Die Essstörung Bulimie, auch bekannt als Bulimia nervosa oder Ess-Brech-Sucht, ist eine ernstzunehmende psychische Erkrankung, die durch wiederholte Essanfälle gefolgt von kompensatorischen Maßnahmen wie selbstinduziertem Erbrechen, Missbrauch von Abführmitteln, exzessivem Sport oder Fasten gekennzeichnet ist. Diese Verhaltensweisen dienen dazu, einer Gewichtszunahme entgegenzuwirken. Die Erkrankung betrifft vor allem Jugendliche und junge Erwachsene, wobei Frauen deutlich häufiger betroffen sind als Männer. Die Dunkelziffer dürfte jedoch hoch sein, da Betroffene ihre Erkrankung oft lange verheimlichen.
Verbreitung und Risikogruppen
Die Zahlen sind alarmierend: Immer mehr Menschen in Deutschland leiden unter Essstörungen. Laut Daten der Barmer Ersatzkasse in Sachsen hat sich die Zahl der betroffenen Jugendlichen von 2009 bis 2014 fast verdoppelt. Die 12-Monatsprävalenz, also der Anteil der Menschen, die innerhalb eines Jahres an Bulimie leiden, liegt in Deutschland bei etwa 1,5 Prozent. Das bedeutet, dass 15 von 1000 Menschen innerhalb von zwölf Monaten an Bulimie erkranken.
Obwohl Bulimie in der Pubertät ihren Anfang nehmen kann, kann sie auch bis ins höhere Alter auftreten. Junge Frauen sind besonders häufig betroffen, wobei das Verhältnis von Frauen zu Männern etwa zehn zu eins beträgt. Experten stellen zudem fest, dass die Patienten immer jünger werden, was unter anderem mit der früher einsetzenden Pubertät zusammenhängt.
Ursachen und Auslöser
Die Entstehung einer Bulimie ist ein komplexer Prozess, der von verschiedenen Faktoren beeinflusst wird. Experten sind sich einig, dass es nicht die eine Ursache gibt, sondern ein Zusammenspiel von genetischen, psychologischen, soziokulturellen und neurobiologischen Faktoren vorliegt.
Genetische und biologische Faktoren
Studien deuten darauf hin, dass genetische Einflüsse eine Rolle bei der Entstehung von Bulimie spielen könnten. Menschen mit einer familiären Vorbelastung für Essstörungen oder andere psychische Erkrankungen haben ein erhöhtes Risiko, eine Bulimie zu entwickeln. Auch Störungen im Serotonin- und Dopaminsystem, die für die Regulation von Appetit, Sättigungsgefühl und Belohnung zuständig sind, können eine Rolle spielen.
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Psychologische Faktoren
Psychologische Faktoren spielen eine entscheidende Rolle bei der Entwicklung einer Bulimie. Dazu gehören:
- Geringes Selbstwertgefühl: Ein instabiles Selbstwertgefühl und das Gefühl, wenig wert zu sein, können dazu führen, dass Betroffene versuchen, ihren Wert über ihr Aussehen und ihr Gewicht zu definieren.
- Perfektionismus: Menschen mit Bulimie neigen häufig zu Perfektionismus und haben hohe Erwartungen an sich selbst. Das Gefühl, die Kontrolle über das eigene Leben oder Gewicht zu verlieren, kann die Entwicklung der Essstörung begünstigen.
- Emotionale Dysregulation: Bulimie-Patienten nutzen oft das Essen als Bewältigungsmechanismus, um mit negativen Gefühlen wie Einsamkeit, Traurigkeit, Angst oder Wut umzugehen.
- Belastende Lebensereignisse: Schwere Lebenskrisen, traumatische Erfahrungen oder Verluste können Auslöser für eine Bulimie sein.
- Angststörungen und Depressionen: Psychische Begleiterkrankungen wie Angststörungen und Depressionen treten häufig zusammen mit Bulimie auf und können die Entstehung und Aufrechterhaltung der Essstörung begünstigen.
