Das Suchtgedächtnis und seine Verbindung zum Nucleus Accumbens

Die Sucht ist ein komplexes neurologisches Phänomen, bei dem das sogenannte Suchtgedächtnis eine zentrale Rolle spielt. Dieses Gedächtnis ist eng mit dem Nucleus Accumbens verbunden, einer Hirnstruktur, die Teil des Belohnungssystems ist. Die Forschung auf diesem Gebiet hat in den letzten Jahren bedeutende Fortschritte gemacht und neue Therapieansätze hervorgebracht.

Tiefe Hirnstimulation: Ein vielversprechender Ansatz

Die tiefe Hirnstimulation (THS) ist eine neurologische Behandlungsmethode, die ursprünglich hauptsächlich in der Therapie der Parkinson-Krankheit eingesetzt wurde. Bei diesem Verfahren werden Elektroden in bestimmte Hirnregionen implantiert, um dort elektrische Impulse abzugeben. Diese Impulse können krankhafte Nervenaktivitäten unterbrechen und so Symptome lindern.

Anwendung bei Parkinson-Krankheit

Bei der Parkinson-Krankheit werden die Elektroden in der Regel in Hirnregionen platziert, die für die Bewegungssteuerung zuständig sind. Die elektrischen Impulse unterbrechen dort die fehlerhaften Rhythmen, in denen die Nervenzellen feuern, und können so beispielsweise Zittern und Steifigkeit reduzieren.

Anwendung bei psychischen Erkrankungen

Die Erfolge mit der THS bei Parkinson-Patienten haben den Neurochirurgen Volker Sturm dazu ermutigt, die Methode auch bei psychisch kranken Menschen einzusetzen. Insbesondere der Nucleus accumbens, der eine Schlüsselrolle im Belohnungssystem spielt, rückte in den Fokus der Forschung.

Sturm:"Möglich wurde die Anwendung der Hirnstimulation bei psychiatrischen Erkrankungen nur dadurch, dass es ein absolut reversibles Verfahren ist. Das schlimmste, was passieren kann ist, abgesehen von sehr, sehr geringen direkten Operationsrisiken, die natürlich bei allen Operationen bestehen, auch bei Operationen am Gehirn. Das größte Risiko ist, dass man nicht die gewünschte Wirkung erzielt. Im schlimmsten Falle nützt es halt nichts. Dann muss man das Gerät abschalten, man kann jederzeit die Elektroden wieder rausnehmen, aber passieren, das ist ganz entscheidend, tut den Zellen, die man stimuliert, das sind nur wenige Kubikmillimeter von Hirngewebe, nichts."

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Der Nucleus Accumbens und das Belohnungssystem

Der Nucleus Accumbens ist eine Hirnstruktur, die eine zentrale Rolle im Belohnungssystem spielt. Dieses System ist für die Verarbeitung von positiven Emotionen und die Verstärkung von Verhaltensweisen zuständig. Normalerweise wird das Belohnungssystem durch natürliche Reize wie Essen, Sex oder soziale Interaktionen aktiviert. Bei Suchterkrankungen wird das Belohnungssystem jedoch durch Drogen oder andere Suchtmittel überstimuliert.

Die Rolle des Nucleus Accumbens bei Sucht

Bei Alkoholkranken ist der Nucleus accumbens an der Ausbildung des sogenannten Suchtgedächtnisses beteiligt. Das Suchtgedächtnis sorgt dafür, dass ein trockener Alkoholiker auch nach Jahren der Abstinenz schon beim Anblick einer Flasche Bier den Drang verspürt zu trinken. Nach dem ersten Schluck kann er dann nicht mehr aufhören.

