Unser Körper ist darauf ausgelegt, uns vor Gefahren zu schützen. Das Gehirn, insbesondere das Stammhirn, spielt dabei eine entscheidende Rolle. Die Kampf- oder Fluchtreaktion ist ein uralter Mechanismus, der uns in bedrohlichen Situationen das Überleben sichern soll.
Die Ursprünge der Stressreaktion
In den frühen evolutionären Zeiten, aus denen die Stressreaktion stammt, ging es oft um Gefahren für Leib und Leben. Heute stehen in vielen Gesellschaften andere Gefahren im Vordergrund. Menschen erleben beispielsweise Stress, wenn ihr Selbstwert bedroht ist, wenn sie Angst haben, zu versagen oder von wichtigen anderen Menschen getrennt zu sein. Oder manchmal ganz einfach, wenn etwas nicht so läuft, wie sie es gerne möchten. Doch egal was die Ursache ist, die Stressreaktion läuft immer noch nach dem gleichen alten Muster ab - selbst wenn man sich die stressige Situation nur vorstellt.
Die Rolle des Gehirns bei Stress
Wenn wir Stress erleben, werden verschiedene Regionen unseres Gehirns aktiv. Wie bei einem guten Team arbeiten diese Regionen zusammen, um uns für Kampf oder Flucht fit zu machen. Manche Teile des Gehirns sind eher für die emotionale Verarbeitung "zuständig", andere fürs Planen und Denken. Wieder andere sorgen dafür, dass die Vorgänge in Gang gesetzt werden, die notwendig sind, damit die Stresshormone ausgeschüttet werden.
Ein wichtiger Bestandteil dieses Systems ist die Amygdala, auch "Angstzentrale" des Gehirns genannt. Sie ist Teil des limbischen Systems, einem Verbund verschiedener Hirnstrukturen im Innern des Gehirns, der eine große Rolle bei der Verarbeitung von Emotionen spielt. Die Amygdala steuert - zusammen mit anderen Hirnregionen - unsere psychischen und körperlichen Reaktionen auf stress- und angstauslösende Situationen.
Treffen bei ihr Signale ein, die höhere Aufmerksamkeit erfordern, zum Beispiel, wenn etwas neu oder gefährlich ist, dann feuern ihre Nervenzellen. Wir werden wacher und aufmerksamer. Dies geschieht bereits, bevor wir die Gefahr bewusst erkennen. Ab einer bestimmten Schwelle der Nervenaktivität setzt die Amygdala die Stressreaktion in Gang und aktiviert so die Kampf- und Flucht-Reaktion.
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Die zwei Wege der Stressreaktion
Um die Kampf- und Fluchtreaktion auszulösen, nutzt die Amygdala zwei Wege. Der schnellere Weg läuft über das sogenannte sympathische Nervensystem, das den Körper auf Aktivität einstimmt. Etwas langsamer ist der Weg über den Hypothalamus. Der Hypothalamus ist ein komplexes Gebilde im Zwischenhirn, das grundlegende Funktionen unseres Körpers steuert. Für die Stressreaktion setzt er eine ganze Kaskade von Hormonen in Gang.
Der schnelle Weg: Das sympathische Nervensystem
Über die Nervenstränge des sympathischen Nervensystems im Rückenmark gelangt die Information "Gefahr" zum Mark der Nebenniere. Dort werden Adrenalin und - in geringerem Maß - Noradrenalin ausgeschüttet. Diese Hormone nennt man auch Katecholamine. Sie treiben zum Beispiel den Herzschlag und den Blutdruck in die Höhe, sorgen für eine größere Spannung der Muskeln und bewirken, dass mehr Blutzucker freigesetzt wird, so dass die Muskelzellen besser versorgt werden können.
Der "langsame" Weg über den Hypothalamus
Parallel informiert die Amygdala den Hypothalamus, dass Gefahr im Verzug ist. Der Hypothalamus schüttet hormonelle Botenstoffe aus, unter anderem das Corticotropin-releasing-Hormon. Dieses Hormon wirkt auf die Hirnanhangdrüse im Gehirn - auch Hypophyse genannt. Es sorgt dafür, dass sie ein weiteres Hormon freisetzt, das Adrenocorticotropin, kurz ACTH. Es gelangt mit dem Blut zur Rinde der Nebenniere und veranlasst diese, das Stresshormon Kortisol auszuschütten. Kortisol ist ein lebenswichtiges Glukokortikoid, das auch viele andere Funktionen im Körper hat. Ist es im Übermaß vorhanden, kann es den Körper aber auch schädigen.
