Gerald Hüther, ADHS und die Kontroverse um Medikinet

Einführung

Gerald Hüther, ein renommierter deutscher Neurobiologe, Autor und Redner, hat sich intensiv mit dem Thema ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung) auseinandergesetzt. Bekannt für seine populärwissenschaftlichen Bücher und Auftritte in den Medien, hat Hüther insbesondere durch seine kritische Auseinandersetzung mit der gängigen Praxis der Medikalisierung von ADHS bei Kindern Aufmerksamkeit erlangt. Seine Thesen, insbesondere die mögliche Verbindung zwischen Ritalin und einem erhöhten Parkinson-Risiko, haben in Fachkreisen und bei Betroffenen kontroverse Diskussionen ausgelöst.

Gerald Hüther: Ein Überblick

Gerald Hüther wurde am 15. Februar 1951 in Emleben, Thüringen, geboren. Nach seinem Studium der Biologie und Tierphysiologie an der Universität Leipzig und seiner anschließenden Flucht aus der DDR forschte er am Max-Planck-Institut für experimentelle Medizin in Göttingen im Bereich der Hirnentwicklungsstörungen. Als Heisenberg-Stipendiat der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) war er von 1990 bis 1995 an der Psychiatrischen Klinik der Universitätsmedizin Göttingen tätig, wo er bis heute als wissenschaftlicher Mitarbeiter beschäftigt ist.

Hüther erlangte bundesweite Bekanntheit durch seine Vorträge und Interviews zur Hirnforschung, in denen er die Erkenntnisse der Neurobiologie in Bezug zum alltäglichen Leben setzt. Bis 2005 war er aktiv in der experimentellen Hirnforschung tätig und bis 2013 Vorsitzender des wissenschaftlichen Kuratoriums der Sinn-Stiftung.

Hüthers Thesen zu ADHS und Medikalisierung

Hüther thematisiert ADHS als ein sozial bedingtes Konstrukt und problematisiert die Übermedikation von Kindern mit dieser Diagnose. In seinem Werk „ADHS - Frühprävention statt Medikalisierung“ (2006) schlägt er alternative Behandlungswege vor und hinterfragt kritisch die gegenwärtigen wissenschaftlichen Modelle zu ADHS.

Kritik an genetischer Ätiologie und Dopaminhypothese

Ein zentraler Punkt seiner Kritik ist die genetisch mitbedingte Ätiologie von ADHS, die von vielen Wissenschaftlern und Medizinern anerkannt wird. Diese Hypothese geht davon aus, dass ADHS mit einer erhöhten Dopamintransporter-Dichte im Striatum zusammenhängt. Im Gegensatz dazu postuliert Hüther primär psychosoziale Ursachenfaktoren für die Entstehung von ADHS-Symptomen, wie beispielsweise mangelnde Sozialisierungserfahrungen in der Kindheit.

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Alternative Konzepte zum Umgang mit ADHS

Entsprechend seinen Thesen beinhalten Hüthers Konzepte zum Umgang mit ADHS keine Medikamentengabe. Er argumentiert, dass Kinder, die Schwierigkeiten haben, Hilfe benötigen, die jedoch zeitaufwendig ist. Die Verabreichung von Medikamenten wie Ritalin helfe zwar, das Funktionieren zu erleichtern, könne aber die Entwicklung der Selbstregulation des Kindes behindern: "Die Pillen helfen zu funktionieren. Aber man muss auch immer daran denken, dass wenn das Medikament diese Regulation im Hirn übernimmt, dann kann das Kind das gar nicht mehr lernen, es selbst, von sich aus, zu regulieren. Es geht ja um Impulskontrolle und um die Fähigkeit, auch mal ein bisschen Frust auszuhalten, eine Handlung zu planen."

Die Kontroverse um Ritalin und Parkinson

Eine besonders kontroverse These von Hüther ist die mögliche Verbindung zwischen der Einnahme von Ritalin und einem erhöhten Risiko für die Entwicklung der Parkinson-Krankheit im späteren Leben. Diese These basiert auf tierexperimentellen Studien, die Hüther und seine Mitarbeiter an Ratten durchgeführt haben.

