Schmerzen sind ein komplexes und subjektives Phänomen, das von Mensch zu Mensch unterschiedlich wahrgenommen wird. Die Intensität und Qualität von Schmerzen können stark variieren und werden von einer Vielzahl biologischer, psychischer und sozialer Faktoren beeinflusst. Die Internationale Gesellschaft zur Erforschung des Schmerzes definiert Schmerz als ein unangenehmes Sinnes- oder Gefühlserlebnis, das mit tatsächlicher oder potenzieller Gewebeschädigung verbunden ist. Schmerzen können als akutes Warnsignal auftreten, ein Symptom einer Erkrankung sein oder selbst Krankheitscharakter haben.
Klassifikation von Schmerzen
Schmerzen lassen sich nach verschiedenen Kriterien einteilen, darunter Ätiologie, Qualität, Intensität, Lokalisation, Ursache, Schmerzauslösung und Schmerzumstände. Zudem wird zwischen akuten und chronischen Schmerzen unterschieden.
Ätiologische Einteilung
Ätiologisch lassen sich Schmerzen in folgende Kategorien einteilen:
- Nozizeptorschmerzen: Diese entstehen durch die direkte Reizung von Nozizeptoren, den Schmerzrezeptoren des Körpers, aufgrund von Gewebeschädigung oder Verletzung. Die Reizung kann ischämisch, thermisch, mechanisch oder chemisch erfolgen.
- Nozizeptive, inflammatorisch bedingte Schmerzen: Diese werden durch Entzündungsmediatoren wie Prostaglandine, Substanz P, Serotonin und Bradykinin ausgelöst, die eine Sensibilisierung der peripheren Nozizeptoren verursachen.
- Neuropathische bzw. neurogene Schmerzen: Diese entstehen infolge einer Schädigung von Nervenfasern im peripheren oder zentralen Nervensystem. Ursachen können beispielsweise Virusinfektionen (z.B. Postzosterneuralgie), dauerhaft erhöhte Blutzuckerkonzentrationen (z.B. diabetische Neuropathie), Amputationen (Phantomschmerzen) oder eine Querschnittlähmung sein.
- Dysfunktionale Schmerzen: Diese haben psychologische, seelische und/oder soziale Faktoren als Ursache. Starke seelische Emotionen aktivieren ähnliche Hirnareale wie somatisch bedingte Schmerzen.
- Mixed Pain: Hierbei liegen Pathophysiologien von Nozizeptorschmerzen, neuropathischen Schmerzen und/oder dysfunktionalen Schmerzen zugrunde.
Schmerzqualität
Die Schmerzqualität beschreibt, wie der Schmerz empfunden wird. Hierbei werden affektive (heftig, quälend, lähmend) und sensorische (stechend, brennend, drückend) Aspekte unterschieden. Die subjektive Schmerzempfindung kann bereits Hinweise auf die Ätiologie geben. Nozizeptorschmerzen werden oft als drückend, stechend, bohrend oder ziehend beschrieben, während neuropathische Schmerzen meist als einschießend, kribbelnd, brennend oder elektrisierend empfunden werden. Nozizeptive, inflammatorisch bedingte Schmerzen sind charakteristischerweise pulsierend, pochend oder hämmernd, und dysfunktionale Schmerzen werden oft mit sehr ausdrucksstarken affektiven Attributen beschrieben.
Schmerzintensität
Die Schmerzintensität gibt Aufschluss über die Schmerzquantität und dient als wichtiger Indikator zur Verlaufs- und Therapiekontrolle. Zur Erfassung von Veränderungen in der Schmerzstärke werden häufig Schmerzskalen und Schmerzfragebögen eingesetzt, wie z.B. die visuelle Analogskala (VAS), verbale Ratingskala (VRS) und die numerische Ratingskala (NRS).
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Schmerzlokalisation
Die Schmerzlokalisation gibt an, in welchem Körperbereich der Schmerz wahrgenommen wird. Zusammen mit der Schmerzqualität und -intensität liefert sie erste Hinweise auf die zugrunde liegende Erkrankung.
Schmerzursache
Jeder Schmerz hat eine Ursache, die oft schon in der Anamnese erkennbar ist. Häufige Schmerzursachen sind Traumata, Entzündungen, Tumorerkrankungen, Ischämien, Operationen, neuronale Dysfunktionen und psychogene Ereignisse.
Schmerzauslösung und -umstände
Mitunter gibt es Methoden, Schmerzen auszulösen bzw. zu provozieren oder zu verstärken, um die Verdachtsdiagnose zu untermauern. Typische Schmerzauslöser sind Berührung, Druck, Dehnung, Klopfreize oder Kompression. Schmerzen können auch situationsbezogen auftreten, z.B. in Ruhe, bei Belastung oder Bewegung.
Akuter und chronischer Schmerz
Akute Schmerzen treten meist plötzlich auf und sind zeitlich begrenzt. Sie dienen als Warnsignal des Körpers und weisen auf Schädigungen hin. Chronische Schmerzen bestehen in der Regel länger als drei Monate und haben den direkten Bezug zum auslösenden Ereignis verloren. Sie können sich zu einem eigenständigen Krankheitsbild in Form des chronischen Schmerzsyndroms entwickeln.
