Die Fazialisparese, auch Gesichtslähmung genannt, ist eine Lähmungserscheinung der Gesichtsmuskulatur, die durch eine Schädigung des Nervus facialis oder seines Ursprungs im Gehirn verursacht wird. Der Nervus facialis steuert die mimische Muskulatur des Gesichts und ist für die Geschmacksempfindung (süß und sauer), die Speichel- und Tränensekretion sowie die Feinregulierung des Hörens verantwortlich. Die Erkrankung kann plötzlich auftreten und wird oft als Symptom eines Schlaganfalls fehlgedeutet, obwohl meist andere Ursachen zugrunde liegen.
Was ist eine Fazialisparese?
Eine Fazialisparese ist eine teilweise oder vollständige Lähmung der Gesichtsmuskulatur, die auf eine Schädigung des Nervus facialis zurückzuführen ist. Eine Parese beschreibt medizinisch eine teilweise Lähmung eines oder mehrerer Muskeln. Je nachdem, an welcher Stelle der Nerv beschädigt ist, zeigt sich eine andere Ausprägung der Gesichtsnervenlähmung. Die Hauptaufgabe des Nervus facialis besteht darin, die Gesichtsmuskulatur zu kontrollieren, die für verschiedene Gesichtsausdrücke verantwortlich ist. Zusätzlich reguliert der Nerv kleinere Drüsen der Nasenschleimhaut, die Tränendrüsenfunktion, die Geschmacksempfindung, die Speichelproduktion und die Berührungsempfindung.
Formen der Fazialisparese
Man unterscheidet zwei Hauptformen der Fazialisparese: die zentrale und die periphere Fazialisparese. Die Unterscheidung basiert auf der Lokalisation der Nervenschädigung.
Zentrale Fazialisparese
Die zentrale Fazialisparese entsteht durch eine Schädigung der Nervenbahnen im Gehirn, aus denen der Nervus facialis entsteht. Dies kann beispielsweise im Rahmen eines Schlaganfalls, eines Hirntumors oder einer Gehirnentzündung (Enzephalitis) auftreten. Bei einem Schlaganfall wird die Blutversorgung des Gehirns plötzlich gestört, was zu Ausfällen des zentralen Nervensystems führen kann. Die Lähmung betrifft meist nur die Gesichtsmuskulatur unterhalb des Augenlides, da die Muskulatur oberhalb davon von beiden Gehirnhälften versorgt wird. Obwohl die zentrale Fazialisparese oft nur von kurzer Dauer ist, kann sie ein Symptom einer schwerwiegenden Erkrankung wie eines Hirninfarktes sein, weshalb eine sofortige ärztliche Vorstellung dringend empfohlen wird. Im Gegensatz zur peripheren Parese kann auch ein Arm oder eine komplette Körperhälfte gelähmt sein.
Periphere Fazialisparese
Die periphere Fazialisparese entsteht durch eine Schädigung des Nervus facialis außerhalb des Gehirns, im Verlauf des Nervs vom Hirnstamm zum Gesicht. Der Nerv kann an verschiedenen Stellen komprimiert oder geschädigt werden. Die periphere Fazialisparese ist die häufigere Form der Gesichtslähmung und kann sich in verschiedenen Symptomen äußern. Im Gegensatz zur zentralen Fazialisparese ist bei der peripheren Form häufig die gesamte mimische Muskulatur einer Gesichtshälfte betroffen, einschließlich der Augen- und Stirnmuskulatur. Eine periphere Läsion des rechten Nervus facialis zeigt sich auf der rechten Gesichtshälfte, bei einer linksseitigen Läsion entsprechend auf der linken Seite.
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Symptome einer Fazialisparese
Die Symptome einer Fazialisparese können je nach Lokalisation und Ausmaß der Nervenschädigung variieren. Das Leitsymptom ist die schlaffe Lähmung der Gesichtsmuskulatur.
Typische Symptome sind:
- Herabhängen des Mundwinkels
- Unfähigkeit, die Stirn zu runzeln
- Fehlender Lidschlag oder unvollständiger Lidschluss
- Verwaschene Sprache
- Schwierigkeiten beim Sprechen, Essen und Trinken
- Trockenheit im Bereich der Augen oder Mundtrockenheit
- Verlust der Geschmacksempfindung im vorderen Bereich der Zunge
- Erhöhte Geräuschempfindlichkeit (Hyperakusis)
Ursachen einer Fazialisparese
Die Ursachen einer Fazialisparese sind vielfältig und oft nicht vollständig erforscht. Man unterscheidet zwischen idiopathischen (ohne erkennbare Ursache) und symptomatischen (mit bekannter Ursache) Fazialisparesen.
