Synapsen-Schrumpfung im Schlaf: Forschungsergebnisse und Bedeutung für das Gehirn

Einführung

Der Schlaf ist ein fundamentaler Zustand für Menschen und Tiere. Während wir schlafen, durchläuft unser Gehirn wichtige Prozesse, die für unsere Gesundheit und unser Gedächtnis unerlässlich sind. Eine dieser Prozesse ist die Synapsen-Schrumpfung. Neue Forschungsergebnisse haben gezeigt, dass unsere Synapsen während des Schlafs bis zu 20 Prozent ihres Volumens verlieren können. Dieser Artikel beleuchtet die Hintergründe dieser Synapsen-Schrumpfung, ihre Bedeutung für das Gehirn und die möglichen Auswirkungen auf unsere kognitiven Fähigkeiten.

Was sind Synapsen und warum sind sie wichtig?

Synapsen sind die Verbindungsstellen zwischen zwei Nervenzellen und spielen eine entscheidende Rolle bei Lernprozessen. Sie ermöglichen die Übertragung von Informationen von einer Nervenzelle zur nächsten und sind somit essenziell für die Verarbeitung von Sinneseindrücken, die Entstehung von Gedanken und Gefühlen sowie die Steuerung von Bewegungen.

Die Synapsen-Schrumpfung im Schlaf

Der Prozess der Synapsen-Schrumpfung

Während des Schlafs werden bestimmte Synapsen heruntergefahren und verkleinern sich. Studien mit Labormäusen haben gezeigt, dass sich die Größe der Synapsen bei ausgeschlafenen Tieren um rund 18 Prozent reduziert. Besonders betroffen sind dabei die kleineren, vermutlich schwächeren Synapsen. Dieser Prozess wird als "Renormalisierung" bezeichnet.

Die Rolle der Priorisierung

Wissenschaftler gehen davon aus, dass das Gehirn im Schlaf Prioritäten setzt und unwichtige Informationen aussortiert. Jan Bungartz von DRadio Wissen vergleicht dies mit dem Aufräumen: Was nicht so wichtig ist, wird entfernt oder weniger beachtet.

Die beteiligten Mechanismen

Die Forscher der Johns Hopkins School of Medicine um Graham Diering entdeckten einen molekularen Mechanismus, der für die Größenreduktion der Synapsen verantwortlich sein könnte. Sie fanden heraus, dass sich im Schlaf die Menge der Rezeptorproteine in den Synapsen um rund 20 Prozent verringert. Dieser Abbau der Andockstellen für Neurotransmitter wird durch die Botenstoffe Noradrenalin und Adenosin signalisiert, die ein erhöhtes Schlafbedürfnis anzeigen.

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Warum schrumpfen Synapsen im Schlaf?

Platz schaffen für neue Informationen

Eine der Hauptfunktionen der Synapsen-Schrumpfung besteht darin, Platz für neue Informationen zu schaffen. Tagsüber werden im Gehirn Synapsen gestärkt oder neu angelegt, wenn wir Informationen aufnehmen. Schlaf ermöglicht es dem Gehirn, diese Synapsen wieder herunterzuregeln und somit Kapazitäten für neue Lernprozesse zu schaffen. Christoph Nissen vom Universitätsklinikum Freiburg erklärt: „Wir konnten jetzt erstmals beim Menschen zeigen, dass Schlaf die Synapsen wieder herunterregelt und damit Platz für neue Informationen schafft. Das Gehirn räumt also im Schlaf auf.“

Energie sparen

Der Abbau von Synapsen dürfte auch dazu beitragen, Platz und Energie zu sparen, da beides im Gehirn zu einem Großteil von den Verbindungsstellen benötigt wird.

Homöostatische Plastizität

Die Synapsen-Schrumpfung ist ein Beispiel für homöostatische Plastizität, ein Prinzip, das eine dauerhafte Reizverarbeitung gewährleistet. Wenn die Synapsen durch lange Wachphasen bereits maximal aktiv sind, führen neue Reize oder Informationen nicht zu einer Stärkung, sondern zu einer Schwächung der Nervenzell-Verbindungen. Dadurch können neu ankommende Reize wieder normal verarbeitet werden.