Soziokulturelle Faktoren
Der soziokulturelle Druck, schlank zu sein, spielt eine entscheidende Rolle in der Entwicklung von Essstörungen. In vielen Gesellschaften wird Schlankheit als Schönheitsideal propagiert, was den sozialen Druck, dem Ideal zu entsprechen, erhöht. Die allgegenwärtige Darstellung von idealen Körperformen in den Medien und sozialen Netzwerken verstärkt diesen Druck zusätzlich. Junge Frauen sind besonders anfällig für diesen Schönheitsdruck, was häufig zu Diäten und restriktivem Essverhalten führt.
Familiäre Faktoren
In Familien, in denen überdurchschnittlich viel über Essen, Diäten oder das Aussehen gesprochen wird, kann dies das Risiko für die Entwicklung einer Essstörung erhöhen. Auch überfürsorgliche oder kontrollierende Eltern können dazu beitragen, dass Kinder und Jugendliche ein gestörtes Essverhalten entwickeln.
Symptome und Anzeichen
Bulimie ist oft schwer zu erkennen, da Betroffene ihre Erkrankung gut verbergen können. Es gibt jedoch einige Anzeichen und Symptome, auf die man achten kann:
- Wiederholte Essanfälle: Unkontrolliertes Essen großer Mengen an Nahrungsmitteln in kurzer Zeit.
- Kompensatorische Verhaltensweisen: Selbstinduziertes Erbrechen, Missbrauch von Abführmitteln, exzessiver Sport oder Fasten, um einer Gewichtszunahme entgegenzuwirken.
- Übermäßige Beschäftigung mit Gewicht und Figur: Starke Angst vor Gewichtszunahme und eine übertriebene Bedeutung des Körpergewichts und der Figur für das Selbstwertgefühl.
- Heimliches Essverhalten: Essen im Verborgenen, um die Essanfälle zu verheimlichen.
- Häufige Toilettengänge nach dem Essen: Dies kann ein Hinweis auf selbstinduziertes Erbrechen sein.
- Veränderungen im Essverhalten: Vermeidung gemeinsamer Mahlzeiten, unregelmäßiges Essverhalten oder exzessives Diäthalten.
- Körperliche Anzeichen:
- Geschwollene Wangen (Hamsterbacken) durch Vergrößerung der Speicheldrüsen
- Zahnschäden durch die Magensäure beim Erbrechen
- Narben oder Verletzungen an den Handknöcheln durch das Auslösen des Erbrechens
- Häufige Halsschmerzen oder Entzündungen der Speiseröhre
- Elektrolytstörungen und Dehydration
- Psychische Anzeichen:
- Depressive Verstimmungen, Angstzustände oder Reizbarkeit
- Geringes Selbstwertgefühl und Schuldgefühle
- Sozialer Rückzug und Isolation
Körperliche und psychische Folgen
Bulimie hat weitreichende körperliche und psychische Folgen, die das Leben der Betroffenen stark beeinträchtigen können.
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Körperliche Folgen
- Zahnschäden: Die Magensäure beim Erbrechen greift den Zahnschmelz an und kann zu Karies, Zahnfleischentzündungen und Zahnverlust führen.
- Schäden der Speiseröhre: Häufiges Erbrechen kann zu Entzündungen, Reizungen und im schlimmsten Fall zu Einrissen der Speiseröhrenwand (Mallory-Weiss-Syndrom) führen.
- Vergrößerung der Speicheldrüsen: Wiederholtes Erbrechen kann zu einer Vergrößerung der Speicheldrüsen (Parotishypertrophie) führen, was zu geschwollenen Wangen führt.
- Elektrolytstörungen: Der Verlust von Elektrolyten wie Kalium, Natrium und Chlorid durch Erbrechen und den Missbrauch von Abführmitteln kann zu Herzrhythmusstörungen, Muskelschwäche und Nierenfunktionsstörungen führen.
- Herzprobleme: Elektrolytstörungen können zu schweren Herzrhythmusstörungen und im schlimmsten Fall zum Herzstillstand führen.
