Chronische Migräne: Ursachen, Behandlung und aktuelle Fortschritte

Migräne ist eine neurologische Erkrankung, von der in Deutschland bis zu 15 Prozent der Menschen betroffen sind. Charakteristische Symptome sind pochende Kopfschmerzen, Lichtempfindlichkeit und Übelkeit. Man unterscheidet zwischen episodischer und chronischer Migräne. Von chronischer Migräne spricht man, wenn Betroffene über mindestens drei Monate hinweg an mehr als 15 Tagen im Monat unter Kopfschmerzen leiden. Die Lebensqualität der Betroffenen ist meist stark beeinträchtigt. Glücklicherweise gibt es immer mehr Behandlungsmöglichkeiten für Migränepatienten. Eine aktualisierte wissenschaftliche Leitlinie bietet Medizinern und Angehörigen anderer Heilberufe eine Orientierung. Erstmals gibt es auch eine Patientenleitlinie, die die wissenschaftlichen Empfehlungen in verständliche Sprache übersetzt.

Definition und Häufigkeit

Gemäß der Internationalen Kopfschmerzgesellschaft unterteilt man Migräne-Kopfschmerzen in zwei Untergruppen: die episodische und die chronische Form. Eine chronische Migräne liegt dann vor, wenn Betroffene über mindestens drei Monate hinweg an mehr als 15 Tagen im Monat unter Kopfschmerzen leiden. Dabei müssen an mindestens acht dieser Tage typische Begleitsymptome wie Aura, Übelkeit oder Erbrechen auftreten. Ein weiteres Kriterium ist, dass die Kopfschmerzen nicht auf einen Übergebrauch von Medikamenten zurückzuführen sind. Die chronische Migräne tritt bei etwa ein bis zwei Prozent der allgemeinen Bevölkerung auf, wobei Frauen häufiger betroffen sind als Männer.

Symptome der chronischen Migräne

Die Symptome der chronischen Migräne ähneln denen der episodischen Migräne. Zu den häufigsten Beschwerden gehören:

  • Kopfschmerzen (meistens stark und pulsierend)
  • Licht- und/oder Lärmscheu
  • Aura (Sehstörungen, Missempfindungen, Sprechstörungen, Sprachstörungen, Bewegungsstörungen, Doppelbilder, Ohrgeräusche oder Flimmern sind möglich)
  • Stimmungsveränderungen
  • Heißhunger oder Appetitlosigkeit
  • Schwierigkeiten beim Lesen, Schreiben und Konzentrieren
  • Vermehrtes Gähnen und Müdigkeit
  • Übelkeit und/oder Erbrechen
  • Symptomverstärkung durch körperliche Aktivität

Häufige Begleiterkrankungen (Komorbiditäten) bei chronischer Migräne sind Depressionen, Angsterkrankungen, Übergewicht, arterielle Hypertonie, Medikamentenübergebrauch und Schlafstörungen. Nur die Anfallshäufigkeit unterscheidet also die chronische von der episodischen Migräne.

Ursachen der chronischen Migräne

Die genauen Ursachen der chronischen Migräne sind noch nicht vollständig geklärt. Es wird jedoch angenommen, dass genetische Faktoren eine Rolle spielen, da häufig mehrere Familienmitglieder betroffen sind.

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Aktuelle Studien zeigen, dass die Entwicklung einer chronischen Migräne durch eine Vielzahl von Faktoren beeinflusst wird. Dazu gehören hormonelle Veränderungen und verschiedene Umweltfaktoren, die die Umwandlung von episodischer zu chronischer Migräne begünstigen können. Zu den Umweltfaktoren zählen Stress, Schlafstörungen, Wetterveränderungen, bestimmte Nahrungsmittel und sensorische Reize. Besonders bei genetisch anfälligen Personen spielen diese Faktoren eine entscheidende Rolle.

Zudem tritt die chronische Migräne häufiger in Verbindung mit Depressionen, Rückenschmerzen, Schlafstörungen und anderen Schmerzkrankheiten auf.

Es gilt als gesichert, dass chronische Migräne nicht durch einen Übergebrauch von Medikamenten ausgelöst wird.

Diagnose der chronischen Migräne

Die Diagnose der chronischen Migräne erfolgt in der Regel anhand der Anamnese und der Schilderung der Symptome durch den Patienten. Eine körperliche Untersuchung und gegebenenfalls weitere diagnostische Maßnahmen können durchgeführt werden, um andere Ursachen für die Kopfschmerzen auszuschließen. Wichtig ist auch die Dokumentation von Kopfschmerzen und Medikation in einem Kopfschmerzkalender.

Behandlung der chronischen Migräne

Ziel der Behandlung der chronischen Migräne ist es, die Häufigkeit, Dauer und Intensität der Kopfschmerzattacken zu reduzieren und die Lebensqualität der Betroffenen zu verbessern. Die Therapie umfasst in der Regel eine Kombination aus medikamentösen und nicht-medikamentösen Behandlungsansätzen.

