Stimmgabeltest bei diabetischer Neuropathie: Früherkennung und Diagnose

Diabetische Neuropathien sind Nervenschädigungen, die als Spätfolge eines Diabetes mellitus auftreten und verschiedene Regionen des peripheren Nervensystems betreffen können. Permanent erhöhte Blutzuckerwerte schädigen die peripheren Nerven und beeinträchtigen deren Funktion. Oftmals gehen Patienten mit einer beginnenden diabetischen Polyneuropathie zunächst zu anderen Fachärzten, was die Diagnose verzögern kann. Dieser Artikel beleuchtet, wie der Stimmgabeltest und andere einfache Methoden zur Früherkennung eingesetzt werden können und welche Aspekte bei der Diagnose und Behandlung der diabetischen Neuropathie wichtig sind.

Was sind diabetische Neuropathien?

Diabetische Neuropathien sind Erkrankungen des peripheren Nervensystems, die durch Diabetes mellitus verursacht werden. Das periphere Nervensystem umfasst alle außerhalb des zentralen Nervensystems liegenden Teile der motorischen, sensiblen und autonomen Nerven. Funktionell wird es in zwei Systeme unterteilt:

  • Somatisches Nervensystem: Steuert willentlich beeinflussbare Körpervorgänge, wie die Ansteuerung der Skelettmuskeln und die sensorische Wahrnehmung von Sinnesreizen. Erkrankungen dieses Systems werden als sensomotorische, motorische oder sensible Neuropathien bezeichnet.
  • Autonomes Nervensystem: Steuert lebensnotwendige, automatisch ablaufende Grundfunktionen wie Herzschlag, Atmung, Verdauung, Schweißbildung und Blutdruckregulation. Erkrankungen dieses Systems werden als autonome Neuropathien bezeichnet.

In frühen Krankheitsstadien verläuft die diabetische Neuropathie oft unbemerkt. Nach 25 Jahren Diabetesdauer haben jedoch etwa 50 % der Betroffenen eine symptomatische periphere Neuropathie.

Anzeichen einer peripheren Polyneuropathie

Die periphere diabetische Polyneuropathie betrifft den Teil des Nervensystems, der Bewegungen bewusst steuert (somatisches Nervensystem). Sie tritt meist rechts und links am Körper ähnlich stark ausgeprägt auf.

Symptome:

  • Negativsymptome: Verminderte Wahrnehmung von Berührungen, Temperaturunterschieden oder Schmerzreizen.
  • Positivsymptome: Missempfindungen wie Kribbeln, Pelzigkeit oder Brennen bis hin zu starken Schmerzen, die in Ruhe, besonders abends oder nachts, stärker wahrgenommen werden. Bewegung bringt oft Besserung.
  • Weitere Symptome: Schwächere Muskeln in den Beinen und ein unsicherer Gang.

Da ähnliche Beschwerden auch bei anderen Krankheiten vorkommen können, ist eine genaue ärztliche Untersuchung wichtig. Durch die Polyneuropathie werden Verletzungen und Druckstellen an den Füßen schlechter wahrgenommen, was zu schwer heilenden Wunden führen kann (diabetisches Fußsyndrom).

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Anzeichen einer vegetativen diabetischen Neuropathie

Die vegetative diabetische Neuropathie betrifft den Teil des Nervensystems, der die Funktionen der inneren Organe steuert (unwillkürliches oder vegetatives Nervensystem). Die Symptome sind vielfältig und hängen davon ab, welches Organ betroffen ist.

Mögliche Symptome:

  • Herz-Kreislauf-System: Erhöhte Herzfrequenz in Ruhe, Herzrhythmusstörungen, Blutdruckabfall bei Lageänderungen (orthostatische Dysregulation), erhöhtes Risiko für Schlaganfälle und plötzlichen Herztod.
  • Magen-Darm-Trakt: Übelkeit, Völlegefühl, Durchfall oder Verstopfung aufgrund zu schneller oder zu langsamer Magenentleerung.
  • Blase und Sexualität: Störungen beim Entleeren der Blase, häufiger Harndrang, sexuelle Funktionsstörungen.
  • Weitere mögliche Symptome: Beeinträchtigung des Hormonsystems, der Schweißdrüsen oder der Steuerung der Augenbewegung.