Migräne: Ein spezifischer Kopfschmerztyp
Migräne ist eine neurologische Erkrankung, die durch wiederkehrende, anfallsartige Kopfschmerzen gekennzeichnet ist. Die Kopfschmerzen sind oft pulsierend, hämmernd oder pochend und treten meist einseitig auf. Sie werden häufig von Begleitsymptomen wie Übelkeit, Erbrechen, Licht- und Geräuschempfindlichkeit begleitet. Eine Migräne kann auch von einer Aura begleitet sein, die sich in Form von Sehstörungen, Lichtblitzen oder Missempfindungen äußern kann.
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Diagnose von Migräne
Kopfschmerzen werden als Migräne eingestuft, wenn mehr als fünfmal Schmerzattacken mit den typischen Beschwerden aufgetreten sind. Die International Headache Society (IHS) hat folgende Kriterien für die Diagnose von Migräne festgelegt:
- Mittelstarke bis starke, als pulsierend, hämmernd oder pochend empfundene Schmerzen, meist vor allem im vorderen Kopfbereich
- Oft nur halbseitige Schmerzen, wobei die Seite wechseln kann
- Schmerzattacken, die mindestens vier Stunden und bis zu drei Tage dauern (bei Kindern mindestens zwei Stunden)
- Licht-, Geräusch- und / oder Geruchsempfindlichkeit
- Häufig auch Übelkeit, zum Teil mit Erbrechen
- Beschwerden, die sich durch körperliche Aktivität verstärken
Migräne und das glymphatische System
Neue Forschungsergebnisse deuten darauf hin, dass das glymphatische System, ein Flüssigkeitsabflusssystem im Gehirn, eine Rolle bei der Entstehung von Migräne spielen könnte. Bei Migränepatienten wurde eine Lücke in der Barriere zwischen dem Trigeminusnerv und dem Gehirn gefunden, die es Gehirnflüssigkeit ermöglicht, zu dem Nervenzellhaufen an der Spitze des Trigeminus zu gelangen. Dies könnte zu einer Reizung des Nervs und zur Auslösung von Schmerzen führen.
Therapie von Migräne
Die Therapie von Migräne umfasst sowohl die Akutbehandlung von Migräneattacken als auch die Prophylaxe zur Reduktion der Häufigkeit und Schwere der Attacken. Zur Akutbehandlung werden häufig Schmerzmittel wie Triptane eingesetzt. Zur Prophylaxe können Medikamente wie Betablocker, Antidepressiva oder CGRP-Antikörper eingesetzt werden.
Neuropathischer Schmerz: Wenn Nerven selbst schmerzen
Neuropathischer Schmerz entsteht durch eine Schädigung oder Funktionsstörung von Nervenfasern im peripheren oder zentralen Nervensystem. Im Gegensatz zu Nozizeptorschmerzen, die durch die Reizung von Schmerzrezeptoren aufgrund von Gewebeschädigung entstehen, meldet der neuropathische Schmerz also keine Gewebeschädigung, sondern seine eigene Funktionsstörung.
Ursachen von neuropathischem Schmerz
Neuropathischer Schmerz kann durch verschiedene Ursachen ausgelöst werden, darunter:
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- Infektionen: z.B. Postzosterneuralgie nach Gürtelrose
- Stoffwechselerkrankungen: z.B. diabetische Neuropathie
- Traumata: z.B. Nervenverletzungen durch Unfälle oder Operationen
- Tumoren: die auf Nerven drücken
- Autoimmunerkrankungen: z.B. Multiple Sklerose
- Amputationen: Phantomschmerzen
- Engpass-Syndrome: z.B. Karpaltunnelsyndrom
Symptome von neuropathischem Schmerz
Neuropathischer Schmerz wird oft als brennend, stechend, einschießend oder elektrisierend beschrieben. Die Schmerzen können spontan auftreten oder durch leichte Berührungen ausgelöst werden (Allodynie). Weitere Symptome können Taubheitsgefühle, Kribbeln oder Missempfindungen sein.
Diagnose von neuropathischem Schmerz
Die Diagnose von neuropathischem Schmerz basiert auf der Anamnese, der körperlichen Untersuchung und speziellen Tests zur Prüfung der Nervenfunktion. Bildgebende Verfahren wie MRT oder CT können eingesetzt werden, um Nervenschädigungen sichtbar zu machen.
Therapie von neuropathischem Schmerz
Die Behandlung von neuropathischem Schmerz ist oft schwierig und erfordert einen multimodalen Ansatz. Medikamentöse Therapien umfassen Antidepressiva, Antiepileptika und Opioide. Nicht-medikamentöse Verfahren wie Physiotherapie, Ergotherapie und Psychotherapie können ebenfalls hilfreich sein.
Differenzierung von Migräne und neuropathischem Schmerz
Obwohl sowohl Migräne als auch neuropathischer Schmerz sehr belastend sein können, handelt es sich um unterschiedliche Erkrankungen mit unterschiedlichen Ursachen und Symptomen. Migräne ist eine primäre Kopfschmerzerkrankung, die durch wiederkehrende Kopfschmerzattacken gekennzeichnet ist, während neuropathischer Schmerz durch eine Schädigung oder Funktionsstörung von Nervenfasern verursacht wird. Die Schmerzqualität und -lokalisation sowie die Begleitsymptome können bei beiden Erkrankungen unterschiedlich sein.
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