Tierexperimentelle Studien und ihre Interpretation

Im Jahr 2001 untersuchte Hüther als wissenschaftlicher Mitarbeiter einer psychiatrischen Forschungsgruppe der Universität Göttingen die Auswirkungen von SSRI und Methylphenidat auf die Entwicklung des Gehirns. In diesen Studien wurde jungen Ratten Methylphenidat in einer Dosierung von 2 mg/kg pro Tag über zwei Wochen verabreicht. Dabei wurde festgestellt, dass die Gabe von Methylphenidat mit einer definitiven Verringerung des Dopamintransporters einhergeht, auch nach dem Absetzen des Präparats. Die Arbeitsgruppe interpretierte dies als mögliche Folge einer Hemmung der Ausreifung des dopaminergen Systems in den betroffenen Hirnarealen.

Kritik an Hüthers These

Hüthers These stieß auf breite Kritik von Fachkollegen und Experten. Kritiker bemängelten, dass es keine eindeutigen Beweise für einen solchen Zusammenhang beim Menschen gebe, obwohl Methylphenidat seit Jahrzehnten in der ADHS-Therapie eingesetzt wird. Zudem wurde argumentiert, dass die in den Tierversuchen verwendeten Dosierungen und Bedingungen nicht direkt auf den Menschen übertragbar seien.

Parkinson-Forscher Heinz Reichmann bezeichnete Hüthers Interpretation als „leichtfertig“. Die Kinder- und Jugendpsychiatrie der Universität Göttingen und die Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie/Psychotherapie traten den Äußerungen von Hüther mit einer sachbezogenen, offiziellen Stellungnahme entgegen, um Betroffene nicht zu verunsichern und von wirksamer Hilfe abzuhalten.

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Stellungnahmen von Fachverbänden und Experten

Der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte warnte eindringlich vor Panikmache und betonte die Sicherheit und gute Steuerbarkeit von Methylphenidat, wenn es richtig eingesetzt wird. Dr. Klaus Skrodzki, der Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft ADHS der Kinder- und Jugendärzte, erklärte, dass es sich bei den Rattenstudien um interessante Anregungen für weitere Ursachenforschung und Überlegungen zur Medikamentenwirkung handele, aber keine hinreichende Grundlage für eine Warnung vor Parkinson darstelle.

Die Bedeutung der psychosozialen Faktoren

Trotz der Kontroverse um die Medikalisierung von ADHS und die möglichen Spätfolgen von Ritalin betont Hüther die Bedeutung der psychosozialen Faktoren bei der Entstehung und Behandlung von ADHS. Er plädiert dafür, dass Forscher sich stärker mit der Frage befassen, ob sich ADHS auch ohne Medikamente behandeln lässt.

Umweltreize und Erfahrungen

Hüther argumentiert, dass die Hirnentwicklung bei Kindern stark durch Umweltreize und Erfahrungen beeinflusst wird. Er hält es daher für möglich, dass sich ein "übererregbares" Dopaminsystem auch durch ein verlässliches, ruhiges Umfeld und einen strukturierten Tagesablauf dämpfen lässt - vorausgesetzt, man beginne früh genug damit, nämlich im Kleinkindalter.

Psychotherapeutische Behandlung

Hüther setzt sich für die Förderung der psychotherapeutischen Behandlung von ADHS ein und betont, dass die Krankheit viele psychische Ursachen hat, die oft zu wenig berücksichtigt werden. Er kritisiert, dass ADHS-Kinder oft gelernt hätten, dass sie mit Schreien und Zappeln durchkommen, und ihr Gehirn sich keine anderen Strategien ausdenken musste.

ADHS: Eine komplexe Herausforderung

Die Debatte um ADHS, Ritalin und die Thesen von Gerald Hüther zeigt, dass es sich um eine komplexe Herausforderung handelt, die sowohl biologische als auch psychosoziale Aspekte berücksichtigt. Es gibt keine einfachen Antworten oder Patentrezepte, sondern es bedarf einer differenzierten Betrachtung und eines individuellen Behandlungsansatzes.

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Die Notwendigkeit eines konstruktiven Dialogs

Hüther betont, dass kritische Anmerkungen zu den bisherigen Vorstellungen über die neurobiologischen Ursachen von ADHS und zu den bekannten Auswirkungen der Verabreichung von Psychostimulanzien nicht nur erlaubt, sondern erwünscht sein sollten. Sie seien die Voraussetzung für das Zustandekommen eines konstruktiven Dialogs.

Die Rolle der Eltern und Therapeuten

Eltern von ADHS-Kindern sollten sich von Panikmache nicht verunsichern lassen und in Absprache mit ihrem betreuenden Kinder- und Jugendarzt die Therapie - wenn sie wirksam ist - unverändert fortsetzen. Gleichzeitig sollten sie sich über alternative Behandlungsmöglichkeiten informieren und die psychosozialen Bedürfnisse ihres Kindes berücksichtigen.

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