Das Erlernen einer neuen Sprache ist nicht nur eine Bereicherung für den persönlichen und beruflichen Alltag, sondern auch ein effektives Training für das Gehirn. Die Gehirnforschung hat in den letzten Jahren bedeutende Fortschritte gemacht, die unser Verständnis davon, wie wir Sprachen lernen, grundlegend verändert haben. Dieser Artikel beleuchtet verschiedene Aspekte des Sprachenlernens, von traditionellen Methoden über innovative Ansätze bis hin zu den neuesten Erkenntnissen der Neurowissenschaften.
Die Birkenbihl-Methode: Gehirngerechtes Sprachenlernen
Vera F. Birkenbihl entwickelte eine Methode, die auf den Erkenntnissen der Gehirnforschung und der Sozialwissenschaften basiert. Der Ansatz zielt darauf ab, Sprachen so zu lernen, wie Kinder ihre Muttersprache erwerben: ganzheitlich, intuitiv und mit Freude.
Aktives Hören und Dekodierung
Die Methode beginnt mit dem "Aktiven Hören". Dabei wird der fremdsprachliche Text am Bildschirm zweizeilig dargestellt. In der oberen Zeile steht der Originaltext, in der unteren eine "Wort-für-Wort"-Übersetzung in die Muttersprache. Ein Muttersprachler liest den Text vor, während der Lernende die synchron aufleuchtende Übersetzung mitliest, ähnlich wie bei Karaoke. Dies soll helfen, sich schnell mit der Sprache, dem Sprechrhythmus und neuen Wörtern vertraut zu machen.
Verstandene Wörter können ausgeblendet werden, wodurch der Wortschatzzähler steigt und der Fortschritt sichtbar wird. Ziel ist es, am Ende einer Lektion die meisten Wörter ausgeblendet zu haben, bevor man zur nächsten Lektion übergeht. Die Lerndauer wird individuell bestimmt.
Eine Besonderheit, die im KOSYS® Sprachkonzept aufgegriffen wurde, ist die Dekodierung der Zielsprache in die eigene Muttersprache. Durch das Lesen der Fremdsprache auf Basis der Muttersprache soll der Satzbau und die Grammatik spielerisch verstanden werden.
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Passives Hören: Unbewusstes Lernen
Ergänzend zum aktiven Hören empfiehlt die Birkenbihl-Methode das "Passive Hören". Hierbei werden die zuvor durch aktives Hören verstandenen Lektionen leise im Hintergrund abgespielt, während man sich anderen Tätigkeiten widmet. Das Unterbewusstsein nimmt die Sprache auf und bereitet das Gehirn auf das Sprechen vor, indem die notwendigen Nervenbahnen angelegt werden. Idealerweise sollte der Text den ganzen Tag und, wenn möglich, auch nachts gehört werden.
Neurowissenschaftliche Grundlagen des Sprachenlernens
Um eine Fremdsprache zu erlernen, nutzt das Gehirn Strukturen, die es bereits für die Muttersprache angelegt hat. Neurowissenschaftler haben zwei wesentliche Sprachregionen identifiziert:
- Broca-Areal: Im linken Stirnlappen gelegen, zuständig für den Aufbau von Sätzen nach bestimmten Regeln (Syntax).
- Wernicke-Areal: Im linken Schläfenlappen lokalisiert, verantwortlich für die Verarbeitung der Bedeutung von Wörtern und Sätzen (Semantik).
Säuglinge nutzen bereits die Wernicke-Region, um Wörter zu erlernen und abzuspeichern. Ab einem Alter von sechs Monaten können sie Gegenständen Begriffe zuordnen und sogar Fehler erkennen, noch bevor sie selbst sprechen. Das Gehirn ist in diesem Alter besonders plastisch und aufnahmefähig.
Der Lernprozess im Gehirn
Beim Erlernen einer Fremdsprache laufen im Gehirn ähnliche Prozesse ab wie beim Erwerb der Muttersprache. Zunächst ist das Wernicke-Areal aktiv, um die Bedeutung von Wörtern zu verstehen und neue Vokabeln zu speichern. Mit zunehmendem Wortschatz wird verstärkt auf grammatikalische Strukturen geachtet, wodurch sich das Broca-Areal stärker aktiviert.
Bei Kindern, die zweisprachig aufwachsen, laufen diese Prozesse parallel für beide Sprachen ab, ohne dass diese vermischt werden. Wie genau Kinder diese Leistung erbringen, ist noch nicht vollständig geklärt.
