behandlungen ist die Reduktion der Entzündungsreaktionen. Tritt ein Schub auf, folgt eine akute Schubtherapie mit hochdosiertem Kortison. Mit einer verlaufsmodifizierenden Therapie (Basis- oder Eskalationstherapie) sollen Häufigkeit und Schwere der Schübe gemindert, sowie das Fortschreiten der Progression verlangsamt werden.

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Neuromyelitis-optica-Spektrum-Erkrankungen (NMOSD)

Neuromyelitis-optica-Spektrum-Erkrankungen (NMOSD) sindAutoimmunerkrankungen, die das zentrale Nervensystem betreffen. Es steht keine kurative Therapie zur Verfügung, jedoch gibt es prophylaktische Therapien, die das Risiko für Schübe reduzieren können. Zur Behandlung der Symptome stehen symptomatische Therapien zur Verfügung. Bei einem Schub kommt eine akute Schubtherapie zum Einsatz.

Chorea Huntington

Chorea Huntington ist eine erbliche neurodegenerative Erkrankung. Hier gibt es weder eine kurative noch eine kausale Therapie.

Alzheimer-Krankheit

Die Alzheimer-Krankheit ist die häufigste Form der Demenz. Es gibt keine kurative Therapie und die Behandlung erfolgt medikamentös mit Antidementiva. Zusätzlich werden Verhaltensauffälligkeiten behandelt und es können stimmungsaufhellende Mittel verabreicht werden.

Diagnose neurologischer Erkrankungen

Die Diagnose neurologischer Erkrankungen beginnt in den meisten Fällen mit der Anamnese und einer ausführlichen allgemeinen und neurologischen Untersuchung. Da die Symptome - gerade zu Beginn - aber nicht immer eindeutig sind und unterschiedliche Erkrankungen infrage kommen können, sind oft weitere Untersuchungen notwendig.

Spezifische diagnostische Verfahren

  • Neuromyelitis-optica-Spektrum-Erkrankungen (NMOSD): Anhand einer Laboruntersuchung wird festgestellt, ob die betroffene Person AQP4-Antikörper im Serum hat.
  • Chorea Huntington: Da es sich hierbei um eine Erbkrankheit handelt, wird zunächst während der Anamnese die Familiengeschichte erfragt.
  • Alzheimer-Krankheit: Anhand von verschiedenen Tests wird zunächst die geistige Leistungsfähigkeit beurteilt.

Allgemeine Therapieansätze bei neurologischen Erkrankungen

Für viele neurologische Erkrankungen gibt es noch keine kurative Therapie - sie sind nicht heilbar. Die Behandlung setzt sich aus nicht-medikamentösen Maßnahmen, wie beispielsweise Physio- und Ergotherapie, und medikamentösen Ansätzen zusammen. Bei den medikamentösen Maßnahmen wird zwischen einer kausalen und einer symptomatischen Therapie unterschieden. Erstere bekämpft die Ursache der Erkrankung, während letztere nur die krankheitsbedingten Symptome behandelt.

Risikofaktoren für neurologische Erkrankungen

Einige Risikofaktoren können das Entstehen neurologischer Erkrankungen begünstigen. Dazu gehören:

  • Schwerhörigkeit: Schwerhörigkeit nicht auf die leichte Schulter nehmen und lieber früh auf ein Hörgerät setzen.
  • Stress: Große seelische Belastungen treiben das Demenzrisiko in die Höhe.
  • Einsamkeit: Wer einsam ist, leidet darunter, dass er alleine ist. Genau dieses Gefühl ist offenbar auch ein Risikofaktor für eine Demenz.
  • Diabetes und Bluthochdruck: Diabetes und Bluthochdruck sind schlecht für die Gefäße. Deshalb haben Diabetiker ein höheres Risiko für Demenz.
  • Rauchen: Wer regelmäßig Zigaretten raucht, schadet nicht nur seiner Lunge und erhöht sein Krebsrisiko. Auch das Gehirn leidet, weil durch Nikotin und Co. die Gefäße verengt werden.
  • Luftverschmutzung: Auch dreckige Luft steht im Verdacht das Demenzrisiko zu erhöhen.
  • Depression: Depressionen und Demenz gehen oft Hand in Hand.

Prävention neurologischer Erkrankungen

Ein gesunder Lebensstil kann dazu beitragen, das Risiko für neurologische Erkrankungen zu senken. Dazu gehören:

  • Nicht rauchen
  • Kein Alkohol
  • Eine gesunde Ernährung
  • Normalgewicht
  • Bewegung

Die Rolle des Hausarztes

Vermuten Sie bei sich eine Nervenkrankheit, zum Beispiel, weil oben genannte Symptome vorliegen, so ist als erstes Ihr:e Hausärzt:in der bzw. die geeignete Ansprechpartner:in. Er oder sie wird Sie gründlich untersuchen und entscheiden, ob der Verdacht begründet ist. Falls ja, kann sie Sie an eine:n Neurolog:in überweisen, der bzw. die die weitere Diagnostik durchführen kann. Zögern Sie nicht, sich frühzeitig an Ihre Hausärztin oder Ihren Hausarzt zu wenden, anstatt Beschwerden monate- oder gar jahrelang auszuhalten. Die Behandlungsaussichten sind meist besser, je früher mit der Therapie begonnen wird.

Unterstützung für Betroffene und Angehörige

Außerdem kann es helfen, Angehörigen, Partner:innen oder Mitbewohner:innen von der Erkrankung zu erzählen. Bei vielen neurologischen Krankheiten werden Sie zumindest zeitweise Hilfe benötigen. Die psychische Belastung ist ebenfalls nicht zu unterschätzen. Lassen Sie sich jedoch nicht alles abnehmen, auch wenn Ihr Umfeld Sie schonen und unterstützen möchte. Für alle Betroffene egal welcher neurologischen Krankheit ist es sowohl für Psyche als auch für die körperliche Situation wichtig, all das selbstständig zu tun, was selbstständig geht. Angehörigen mag es häufig schwerfallen, zuzusehen und Tätigkeiten nicht abzunehmen, die anstrengend oder mühselig erscheinen. Damit tun Sie jedoch niemandem einen Gefallen, sich selbst nicht, und dem bzw. der Betroffenen nicht. Dies bedeutet nicht, dass Sie jemandem, der Hilfe braucht, nicht die Treppe hinaufhelfen. Aber wenn beispielsweise normales Besteck aufgrund einer Polyneuropathie nicht mehr benutzt werden kann, suchen Sie lieber gemeinsam Lösungsstrategien. Besorgen Sie zum Beispiel dickeres Besteck, das der oder die Betroffene benutzen kann, anstatt das Fleisch vorzuschneiden.

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