Zusammen sorgen die Hormone und das sympathische Nervensystem dafür, dass unser Körper mehr Sauerstoff und Energie bekommt, um schnell zu handeln.
Was die Hormone bewirken
Die Ausschüttung von Stresshormonen führt zu einer Reihe von körperlichen Veränderungen:
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- Der Atem beschleunigt sich
- Puls und Blutdruck steigen an
- Die Leber produziert mehr Blutzucker
- Die Milz schwemmt mehr rote Blutkörperchen aus, die den Sauerstoff zu den Muskeln transportieren
- Die Adern in den Muskeln weiten sich. Dadurch werden die Muskeln besser durchblutet
- Der Muskeltonus steigt. Das führt oft zu Verspannungen. Auch Zittern, Fußwippen und Zähneknirschen hängt damit zusammen
- Das Blut gerinnt schneller. Damit schützt sich der Körper vor Blutverlust
- Die Zellen produzieren Botenstoffe, die für die Immunabwehr wichtig sind
- Verdauung und Sexualfunktionen gehen zurück. Das spart Energie
Stress und Gedächtnis
Die Amygdala setzt nicht nur die Stressreaktion in Gang. Sie veranlasst auch eine bedeutende Gedächtnisregion im Gehirn, den ganz in der Nähe gelegenen Hippocampus, sich die stressauslösende Situation gut zu merken. Auf diese Weise lernen wir, uns vor dem Stressor in Acht zu nehmen. Kommen wir erneut in eine derartige Situation, läuft die Stressreaktion noch schneller ab.
Forschungen haben gezeigt, dass chronischer Stress die Zellfortsätze im Hippocampus schädigen kann. Sie sind Teil der Nervenzelle und wichtig für die Aufnahme von Information. Schrumpfen sie, wirkt sich das negativ auf das Gedächtnis aus.
Denken und Stress
Auch mit dem "denkenden" Teil des Gehirns ist die Amygdala eng verbunden, vor allem mit einem stammesgeschichtlich jüngeren Teil unseres Hirns, dem Stirnlappen. Er ist wichtig für die Kontrolle der Emotionen. Wie der Name sagt, sitzt er hinter der Stirn. Er wird auch präfrontaler Cortex genannt. Mit seiner Hilfe können wir durch logische Analyse und Denken unsere Emotionen beeinflussen. Er spielt eine große Rolle bei der Bewertung, ob wir einen Stressor für bewältigbar halten oder nicht, und für unser Verhalten in der stressigen Situation.
Chronischer Stress allerdings kann den präfrontalen Cortex verändern, so dass es schwieriger wird, sinnvolle Entscheidungen zu treffen.
Die eingebaute Stressbremse
Zum Glück regen wir uns meistens nach Stress auch wieder ab. Dabei hilft eine eingebaute Stressbremse. Ist nämlich das Stresshormon Kortisol in ausreichendem Maß im Blut vorhanden, merken das bestimmte Rezeptoren im Drüsensystem und im Gehirn, die Glucocorticoidrezeptoren. Daraufhin stoppt die Nebennierenrinde die Produktion von weiterem Kortisol. Das parasympathische Nervensystem - der Teil des Nervensystems, der unseren Körper zur Ruhe kommen lässt - wird aktiv. Wir werden wieder ruhiger und entspannen uns.
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Wenn die Hormone aus dem Ruder laufen
Anders sieht es aus, wenn das Zusammenspiel der Hormone nicht optimal funktioniert. Zum Beispiel, wenn nicht genug Rezeptoren vorhanden sind, die merken könnten, dass genug Kortisol vorhanden ist. Oder wenn die vorhandenen Rezeptoren nicht richtig arbeiten. Dann wird die Achse aus Hypothalamus, Hirnanhangdrüse und Nebenniere zu aktiv. Sie produziert zu viel Kortisol.
