Systemische Erkrankung Migräne: Definition, Ursachen, Diagnose und Therapie

Migräne ist mehr als nur ein starker Kopfschmerz. Es handelt sich um eine komplexe neurologische Erkrankung, die durch wiederkehrende Attacken von meist einseitig lokalisierten, pulsierenden Kopfschmerzen mittlerer bis hoher Intensität gekennzeichnet ist. Diese Kopfschmerzen gehen oft mit Begleiterscheinungen wie Übelkeit, Licht- und Geräuschempfindlichkeit einher und können das Leben der Betroffenen stark beeinträchtigen. In Deutschland leiden etwa 14 % der Frauen und 6 % der Männer unter Migräne. Bei Frauen im gebärfähigen Alter ist Migräne sogar die häufigste Ursache für Beeinträchtigung.

Was ist Migräne? Eine Definition

Migräne ist definiert als eine chronische neurologische Erkrankung, die sich durch anfallsartige, oft pulsierende Kopfschmerzen äußert. Diese treten meist einseitig auf und werden oft von weiteren Symptomen wie Übelkeit, Erbrechen und einer hohen Licht- und Geräuschempfindlichkeit begleitet. Die "Internationale Klassifikation der Kopfschmerzerkrankungen" (ICHD-3) listet über 200 Kopfschmerzarten auf, wobei Migräne zu den primären Kopfschmerzerkrankungen zählt, die nicht auf eine eindeutige Ursache zurückzuführen sind.

Ursachen und Auslöser von Migräne

Die genauen Ursachen der Migräne sind trotz intensiver Forschung noch nicht vollständig geklärt. Es wird angenommen, dass eine Kombination aus genetischer Veranlagung und Umweltfaktoren eine Rolle spielt.

Genetische Faktoren

Insbesondere Migräne mit Aura hat eine starke genetische Komponente. Studien zeigen, dass bestimmte Gene die neuronale Erregbarkeit beeinflussen und somit die Migräneanfälligkeit erhöhen.

Umweltfaktoren (Trigger)

Migräne wird durch eine übererregbare Hirnaktivität ausgelöst. Bestimmte Reize oder Einflussfaktoren, sogenannte Trigger, können eine Migräneattacke provozieren. Zu den häufigsten Triggern gehören:

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  • Stress: Sowohl akuter als auch chronischer Stress kann Migräne auslösen. Interessanterweise kann auch Stressabbau, das sogenannte "Stress Let-Down Pattern", eine Attacke verursachen (Wochenendmigräne).
  • Schlafstörungen: Unregelmäßiger Schlaf, Schlafmangel oder Schlafüberschuss können Migräneattacken triggern.
  • Hormonelle Veränderungen: Hormonschwankungen, insbesondere bei Frauen während des Menstruationszyklus, der Schwangerschaft oder in den Wechseljahren, können Migräneanfälle auslösen.
  • Ernährung: Bestimmte Nahrungsmittel und Getränke wie Alkohol (insbesondere Rotwein), Käse, Schokolade, Zitrusfrüchte oder koffeinhaltige Getränke können bei manchen Menschen Migräneattacken provozieren.
  • Umweltreize: Helles Licht, laute Geräusche, starke Gerüche, Wetterumschwünge oder Veränderungen des Luftdrucks können ebenfalls Trigger sein.
  • Weitere Faktoren: Hunger, Unterzuckerung, bestimmte Medikamente, Rauchen oder intensive körperliche Anstrengung können ebenfalls eine Migräneattacke auslösen.

Das integrative somatopsychische Entstehungsmodell der Migräne

Das "integrative somatopsychische Entstehungsmodell der Migräne" stellt eine Konkretisierung des biopsychosozialen Modells dar und ist aufgrund der Reduktion auf wesentliche Faktoren auch zu didaktischen Zwecken (Patientenedukation) geeignet. Zentral in dem Modell ist die Annahme einer erhöhten Reaktivität des Gehirns als biologische Prädisposition. Bei erhöhtem Stresserleben und anderen Triggern kann eine metabolische Überlastung des Gehirns entstehen, was das Auftreten einer Migräneattacke erklärt. Die Migräneattacke wird als Schutzreaktion (Motivation zum Rückzug in eine reizarme Umgebung) angesehen. Die Darstellung von Stressoren und dem (dysfunktionalem) Umgang mit Triggern als Faktoren, die die Überschreitung der Migräneschwelle fördern und eine Attacke auslösen können, bietet ein Therapierational für die Durchführung.

