Der kleine Ort Christkindl in Oberösterreich, heute ein Stadtteil von Steyr, ist weit über die Grenzen Österreichs hinaus bekannt. Seine Berühmtheit verdankt er der Wallfahrtskirche „Zum gnadenreichen Christkindl im Baum unterm Himmel“ und dem alljährlich geöffneten Weihnachtspostamt. Doch die Geschichte von Christkindl ist eng mit einer wundersamen Heilung von Epilepsie und dem unermüdlichen Engagement eines Abtes verbunden.
Die Ursprünge: Ferdinand Sertl und die Heilung von Epilepsie
Im 17. Jahrhundert lebte in Steyr Ferdinand Sertl, ein Kapellmeister und Betreuer der Feuerwache. Sertl litt an Epilepsie, was ihn dazu veranlasste, die Einsamkeit zu suchen. In einem kleinen Wald bei der Ortschaft Himmel, am Rande der felsigen Hochterrasse des Steyrufers, fand er einen Ort der Ruhe. Als tiefgläubiger Mann befestigte er dort ein Bild der Heiligen Familie an einem Fichtenstamm und betete um seine Genesung.
Um 1695 erwarb Sertl eine kleine, aus Wachs geformte Christkindlfigur, eine Nachbildung des „Loretokindes“ in Salzburg. Er versteckte diese Figur in einer selbstgemachten Höhlung im Baum und pilgerte fortan mehrmals wöchentlich dorthin, um zu beten. Zu seinem Erstaunen ließen seine epileptischen Anfälle nach und verschwanden schließlich ganz. Sertl führte seine Heilung auf seine Andacht vor dem Christkindl zurück.
Die Wallfahrt entsteht
Die Kunde von Sertls wundersamer Heilung verbreitete sich schnell, und immer mehr Menschen besuchten den Baum im Wald, um das Christkindl zu verehren. Im Jahr 1699 wurde zum Schutz des Baumes und des Gnadenbildes eine einfache Holzkapelle errichtet. Abt Anselm Angerer von Garsten erkannte die wachsende Bedeutung des Ortes und bat den Bischof von Passau um die Genehmigung zum Bau einer Kirche.
Der Bau der Wallfahrtskirche
Obwohl Abt Anselm Angerer von Garsten den Bischof von Passau um eine Prüfung der Heilung und den Bau einer Kirche bat, blieben die Anerkennung und Genehmigung aus. Dennoch veranlasste Abt Anselm Angerer von Garsten 1702 den Bau der heutigen Kirche und bat den Bischof von Passau erneut um die Genehmigung, eine Kirche zu bauen. Doch Passau erließ den Befehl, den angefangenen Bau der Kirche einzustellen, und das Jesuskind aus Wachs in ein Kloster, Stift oder eine Kirche zu geben. Obwohl die Zahl der Pilger zum Jesuskind ständig wuchs, musste Abt Anselm Angerer den Bau der Kirche 1703 einstellen, und der bayrisch-österreichische Krieg erschwerte sowieso die Beziehung nach Bayern.
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Die Kirche wurde nach Entwürfen von Giovanni Battista Carlone und Jakob Prandtauer im Barockstil erbaut. Erst 1708 erhielt Abt Anselm Angerer die ersehnte Genehmigung zum Weiterbau, und 1709 wurde die noch nicht ganz fertige Kirche von ihm gesegnet. Die feierliche Einweihung der Kirche durch den Bischof von Passau Josef Dominik Graf von Lamberg erfolgte im Juli 1725.
Ein besonderes Merkmal der Kirche ist, dass sie um den ursprünglichen Fichtenstamm mit dem Gnadenbild herum gebaut wurde. Der Fichtenstamm wurde konserviert und befindet sich heute teilweise sichtbar in der Mitte des Hochaltars. Im Hochaltar ist über einem Tabernakel in Form einer Weltkugel das Christkind aus Wachs von einem Strahlenkranz umgeben zu sehen.
Das Weihnachtspostamt Christkindl
Die Idee zur Einrichtung eines Weihnachtspostamtes in Christkindl stammte von einem Besatzungsoffizier im Zweiten Weltkrieg. Die Generalpostverwaltung in Wien griff diese Idee auf, und am 15. Dezember 1950 wurde in der einzigen Wirtsstube im "Hause Davids" das erste Sonderpostamt eröffnet. Dieses Postamt hatte die Aufgabe, Grußsendungen mit einem eigenen Motivstempel zu versehen.
