Sulcus bicipitalis: Anatomie, Funktion und klinische Bedeutung

Der Sulcus bicipitalis, auch als Bizepsrinne bekannt, ist eine anatomische Struktur am Oberarmknochen (Humerus), die eine wichtige Rolle für die Funktion des Arms spielt. In dieser Rinne verläuft die lange Bizepssehne, zusammen mit wichtigen Blutgefäßen und Nerven. Dieser Artikel beleuchtet die Anatomie, Funktion und klinische Bedeutung des Sulcus bicipitalis.

Anatomie des Sulcus bicipitalis

Die lange Bizepssehne (Caput longum) entspringt am oberen Rand der Schulterpfanne (Glenoid) und verläuft entlang der Innenseite des Oberarms in der Bizepsrinne. Der Sulcus bicipitalis ist eine Vertiefung im Humerus, die sich zwischen dem Tuberculum majus (großer Knochenvorsprung) und dem Tuberculum minus (kleiner Knochenvorsprung) befindet. Man unterscheidet zwei Bizepsrinnen:

  • Sulcus bicipitalis lateralis: Diese Rinne verläuft seitlich des Bizeps.
  • Sulcus bicipitalis medialis: Diese Rinne verläuft medial des Bizeps.

Inhalt des Sulcus bicipitalis medialis

Im medialen Sulcus bicipitalis verlaufen wichtige Strukturen, die für die Funktion und Versorgung des Arms essentiell sind:

  • Arteria brachialis (A. brachialis): Die Oberarmarterie, die den Arm mit Blut versorgt.
  • Vena brachialis (V. brachialis): Die Oberarmvene, die das Blut aus dem Arm abtransportiert.
  • Vena basilica (V. basilica): Eine oberflächliche Vene des Arms.
  • Nervus medianus (N. medianus): Der Mittelarmnerv, der für die Innervation bestimmter Muskeln und die sensible Versorgung der Hand zuständig ist.
  • Nervus ulnaris (N. ulnaris): Der Ellennerv, der ebenfalls Muskeln innerviert und sensible Informationen weiterleitet.
  • Nervus cutaneus antebrachii medialis (N. cutaneus antebrachii medialis): Ein Hautnerv, der die Innenseite des Unterarms versorgt.
  • Nervus musculocutaneus (N. musculocutaneus): Ein Nerv, der den Bizeps und andere Muskeln innerviert.

Die lange Bizepssehne: Verlauf und Besonderheiten

Die lange Bizepssehne (LBS) weist einige anatomische Besonderheiten auf. Zunächst verläuft sie innerhalb der Kapsel des Schultergelenks. Anschließend biegt sie am Humeruskopf scharf ab in den Sulcus intertubercularis am Humerus. Dabei ist die Sehne von der Vagina synovialis intertubercularis umgeben.

Vor dem Schultergelenk vereinigen sich das Ligamentum glenohumerale superius und das Lig. coracohumerale zur sogenannten "Rotatorenschlinge" (Bizeps-Pulley). Diese Struktur umschließt die Sehne und verhindert eine Dislokation nach vorne und medial.

Lesen Sie auch: Ellenbogen-Nervenschädigung: Ein umfassender Überblick

Funktion des Musculus biceps brachii

Der Musculus biceps brachii, kurz Bizeps, ist ein zweiköpfiger Muskel an der Vorderseite des Oberarms. Er besteht aus einem langen Kopf (Caput longum) und einem kurzen Kopf (Caput breve). Der Bizeps ist prinzipiell ein Flexor des Oberarms, führt aber aufgrund seines Verlaufs über zwei Gelenke sowohl im Ellbogen- als auch im Schultergelenk Bewegungen aus.

  • Ellbogengelenk: Der Bizeps ist der stärkste Supinator des Unterarms und ein wichtiger Flexor des Ellbogengelenks. Als Flexor ist er der direkte Antagonist des Trizeps.
  • Schultergelenk: Das Caput longum sorgt für eine geringe Abduktion und eine leichte Innenrotation des Armes, während das Caput breve eher eine Adduktion ausübt.
  • Unterarmfaszie: Der Bizeps trägt zur Spannung der Unterarmfaszie bei.

Der Hauptansatzpunkt des M. biceps brachii befindet sich am Radius an der Tuberositas radii. Außerdem strahlt eine oberflächliche Abspaltung der Ansatzsehne, “Aponeurosis musculi bicipitalis” oder “Lacertus fibrosus” genannt, in die Faszie des Unterarms ein. Innerviert wird der Bizeps durch den Nervus musculocutaneus aus dem Plexus brachialis.

Klinische Bedeutung

Der Sulcus bicipitalis und die darin verlaufende lange Bizepssehne sind anfällig für verschiedene Erkrankungen und Verletzungen.

Erkrankungen der langen Bizepssehne

Die lange Bizepssehne ist aufgrund ihrer anatomischen Besonderheiten häufiger von Erkrankungen betroffen als die kurze Bizepssehne. Dazu gehören:

  • Bizepstendinitis: Eine Entzündung der langen Bizepssehne, die durch Überlastung oder degenerative Prozesse entstehen kann.
  • Bizepssehnenruptur: Ein Riss der langen Bizepssehne, der durch Überlastung, Unfälle oder Verschleiß verursacht werden kann. Die meisten Rupturen betreffen den oberen Ansatzpunkt der langen Bizepssehne am Pfannenrand des Schultergelenks.
  • Pulley-Läsion: Eine Ruptur der Rotatorenschlinge (Pulley-System), die zu einer Instabilität der langen Bizepssehne und einem Herausgleiten aus dem Sulcus intertubercularis führen kann.
  • SLAP-Läsion: Ein Riss der Gelenklippe (Labrum) am oberen Rand der Gelenkpfanne, der häufig mit einer Verletzung der langen Bizepssehne einhergeht.

