Im Mittelalter, einer Zeit des Aberglaubens und begrenzten medizinischen Wissens, suchten die Menschen in der Natur nach Schutz und Heilung. Steine, Fossilien und bestimmte Pflanzen wurden zu Talismanen und Arzneien gegen Krankheiten wie Epilepsie und die Pest. Dieser Artikel beleuchtet einige dieser Mittel und die Überzeugungen, die ihnen zugrunde lagen.
Bezoar: Ein Stein gegen viele Leiden
Der Bezoar, ein unverdautes Konglomerat aus Haaren und Pflanzenfasern, das im Magen von Tieren gefunden wird, gelangte im 12. Jahrhundert aus der islamischen Welt nach Europa. Besonders der Bezoar vom Steinbock galt als wirksames Mittel gegen Pest, Fieber und Epilepsie. Im Alpenraum trugen Bauerndoktoren "Gamskugeln" (ähnliche Gebilde aus dem Magen von Gemsen) in ihren Hausapotheken und setzten sie bei verschiedenen Beschwerden ein:
- Bei Grimmen wurden sie auf die schmerzende Stelle gebunden.
- Bei Kopfweh räucherte man die Schlafstube damit aus.
- Die Einnahme bei Morgengrauen sollte vor Gift und Pest schützen.
- Das Tragen der Kugeln sollte Schwindel verhindern.
- Die Kugel galt als Talisman gegen alle Übel der Natur und der Geister.
Dem orientalischen Bezoar wurde Wirksamkeit gegen Schwindel, schwere Not, Ohnmacht, Herzklopfen, Melancholie, Gelbsucht, Kolik, Würmer, schwere Geburt, aufgebrochene Skrofeln, Krebs und böse Fieber zugeschrieben. Der "Bezoar occidentalis" stammte vom südamerikanischen Kleinkamel Vikunja, bei dem er sich in der Gallenblase bilden soll.
Bernstein: Das Gold des Nordens gegen Pest und dunkle Mächte
Bernstein, das fossile Harz, war nicht nur ein begehrter Schmuckstein, sondern auch ein wichtiges Räuchermittel. Bereits in der Antike räucherte man mit Bernstein zur Unterstützung der Atemwege. Die alten Griechen verwendeten es in ihren Tempeln, um mit ihrem Sonnengott in Kontakt zu treten. Die Germanen, die Bernstein als "gleas" oder "gleasum" bezeichneten, nutzten ihn bei Schutz- und Reinigungsritualen.
Im Mittelalter erfuhr Bernstein eine Renaissance als Mittel gegen Pest und Epilepsie. Beim Räuchern entwickelt Bernstein eine aromatische, aber auch leicht strenge Note, die klärend auf den Geist und reinigend auf Räume wirken soll. Er wurde verwendet, um negative Energien zu vertreiben, Amulette und Heilgegenstände zu reinigen und zu segnen.
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Die Räucherung mit Bernstein wirkt anregend und aufbauend, vertreibt die Einsamkeit, bringt das Gleichgewicht wieder in Balance, entspannt, gibt Schutz und Segen, wirkt gegen Angst und Stress, fördert das Selbstvertrauen und die innere Harmonie und spendet Trost in Zeiten des Mangels an Mut. Durch die Räucherung mit Bernstein wird die Ionenstruktur der Luft positiv verändert, was sich stärkend und aufbauend auf unser Nervensystem auswirkt. Er öffnet unseren Geist für die höheren Sphären und hilft bei Erschöpfungs- und Ermüdungserscheinungen, wirkt aber auch positiv bei Schlafstörungen. Bernstein wird ebenso verräuchert, um sich von Fremdenergien anderer Menschen besser abgrenzen zu können. Bei der Verarbeitung von Ängsten zeigt er uns neue Wege und hilft uns zu verstehen, dass wir unserem Schicksal nicht einfach ausgeliefert sind, sondern dass wir selbst es sind, die es selbst bestimmen.
Chrysopras: Ein grüner Stein gegen Epilepsie und Depressionen
Der Chrysopras, ein apfelgrüner Schmuckstein, wurde bereits im alten Ägypten als Schutz- und Heilstein eingesetzt. Die Griechen glaubten, dass er vor schlechter Laune und Depressionen schützen und die Liebe von Eheleuten bewahren könne. In der Bibel wird Chrysopras als zehnter der zwölf Grundsteine in der Jerusalemer Stadtmauer erwähnt. Hildegard von Bingen schrieb dem Chrysopras Heilwirkungen gegen Epilepsie, Vergiftung und Gicht zu.
Der Chrysopras soll Ruhe, Geborgenheit und Vertrauen schenken, den Menschen zu neuen Denkweisen verhelfen und dadurch Hoffnung geben. Wer neue Wege beschreiten möchte, sollte sich dafür der Hilfe eines Chrysopras vergewissern. Mit ihm lassen sich Probleme mit Weitsicht lösen. Der Heilstein hilft auch bei schwerem Kummer.
Fossilien als Amulette und Arzneien
Fossilien, die oft bizarre Formen aufweisen, wurden im Mittelalter als etwas Besonderes angesehen und für medizinische Zwecke und als Amulette verwendet.
- Gryphaea (Teufelszehennägel): Das Tragen dieser Austern sollte vor Rheumatismus und Gelenkschmerzen schützen.
