Die Alzheimer-Krankheit (AD) ist eine der häufigsten Ursachen für Demenz, einer fortschreitenden Beeinträchtigung der kognitiven, emotionalen und sozialen Fähigkeiten. Sie ist durch einen progredienten, also fortschreitenden, irreversiblen Verlauf gekennzeichnet, der sich über Jahre oder sogar Jahrzehnte erstrecken kann. Dieser Artikel beleuchtet die Definition, Ursachen, den typischen Verlauf sowie die aktuellen Diagnose- und Behandlungsmöglichkeiten der Alzheimer-Krankheit.
Definition der Alzheimer-Krankheit
Die Alzheimer-Krankheit ist eine primär degenerative zerebrale Krankheit unbekannter Ätiologie, die durch charakteristische neuropathologische und neurochemische Merkmale gekennzeichnet ist. Die Diagnose wird klinisch anhand von Gedächtnis- und anderen kognitiven Beeinträchtigungen gestellt, die den Alltag beeinträchtigen.
ICD-10-Klassifikation:
- F00.0*: Demenz bei Alzheimer-Krankheit, mit frühem Beginn (Typ 2)
- G30.0*: Alzheimer-Krankheit mit frühem Beginn: Demenz bei Alzheimer-Krankheit, mit Beginn vor dem 65. Lebensjahr.
- F00.1*: Demenz bei Alzheimer-Krankheit, mit spätem Beginn (Typ 1)
- G30.1*: Alzheimer-Krankheit mit spätem Beginn: Demenz bei Alzheimer-Krankheit mit Beginn ab dem 65. Lebensjahr.
Epidemiologie: Verbreitung der Alzheimer-Krankheit
Die Alzheimer-Krankheit ist eine weit verbreitete Erkrankung, deren Häufigkeit mit dem Alter zunimmt.
- Prävalenz: In der Gruppe der unter 65-Jährigen liegt die Prävalenz bei ca. 2 %, steigt aber mit zunehmendem Alter deutlich an. Bei den 70-Jährigen beträgt sie 3 %, bei den 75-Jährigen 6 % und bei den 85-Jährigen sind bereits 20 % betroffen.
- Deutschland: Im Jahr 2018 lebten in Deutschland geschätzt knapp 1,6 Millionen Menschen ≥ 65 Jahre mit Demenz, wobei die Alzheimer-Krankheit den größten Anteil (mindestens zwei Drittel) ausmacht. Ohne Therapiedurchbruch könnte sich die Anzahl der Fälle im Jahr 2030 auf bis zu 1,9 Millionen und im Jahr 2050 auf bis zu 2,8 Millionen erhöhen.
- Weltweit: Nach jüngsten epidemiologischen Studien gibt es weltweit mehr als 55 Millionen Demenzkranke, von denen rund 48 Millionen über 65 Jahre alt sind. Die Anzahl der Patienten ab dem 65. Lebensjahr könnte sich 2030 auf rund 78 Millionen und 2050 auf rund 139 Millionen erhöhen.
- Todesursache: 2019 war Demenz nach der chronischen ischämischen Herzkrankheit die zweithäufigste Todesursache in Deutschland.
Ursachen und Risikofaktoren
Die genauen Ursachen der Alzheimer-Krankheit sind noch nicht vollständig geklärt. Es gibt jedoch eine Reihe von Risikofaktoren, die das Risiko einer Erkrankung erhöhen können:
- Alter: Das wichtigste bekannte Risiko ist das Lebensalter. Die Erkrankungswahrscheinlichkeit steigt mit dem Lebensalter steil an.
- Genetische Faktoren: Obwohl die Alzheimer-Krankheit nicht grundsätzlich eine Erbkrankheit ist, ist die Erkrankungswahrscheinlichkeit erhöht, wenn ein Verwandter ersten Grades erkrankt ist. Dies gilt insbesondere dann, wenn der Angehörige vor seinem 65. Lebensjahr erkrankt ist. Seltenere Formen der Alzheimer-Krankheit sind auf spezifische Genmutationen zurückzuführen.
- Weitere Risikofaktoren: Ein schweres Schädel-Hirn-Trauma, eine behandlungsbedürftige Schilddrüsenunterfunktion, Bluthochdruck, Diabetes, Durchblutungsstörungen, Alkoholismus, AIDS und mangelhafte Bildung können ebenfalls das Risiko erhöhen.