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Akutbehandlung

Die Akutbehandlung der chronischen Migräne ähnelt der Behandlung von Migräne im Allgemeinen. Zur akuten Behandlung eignen sich Schmerzmedikamente (z.B. Ibuprofen, Acetylsalicylsäure (ASS) oder Paracetamol). Auch Antiemetika, also Mittel gegen Übelkeit, können das Wohlbefinden der Betroffenen deutlich steigern. Sogenannte Kombinationspräparate können auch helfen, die Beschwerden zu lindern. Am besten erforscht ist dabei die Kombination aus Paracetamol, Acetylsalicylsäure (ASS) und Koffein. Auch Koffein alleine kann hilfreich sein.

Es wird empfohlen, Kombinationspräparate nicht länger als 10 Tage im Monat und einfache Schmerzmittel nicht länger als 15 Tage im Monat einzunehmen, um das Risiko von medikamenteninduzierten Kopfschmerzen zu vermeiden.

Amitriptylin ist eigentlich ein Medikament, das gegen Depressionen hilft. Trotzdem wird es auch zur Therapie der chronischen Migräne eingesetzt. Besonders bei Patienten, die zusätzlich an einer Depression erkrankt sind, ist Amitriptylin ein bewährtes Medikament. Es wird meistens gut vertragen.

Eine invasive Neurostimulation ist zwar auch bei chronischer Migräne denkbar, Ärzte empfehlen sie aber nur als letzten Ausweg, wenn die bisherigen Therapieoptionen nicht erfolgreich waren. Bei der invasiven Neurostimulation werden elektrische Impulse ausgesendet und die Schmerzimpulse dadurch unterdrückt. Dieses Verfahren wird auch bei Parkinson, Alzheimer oder anderen neurologischen Erkrankungen eingesetzt.

Vorbeugung (Prophylaxe)

Neben der Akutbehandlung spielt die Vorbeugung eine wichtige Rolle bei der Behandlung der chronischen Migräne. Ziel der Prophylaxe ist es, die Häufigkeit und Intensität der Migräneattacken zu reduzieren.

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Medikamentöse Prophylaxe:

  • Monoklonale Antikörper: Eine neue Art von Medikamenten, die helfen können, Migräne zu verhindern. Sie wirken, indem sie ein Molekül namens CGRP blockieren, das bei der Entstehung von Migräne eine wichtige Rolle spielt. Diese Medikamente können die Anzahl und Schwere der Migräneanfälle verringern.
    • Erenumab blockiert den CGRP-Rezeptor und kann helfen, Migränetage zu reduzieren.
    • Fremanezumab zielt direkt auf das CGRP-Molekül ab und wird regelmäßig verabreicht, um Migräneanfälle zu verhindern.
    • Galcanezumab, ähnlich wie Fremanezumab, blockiert CGRP und wird zur Vorbeugung von Migräne eingesetzt.
    • Eptinezumab wird intravenös verabreicht und wirkt ebenfalls gegen CGRP.
    • Atogepant, die direkt am CGRP-Rezeptor ansetzt. Sie blockiert den Signalweg des Moleküls und kann so Migräneattacken abmildern.
  • OnabotulinumtoxinA (Botox): Eine Form von Botox, die zur Vorbeugung der chronischen Migräne eingesetzt wird.
  • Topiramat: Ein Medikament, das ursprünglich zur Behandlung von Epilepsie entwickelt wurde, aber auch bei der Migräneprophylaxe wirksam ist. Topiramat ist für Schwangere und Stillende nicht geeignet!
  • Betablocker: Medikamente wie Propranolol, Metoprolol und Bisoprolol, die normalerweise bei Herzerkrankungen oder Bluthochdruck eingesetzt werden, können einer chronischen Migräne vorbeugen und sind oft schon in geringer Dosis wirksam.

Nicht-medikamentöse Prophylaxe:

  • Akupunktur: Bei einigen Patienten ist Akupunktur hilfreich.
  • Neurostimulation des Nervus supraorbitalis: Bei dieser Methode wird jener Nerv, der oberhalb der Augenhöhle liegt, durch elektrische Impulse stimuliert. Studien haben gezeigt, dass diese Methode bei einigen Patienten die Häufigkeit und Intensität von Migräneanfällen reduziert. Die Methode ist ab dem zwölften Lebensjahr zugelassen - das ist vor allem deshalb ein Fortschritt, weil es für Kinder und Jugendliche bislang nur wenige Therapieoptionen gibt. Bei der sogenannten Remote Electrical Neuromodulation werden während einer Migräneattacke zum Beispiel am Oberarm Nerven elektrisch stimuliert. Das soll die Schmerzintensität reduzieren.
  • Behandlung von Begleiterkrankungen (Komorbiditäten): Werden Krankheiten therapiert, die mit der chronischen Migräne gemeinsam auftreten, wirkt sich das positiv auf den Therapieerfolg bei chronischer Migräne aus. Zu solchen Komorbiditäten zählen Depression, Angsterkrankungen, posttraumatische Belastungsstörungen (PTBS), Übergewicht, Bluthochdruck, Medikamentenübergebrauch und Schlafstörungen.
  • Weitere Möglichkeiten: Ausdauersport, Biofeedback oder Verhaltenstherapie. Bisher ist nicht nachgewiesen, ob diese Methoden auch bei chronischer Migräne helfen. Trotzdem lohnt es sich, diese Maßnahmen auszuprobieren.
  • Okzipitale Nervenblockade: Bei der okzipitalen Nervenblockade werden bestimmte Nerven betäubt, die für das Gefühl im hinteren Teil des Kopfes verantwortlich sind. Die okzipitale Nervenblockade hat in Studien gezeigt, dass sie kurzfristig wirksam ist und helfen kann, die Anzahl der Migränetage zu reduzieren. Die Langzeitwirkung ist jedoch noch nicht ausreichend erforscht.