Das Protein Homer1a

Das Protein Homer1a spielt eine Schlüsselrolle bei der Regulierung der Synapsen-Schrumpfung. Es reagiert auf den Botenstoff Noradrenalin und sammelt sich bei niedrigen Werten des Botenstoffs, die typisch für die Schlafzeit sind, in den Synapsen an. Graham Diering von der Johns Hopkins University vergleicht Homer1a mit einer Art Verkehrspolizist, der die Werte von Noradrenalin und Adenosin abschätzt, um festzustellen, wann das Gehirn ruhig genug ist, um sich herabzuregulieren.

Schlafentzug und seine Folgen

Sättigungszustand des Gehirns

Wird die Synapsen-Schrumpfung durch Schlafmangel unterbunden, gerät das Gehirn in einen Sättigungszustand. Synapsen können dann nicht mehr ausreichend verstärkt oder neu aufgebaut werden.

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Auswirkungen auf Lernen und Gedächtnis

Schlafmangel beeinträchtigt das Lernen und Gedächtnis. Studien haben gezeigt, dass bereits nach kurzem Schlafentzug die Merkfähigkeit leidet und das Neulernen von Wortpaaren erschwert ist.

Gesundheitliche Risiken

Chronischer Schlafmangel kann zu einer Reihe von gesundheitlichen Problemen führen, darunter Depressionen, Übergewicht, Diabetes und Herz-Kreislauf-Erkrankungen.

Die Bedeutung der Schlafstadien

REM-Schlaf und Non-REM-Schlaf

Der Schlaf besteht aus verschiedenen Phasen, darunter der REM-Schlaf (Rapid Eye Movement) und der Non-REM-Schlaf. Der Non-REM-Schlaf wird zusätzlich in Leicht- und Tiefschlaf unterteilt. Im Tiefschlaf feuern die Nervenzellen langsam und synchronisieren ihre Aktivität.

Slow Waves und Gedächtnisbildung

Besonders wichtig für die Gedächtnisbildung sind die sogenannten "Slow Waves", langsame, synchrone Erregungswellen in der Hirnrinde, die in der Tiefschlafphase auftreten. Eine Studie der Charité - Universitätsmedizin Berlin hat gezeigt, dass die langsamen Wellen die Hirnrinde besonders empfänglich für Informationen machen. Die synaptischen Verbindungen zwischen den Neuronen der Hirnrinde sind zu einem bestimmten Zeitpunkt während der Spannungsschwankungen maximal verstärkt. Franz Xaver Mittermaier von der Charité erklärt: „Die Synapsen arbeiten am effizientesten, direkt nachdem die Spannung von einem niedrigen Niveau auf ein hohes angestiegen ist. Innerhalb dieses kurzen Zeitfensters ist die Hirnrinde quasi in einen Zustand der erhöhten Bereitschaft versetzt. Spielt das Gehirn eine Erinnerung genau jetzt ab, wird sie besonders effektiv ins Langzeitgedächtnis überführt."

Schlafmittel und ihre potenziellen Auswirkungen

Es gibt Hinweise darauf, dass Schlaf- und Beruhigungsmittel die homöostatische Rekalibrierung des Gehirns stören oder verhindern können. Daher sollten diese Medikamente mit Vorsicht eingesetzt werden.

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Evolutionäre Perspektive

Schlaf im Tierreich

Schlaf ist ein Zustand, der im gesamten Tierreich verbreitet ist. Selbst einfach gebaute Lebewesen wie Quallen benötigen schlafähnliche Ruhephasen. Dies deutet darauf hin, dass Schlaf eine sehr alte und grundlegende biologische Funktion ist.

Regeneration der Nervenzellen

Viele Forscher vermuten, dass die Nervenzellen immer wieder Phasen reduzierter Aktivität brauchen, um sich zu regenerieren. Der Schlaf dient somit als eine Art Wartung, nach der die Nervenzellen wieder voll einsatzfähig sind.

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