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Unterschiede zwischen Muttersprache und Fremdsprache
Studien haben gezeigt, dass sich das Gehirn beim Erlernen einer Fremdsprache anders verhält als beim Verarbeiten der Muttersprache. Bei Muttersprachlern reagiert das Broca-Areal sofort auf grammatikalische Fehler wie eine Alarmanlage. Bei Fremdsprachenlernern dauert es länger, bis der Fehler erkannt wird, da die "Alarmanlage" noch nicht vollständig installiert ist. Bei fortgeschrittenen Lernern aktiviert sich das Broca-Areal jedoch zunehmend bei falschen Sätzen, bis die Hirnantwort schließlich der eines Muttersprachlers entspricht.
Vorteile des Fremdsprachenlernens
Das Erlernen von Fremdsprachen hat zahlreiche Vorteile, die weit über die reine Kommunikationsfähigkeit hinausgehen.
Kognitive Vorteile
- Verbesserte Gedächtnisleistung: Fremdsprachenlernen stärkt das Gedächtnis und die Fähigkeit, sich neue Informationen zu merken.
- Erhöhte Konzentrationsfähigkeit: Das ständige Wechseln zwischen Sprachen trainiert die Konzentration und Aufmerksamkeit.
- Gesteigerte Flexibilität: Mehrsprachige Menschen können leichter zwischen Aufgaben hin- und herwechseln.
- Verbesserte Problemlösekompetenz: Das Gehirn ist durch die kognitiven Herausforderungen des Sprachenlernens besser in der Lage, Probleme zu lösen.
Schutz vor altersbedingtem Abbau
Studien haben gezeigt, dass mehrsprachige Senioren mehr intakte weiße Substanz im Gehirn aufweisen als einsprachige Gleichaltrige. Das permanente Sprachwechseln verlangsamt die Abbauprozesse im Alter und kann Demenzerkrankungen um vier bis fünf Jahre hinauszögern. Dieser schützende Effekt tritt auch dann ein, wenn man erst spät im Leben mit dem Sprachenlernen beginnt.
Stärkung der Hirnverbindungen
Der Fremdsprachenerwerb stärkt die Verbindung zwischen den Hirnhälften, insbesondere zwischen den Bereichen, die die Bedeutung und den Klang von Wörtern verarbeiten. Dies wurde in einer Langzeitstudie mit syrischen Flüchtlingen in Deutschland beobachtet, die einen Intensivsprachkurs absolvierten.
Alternative Lernmethoden und Technologien
Neben der Birkenbihl-Methode gibt es weitere innovative Ansätze und Technologien, die das Sprachenlernen erleichtern können.
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neoos® BrainTuning Technologie
Diese Technologie nutzt die Haut als Hörorgan, um das Sprachenlernen zu unterstützen. Sie soll die Sprachinformationen zusätzlich über die Haut vermitteln und so den Lernprozess beschleunigen.
Birkenbihls Lernmethoden im Überblick
Vera F. Birkenbihl entwickelte zahlreiche weitere Lernmethoden und Gehirntrainings, die auf dem Prinzip des gehirngerechten Lernens basieren:
- Analograffiti-Technik: Eine Brainstorming-Methode, die beide Gehirnhälften für ein Thema vernetzen soll. Dazu gehören die KaGas-Methode (Assoziationen zeichnen) und die KaWas-Methode (Wort-Assoziationen notieren).
- ABC-Technik: Dient der Wissens-Inventur und kann den Wissensstand zu einem bestimmten Thema aufzeigen.
- Wissensnetz: Verbildlicht die neuronalen Verbindungen im Gehirn und zeigt, wie Wissen durch Anwendung gefestigt wird.
Parallelen zu Maria Montessori
Obwohl Vera F. Birkenbihl und Maria Montessori unterschiedlichen pädagogischen Strömungen angehören, gibt es Gemeinsamkeiten in ihren Ansätzen:
- Ablehnung von Auswendiglernen: Beide betonen die Bedeutung des Verstehens und der aktiven Auseinandersetzung mit dem Lernstoff.
- Freie Wahl der Lernmaterialien: Birkenbihl und Montessori sind sich einig, dass Lernen effektiver ist, wenn der Lernende das Tempo und die Methode mitbestimmen darf.
- Positive Haltung gegenüber Fehlern: Fehler werden als Lernchance und nicht als Scheitern betrachtet.
- Sprachliche Immersion: Beide setzen auf den natürlichen Umgang mit der Sprache im Alltag.
Tipps für erfolgreiches Sprachenlernen
- Regelmäßigkeit: Am besten täglich etwa 30 Minuten schreiben, hören und lesen.
- Sprachliche Immersion: Nachrichten schauen, Zeitung lesen oder Podcasts in der Zielsprache hören.
- Spaß am Lernen: Die Fremdsprache spielerisch lernen und sich nicht unter Druck setzen.
- Aktives und passives Hören: Die Birkenbihl-Methode kombinieren, um das Unterbewusstsein zu aktivieren.
- Fehler akzeptieren: Fehler sind ein natürlicher Bestandteil des Lernprozesses.
- Pausen einlegen: Regelmäßige Pausen helfen, neue Energie zu tanken.