Pathogenese: Was passiert im Gehirn?
Die Alzheimer-Krankheit ist durch charakteristische Veränderungen im Gehirn gekennzeichnet:
Lesen Sie auch: Progredienter Verlauf der Demenz verstehen
- Amyloid-Plaques: Ablagerungen von Beta-Amyloid-Proteinen zwischen den Nervenzellen. Diese Plaques stören die Kommunikation zwischen den Zellen und führen langfristig zum Absterben der Nervenzellen.
- Neurofibrilläre Tangles: Pathogene Knäuel von Neurofibrillen, deren Hauptbestandteil Tau-Proteine sind. Diese Tangles stören die Stabilität und Nährstoffversorgung der Neuronen.
- Verlust von Nervenzellen und Synapsen: Sowohl Beta-Amyloid als auch Tau-Proteine stören zunehmend die neuronale Kommunikation, was langfristig zu einem Verlust der Nervenzellen und einer sukzessiven Abnahme der Hirnsubstanz führt.
- Neurotransmitter-Defizit: Bei Alzheimer-Patienten gehen vor allem Acetylcholin-produzierende Nervenzellen zugrunde. Der Neurotransmitter spielt eine entscheidende Rolle bei Lern- und Gedächtnisprozessen.
Progredienter Verlauf der Alzheimer-Krankheit: Stadien und Symptome
Der Verlauf der Alzheimer-Krankheit ist individuell unterschiedlich, folgt aber im Allgemeinen bestimmten Mustern:
1. Frühe Phase (Leichte kognitive Beeinträchtigung):
- Leichte Beeinträchtigungen des Denkens und Erinnerns
- Schwierigkeiten, sich an neue Informationen zu erinnern
- Wortfindungsstörungen
- Verlegen von Gegenständen
- Oftmals Wahrnehmung der Veränderungen durch den Betroffenen oder Angehörige
- Rückzug aus sozialen Aktivitäten, um Schwierigkeiten zu verbergen
- Mögliche Stimmungsveränderungen (Reizbarkeit, Traurigkeit, Unsicherheit)
2. Mittlere Phase (Mäßige Demenz):
- Zunehmende Vergesslichkeit, insbesondere des Kurzzeitgedächtnisses
- Stärkere Wortfindungsstörungen und Schwierigkeiten in Gesprächen
- Probleme mit der Orientierung in Raum und Zeit
- Schwierigkeiten bei alltäglichen Aufgaben (Einkaufen, Kochen, etc.)
- Deutliche Veränderungen im Verhalten und Wesen
- Stimmungsschwankungen, Reizbarkeit, Misstrauen
- Veränderung des Tag-Nacht-Rhythmus und Schlafstörungen
3. Späte Phase (Schwere Demenz):
- Starke Beeinträchtigung des Kurz- und Langzeitgedächtnisses
- Erkennen von bekannten Gesichtern nicht mehr möglich
- Tiefgreifende Veränderungen im Verhalten und Wesen
- Ausgeprägter Bewegungsdrang und Unruhe
- Orientierungslosigkeit und Hilflosigkeit, oft begleitet von Misstrauen und Aggression
- Verlust der Sprache
- Vollständige Abhängigkeit von Pflege
4. Endstadium (Sehr schwere Demenz):
- Verlust der Sprache (nur noch einzelne Wörter oder Laute)
- Nicht mehr Erkennen von engsten Familienmitgliedern
- Völlige Orientierungslosigkeit
- Inkontinenz
- Schluckstörungen
- Geschwächtes Immunsystem und Anfälligkeit für Infektionen
Diagnose der Alzheimer-Krankheit
Die Diagnose der Alzheimer-Krankheit basiert auf verschiedenen Bausteinen:
- Anamnese: Ausführliche Erhebung der Krankengeschichte vom Patienten selbst und von Angehörigen.
- Neurologische und psychiatrische Untersuchung: Um andere Ursachen für die Beschwerden auszuschließen.
- Neuropsychologische Tests: Zur Beurteilung der Gedächtnis-, Denk- und Sprachfunktionen.