Obwohl in der ersten Betriebsperiode nur Briefsendungen des Inlandsverkehrs angenommen wurden, liefen schon damals mehr als 42.000 Sendungen über Christkindl. Seit 1951 werden auch ausländische Briefe angenommen, und bis 2018 wurden bereits zwei Millionen Sendungen per Hand mit dem Sonderstempel versehen.
Für Kinder hat das Postamt Christkindl eine besondere Bedeutung: Sie können ihre Weihnachtswünsche übermitteln, die handschriftlich beantwortet werden. Jedes Jahr werden etwa zwei Millionen Briefsendungen mit einer Weihnachtsmarke versehen und mit einem Sonderstempelabdruck in die ganze Welt geschickt.
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Krippenausstellungen in Christkindl
Christkindl ist nicht nur für seine Wallfahrtskirche und das Weihnachtspostamt bekannt, sondern auch für seine Krippenausstellungen. Im Pfarrheim von Christkindl können Besucher zwei außergewöhnliche Krippen bestaunen: die Mechanische Krippe und die Pöttmesser-Krippe.
Die Mechanische Krippe
Die Mechanische Krippe wurde von dem Schlosser Karl Klauda (1855-1939) geschaffen, der 40 Jahre lang an diesem Meisterwerk arbeitete. Die Krippe besteht aus rund 300 Figuren aus Lindenholz, die durch ein ausgeklügeltes System von Fahrradketten, Zahnrädern, Walzen und Wellen bewegt werden. Die Landschaft der Krippe ist aus Korkeiche gefertigt.
Die Mechanische Krippe zeigt verschiedene Szenen aus dem Leben Jesu, darunter die Verkündigung, die Geburt Jesu und die Anbetung der Heiligen Drei Könige. Besonders beeindruckend sind die detailreichen Figuren und die lebendigen Bewegungen.
Die Pöttmesser-Krippe
Die Pöttmesser-Krippe ist ein weiteres Meisterwerk der Krippenbaukunst. Sie wurde von Ferdinand Pöttmesser (1895-1977) geschaffen, der seinen Beruf als Kaufmann aufgab, um sich ganz der Krippenschnitzerei zu widmen. Die Krippe besteht aus 778 Figuren und ist in vier Bereiche unterteilt: die Hirten-Verkündigung, die Geburt Jesu, ein Beduinenmarkt und die Heiligen Drei Könige samt Gefolgschaft.
Die Figuren der Pöttmesser-Krippe sind aus Lindenholz gefertigt und mit wertvollen Stoffen, Stickereien, Bordüren und Bändern verziert. Die Krippe bietet einen faszinierenden Einblick in das Leben und die Kultur des Orients.
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Christkindl heute
Christkindl hat sich im Laufe der Zeit zu einem bedeutenden Wallfahrtsort und einem beliebten Ziel für Touristen entwickelt. Besonders in der Adventszeit strömen zahlreiche Besucher in den kleinen Ort, um die Wallfahrtskirche zu besuchen, Weihnachtspost zu verschicken und die Krippenausstellungen zu bestaunen.
Die Geschichte von Christkindl ist ein Zeugnis des Glaubens, der Hoffnung und der Kreativität. Sie erinnert daran, dass auch kleine Orte eine große Bedeutung haben können und dass Wunder immer möglich sind.
Die Rolle der Epilepsie in der Geschichte von Christkindl
Die Geschichte von Ferdinand Sertl und seiner Heilung von Epilepsie ist ein wichtiger Bestandteil der Geschichte von Christkindl. Sie zeigt, dass der Ort von Anfang an ein Ort der Hoffnung und der Heilung war.
Epilepsie ist eine neurologische Erkrankung, die durch wiederholte Anfälle gekennzeichnet ist. Die Anfälle werden durch eine vorübergehende Störung der elektrischen Aktivität im Gehirn verursacht. Im Mittelalter wurde Epilepsie oft als eine Art Besessenheit angesehen, und die Betroffenen wurden stigmatisiert und ausgegrenzt.
Die Geschichte von Ferdinand Sertl zeigt jedoch, dass Epilepsie auch mit Glauben und Hoffnung verbunden sein kann. Sertls Vertrauen in das Christkindl und seine Gebete führten zu seiner Heilung, was dazu beitrug, dass Christkindl zu einem Wallfahrtsort wurde.
Auch heute noch ist Christkindl ein Ort, an dem Menschen mit Epilepsie Trost und Hoffnung finden können. Die Geschichte von Ferdinand Sertl erinnert daran, dass es immer Hoffnung auf Heilung und ein besseres Leben gibt.