Tiefe Hirnstimulation zur Blockierung des Suchtgedächtnisses

Volker Sturm und sein Team in Köln begannen vor einigen Jahren damit, bei psychisch Kranken Hirnelektroden zu implantieren. Sie wählten dazu eine Struktur im so genannten Nucleus accumbens. Hier befindet sich das Belohnungszentrum. Die Nervenzellen feuern dort beispielsweise bei krankhaften Angstzuständen nicht im richtigen Rhythmus. Als Volker Sturm einem Angstpatienten die Elektroden einsetzte, erlebte er allerdings eine Überraschung.

Sturm:"Da hatte ich einen ganz ganz interessanten Patienten, den ich vor knapp zwei Jahren implantiert habe, wegen schwerster Angsterkrankung, das geht auch bei Angsterkrankungen, im Nucleus accumbens. Und dieser Patient war schwerer Alkoholiker und hatte viele Entziehungsversuche hinter sich, war alles ineffektiv, man konnte das alles auch nachweisen an Blutwerten, an bestimmten Enzymen, die bei Alkoholkonsum massiv erhöht sind. Da war also an dem Alkoholismus überhaupt nichts zu tun. Nun hat die Hirnstimulation im Nucleus accumbens die Angsterkrankung leider nicht gebessert, aber sofort den Alkoholismus."

Offenbar blockieren die Impulse der Hirnelektroden im Nucleus accumbens das Suchtgedächtnis. Dadurch geben sie dem Patienten von Volker Sturm die Kontrolle über seinen Alkoholkonsum wieder zurück. Dieser Erfolg hat den Kölner Arzt motiviert, weiter zu forschen. Zusammen mit der Universität Magdeburg hat er mit einer Studie begonnen, die den Einsatz von tiefen Hirnelektroden bei Süchtigen untersucht. Die Mechanismen, die im Gehirn zur Entstehung einer Suchterkrankung führen, sind übrigens bei allen Drogen gleich.

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Die Neurobiologie der Sucht

Die Entstehung einer Sucht ist ein komplexer Prozess, der verschiedene Hirnregionen und Neurotransmitter-Systeme betrifft. Neben dem Nucleus Accumbens spielen auch der präfrontale Cortex, das ventrale Tegmentum und andere Hirnstrukturen eine wichtige Rolle.

Das dopaminerge Belohnungssystem

Das dopaminerge Belohnungssystem ist ein wichtiger Bestandteil des Suchtgedächtnisses. Dopamin ist ein Neurotransmitter, der für die Übertragung von Signalen zwischen Nervenzellen verantwortlich ist. Bei natürlichen Belohnungen wie Essen oder Sex wird Dopamin im Nucleus Accumbens freigesetzt, was zu einem Gefühl der Freude und Befriedigung führt. Bei Suchterkrankungen wird das dopaminerge Belohnungssystem jedoch durch Drogen oder andere Suchtmittel überstimuliert, was zu einem noch stärkeren Gefühl der Freude und Befriedigung führt. Dies führt dazu, dass das Gehirn lernt, dass die Einnahme des Suchtmittels eine besonders lohnende Erfahrung ist, was das Verlangen nach dem Suchtmittel verstärkt.

Veränderungen im Gehirn durch Sucht

Drogensucht führt langfristig zu Veränderungen im Gehirn, die ein regelrechtes Suchtgedächtnis ausbilden. Schlüsselreize, die mit der Droge in Verbindung gebracht werden, können dann auch nach Jahren der Abstinenz das Verlangen wieder aufleben lassen.

Abhängigkeit setzt Lernfähigkeit voraus. Das Heimtückische ist, dass die Sucht genau die Mechanismen ausnutzt, die der Mensch zum Lernen benötigt. Das dopaminerge Belohnungssystem spielt hierbei eine zentrale Rolle, ebenso Bereiche im Gehirn, die für Motivation, Kontrolle und Gedächtnis zuständig sind. Dazu zählen der Nucleus accumbens, Teile des präfrontalen Cortex sowie bestimmte Areale im Mittelhirn.

