Symmetrischer Tonischer Nackenreflex (STNR): Definition, Ursachen und Behandlung

Der symmetrisch-tonische Nackenreflex (STNR) ist ein frühkindlicher Reflex, der eine wichtige Rolle in der motorischen Entwicklung spielt. Er beeinflusst die Koordination zwischen Ober- und Unterkörper, die Körperhaltung und die Akkommodation der Augen. Bleibt dieser Reflex über das normale Integrationsalter hinaus aktiv, kann dies zu verschiedenen Schwierigkeiten führen.

Einführung in frühkindliche Reflexe

Frühkindliche Reflexe sind automatische, unwillkürliche Bewegungsmuster, die von Geburt an vorhanden sind und die Entwicklung des Babys unterstützen. Sie sind die Grundlage für spätere bewusste Bewegungen und die Bildung neuronaler Verbindungen im Gehirn. Die Reflexintegration ist der Prozess, bei dem diese Reflexe nach und nach in willkürliche Bewegungen umgewandelt werden. Bleiben Reflexe jedoch aktiv, kann dies die Entwicklung beeinträchtigen.

Was ist der Symmetrisch Tonische Nackenreflex (STNR)?

Der STNR wird im Vierfüßlerstand ausgelöst. Wenn der Kopf angehoben wird, erhöht sich der Strecktonus in den Armen und der Beugetonus in den Hüften. Umgekehrt, wenn der Kopf gesenkt wird, beugen sich die Arme und die Beine strecken sich.

Bedeutung des STNR

  • Stärkung der Nacken- und Rückenmuskulatur: Der STNR stärkt den Muskeltonus der Nacken- und Rückenmuskulatur und ist somit wichtig für die richtige Körperhaltung.
  • Vierfüßlerstand: Der STNR hilft dem Kind, aus der Bauchlage heraus auf Hände und Knie in den Vierfüßlerstand zu kommen.
  • Sehvermögen: Der STNR trainiert auch das Sehvermögen. Beim gebeugten Kopf nach unten schaut das Kind nah, und wenn es den Kopf hebt und nach vorne schaut, wird die Fernsicht trainiert. Dies ist wichtig, um von der Tafel abzuschreiben und sich dann wieder auf sein Heft zu konzentrieren.

Eigenschaften des STNR

  • Entstehung: Ab der 18. Schwangerschaftswoche.
  • Aktiv: Ab dem 6. Lebensmonat.
  • Integration: Im 10. bis 12. Lebensmonat.

Ursachen für einen persistierenden STNR

Ein persistierender STNR liegt vor, wenn der Reflex über das normale Integrationsalter hinaus aktiv bleibt. Dies kann verschiedene Ursachen haben:

  • Stress oder Krankheit während der Schwangerschaft: Großer Stress oder Krankheit während der Schwangerschaft können die Reflexe beeinflussen, die sich intrauterin entwickeln. Durch großen Stress während der Schwangerschaft erhöht sich die Spannung der Bauchdecke der Mutter. Das nimmt der Embryo wahr und verfällt ebenso in eine Anspannungshaltung.
  • Komplikationen bei der Geburt: Ein Kaiserschnitt oder andere Komplikationen bei der Geburt können die normale Stimulation der Reflexe beeinträchtigen.
  • Mangelnde Stimulation: Wenn ein Reflex nicht ausreichend stimuliert wird, kann er nicht richtig integriert werden.
  • Überwiegend Rückenlage: Wenn ein Kind zum Beispiel überwiegend auf dem Rücken liegt oder viel in Babyschalen oder Babywippen liegt, ist es dem Baby unmöglich, sich selbständig zu drehen, und es kann nur seine Arme und Beine bewegen.
  • Übersprungene Krabbelphase: Aus verschiedenen Gründen kann es sein, dass Kinder die Krabbelphase überspringen. Die Krabbelphase ist aber wichtig für die Entwicklung des STNR.