Idiopathische Fazialisparese (Bell-Parese)
Die idiopathische Fazialisparese, auch Bell-Parese genannt, ist die häufigste Form der einseitigen Fazialisparese. Bei etwa 60-75 % der Fälle ist keine direkte, nachweisbare Ursache erkennbar. Man vermutet, dass verschiedene Faktoren wie Stress, Infektionen, Schwangerschaft oder Zugluft zu einer Schwellung des Nervs führen, wodurch dieser im Knochenkanal eingeengt wird. Als möglicher Auslöser wird auch das Herpes-simplex-Virus Typ 1 (Lippenherpes) vermutet.
Symptomatische Fazialisparese
Eine Reihe von Erkrankungen können mit einer Fazialisparese in Zusammenhang gebracht werden.
Infektionen:
- Herpes-simplex-Virus: Infektionen mit dem Herpes-simplex-Virus können Entzündungen im Nervenverlauf auslösen.
- Herpes Zoster (Gürtelrose): Insbesondere die Sonderform Zoster oticus, bei der der Ohrbereich betroffen ist, kann eine Fazialisparese verursachen.
- Borreliose: Die durch das Bakterium Borrelia burgdorferi verursachte Borreliose kann im fortgeschrittenen Stadium auf den Nervus facialis übergreifen und eine einseitige Gesichtslähmung verursachen.
- Weitere Infektionen: Auch Röteln, Mumps, Kinderlähmung und Grippe können in seltenen Fällen zu einer Fazialisparese führen.
Entzündungen:
- Otogene Fazialisparese: Hierbei geht die Entzündung vom Ohr aus, beispielsweise bei einer Mittelohrentzündung.
- Sarkoidose: Diese systemische Erkrankung kann unter anderem die Ohrspeicheldrüse bzw. Tränendrüse entzünden, was zu einer Schädigung der umgebenden Nerven führen kann.
- Guillain-Barré-Syndrom: Bei diesem Syndrom kommt es zu entzündlichen Reaktionen verschiedener Nervenenden, die dadurch zerstört werden. Die Gesichtslähmung ist dabei nur eine Teilerscheinung des Krankheitsbildes.
Traumata:
- Schädelbasisbruch: Insbesondere Brüche des Felsenbeins können den Nervus facialis verletzen.
- Gesichtsverletzungen: Verletzungen des Gesichts, des Unterkiefers oder der Ohrspeicheldrüse sowie operative Eingriffe in diesen Bereichen können ebenfalls zu einer Fazialisparese führen.
Tumoren:
- Akustikusneurinom: Dieser gutartige Tumor, der von Zellen des Nervensystems ausgeht, kann den Nervus facialis schädigen.
- Andere Tumoren: Gut- oder bösartige Geschwülste im Verlauf des Gesichtsnervs können ebenfalls eine Fazialisparese verursachen.
Weitere Ursachen:
- Erbkrankheiten: Erkrankungen wie das Möbius-Syndrom oder das Melkersson-Rosenthal-Syndrom können mit einer Fazialisparese einhergehen.
- Vergiftungen: Seltene Ursachen einer Fazialisparese sind Vergiftungen durch Medikamente oder Giftstoffe sowie Ohrfehlbildungen.
- Schlaganfall: Eine zentrale Fazialisparese ist häufig die Folge eines Schlaganfalls.
- Multiple Sklerose: Auch Multiple Sklerose kann eine zentrale Fazialisparese verursachen.
Risikofaktoren
Als Risikofaktoren für eine Fazialisparese gelten:
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- Hoher Blutdruck
- Diabetes mellitus
- Schwangerschaft
- Migräne
- Vorherige Virusinfektionen
- Extremer Stress
Diagnose einer Fazialisparese
Ein erfahrener Arzt kann eine Fazialisparese oft schon durch eine Blickdiagnose erkennen. Die Diagnostik umfasst in der Regel folgende Schritte:
- Anamnese: Der Arzt erfragt die Krankengeschichte des Patienten, einschließlich möglicher Vorerkrankungen, Medikamenteneinnahme und den zeitlichen Verlauf der Symptome.
- Körperliche Untersuchung: Der Arzt prüft die Funktionstüchtigkeit der Gesichtsmuskulatur, indem er den Patienten auffordert, die Stirn zu runzeln, die Augen fest zu schließen, breit zu grinsen und die Zähne zu zeigen. Auch das Ohr wird in der Regel untersucht.
- Neurologische Untersuchung: Bei Verdacht auf eine zentrale Fazialisparese wird zusätzlich die Funktion von Armen und Beinen überprüft und ein Sprachtest durchgeführt.
- Blutuntersuchung: Im Labor wird das Blut auf typische auslösende Erreger (z. B. Borrelien, Varizella-Zoster-Viren) oder andere Anhaltspunkte für eine Fazialisparese untersucht.