Gemeinsam ist jeder Abhängigkeit außerdem, dass Nervenzellen sich verändern. Das gilt sowohl für deren Aufbau und Funktionsfähigkeit als auch für ihre Verbindungen untereinander: Neue Axone entstehen, andere verkümmern. Manche dieser Veränderungen bleiben über einen langen Zeitraum bestehen, ähnlich wie bei Bahngleisen. Auch wenn längere Zeit kein Zug darübergefahren ist, bleiben die Schienen voll funktionsfähig. Erst nach und nach erobert die Natur das Terrain zurück. So erklärt sich, dass manche Betroffene sogar nach Jahrzehnten der Abstinenz wieder anfangen zu rauchen oder zu trinken. Wissenschaftler vermuten den Ursprung dieses »Suchtgedächtnisses« im sogenannten Glutamat-System. Manche gegen davon aus, dass dieses Suchtgedächtnis sogar löschungsresistent ist. Auch ein überempfindliches Dopaminsystem könnte die Ursache für einen Rückfall sein. Nach einer Zeit der Abstinenz spricht es überproportional stark auf den Suchstoff an - reagiert also mit einem »Kick«.

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Genetische und Umweltfaktoren

Experten sind sich darüber einig, dass individuelle und äußere Faktoren ebenfalls eine Rolle spielen. Nicht jeder hat ein gleich hohes Risiko, eine Sucht zu entwickeln. Zum Teil vererben Eltern ihren Kindern die Disposition für eine Abhängigkeit, die Häufigkeit wird auf 50 bis 60 Prozent geschätzt. Auch das Alter, in dem die erste »unerwartete Belohnung« erfahren wird, spielt eine Rolle. Diese wirkt rund um die Pubertät am stärksten, denn in diesem Alter ist das Gehirn in einem grundlegenden Umbau begriffen, bei dem die Strukturen für das Kontrollzentrum erst noch gebildet werden müssen. Das Kontrollzentrum des Gehirns steht etwa ab Anfang bis Mitte Zwanzig zur Verfügung.

So regen Opiate zwar die Dopaminproduktion der Zellen im ventralen Tegmentum indirekt an, weil sie andere Nervenzellen daran hindern, den dämpfenden Botenstoff GABA auszuschütten. Doch für die Wirkung der Droge erscheint dies nebensächlich: Blockiert man Dopaminrezeptoren bei drogenabhängigen Ratten oder Affen im Tierversuch, so beeindruckt das opiatsüchtige Tiere im Gegensatz zu ihren kokainsüchtigen Leidensgenossen kaum. Sowohl die Genussreaktion als auch der Drang nach immer mehr der Droge bleiben erhalten, obwohl das Dopamin fehlt. Passend dazu zeigen bildgebende Studien mit heroinsüchtigen Menschen, dass die Dopaminwerte im Belohnungssystem trotz der sofortigen euphorisierenden Wirkung der Droge nach einem Schuss kaum oder gar nicht ansteigen. Auch Nikotin, Cannabis und Alkohol verändern den Dopaminspiegel vergleichsweise wenig oder lösen Hochgefühle auf anderen Wegen aus. Die Indizien häufen sich, dass andere Signalsysteme wie zum Beispiel Opiat-​, Glutamat- oder GABA-​Rezeptoren bei etlichen Drogen eine viel größere Rolle spielen als bisher angenommen. Vermutlich sind es die komplexen Interaktionen vieler verschiedener Neurotranmitter-​Systeme, die je nach Wirkstoff eine Sucht entstehen lassen und aufrechterhalten.

Therapieansätze bei Suchterkrankungen

Die Therapie von Suchterkrankungen ist ein komplexer Prozess, der in der Regel eine Kombination aus verschiedenen Ansätzen umfasst. Dazu gehören:

  • Psychotherapie: Psychotherapie kann helfen, die Ursachen der Sucht zu erkennen und Strategien zur Bewältigung des Suchtverlangens zu entwickeln.
  • Medikamentöse Behandlung: Es gibt verschiedene Medikamente, die bei der Behandlung von Suchterkrankungen eingesetzt werden können. Diese Medikamente können helfen, das Suchtverlangen zu reduzieren, Entzugssymptome zu lindern oder Rückfälle zu verhindern.
  • Selbsthilfegruppen: Selbsthilfegruppen bieten eine Möglichkeit, sich mit anderen Betroffenen auszutauschen und gegenseitige Unterstützung zu finden.
  • Tiefe Hirnstimulation: Die tiefe Hirnstimulation ist ein vielversprechender neuer Therapieansatz, der bei der Behandlung von Suchterkrankungen eingesetzt werden kann.