- Magen-Darm-Probleme: Der Missbrauch von Abführmitteln kann zu chronischen Verstopfungen, Durchfall und einem Darmverschluss führen.
- Nierenschäden: Der Missbrauch von Entwässerungsmitteln kann die Nierenfunktion beeinträchtigen und zu Nierenschäden führen.
- Osteoporose: Infolge von Störungen der Östrogenbildung, Kalzium- und Vitamin-D-Versorgung steigt das Risiko für Knochenschwund (Osteoporose), insbesondere bei Magersucht, was aber je nach Essstörungstypus auch Patienten mit Bulimie betreffen kann.
- Menstruationsstörungen: Bei Frauen kann Bulimie zu unregelmäßigen oder ausbleibenden Menstruationsblutungen führen, was die Fruchtbarkeit beeinträchtigen kann.
- Erhöhtes Sterberisiko: Unbehandelte Bulimie kann zu schweren körperlichen Komplikationen führen und das Sterberisiko erhöhen.
Psychische Folgen
- Depressionen: Bulimie geht häufig mit depressiven Verstimmungen, Hoffnungslosigkeit und einem geringen Selbstwertgefühl einher.
- Angststörungen: Angstzustände, soziale Phobien und Panikattacken treten häufig zusammen mit Bulimie auf.
- Zwangsstörungen: Zwangsgedanken und Zwangshandlungen, wie z.B. Essrituale, Ordnungs- und Säuberungszwänge, können bei Bulimie-Patienten auftreten.
- Sozialer Rückzug: Scham und Schuldgefühle führen oft dazu, dass sich Betroffene sozial zurückziehen und Kontakte vermeiden.
- Suizidrisiko: Bulimie-Patienten haben ein erhöhtes Risiko, an Selbstmord zu sterben.
- Persönlichkeitsstörungen: Einige Bulimie-Patienten weisen Persönlichkeitsmerkmale auf, die die Behandlung erschweren können.
Auswirkungen auf das Gehirn
In den letzten Jahren hat die Forschung zunehmend die Auswirkungen von Essstörungen auf das Gehirn in den Fokus genommen. Studien haben gezeigt, dass Bulimie zu Veränderungen in der Struktur und Funktion des Gehirns führen kann.
Schrumpfung der Hirnrinde
Eine Studie des Zentrums für Essstörungen in Dresden hat gezeigt, dass sich die Dicke der Hirnrinde im akuten Stadium der Magersucht stark verringert. Obwohl sich die Hirnrinde bei vollständiger Therapie meist wieder regeneriert, ähneln die Veränderungen im Gehirn denen, die bei einer Alzheimer-Erkrankung beobachtet werden. Es ist anzunehmen, dass ähnliche Auswirkungen auch bei Bulimie auftreten können, da beide Essstörungen mit einem gestörten Essverhalten und Mangelernährung einhergehen.
Störungen im Belohnungssystem
Forschungen haben gezeigt, dass das Belohnungssystem im Gehirn von Frauen, die früher an Bulimie litten, weniger robust ist als bei gesunden Frauen. Bei Schwankungen in der Konzentration des Botenstoffs Dopamin fiel es diesen Frauen schwerer, in psychologischen Tests ihre Antworten an sich verändernde Belohnungsreize anzupassen. Dies deutet darauf hin, dass Bulimie zu einer Störung der neuronalen Schaltkreise führen kann, die für die Verarbeitung von Belohnungen zuständig sind.
Antikörper gegen Neuropeptide
Eine schwedisch-estnische Studie hat gezeigt, dass Menschen mit Mager- und Ess-Brechsucht häufig Antikörper im Blut haben, die bestimmte Gehirn-Botenstoffe, die Neuropeptide, angreifen. Diese Neuropeptide spielen eine wichtige Rolle bei der Regulierung des Hungergefühls, des Körpergewichts, des sozialen Verhaltens und von Stressreaktionen. Die Antikörper stören oder blockieren die Neuropeptide, was zu einem gestörten Essverhalten führen kann.