Fortschritte in der Migränebehandlung

In den letzten Jahren gab es beachtliche Fortschritte in der Migränebehandlung, insbesondere durch die Entwicklung von Antikörpern gegen das CGRP und dessen Rezeptor sowie durch innovative Neuromodulationsverfahren. Die Leitlinie wird jedes Jahr ergänzt und alle fünf Jahre vollständig überarbeitet. Sie dient Medizinern und Angehörigen anderer Heilberufe als wissenschaftliche Orientierung - entscheidet jedoch nicht über die Kostenübernahme durch die Krankenkassen.

Ganz neu ist die Substanz Atogepant, die direkt am CGRP-Rezeptor ansetzt und inzwischen für die Migräneprophylaxe zugelassen ist. Sie blockiert den Signalweg des Moleküls und kann so Migräneattacken abmildern.

Der chronische Kopfschmerz durch Medikamentenübergebrauch

Der chronische Kopfschmerz durch häufige oder regelmäßige Einnahme von Schmerz- oder Migränemitteln ist nach der Klassifikation der Internationalen Kopfschmerzgesellschaft (IHS ICHD-3) definiert als ein Kopfschmerz, der an 15 Tagen oder mehr im Monat auftritt und Folge einer zu häufigen Einnahme von Schmerz- oder Migränemitteln ist (1) (Tabelle 1). Die Definition umfasst entweder den Übergebrauch von einfachen Analgetika an ≥ 15 Tagen im Monat oder von Triptanen, Ergotaminen, Opioiden und (koffeinhaltigen oder codeinhaltigen) Kombinationsanalgetika an ≥ 10 Tagen im Monat über einen Zeitraum von mindestens drei Monaten. Der Übergebrauch jeglicher Schmerz- oder Migränemittel kann zu einem Kopfschmerz durch Medikamentenübergebrauch führen (2). Dabei müssen die Schmerzmittel nicht zwangsläufig zur Behandlung von Kopfschmerzen eingesetzt worden sein.

Krankheitsverlauf und Prognose

Der Verlauf einer chronischen Migräne lässt sich nicht vorhersagen. Es handelt sich um ein individuelles Krankheitsbild: Nicht nur die Symptome, auch die Intensität der Beschwerden und der entstehende Leidensdruck sind bei allen Betroffenen unterschiedlich.

Eine einheitliche, allgemein gültige Prognose gibt es daher nicht. Trotzdem ist die chronische Migräne behandelbar. Welche Maßnahmen und Medikamente in Ihrem Fall sinnvoll sind, besprechen Sie am besten mit Ihrem behandelnden Arzt oder Ihrer Ärztin.

Das Behandlungsziel ist nicht Heilung, sondern Symptom-Reduzierung. Mit der richtigen Therapie und bestimmten Veränderungen im Alltag leben viele Betroffene ein nahezu Migräne-freies Leben. Die Kopfschmerztage werden dadurch meistens deutlich reduziert.

Leben mit chronischer Migräne

Für Menschen mit chronischer Migräne ist es wichtig, Strategien zu entwickeln, um mit der Erkrankung umzugehen und die Lebensqualität zu verbessern. Dazu gehören:

  • Stressmanagement: Stress ist ein bekannter Auslöser für Migräneattacken. Entspannungstechniken wie Yoga, Meditation oder progressive Muskelentspannung können helfen, Stress abzubauen.
  • Regelmäßiger Schlaf-Wach-Rhythmus: Ein unregelmäßiger Schlafrhythmus kann Migräneattacken triggern. Es ist wichtig, auf ausreichend Schlaf zu achten und möglichst immer zur gleichen Zeit ins Bett zu gehen und aufzustehen.
  • Gesunde Ernährung: Eine ausgewogene Ernährung mit regelmäßigen Mahlzeiten kann helfen, den Blutzuckerspiegel stabil zu halten und Migräneattacken vorzubeugen. Bestimmte Nahrungsmittel, wie z.B. Alkohol, Käse oder Schokolade, können bei manchen Menschen Migräne auslösen.
  • Ausreichende Flüssigkeitszufuhr: Dehydration kann Migräneattacken begünstigen. Es ist wichtig, ausreichend Wasser zu trinken.
  • Vermeidung von Triggern: Jeder Mensch mit Migräne hat individuelle Trigger, die eine Attacke auslösen können. Es ist wichtig, diese Trigger zu identifizieren und möglichst zu vermeiden.
  • Selbsthilfegruppen: Der Austausch mit anderen Betroffenen in Selbsthilfegruppen kann sehr hilfreich sein.

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