Medikamentöse Rückfallprophylaxe

In Deutschland gibt es 2 Mio. alkoholabhängig. Für rund 4 Mio. ein Behandlungs- und für weitere 4-6 Millionen ein Beratungsbedarf. Umgekehrt zeigten z.B. für alkoholbedingte Störungen.

Rückfallprophylaxe zugelassen und wirksam. bei entgifteten Patienten. (Selincro®) zugelassen. Trinkmenge bei Alkoholabhängigen reduzieren. weiter geprüft werden. zeigen.

Kurzinterventionen und motivierende Gesprächsführung

Standardisierte Fragebögen wie z.B. sein und bei auffälligen Angaben auch Anlass zu einem Gespräch bzgl. Selbsthilfegruppen) einbezogen werden muss. Kurzinterventionen von ca. der motivierenden Gesprächsführung enthalten, zeigen gute Effekte bzgl. Abstinenzmotivation. Reflexion veranlasst werden. Ziele. leichtere und weniger aufwendige Abwandlung an.

Körperliche Entgiftung

Häufig der körperliche Entzug im Vordergrund. aber so gut wie keinen längerfristigen Effekt. wichtiges Behandlungselement ist. Suchthilfenetzwerk in Anspruch zu nehmen. körperlichen Entgiftung. Entzugs-Grand-Mal-Anfälle sowie Delirien verhindern. Benzodiazepine (z.B. Diazepam) eingesetzt. symptomorientiert erfolgen (z.B. CIWA-Fragebogens). nur bei bekannten und absprachefähigen Patienten stattfinden. Begleiterkrankungen vorliegen.

Delirium Tremens

Entwickelt sich bei ca. Entzugssymptomen leiden und keine medikamentöse Behandlung erhalten. Hauptsymptom ist dabei die Desorientierung. Mal-Anfälle sowie Bewusstseins- und kognitive Störungen. es zusätzlich zu psychomotorischer Unruhe („Nesteln“). tion mit der Gabe von hoch-potenten Antipsychotika (z.B. Haloperidol). Elektrolytdefiziten. Tagen ab. Enzephalopathie ergänzend die Gabe von Thiamin (50 mg langsam i.v. oder i. Gesamtbehandlungsplan. vorhanden ist. Sitzungen pro Woche, die Gesamtbehandlungsdauer liegt bei ca. einem Jahr. blieben. rückfällig. von oft mehreren Monaten. Rahmen eines sucht-medizinischen Gesamtkonzepts (z.B. begonnen werden.

Aktuelle Forschung und Ausblick

Die Erforschung des Suchtgedächtnisses und seiner Verbindung zum Nucleus Accumbens ist ein aktives Forschungsgebiet. Aktuelle Studien untersuchen die Mechanismen, die zur Entstehung und Aufrechterhaltung des Suchtgedächtnisses führen, sowie neue Therapieansätze zur Behandlung von Suchterkrankungen.

Imagen-Studie

Es ist die erste und größte Längsschnittstudie weltweit, mit der man nachgerade allen Süchten auf den Grund gehen will. Die Europäische Kommission nimmt dafür zehn Millionen Euro aus der Forschungskasse. In Frankreich, Irland, den Niederlanden, Deutschland und England melden sich seit 2007 Teenies als Testpersonen. Laura entschied sich für die Teilnahme, nachdem die Forscher in ihrer Schule das Projekt vorgestellt hatten.

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