So etwas kann in schlimmen Fällen zu Denkstörungen, zu Gewebeschwund im Hirn und zu Störungen des Immunsystems führen. Auch die Entstehung von Depressionen wird auf diesen Einfluss zurückgeführt, ebenso Stoffwechselstörungen, die Diabetes fördern.
Frühe traumatische Erfahrungen beeinflussen die Stressreaktion
Intensiver Stress in der frühen Kindheit kann die Arbeitsweise von Genen, die an der Stressreaktion beteiligt sind, so beeinflussen, dass Stresshormone schneller und intensiver ausgeschüttet werden. Das wiesen Neurowissenschaftler aus dem Max-Planck-Institut für Psychiatrie in München an Tieren nach. Dieser Effekt bleibt lebenslang bestehen. Ähnliche Ergebnisse scheint es unter bestimmten genetischen Bedingungen auch bei Menschen zu geben, die ein Trauma erlebt haben, etwa durch eine Naturkatastrophe, durch Missbrauch oder durch Gewalt.
Kampf, Flucht oder Erstarrung: Die Reaktionsmuster
Laut Walter Cannon haben Mensch und Tier vor allem zwei Wahlmöglichkeiten bei einer Bedrohung: Kampf oder Flucht. Eine weitere ist Erstarrung. Zur Vorbereitung auf diese Reaktionen nimmt der Körper physische Veränderungen vor: Das Stresshormon Adrenalin wird in verstärktem Maße ausgeschüttet, bestimmte Muskeln spannen sich an und werden vermehrt durchblutet, Herzschlag und Blutdruck erhöhen sich, die Schweißbildung nimmt zu. Der gesamte Körper wird in Alarmbereitschaft versetzt und mit entsprechender Energiezufuhr versorgt. Oberstes Prinzip: Das eigene Überleben muss gesichert werden!
Die drei Reaktionsmuster des Sympathikus
- Flucht: Ist eine Flucht nicht möglich oder sinnvoll, stellt sich der Körper alternativ auf Kampf ein.
- Kampf: Bei dem Beispiel mit dem fiesen Kommentar könnte es sein, dass du wütend wirst, dich ebenfalls aufregst und vielleicht sogar mit einem eigenen fiesen Kommentar antwortest.
- Erstarren: Eine letzte Möglichkeit ist noch das Erstarren, was man im Tierreich oft erlebt. Rehe auf der Straße machen das z.B., wenn sich ein Auto nähert. Beim Menschen kommt diese Reaktion eher seltener vor (im Vergleich zu Flucht oder Kampf) und steht in der Reaktions-Wahrscheinlichkeit an 3.
Die zwei Reaktionsmuster des Parasympathikus
Stephen Porges hat im Rahmen der Polyvagal-Theorie den drei Möglichkeiten Kampf, Flucht und Erstarrung erstmals den Totstellreflex hinzugefügt. Er hatte festgestellt, dass es diesen uralten Reflex in uns gibt, der zu einer Art parasympathisch gesteuerter Selbstaufgabe führt: Wir geben auf.
Stress in der modernen Welt
Zu Urzeiten wurden diese körperlichen Stressreaktionen in Form von Kampf oder Flucht aktiv umgesetzt. Diese physischen Vorbereitungen auf lebensgefährliche Situationen sind zwar durchaus sinnvoll, aber der zivilisierte Mensch wird kaum noch von ihnen bedroht. Heute ist die Kampf-Flucht-Reaktion bei der Bewältigung der meisten Stress-Situationen nicht mehr hilfreich. Das hat zur Folge, dass die bereitgestellte Energie (Fett, Zucker) nicht verbraucht wird und unseren Körper sogar durch Langzeitbelastungen schädigen kann.
Denn die Stressreaktion ist von Natur aus als kurze Belastung für Gefahrensituationen angelegt. Heutige Stressfaktoren sind aber meist über Stunden, Tage, Wochen, Monate oder gar Jahre aktiv. Zum Beispiel in zwischenmenschlichen Beziehungen, im Beruf oder auf existenzieller Ebene. Somit bleibt ein erhöhtes Stressniveau über lange Zeit bestehen und wird oft nicht mit Bewegung, Ruhe oder Entspannung körperlich abgebaut. Dadurch bleibt der Körper ständig „unter Strom“. Der Organismus verliert sein natürliches Gleichgewicht und kehrt nur sehr schwer zu seinem normalen Ruheniveau zurück.