Symptome und Diagnose

Schmerzen im Bereich der Bizepssehne am Schultergelenk äußern sich häufig am vorderen, schulternahen Bereich des Oberarms. Bei einem Riss der langen Bizepssehne kommt es zu einem plötzlichen Auftritt von Schmerzen im vorderen Oberarm, begleitet von einer Druckempfindlichkeit in diesem Bereich. Bestimmte Bewegungen wie das Anheben des Arms oder die Beugung und die Auswärtsdrehung im Ellenbogengelenk sind nur noch unter Schmerzen möglich. Auch sind diese Bewegungen von Kraftlosigkeit begleitet. Ein typisches Zeichen für einen Riss der LBS ist das Popeye-Sign: Beim Anspannen des M. Biceps wölbt sich der Muskelbauch aufgrund des fehlenden Zuges der Sehne kugelförmig nach vorne.

Lesen Sie auch: Das Sulcus-ulnaris-Syndrom verstehen: Ein umfassender Leitfaden

Die Diagnose umfasst in der Regel eine körperliche Untersuchung, bei der die Beweglichkeit und Kraft des Arms überprüft werden. Bildgebende Verfahren wie Ultraschall, Röntgen oder MRT können eingesetzt werden, um die Diagnose zu bestätigen und andere mögliche Ursachen der Beschwerden auszuschließen. In einer Ultraschalluntersuchung kann z.B. Flüssigkeit um das Sehnengewebe der LBS herum (Entzündung, Einblutung) festgestellt werden. Auch kann die Lage der LBS im Sulcus des Oberarmkopfes oder eine eventuelle Luxation der Sehne aus dem Sulcus beurteilt werden. Eine Röntgenaufnahme dient zum Ausschluss einer knöchernen Fraktur.

Therapie

Die Therapie von Erkrankungen des Sulcus bicipitalis und der langen Bizepssehne hängt von der Art und Schwere der Erkrankung ab.

  • Konservative Therapie: Bei Entzündungen und kleineren Verletzungen kann eine konservative Therapie ausreichend sein. Diese umfasst in der Regel Ruhe, Kühlung, Schmerzmittel (z.B. NSAR), Physiotherapie und Injektionen mit entzündungshemmenden Medikamenten (z.B. Kortikosteroide). Die sogenannte PECH-Regel (Pause, Eis, Kompression, Hochlagern) kommt meist direkt nach Unfällen oder Sportverletzungen zum Einsatz. Die betroffene Körperpartie, in diesem Fall der Oberarm, sollte direkt ruhiggestellt und geschont werden. Zudem sollte eine Kühlung erfolgen, um die Schwellung zu reduzieren und Schmerzen zu mindern. Zur Schmerzreduktion können Schmerzmittel aus der Gruppe der nichtsteroidalen Antirheumatika (NSAR) angewendet werden. Sollte dies nicht ausreichen, können lokale Injektionen von schmerzstillenden und entzündungshemmenden Mitteln erfolgen (z.B. Kortikosteroide).
  • Operative Therapie: Bei schwereren Verletzungen wie einem Riss der langen Bizepssehne oder einer Pulley-Läsion kann eine Operation erforderlich sein. Es gibt verschiedene operative Verfahren, wie z.B. die Tenotomie (Durchtrennung der Sehne) oder die Tenodese (Wiederanheftung der Sehne). Bei einem Einriss oder Abriss der LBS am oberen Rand der Gelenkpfanne mit Einriss der Gelenklippe der Pfanne (SLAP-Läsion) wird in der Regel eine Operation mittels Gelenkspiegelung (Arthroskopie) durchgeführt. Der Operateur kann dabei mittels Kamera mit Lichtquelle das Ausmaß der Bizepssehnen-Verletzung einsehen und ggf. die Sehne mittels Nahtanker im Bereich der Gelenkpfanne zusammen mit den abgelösten Labrumanteilen refixieren.

Nachbehandlung

Die Nachbehandlung nach einer Operation ist entscheidend für den Erfolg des Eingriffs. Sie umfasst in der Regel eine Ruhigstellung des Arms für einige Wochen, gefolgt von einer gezielten physiotherapeutischen Behandlung, um die Beweglichkeit und Kraft wiederherzustellen. Nach einer Wiederanheftung der Sehne ist eine Schonung für 6 Wochen erforderlich, damit die Sehne wieder anheilen kann. Hierbei dürfen insbesondere keine Gewichtsbelastungen des M. Biceps erfolgen.

Klinische Untersuchung

Der Bizeps nimmt eine wichtige Rolle bei der klinischen Untersuchung ein. Erstens dient er als Orientierungspunkt, wenn der Puls der A. brachialis in der medialen Bizepsfurche getastet werden soll. Zum Palpieren wird dieses Gefäß gegen den Humerus komprimiert. Zweitens ist der Musculus biceps brachii wegen seiner Innervation durch den Nervus musculocutaneus der Kennmuskel für die Nervenwurzeln von den Segmenten C5 und C6. Zur Überprüfung wird der Bizepssehnenreflex getestet.

Lesen Sie auch: Therapie des Ulnarisrinnensyndroms

tags: #sulcus #bicipitalis #deutsch