Berechnungsfehler im Gehirn
Ein Neuropsychologe der Ruhr-Universität Bochum hat entdeckt, dass Magersüchtige Berechnungsfehler im Gehirn haben, die ihnen vorgaukeln, einen zu fetten Körper zu haben. Diese Berechnungsfehler könnten auch bei Bulimie eine Rolle spielen und zu einer verzerrten Wahrnehmung des eigenen Körpers führen.
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Diagnose
Die Diagnose von Bulimie wird in der Regel von einem Arzt oder Psychotherapeuten gestellt. Die Diagnose basiert auf den Kriterien des Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders (DSM-5) oder der Internationalen Klassifikation der Krankheiten (ICD-10). Zu den Diagnosekriterien gehören:
- Wiederholte Episoden von Essanfällen.
- Wiederholte kompensatorische Verhaltensweisen, um einer Gewichtszunahme entgegenzuwirken.
- Die Essanfälle und kompensatorischen Verhaltensweisen treten mindestens einmal pro Woche über einen Zeitraum von drei Monaten auf.
- Die Körpergestalt und das Körpergewicht haben einen übermäßigen Einfluss auf die Selbstbewertung.
- Die Störung tritt nicht ausschließlich im Verlauf einer Anorexia nervosa auf.
Zusätzlich zu den Diagnosekriterien wird der Arzt oder Psychotherapeut eine körperliche Untersuchung durchführen und die Krankengeschichte des Patienten erfragen. Es können auch psychologische Tests und Fragebögen eingesetzt werden, um die Diagnose zu unterstützen.
Therapie
Bulimie ist eine ernstzunehmende psychische Erkrankung, die behandelt werden muss. Die Therapie zielt darauf ab, die Essanfälle und kompensatorischen Verhaltensweisen zu reduzieren, ein normales Essverhalten wiederherzustellen, das Selbstwertgefühl zu verbessern und psychische Begleiterkrankungen zu behandeln.
Psychotherapie
Die Psychotherapie ist ein wichtiger Bestandteil der Bulimie-Behandlung. Die kognitive Verhaltenstherapie (KVT) ist eine der am häufigsten eingesetzten Therapieformen. Sie hilft den Betroffenen, negative Gedanken und Verhaltensmuster zu erkennen und zu verändern. Auch andere Therapieformen wie die tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie oder die interpersonelle Therapie können eingesetzt werden.
Medikamentöse Behandlung
In einigen Fällen kann eine medikamentöse Behandlung mit Antidepressiva sinnvoll sein, insbesondere wenn Begleiterkrankungen wie Depressionen oder Angststörungen vorliegen. Antidepressiva können helfen, die Stimmung zu verbessern und die Essanfälle zu reduzieren.
Ernährungsberatung
Eine Ernährungsberatung kann den Betroffenen helfen, ein normales Essverhalten wiederherzustellen und ein gesundes Körpergewicht zu erreichen. Die Ernährungsberaterin kann Informationen über gesunde Ernährung, Mahlzeitenplanung und den Umgang mit Heißhungerattacken geben.
Stationäre Behandlung
In schweren Fällen kann eine stationäre Behandlung in einer spezialisierten Klinik für Essstörungen erforderlich sein. Eine stationäre Behandlung bietet eine intensive Betreuung und Unterstützung, um die Essstörung zu überwinden.
Selbsthilfegruppen
Selbsthilfegruppen können eine wertvolle Ergänzung zur professionellen Behandlung sein. In Selbsthilfegruppen können sich Betroffene mit anderen austauschen, Erfahrungen teilen und gegenseitige Unterstützung finden.
Heilungschancen und Rückfallprävention
Bulimie ist heilbar, aber es erfordert eine langfristige Behandlung und die Bereitschaft der Betroffenen, sich aktiv an der Therapie zu beteiligen. Die Heilungschancen sind besser, je früher die Behandlung beginnt.
Auch nach erfolgreicher Therapie kann es zu Rückfällen kommen. Daher ist es wichtig, langfristig wachsam zu bleiben und frühzeitig professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen, wenn Symptome eines Rückfalls auftreten.
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