Risikofaktoren für Neuropathie

Eine Reihe von Faktoren erhöhen das Risiko für diabetische Nervenschäden:

  • Höheres Lebensalter
  • Längere Diabetes-Dauer
  • Langjährig erhöhte Blutzuckerwerte
  • Häufige Stoffwechselentgleisungen bei Kindern und Jugendlichen
  • Gefäßkrankheiten
  • Augen- und Nierenerkrankungen durch Diabetes
  • Erhöhte Blutfette
  • Hoher Blutdruck
  • Rauchen
  • Alkohol
  • Mangelnde Bewegung
  • Übergewicht
  • Falsche Ernährung

Vorbeugung und Früherkennung

Ein gutes Blutzuckermanagement und ein gesunder Lebensstil beugen bei Typ-1-Diabetes der Neuropathie vor. Bei Typ-2-Diabetes kann eine Neuropathie nicht direkt verhindert werden, aber Risikofaktoren können beeinflusst werden.

Maßnahmen zur Vorbeugung:

  • Frühzeitige und gute Stoffwechseleinstellung mittels intensivierter Insulintherapie (bei Typ-1-Diabetes).
  • Ausreichend körperliche Aktivität.
  • Nicht rauchen.
  • Alkoholische Getränke vermeiden.
  • Ausgewogene Ernährung.
  • Normales Körpergewicht anstreben.

Diagnostische Verfahren

Menschen mit Beschwerden einer Neuropathie sollten diese in der ärztlichen Sprechstunde schildern. Bei Typ-1-Diabetes mit schlechter Stoffwechsellage erfolgen erste Untersuchungen nach 5 Jahren Diabetes-Dauer, bei Kindern ab dem 11. Lebensjahr. Bei Typ-2-Diabetes ohne Anzeichen einer Neuropathie werden jährliche Untersuchungen empfohlen.

Untersuchungsmethoden:

  • Anamnese: Detaillierte Beschreibung der Symptome, Krankengeschichte, eingenommene Medikamente und Begleiterkrankungen.
  • Körperliche Untersuchung:
    • Inspektion: Beurteilung der Beine und Füße.
    • Funktionsprüfung: Beweglichkeit der Muskeln und Gelenke.
    • Sensibilitätsprüfung:
      • Berührungsempfinden: Mit Watte oder einem festen Nylonfaden (Monofilament).
      • Schmerzempfinden: Mit einem spitzen Gegenstand oder Einmalnadeln.
      • Vibrationsempfinden: Mit einer schwingenden Stimmgabel (vorzugsweise 128-Hz-Stimmgabel nach Rydel-Seiffer) am Knöchel, Großzehengrundgelenk oder der Großzehenspitze.
      • Temperaturempfinden: Mit kleinen Stiften mit Plastik- und Metallende oder Eis- und Warmwasserreagenzgläsern.
    • Reflexprüfung: Untersuchung der Muskelreflexe (Achilles- und Patellarsehnenreflex).
  • Weitere neurologische Untersuchungen (bei Unsicherheit):
    • Elektroneurographie (NLG): Messung der Nervenleitgeschwindigkeit.
    • Elektromyographie (EMG): Messung der Muskelaktivität.
    • Hautbiopsie: Entnahme einer Gewebeprobe zur Untersuchung der Nervenfaserdichte.
  • Untersuchungen zur vegetativen Neuropathie:
    • Langzeit-EKG: Aufzeichnung des Herzschlags zur Beurteilung der Herzfrequenzvariabilität.
    • Tests des Herz-Kreislauf-Systems: Analyse der Herzschlagrate unter Taktatmung, modifizierter Ewingtest, Valsalva-Pressmanöver, Orthostase-Test.
    • Spezifische Untersuchungen der betroffenen Organe: Bei Verdacht auf Nervenschädigungen im Magen-Darm-Trakt, an der Blase oder den Geschlechtsorganen.