Stress beim Trading
Auch beim Trading kann Stress eine große Rolle spielen. Walter B. Cannons drei Handlungsmuster zeigen sich hier wie folgt:
- Der Kampf stellt sich im Über-Traden, in Positionserhöhung oder im Stopps löschen dar.
- Flucht zeigt sich darin, dass Trader vorschnell eine Position auflösen oder Trades kurz vor Erreichen der Stopps glattstellen.
Die ständigen Kursbewegungen sind zufällig und werden vor allem durch die Emotionen der Beteiligten stark beeinflusst. Beim Trading entsteht Stress vor allem durch eine der beiden stärksten menschlichen Reaktionen. Neben Liebe ist das die Angst. Die größte Angst des Menschen ist der Verlust seiner Existenz. Da Geld in unserer Gesellschaft eine sehr wichtige Bedeutung von Existenz übernommen hat, löst Geldverlust bei vielen das Gefühl von Existenzangst aus.
Sieht ein Trader zum Beispiel, dass sich ein Kurs negativ zu seinem eingegangenen Trade verhält, bewertet das Angstzentrum im Stammhirn (Reptiliengehirn) diese Situation automatisch als lebensbedrohliche Situation und zwingt den Trader, im Zweifelsfall ins Geschehen einzugreifen.
Auch andere typische Verhaltensweisen beim Traden werden oft durch Stress verursacht:
- Mit Spontan-Trades Verluste ausgleichen zu wollen
- Stopps wahllos zu versetzen, zu löschen, oder gar nicht erst zu platzieren
- Gedankliches Einsinken in den Chart-Verlauf und dadurch den Gesamtüberblick zu verlieren
- Umher springen in den verschiedenen Zeiteinheiten, auf der Suche nach Chancen - statt Chancen auf Grundlage seines Regelwerks zu suchen
- Risikoveränderung durch Vergrößern oder Verkleinern des Geldeinsatzes
- Handelssysteme werden vermischt und der eigene Handelsansatz nicht mehr korrekt durchgeführt
- Trading auf Grundlage von Gedanken wie „Höher kann der Kurs nicht steigen“. „Tiefer kann die Aktie nicht fallen“.
Starke Stressverstärker beim Trading sind hohe oder häufige Geldverluste und existenzielle Verpflichtungen. Beim Trading sollte man deshalb immer nur kleine Risiken eingehen. Wer aus existenziellen Gründen traden muss, kann schnell in eine Stressspirale geraten.
Umgang mit Stress
Die Natur hat in unserem Körper hervorragende Systeme eingerichtet, um unser Überleben zu sichern. Ein besseres Verständnis über die Vorgänge hilft meist schon dabei, erste Veränderungen vorzunehmen. Wenn du also im Dauerstress gefangen bist, wie die meisten Menschen heutzutage, denke daran: It’s not you - it’s your nervous system! (Side note: Was nicht bedeutet, dass du nichts aktiv daran verändern kannst oder solltest!)
Regelmäßige Entspannung ist gut, um gelassen beim Trading zu bleiben. Genauso Sport, eine gesunde Ernährung und ein ausgleichendes Hobby.
Hilfreich ist ein persönlicher Stresstest: „Wie komme ich beim Traden in Stress?“, „Wie trade ich in stressigen Situationen?“, „Was kann ich in Stresssituationen anders machen?“, „Wie möchte ich mich beim Traden wirklich fühlen, und wie erreiche ich das?“
Persönlichkeit und Trading
Viele meinen, dass alle Menschen irgendwie gleich seien. Tatsache ist aber: Jeder ist anders. Jeder macht seine ganz eignen Erfahrungen und erlebt das Leben anders. Man wird etwa geprägt von seinen Eltern, Geschwistern, Familienmitgliedern, Freunden, im Kindergarten, in der Schule, im Beruf. Diese Unterschiede sind auch der Grund, weshalb Trading nicht für jeden gleich erlernbar ist. Ein Trading-Plan sollte deshalb auf die individuelle Persönlichkeit abgestimmt werden. Es reicht in der Regel nicht, den Trading-Stil eines anderen eins zu eins zu kopieren.