- Elektromyographie: Bei Verdacht auf eine periphere Schädigung kann eine Elektromyographie durchgeführt werden, um zu unterscheiden, ob die Muskellähmung durch eine Schädigung des Muskels an sich oder durch eine Nervenschädigung verursacht wird.
- Bildgebende Verfahren: Um eine zentrale Fazialisparese zu diagnostizieren oder andere Ursachen auszuschließen, können bildgebende Verfahren wie MRT, CT oder Röntgenuntersuchung eingesetzt werden.
Therapie einer Fazialisparese
Aufgrund der vielfältigen Ursachen gibt es kein einheitliches Behandlungskonzept für die Fazialisparese. Die Therapie richtet sich nach der zugrundeliegenden Ursache und dem Schweregrad der Lähmung.
Medikamentöse Therapie
- Kortikosteroide: Bei der idiopathischen Fazialisparese werden häufig Kortison-Präparate eingesetzt, um die Entzündung des Nervs zu reduzieren und die Heilung zu beschleunigen.
- Antivirale Medikamente: Bei einer Fazialisparese, die durch eine Virusinfektion verursacht wurde, können antivirale Medikamente eingesetzt werden, um die Virusvermehrung zu hemmen.
- Antibiotika: Bei einer bakteriellen Infektion, wie beispielsweise Borreliose, werden Antibiotika eingesetzt, um die Bakterien zu bekämpfen.
- Vitamin-B-Komplex: Bei Vitamin-B12-Mangel kann die Einnahme von Vitamin-B-Präparaten sinnvoll sein.
Weitere Therapien
- Augenpflege: Bei unvollständigem Lidschluss ist eine sorgfältige Augenpflege wichtig, um ein Austrocknen der Hornhaut zu verhindern. Hierbei kommen Tränenersatzmittel, Augensalben und nächtliche Uhrglasverbände zum Einsatz.
- Physiotherapie: Eine begleitende Physiotherapie kann helfen, die mimische Muskulatur zu trainieren und die Koordination zu verbessern.
- Logopädie: Bei Sprach- und Schluckbeschwerden kann eine logopädische Behandlung sinnvoll sein.
- Botulinumtoxin-Injektionen: Bei Synkinesien (unwillkürlichen Mitbewegungen) können Botulinumtoxin-Injektionen eingesetzt werden, um die überaktiven Muskeln zu entspannen.
- Transkutane Nervenstimulation: In schweren Fällen, in denen die Gesichtslähmung nicht wieder abklingt, kann eine transkutane Nervenstimulation eine Therapieoption sein. Hierbei regen leichte Stromwellen die betroffenen Nerven und Muskeln an.
Operative Therapie
In einigen Fällen kann eine operative Therapie sinnvoll sein, insbesondere bei traumatischen Fazialisparesen oder bei Tumoren im Bereich des Nervus facialis. Je nach Ausprägung der Nervenschädigung kann eine Rekonstruktion des Nervs oder eine Fusion der Fasern des Nervus facialis mit denen eines anderen noch funktionstüchtigen Gesichtsnerven verbunden werden. Auch Muskeltransplantationen oder die Implantation von Gold- oder Platingewichten ins Oberlid können in bestimmten Fällen in Betracht gezogen werden.
Verlauf und Prognose
Die Prognose einer Fazialisparese ist in der Regel gut. Bei der idiopathischen Fazialisparese heilen etwa 60 Prozent der Betroffenen von selbst aus. Mit einer Kortisontherapie können die Heilungschancen weiter verbessert werden. Studien haben gezeigt, dass etwa zwei Drittel aller Patienten mit einer Bell-Parese innerhalb von vier Monaten eine komplette Ausheilung erfahren. Etwa drei Viertel aller Patienten mit kompletter Fazialisparese berichten nach etwa sechs Monaten über eine sehr gute Heilung.
Bei symptomatischen Fazialisparesen hängt die Prognose von der zugrundeliegenden Ursache ab. In vielen Fällen erholen sich die Nervenfunktionen im Verlauf von selbst wieder, oft jedoch nicht vollständig.
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Mögliche Komplikationen und Spätfolgen
- Hornhautgeschwüre: Durch den unvollständigen Augenlidschluss kann es zu Hornhautgeschwüren kommen.
- Synkinesien: Unwillkürliche Kontraktionen der durch den Gesichtsnerv gesteuerten Muskeln können auftreten.
- Krokodilstränen: Unwillkürlicher Tränenfluss beim Essen kann eine Spätfolge sein.
- Weitere Störungen des autonomen Nervensystems: Fehlgeleitetes Schwitzen im Gesichts- und Halsbereich bei Nahrungsaufnahmen (Geschmacksschwitzen) kann auftreten.
- Dauerhafte Lähmung: In seltenen Fällen kann eine Fazialisparese zu einer dauerhaften Lähmung der Gesichtsmuskulatur führen.