Auswirkungen eines nicht integrierten STNR

Ein nicht integrierter STNR kann sich auf verschiedene Bereiche auswirken:

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  • Motorische Schwierigkeiten:
    • Schwierigkeiten beim Krabbeln
    • Schwierigkeiten beim Abwechseln von Ober- und Unterkörperbewegungen
    • Ungeschicklichkeit
    • Probleme mit der Koordination
  • Haltungsprobleme:
    • Schlechte Körperhaltung
    • Zusammenfallen beim Sitzen
    • Sitzen auf einem Fuß oder Winden der Beine um die Stuhlbeine
  • Visuelle Schwierigkeiten:
    • Schwierigkeiten beim Abschreiben von der Tafel
    • Probleme mit der Nah- und Fernsicht
    • Schwierigkeiten bei der Akkommodation der Augen (Einstellung der Augen auf unterschiedliche Entfernungen)
  • Lernschwierigkeiten:
    • Konzentrationsprobleme
    • Schwierigkeiten beim Schreiben
    • Kleckern beim Essen
    • Probleme beim Schwimmen (besser unter als über Wasser)

Die Praxis zeigt, dass 75% der Kinder mit Lernstörungen noch einen aktiven Symmetrisch Tonischen Nackenreflex haben.

Diagnose eines persistierenden STNR

Ein persistierender STNR kann durch verschiedene Tests diagnostiziert werden. Ein einfacher Test ist die Beobachtung der Körperhaltung beim Sitzen und Schreiben. Kinder mit einem aktiven STNR sinken oft mit dem Oberkörper auf die Tischplatte oder stützen den Kopf mit einer Hand ab.

Behandlung eines persistierenden STNR: Reflexintegration

Die Reflexintegration ist ein körperorientiertes Übungsprogramm, das darauf abzielt, persistierende frühkindliche Reflexe nachträglich zu hemmen. Es ist ein körperorientierter Ansatz, der das Nervensystem dabei unterstützt, nicht integrierte frühkindliche Reflexe nachreifen zu lassen. Wir arbeiten dabei gewissermaßen die neuromotorischen Entwicklungsschritte aus Schwangerschaft, Geburt und den ersten Lebensmonaten noch einmal gezielt nach.

Prinzipien der Reflexintegration

  • Gezielte Bewegungen: Reflexintegrationstraining arbeitet mit gezielten, sanften Bewegungen, sensorischen Reizen und achtsamer Körperarbeit.
  • Stimulation des Gehirns: Diese stimulieren genau die Areale im Gehirn, die in der frühen Entwicklung aktiv waren - und helfen dabei, die heute nicht mehr benötigten Reflexmuster zu hemmen, so dass neue, bewusste Bewegungs- und Verhaltensmuster ermöglicht werden.
  • Individuelle Anpassung: Das Training ist sehr sanft und wird individuell angepasst.
  • Regelmäßigkeit: Die Übungen dauern nur 10 bis 15 Minuten pro Tag - aber sie sollten möglichst täglich gemacht werden. Das geht gut zu Hause, oft zusammen mit einem Elternteil.

Übungen zur STNR-Integration

Es gibt verschiedene Übungen, die speziell auf die Integration des STNR abzielen. Diese Übungen beinhalten oft Bewegungen, die den Vierfüßlerstand simulieren und die Koordination zwischen Ober- und Unterkörper fördern.

Weitere Informationen zur Reflexintegration

Alle praktischen Fragen zur Reflexintegration finden Sie im zweiten Teil dieses Blogbeitrags. Übrigens: In meinem Blogbeitrag „Reflexintegration in fünf Minuten kinderleicht erklärt“ findest du weitere Informationen zur Reflexintegration.

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Weitere frühkindliche Reflexe

Neben dem STNR gibt es noch weitere frühkindliche Reflexe, die eine wichtige Rolle in der Entwicklung spielen:

  • Moro-Reflex: Der Moro-Reflex ermöglicht den ersten Atemzug direkt nach der Geburt. Er bereitet das Baby darauf vor, den Kopf in vertikaler und horizontaler Lage zu halten. Das Reflexmuster stellt also eine Angstreaktion dar. Das heißt, wenn der Moro-Reflex aktiviert wird, werden die Verteidigungsmechanismen angesprochen. Stresshormone Adrenalin und Korsisol werden ausgeschüttet.
    • Eigenschaften:
      • Entstehung: ab der 10. Schwangerschaftswoche und bis zur 30.
      • Dauer: ab Geburt bis 3. - 4.
      • Integration: im 3. - 4.
  • Tonischer Labyrinthreflex (TLR): Der Reflex wird aktiviert, bei Veränderung der Kopfposition. Das heißt, wird der Kopf nach vorne gebeugt, löst es den TLR vorwärts aus. Beim TLR vorwärts kommt es zu einer allgemeinen Tonuserschlaffung. Das bedeutet, der Körper des Kindes kommt in die fötale Beugehaltung. Dies kann man sehr schön beobachten, wenn das Baby auf dem Bauch liegt. Dies ermöglicht dem Kind, sich bereits im Mutterleib optimal an die Raumverhältnisse anzupassen. Dadurch hat das Kind aber auch einen max. Berührungskontakt mit der Mutter. Wenn das Kind auf dem Rücken liegt, ist der TLR rückwärts aktiv. Das bedeutet, die Streckmuskeln kommen zum Einsatz. Durch den TLR rückwärts ist das Baby in der Lage, sich in der unmittelbaren Vorgeburtsphase mit dem Kopf in den Geburtskanal zu strecken. Es dreht sich dann mit anderen frühkindlichen Reflexen durch den Geburtskanal. Kommt es zu einer Störung des normalen Geburtsvorganges, kann man davon ausgehen, dass der TLR rückwärts nicht zu seinem Höhepunkt gekommen ist. Wenn das Kind auf der Welt ist, hilft der TLR dem Kind sich an die neuen Bedingungen der Schwerkraft einzustellen.
    • Eigenschaften:
      • Entstehung: ab der 12.
      • Dauer: aktiv ab Geburt bis zum 4.
      • Integration: vorwärts im 3. - 4. Lebensmonat, rückwärts im 2. - 4.
  • Spinaler Galantreflex: Dieser Reflex wird ausgelöst, wenn man dem Baby neben der Wirbelsäule vom Nacken zum Kreuzbein entlang streicht. Die Hüfte dreht sich zu dieser Seite, das Bein wird gebeugt. Er entwickelt sich ab der 15. SW und sollte bis zum 9. Lebensmonat integriert sein. Der Reflex ist entscheidend für die Kopfdrehung während der Schwangerschaft und bereitet das Kind auf die richtige Geburtsposition vor. Der Spinale Galantreflex ist wichtig für die Entwicklung des Gleichgewichtes. Kinder mit offenem Galantreflex sind oft sehr unruhig und hyperaktiv. Die meisten Kinder tragen am liebsten lockere Kleidung. Ist der Reflex nur einseitig offen, kann dies zu einer Skoliose führen. Ältere Kinder lernen die Lendenwirbelsäule unbewegt zu halten, was als Erwachsener zu starken Rückenproblemen führen kann.
    • Eigenschaften:
      • Entstehung: ab der 15. - 18.
      • Dauer: aktiv ab dem 5. - 6.
      • Integration: Mitte 5. Lebensmonat bis zum 9.
  • Asymmetrisch Tonischer Nackenreflex (ATNR): Dieser wird ausgelöst, wenn der Kopf zur Seite gedreht wird. Dann strecken sich Arm und Bein auf der gleichen Seite. Auf der anderen Seite beugen sich Arm und Bein. Der Reflex wird auch „Fechterhaltung“ genannt und entsteht im Mutterleib etwa zu der Zeit, in der die Mama zum ersten Mal die Bewegungen des Kindes spürt. Der ATNR unterstützt zusammen mit anderen Reflexen den Geburtsvorgang. Er hilft dem Kind durch eine Reihe von Drehungen sich an das mütterliche Becken anzupassen, sodass es in einer langsamen Spirale den Geburtskanal hinunter wandert. Diese Drehungen sind wiederum notwendig, um dem Baby den Weg durch das im Verhältnis zu seinem Kopf enge mütterliche Becken zu erleichtern. Bei einem normalen Geburtsvorgang wird der ATNR maximal stimuliert. Er erfährt seinen Höhepunkt, wenn sich beim Geburtsprozess der Kopf dreht, damit die Hebamme das Baby herausholen kann. Wenn sich das Köpfchen nicht von alleine dreht, hilft die Hebamme nach. Auch beim ATNR gilt, wenn es Abweichungen vom normalen Geburtsprozess (z.B.
    • Dauer: ab dem 4. - 6.
    • Integration: 6. - 7. Lebensmonat

Reflexintegration: Risiken und Nebenwirkungen

In anderen Förderansätzen werden oft Strategien geübt, um mit Herausforderungen besser umgehen zu können. Was ist Reflexintegration? Reflexintegration - Risiken und Nebenwirkungen?! Stress lass nach!

Reflexintegration bei Kindern mit körperlicher Behinderung

Da die Reflexintegration dabei hilft, eine „Nachreifung“ des Gehirns anzuregen, wirkt sie sich auch positiv auf Menschen mit körperlichen Einschränkungen aus. Ebenso wurden auch positive Effekte im Bezug auf Autismus und ADHS beobachtet. Es gibt mehrere Studien, die eine Besserung der ADHS oder ADS Symptome durch Reflexintegration belegen.

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