- Bildgebende Verfahren:
- Magnetresonanztomographie (MRT): Um strukturelle Veränderungen im Gehirn darzustellen und andere Erkrankungen auszuschließen.
- Computertomographie (CT): Kann ebenfalls zur Darstellung von Hirnstrukturen verwendet werden.
- Amyloid-PET: Zur Darstellung von Amyloid-Plaques im Gehirn.
- Liquoruntersuchung: Analyse des Nervenwassers zur Bestimmung von Biomarkern für die Alzheimer-Krankheit (z. B. Amyloid-Beta und Tau-Protein).
- EEG (Elektroenzephalographie): Zur Beurteilung der Hirnaktivität.
- Ultraschalluntersuchung der Hals- und Hirngefäße: Um Durchblutungsstörungen auszuschließen.
Behandlung der Alzheimer-Krankheit
Bisher ist die Alzheimer-Krankheit nicht heilbar. Die Behandlung zielt darauf ab, die Symptome zu lindern und den Krankheitsverlauf zu verlangsamen.
- Medikamentöse Behandlung:
- Acetylcholinesterase-Hemmer (z. B. Donepezil, Rivastigmin): Erhöhen die Konzentration des Neurotransmitters Acetylcholin im Gehirn und können die Gedächtnisleistung verbessern.
- NMDA-Antagonisten (z. B. Memantin): Schützen Nervenzellen vor übermäßiger Stimulation durch den Neurotransmitter Glutamat.
- Nicht-medikamentöse Behandlung:
- Kognitives Training (Hirnleistungstraining): Um vorhandene Defizite zu stabilisieren und eventuell zu verbessern.
- Physiotherapie: Bei Symptomen am Bewegungsapparat oder bei Störungen des Gleichgewichts.
- Ergotherapie: Zur Verbesserung der Alltagskompetenzen.
- Psychotherapie: Zur Unterstützung bei psychischen Problemen wie Depressionen oder Angstzuständen.
- Musiktherapie: Kann die Stimmung verbessern und die Kommunikation fördern.
- Kunsttherapie: Kann helfen, Gefühle auszudrücken und die Kreativität zu fördern.
- Tiergestützte Therapie: Kann die soziale Interaktion fördern und die Lebensqualität verbessern.
- Weitere Maßnahmen:
- Anpassung der Wohnumgebung: Um die Sicherheit und Selbstständigkeit des Betroffenen zu fördern.
- Unterstützung der Angehörigen: Beratung und Entlastung der pflegenden Angehörigen.
- Alzheimer-Gesellschaften und Selbsthilfegruppen: Bieten Informationen, Beratung und Unterstützung für Betroffene und Angehörige.
Prävention der Alzheimer-Krankheit
Obwohl die Alzheimer-Krankheit nicht vollständig verhindert werden kann, gibt es einige Maßnahmen, die das Risiko einer Erkrankung möglicherweise verringern können:
- Gesunde Lebensweise: Ausgewogene Ernährung, regelmäßige körperliche Aktivität und Vermeidung von Risikofaktoren wie Rauchen und Übergewicht.
- Geistige Aktivität: Regelmäßiges Gehirntraining durch Lesen, Kreuzworträtsel lösen oder andere anregende Aktivitäten.
- Soziale Kontakte: Pflege von sozialen Beziehungen und Teilnahme an gemeinschaftlichen Aktivitäten.
- Kontrolle von Risikofaktoren: Behandlung von Bluthochdruck, Diabetes und anderen vaskulären Risikofaktoren.
Forschung und Ausblick
Die Alzheimer-Forschung ist ein aktives Feld, in dem intensiv nach neuen Therapien gesucht wird. Ein vielversprechender Ansatz ist die Entwicklung von Medikamenten, die die Bildung von Amyloid-Plaques verhindern oder die bereits vorhandenen Plaques abbauen können. Auch die Erforschung der Rolle von Tau-Proteinen und anderen Faktoren, die zur Entstehung der Alzheimer-Krankheit beitragen, ist von großer Bedeutung.
Lesen Sie auch: Die Stadien der Parkinson-Krankheit erklärt
Lesen Sie auch: Die Nerven des Unterschenkels: Eine anatomische Betrachtung
tags: #progredienter #verlauf #alzheimer