Wer Erfolg an der Börse haben will, der sollte herausfinden, was seine Persönlichkeit ausmacht. Dazu kann man eine Selbstanalyse vornehmen, indem man seine Selbsteinschätzung aufschreibt. Anschließend sollte diese mit einer vertrauten Person besprochen und um deren eigene Meinung ergänzt werden. Wichtig sind die Erkundungen zu den Aspekten Geduld, Risikoneigung, gedankliche Aufnahmefähigkeit, Disziplin, Flexibilität, Sturheit, Schnelligkeit, Ängstlichkeit, Kreativität.
Ein Persönlichkeits-Check sollte unbedingt zu Beginn der Trading-Laufbahn geschehen. Das Ergebnis dieser Analyse kann dann genutzt werden, um einen eigenen Trading-Plan zu erstellen. Wer zum Beispiel eine niedrige Angstschwelle hat oder zu unflexibel ist, für den könnte es schwer sein, in kleinen Zeiteinheiten zu handeln. Menschen, die dazu neigen, immer recht haben zu wollen, sollten aufpassen, dass sie nicht in eine Selbst-Sabotagefalle geraten, indem sie beginnen, mit den Märkten zu „kämpfen'.' Hier besteht auch die Gefahr der ständigen Stopp-Versetzung oder gar Löschung der Stopps.
Die Bedeutung von Wissen und Erfahrung
Immer wieder passiert es, dass Trader gerade zu Beginn ihrer Ausbildung viele Fehler aufgrund ihrer Vorstellungen und Gedanken machen. Denken hilft zwar - nutzt aber nichts. Denn beim Trading gelten andere Gesetze. Die Kursverläufe geschehen nicht auf Basis einer Logik, sondern zumeist rein zufällig. Zwar wiederholen sich bestimmte Kursmuster, aber eine hundertprozentige Garantie gibt es nicht. Die Kunst des erfolgreichen Tradens liegt vor allem darin, zu handeln, was man sieht, und nicht, was man denkt. Das ist für Trader eine große Herausforderung. Denn Menschen sind es gewohnt, vor allem logisch zu agieren. Probleme löst der Mensch mit seinem Verstand. Doch der Börsenhandel ist kein Problem, das sich logisch lösen lässt.
Auch das Überangebot an Wissen in Form von Büchern, Zeitschriften, Foren, Seminaren und Vorträgen kann dazu führen, dassTrading-Ziele nicht erreicht werden. Wer viel weiß, lässt sich leicht dazu verleiten, dieses Wissen auch anwenden zu wollen. Unterschiedliche Handeisstrategien werden dann miteinander vermischt, die Einstiegsbedingungen verkompliziert. Ständig gleicht man seinen Wissensstand mit dem der Anderen, meist Experten, ab. Das führt oft zu instabilen Handelssystemen. Nicht selten ist es so, dass durch vermehrtes Wissen die Kapitalkurve abnimmt, statt zu wachsen. Auch diverse Nachrichten und Informationen über Aktien und Märkte werden von ungeübten Tradern vollkommen überbewertet.
Hoffnung und Verantwortung
„Hoffnung ist der Kutscher der Armut": Beim Trading trifft das uneingeschränkt zu. Ausgelöst durch Ängste neigen Trader dazu, an Verlustpositionen hoffnungsvoll festzuhalten, statt das angelaufene Minus auf dem Handelskonto zu akzeptieren und die Position glattzustellen. Dieses Verhalten schafft unnötigen Stress und kann schnell in eine Fehlerspirale führen. Hoffnung hat an der Börse nichts zu suchen. Nur wer bereit ist, die volle Verantwortung für sein Handeln an den Kapitalmärkten zu übernehmen, hat eine Chance, zu den Gewinnern zu gehören. Profis hoffen nicht, sondern handeln entschlossen und überlegt, besonders beim Thema Risiko.