Symptome und Phasen einer Migräneattacke

Eine Migräneattacke kann in verschiedenen Phasen ablaufen, die sich in ihren Symptomen unterscheiden:

Prodromalphase (Vorbotenphase)

Bis zu 48 Stunden vor einer Attacke können erste Symptome auftreten, die als Prodromalphase bezeichnet werden. Diese Symptome sind sehr individuell und können Folgendes umfassen:

  • Konzentrationsprobleme
  • Stimmungsschwankungen (Reizbarkeit, Depression, Euphorie)
  • Heißhunger oder Appetitlosigkeit
  • Muskelverspannungen
  • Müdigkeit
  • Gähnen

Aura

Etwa 30 % der Migränepatienten erleben eine Aura, eine Phase neurologischer Störungen, die dem Kopfschmerz vorausgeht. Die Aura-Symptome entwickeln sich in der Regel über 5 bis 20 Minuten und dauern weniger als 60 Minuten an. Typische Aura-Symptome sind:

  • Sehstörungen: Flimmern, Zickzackmuster, Skotome (Gesichtsfeldausfälle), Lichtblitze oder verschwommenes Sehen.
  • Sensorische Symptome: Kribbeln, Taubheitsgefühle oder ein wanderndes Gefühl von Nadelstichen, meist beginnend in den Händen und Armen und aufsteigend ins Gesicht.
  • Sprachstörungen: Wortfindungsstörungen, Schwierigkeiten beim Sprechen oder Verwirrtheit.
  • Motorische Schwäche: In seltenen Fällen kann es zu vorübergehender Muskelschwäche oder Lähmungen kommen (hemiplegische Migräne).

Kopfschmerzphase

Der eigentliche Migränekopfschmerz kann zwischen 4 und 72 Stunden andauern. Typische Merkmale sind:

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  • Einseitiger, pulsierender Kopfschmerz (kann aber auch beidseitig auftreten)
  • Mäßige bis starke Intensität
  • Übelkeit und Erbrechen
  • Licht-, Lärm- und Geruchsempfindlichkeit
  • Verstärkung der Schmerzen durch körperliche Aktivität

Rückbildungsphase (Postdromalphase)

Nach dem Abklingen des Kopfschmerzes bleibt häufig eine Erschöpfung bestehen, die als Postdromalphase bezeichnet wird. Symptome können sein:

  • Verstärkte Müdigkeit
  • Konzentrationsprobleme
  • Muskelschmerzen
  • Reizbarkeit

Diagnose von Migräne

Da es keine spezifischen Biomarker für Migräne gibt, erfolgt die Diagnose in der Regel klinisch, basierend auf den vom Patienten beschriebenen Symptomen und einer neurologischen Untersuchung. Die Diagnosekriterien der International Headache Society (IHS) werden verwendet, um Migräne zu diagnostizieren und von anderen Kopfschmerzarten abzugrenzen.

Anamnese

Ein ausführliches Gespräch mit dem Arzt (Anamnese) ist entscheidend, um die Art, Häufigkeit, Dauer und Begleitsymptome der Kopfschmerzen zu erfassen. Der Arzt wird auch nach möglichen Auslösern, Medikamenteneinnahme und familiärer Vorbelastung fragen.

Kopfschmerztagebuch

Ein Kopfschmerztagebuch kann helfen, Muster zu erkennen und die Migräne von anderen Kopfschmerzarten abzugrenzen. Patienten werden gebeten, ihre Kopfschmerzen, Begleitsymptome, mögliche Auslöser und die Wirksamkeit von Medikamenten über einen bestimmten Zeitraum zu dokumentieren.

Neurologische Untersuchung

Eine neurologische Untersuchung dient dazu, andere Ursachen für die Kopfschmerzen auszuschließen, wie z. B. Tumore, Entzündungen oder Gefäßerkrankungen.

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Bildgebende Verfahren

In einigen Fällen können bildgebende Verfahren wie Magnetresonanztomographie (MRT) oder Computertomographie (CT) des Gehirns erforderlich sein, um andere Erkrankungen auszuschließen. Dies ist insbesondere dann der Fall, wenn neurologische Ausfälle auftreten oder die Kopfschmerzen plötzlich und ungewöhnlich stark sind.

Differenzialdiagnose

Es ist wichtig, Migräne von anderen Kopfschmerzarten wie Spannungskopfschmerzen, Clusterkopfschmerzen oder medikamenteninduzierten Kopfschmerzen abzugrenzen.

Therapie von Migräne

Migräne ist eine chronische Erkrankung, die nicht heilbar ist. Die Behandlung zielt darauf ab, die Häufigkeit, Dauer und Intensität der Attacken zu reduzieren und die Lebensqualität der Betroffenen zu verbessern. Die Therapie umfasst sowohl medikamentöse als auch nicht-medikamentöse Ansätze.