- Belemniten (Donnerkeile): Sie sollten unter dem Dach vor Blitzschlag schützen und gemahlen gegen Augenleiden, Verstopfung, Zahnweh, Geschlechtskrankheiten und Sterilität helfen. Als Amulette sollten sie gegen Hexenschuss vorbeugen.
- Ammoniten (Schlangensteine): Sie wurden zur Milchförderung in Melkeimer gelegt und sollten gegen Schlangenbisse helfen. Unter dem Dach sollten sie gegen Blitzschlag schützen und am Hauseingang eingemauert für Glück sorgen.
- Trochiten (Bonifatiuspfennige): Gemahlene Bonifatiuspfennige wurden in Apotheken als Heilmittel gegen Epilepsie, Nasenbluten, Schwindel, Nierenleiden und andere Krankheiten geführt. Als Amulette sollten sie dem Träger ein langes Leben bescheren.
- Pentacrinus (Sternsteine): Mit Wasser vermischt sollten sie gegen die Pest helfen und bei Lungen-, Leber- und Blutkrankheiten sowie Schlaganfällen eingesetzt werden.
- Seeigel (Donnersteine): Sie sollten gegen das Sauerwerden der Milch helfen und als Amulett gegen Verhexung und den "Bösen Blick" wirken.
- Seeigelstachel (Judensteine): Gemahlen eingenommen halfen Sie gegen Blasen- und Nierensteine.
- Zähne vom Lepidotes (Krötensteine): Als Amulette halfen sie gegen Bienenstiche und Rheumatismus. Da die aneinander gereihten Zähnen wie Krötenhäute aussahen und diese vom Aussehen wiederum der Haut an Beulenpest erkrankter Menschen ähnelt, wurde er auch gegen die Beulenpest getragen. Gemahlenes Pulver der Zähne half gegen verschiedene Gifte.
- Mammutstoßzahn (Einhorn): Als zerstoßenes Pulver wurde er hauptsächlich gegen die Pest verwendet. Auch gegen Vergiftungen, Geschlechtskrankheiten und Nasenbluten wurde es eingesetzt.
Diptam: Vielseitige Heilpflanze mit mystischen Eigenschaften
Der Diptam (Dictamnus albus), auch bekannt als Eschen-Diptam, ist eine bis zu 1,20 m hohe Pflanze mit zitronen- oder zimtartig duftenden Blättern und rot- oder weißblühenden Blüten. Ihm wurden im Mittelalter vielfältige Heilwirkungen zugeschrieben.
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Konrad von Megenberg (14. Jahrhundert) schrieb, dass Diptam gegen Schlangenbisse, Vergiftungen und zur Abtreibung toter Früchte wirke. J. Camerarius (16. Jahrhundert) empfahl den Samen gegen Epilepsie, das destillierte Wasser gegen die Pest und das aus den Blumen bereitete Öl gegen Gliederschmerzen. Die Diptamwurzel wurde als Mittel gegen Wassersucht, Husten, Gelbsucht und Ohrenschmerzen eingesetzt. In der Volksmedizin wurde Diptam bei Eingeweidewürmern, Intermittens und Epilepsie verwendet.
Pestwurz: Umstrittene Heilpflanze gegen Allergien und Krämpfe
Die Pestwurz (Petasites hybridus) ist eine Pflanze mit großen, herzförmigen Blättern, die an fließenden Gewässern oder in Nasswiesen wächst. Aufgrund ihres Gehalts an Pyrrolizidinalkaloiden ist die innerliche Anwendung der Pestwurz umstritten und in vielen Ländern verboten.
In der Naturheilkunde wird die Pestwurz jedoch traditionell bei allergischen Erkrankungen, Krämpfen der Bronchien, ableitenden Harnwege, Darmspasmen und Gallenblasenspasmen eingesetzt. Einige Therapeuten sehen auch positive Effekte bei arteriellem Hypertonie, Appetitlosigkeit, Magengeschwüren, Darmentzündungen, Schmerzlinderung bei Wirbelsäulen Affektionen und Epilepsie.
Gold: Das teuerste Heilmittel
Gold galt im Mittelalter als teuerstes Heilmittel gegen viele Krankheiten. Paracelsus schwor auf das "Aurum potabile" (trinkbares Gold) mit den Worten: "Trinkbares Gold heilt alle Krankheiten, es erneuert und stellt wieder her." Er nahm es gegen die Pest ein und es half (angeblich). Getrunken diente es der Entgiftung und Entschlackung.
Glaube, Aberglaube und die Suche nach Heilung
Die mittelalterlichen Heilmittel gegen Epilepsie und Pest basierten oft auf einer Mischung aus Beobachtung, Aberglaube und religiösem Glauben. Die Menschen suchten in der Natur nach Erklärungen und Lösungen für Krankheiten, die sie nicht verstanden. Steine, Fossilien und Pflanzen wurden mit magischen Kräften und Heilwirkungen versehen, die oft mehr auf Tradition und Glauben als auf wissenschaftlichen Erkenntnissen beruhten.
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Obwohl viele dieser Mittel aus heutiger Sicht unwirksam oder sogar schädlich sind, zeugen sie von dem unermüdlichen Bestreben der Menschen, Krankheiten zu bekämpfen und ihr Leben zu schützen. Sie spiegeln auch die enge Verbindung zwischen Mensch, Natur und Spiritualität im Mittelalter wider.