Realistische Ziele
Trading-Anfänger wollen nicht reich werden, sondern schnell reich werden. Das ist ihr größter Fehler. Mit 15, 20, 30 Prozent Rendite pro Jahr geben sie sich nicht ab. Das erwarten sie pro Monat. Sie vergleichen sich mit großen Hedge-Fonds-Managern oderTrading- Weltmeistern aus dem Internet. Hier gehen, überspitzt gesagt, Seifenkistenfahrer mit Formel-TPiloten ins Rennen. Mit Realität hat das nichts zu tun. Das kann nur zu einem Konto- Bankrott führen. Es ist außerordentlich wichtig, realistisch beim Trading zu bleiben. Wer das nicht tut, macht es sich selbst unnötig schwer und das Ziel wird unerreichbar. Gerade zu Beginn kommt es nicht auf die Rendite an, sondern darauf, konstant seinem profitablen Trading-Plan zu folgen.
Risikomanagement
Menschen messen dem Wert eines Geldbetrages unterschiedliche Bedeutung zu. Wächst ein 1.000-Euro- Konto um 10 Euro, wird dieser Gewinn höher bewertet als 10 Euro bei einem 10.000-Euro-Konto. Diese verzerrten Wahrnehmungen können bei Tradern mit kleinen Konten zu Problemen führen. Denn die meisten Trading-Einsteiger erwarten vor allem schnelle und große Gewinne.
Bekannt ist die Ein-Prozent-Regel. Demnach sollte man als Trader nicht mehr als ein Prozent seines gesamten Handelskontos pro Trade riskieren. Anfängern wird zu 0,5 Prozent Risiko geraten. Neueinsteigern sind solche kleinen Beträge jedoch oft zu unbedeutend. „Davon bezahle ich ja mein Mittagessen'.' Und das Erreichen ihrer Ziele scheint ihnen zu mühsam. „Wie lange soll ich denn da warten, bis ich jemals vernünftig Geld an der Börse verdiene?" Außerdem agieren viele nach ihrem gewohnten Verhalten als Anleger. Insbesondere aus diesen Gründen setzt ein Großteil der Anfänger fünf oder gar zehn Prozent ihres gesamten Handelskontos pro Trade aufs Spiel. Die fatalen Folgen werden dabei vollkommen außer Acht gelassen. Die zu groß gewählten Risikobeträge können nach wenigen Minus-Trades in Folge das gesamte Konto auslöschen. Ein professioneller Handel ist so nicht möglich.
Die großen Kontoschwankungen führen unweigerlich zu starken emotionalen Belastungen. Diese wiederum veranlassen den Trader zu weiteren unklugen Trading- Aktivitäten. Statt beständig seinem ausgearbeitetem Handelsplan zu folgen, werden nur noch Trades „aus dem Kopf" gemacht. Dahinter verbirgt sich die Absicht, Recht haben zu wollen. Das ist ein natürliches Bedürfnis des Menschen, da er sich selbst über sein Wissen und Können definiert. Beim Trading führt dieses Verhalten jedoch langfristig in den Bankrott, da die Börsen keinen zuverlässigen, logischen Regeln folgen.
Das fatalste an diesem Verhalten ist, dass der Anfänger sich ein absolut unprofessionelles Trading antrainiert. Gerade im Zusammenhang mit starken emotionalen Reizen entstehen nämlich im Gehirn stabile neuronale Verknüpfungen, die zur Folge haben können, dass solche Trading-Aktivitäten sich zu unbewussten Routinen entwickeln.
Der Weg zum professionellen Trader
Der Weg zum professionellen und profitablen Trader braucht Zeit und ist arbeitsintensiv. Wobei die Ausführung von Trades sehr einfach ist. Auch die Zusammenhänge des Börsengeschehens sind leicht nachvollziehbar. Wesentlich komplexer ist die mentale Arbeit an sich selbst.
Am Anfang einer Trader-Karriere ist eine der wichtigsten Fragen die nach dem Sinn: „Wozu will ich eigentlich traden?" Denn um auf diesem steinigen Weg der Erfahrungen nicht auf der Strecke zu bleiben, sollte man unbedingt wissen, was einen motiviert. Viele sehen den Sinn des Tradens darin, Geld zu verdienen. Doch dann könnten sie auch weiterhin in ihrem gewohnten Beruf bleiben. Sie könnten ihr Auskommen durch Überstunden erhöhen oder durch Weiterbildung. Geld ist realistisch betrachtet nur ein Stück wertlosen Papiers oder Metalls. Hinter dem Geld steckt immer ein tieferer Sinn.