Der Stimmgabeltest im Detail

Der Stimmgabeltest ist eine einfache und effektive Methode zur Überprüfung des Vibrationsempfindens. Dabei wird eine klingende Stimmgabel an den Großzehenballen gehalten. Die Patienten sollen die Augen schließen, damit sie nicht sehen, was der Arzt tut. Eine Abschwächung des Achillessehnen-Reflexes kann ebenfalls ein Frühsymptom sein.

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Durchführung:

  1. Die Stimmgabel (128 Hz) wird angeschlagen und an verschiedene Stellen des Fußes (Knöchel, Großzehengrundgelenk, Großzehenspitze) aufgesetzt. Zum Vergleich kann auch das Handgelenk getestet werden.
  2. Die untersuchte Person gibt an, wann sie die Vibration nicht mehr spürt.
  3. Bei der Benutzung einer 128-Hz-Stimmgabel nach Rydel-Seiffer liegen die Normwerte für die Altersgruppe unter 30 Jahre bei einer Wahrnehmung von 6/8 oder mehr und bei der Altersgruppe ab 30 Jahre bei 5/8 oder mehr.
  4. Wenn am Großzehengrundgelenk keine sichere Empfindung nachgewiesen werden kann, sollte an einer körpernäheren Stelle, d.h. am Innenknöchel (Malleolus medialis), getestet werden.

Behandlung der diabetischen Polyneuropathie

Nervenschäden können oft nicht geheilt werden, aber durch regelmäßige Vorsorge und frühzeitige Therapie können das Auftreten und der Krankheitsverlauf günstig beeinflusst werden. Die Behandlung zielt darauf ab, das Fortschreiten der Neuropathie zu verhindern oder zu verzögern und die Beschwerden zu lindern.

Behandlungsansätze:

  • Gutes Blutzuckermanagement: Bei Typ-1-Diabetes kann dies das Fortschreiten verzögern oder aufhalten.
  • Reduktion anderer Risikofaktoren: Reduzierung von Alkoholkonsum und Beseitigung eines Vitamin-B12-Mangels.
  • Medikamentöse Therapie:
    • Schmerzlinderung: Bestimmte Medikamente, die direkt auf das Nervensystem wirken (z.B. Pregabalin oder Duloxetin). Übliche Schmerzmittel (Aspirin, Ibuprofen) sind nicht geeignet.
    • Beeinflussung der Nervenschäden verursachenden Mechanismen: Alpha-Liponsäure (frei verkäuflich) und Benfotiamin (Vorstufe von Vitamin B1, ebenfalls frei verkäuflich) zeigen in Studien günstige Effekte auf die Nervenfunktion.
  • Weitere Behandlungsansätze:
    • Psychotherapie: Zur Verbesserung der Lebensqualität bei chronischen Missempfindungen oder Bewegungseinschränkungen.
    • Transkutane elektrische Nervenstimulation (TENS): Elektrische Stimulation zur Linderung der Beschwerden.
    • Lokale Anwendung von Capsaicin-Pflastern: Bei schwer zu behandelnden neuropathischen Schmerzen.
    • Medizinische Fußpflege: Wichtig zur Vermeidung von Verletzungen und Komplikationen.
    • Physikalische Therapie: Krankengymnastik, Wärme- oder Kälteanwendungen, Massagen.

Smartphone-Apps zur Diagnose

Eine britische Studie hat gezeigt, dass eine Smartphone-App namens "NeurAppathy" mit Hilfe der Vibrationsfunktion des Smartphones bei der Diagnose von Sensibilitätsstörungen am Fuß helfen kann. Die App bewirkt, dass der Motor des Smartphones mit einer Frequenz von 25 Hertz vibriert. Hält man das vibrierende Smartphone an eine Körperstelle, kann der Patient angeben, ob er die Berührung spürt. Die App zeigte in der Studie sogar eine höhere Trefferquote als herkömmliche Instrumente. Allerdings sind die Ergebnisse nicht auf alle Smartphone-Marken übertragbar.

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