Manche traden, um ihre innere Leere zu füllen, ihnen fehlt ein Sinn in ihrem Leben oder eine Beschäftigung. Trading kann auch .empfundene Langeweile vertreiben oder das Gefühl von Freiheit und Abenteuer erzeugen - sprich: intensive Gefühle spürbar machen, die im Alltagsleben nicht mehr vorhanden sind. Manche Trading-lnteressierte fühlen sich nicht genug wahrgenommen, etwa von ihrem Partner. Nicht genug wertgeschätzt, vielleicht vom Chef, und hoffen, eine Ersatzbefriedigung durch das Traden zu bekommen. Manch einer versucht auch mit dem besonderen Flair des Börsenhandels, sein mangelndes Selbstbewusstsein zu erhöhen.
Wer mit Hilfe des Tradings seine persönlichen Defizite ausgleichen will, kann es schwer haben, die nötige Ernsthaftigkeit für dieseTatigkeit aufzubringen. Um jedoch dauerhaft erfolgreich zu sein, erfordert dieses Geschäft die Qualitäten eines Spitzensportlers. Das „wozu" im Trading liegt meist nicht im Geld begründet. Davon kauft man sich vielleicht ein Auto. Doch wozu kauft man sich das Auto? Um seine Persönlichkeit damit aufzuwerten? Es komfortabler zu haben? Oder gibt das große Auto ein Gefühl von Sicherheit, Freiheit oder Stärke? Ist vielleicht das die Motivation für das eigene Trading: Sicherheit, Freiheit, Stärke?
Ohne tieferen Sinn zu traden, ist mit einem Gefühl der Leere und Belanglosigkeit verbunden. So, als brächte man eine Mülltüte zum Abfall - es gehört zum Leben dazu. Eine denkbar schlechte Grundlage, um diszipliniert zu sein.
Die Polyvagal-Theorie und Sicherheit
Die Polyvagal-Theorie von Stephen Porges versucht zu erklären, was physiologisch in uns abläuft, wenn wir in dauerhaftem und überforderndem Stress leben müssen oder mit Schocksituationen konfrontiert sind, für die wir keine Copingmechanismen besitzen. Nach Stephen Porges gibt es noch einen eher unbekannten Teil des autonomen Nervensystems (ANS) innerhalb des “vagalen Systems”: einen Teil des Vagusnervs, der als „soziales Nervensystem“ bezeichnet wird.
Der ventrale Vagus, auch als soziales Nervensystem bezeichnet, ist phylogenetisch der neueste Teil des Nervensystems. Er reguliert alle Nerven im Bereich des Gesichts, also alle Teile, die hauptsächlich in der Kommunikation aktiv sind. Normalerweise reagieren Menschen zuerst mit diesem Teil des autonomen Nervensystems auf Stress und Gefahr. Man versucht, wenn möglich, die Gefahr durch soziale Interaktion abzuwenden.
Vereinfacht gesprochen, ist es die Aufgabe des autonomen Nervensystems, unser Überleben zu sichern. Damit dies intuitiv und zügig geschieht, kommt die sogenannte Neurozeption ins Spiel: Das ANS besitzt die Fähigkeit, Gefahr durch Körper- und Sinnesempfindungen wahrzunehmen. Im Zuge dieses Prozesses erhält der Vagusnerv Signale aus den unterschiedlichen Körperregionen und bewertet diese entweder als ungefährlich oder gefährlich.
Ist die Abwendung des Konfliktes nicht mehr möglich, wird das soziale Nervensystem (auch Social-Engagement-System oder kurz SES genannt) abgeschaltet. Wir reagieren stattdessen mit dem Kampf- und Fluchtreflex, der entsprechend unserer Erfahrung von unserem Stammhirn eingeleitet wird.
Für uns als Therapeutinnen und Therapeuten ist die Polyvagal-Theorie insofern wichtig, dass wir sehen und in unsere Arbeit zu integrieren, welche sozialen Auswirkungen ein abgeschaltetes soziales Nervensystem mit sich bringt. Kennst du das? Stress sorgt dafür, dass wir den Hintergrund besser hören als menschliche Stimmen. Ist unser soziales Nervensystem angeschaltet, so dreht sich unsere Hörfähigkeit praktisch um.