Akuttherapie

Die Akuttherapie zielt darauf ab, die Symptome einer akuten Migräneattacke zu lindern.

  • Schmerzmittel: Bei leichten bis mittelschweren Attacken können rezeptfreie Schmerzmittel wie Paracetamol, Acetylsalicylsäure (ASS) oder Ibuprofen helfen.
  • Triptane: Bei mittelschweren bis schweren Attacken sind Triptane die Mittel der Wahl. Triptane sind spezifische Migränemittel, die die Blutgefäße im Gehirn verengen und die Entzündungsprozesse reduzieren. Sie sollten so früh wie möglich in der Kopfschmerzphase eingenommen werden.
  • Antiemetika: Gegen Übelkeit und Erbrechen können Antiemetika eingesetzt werden.
  • Kombinationspräparate: Es gibt auch Kombinationspräparate, die ein Schmerzmittel und ein Antiemetikum enthalten.

Prophylaxe

Die Prophylaxe zielt darauf ab, die Häufigkeit, Dauer und Intensität von Migräneattacken zu reduzieren. Eine Prophylaxe ist sinnvoll, wenn:

  • Mindestens drei Migräneattacken pro Monat auftreten
  • Die Attacken die Lebensqualität erheblich beeinträchtigen
  • Die Akuttherapie nicht ausreichend wirksam ist oder zu viele Nebenwirkungen verursacht
  • Ein hoher Bedarf an Akutmedikation besteht (mehr als 10 Tage pro Monat)

Zur Migräneprophylaxe stehen verschiedene Medikamente zur Verfügung:

  • Betablocker: Diese Medikamente werden üblicherweise zur Behandlung von Bluthochdruck eingesetzt, können aber auch die Häufigkeit von Migräneattacken reduzieren.
  • Antidepressiva: Bestimmte Antidepressiva, insbesondere trizyklische Antidepressiva wie Amitriptylin, können ebenfalls zur Migräneprophylaxe eingesetzt werden.
  • Antiepileptika: Einige Antiepileptika wie Topiramat oder Valproinsäure können die Häufigkeit von Migräneattacken reduzieren.
  • CGRP-Antikörper: Dies sind relativ neue Medikamente, die spezifisch gegen das Calcitonin Gene-Related Peptide (CGRP) wirken, einen Botenstoff, der bei der Entstehung von Migräne eine Rolle spielt. CGRP-Antikörper werden einmal monatlich oder alle drei Monate gespritzt.
  • Weitere Medikamente: In einigen Fällen können auch andere Medikamente wie Flunarizin oder Magnesium zur Migräneprophylaxe eingesetzt werden.

Nicht-medikamentöse Therapien

Neben Medikamenten können auch nicht-medikamentöse Therapien zur Migräneprophylaxe eingesetzt werden:

  • Verhaltenstherapie: Kognitive Verhaltenstherapie kann helfen, Stress abzubauen, Entspannungstechniken zu erlernen und den Umgang mit Migräne zu verbessern.
  • Entspannungstechniken: Progressive Muskelrelaxation nach Jacobson, autogenes Training, Yoga oder Meditation können helfen, Stress abzubauen und die Häufigkeit von Migräneattacken zu reduzieren.
  • Biofeedback: Biofeedback kann helfen, Körperfunktionen wie Muskelspannung oder Herzfrequenz bewusst zu beeinflussen und so Migräneattacken vorzubeugen.
  • Akupunktur: Einige Studien deuten darauf hin, dass Akupunktur die Häufigkeit von Migräneattacken reduzieren kann.
  • Ausdauersport: Regelmäßiger Ausdauersport wie Joggen, Schwimmen oder Radfahren kann ebenfalls zur Migräneprophylaxe beitragen.
  • Ernährung: Eine ausgewogene Ernährung und das Vermeiden von bekannten Triggern können helfen, Migräneattacken vorzubeugen.
  • Regelmäßiger Schlaf-Wach-Rhythmus: Ein regelmäßiger Schlafrhythmus kann helfen, Migräneattacken vorzubeugen.

Interdisziplinäre Behandlung

Aufgrund der biopsychosozialen Genese von Migräne sowie vor dem Hintergrund, dass sowohl medikamentöse als auch nichtmedikamentöse Maßnahmen wirksam sein können, sollte eine interdisziplinäre Behandlung angestrebt werden. In der Neurologisch-verhaltensmedizinischen Schmerzklinik Kiel unter der Leitung von Prof. Dr. med. Dipl.Psych. Hartmut Göbel wird beispielsweise eine spezielle Therapie von Migräne mit und ohne Aura angeboten, die verschiedene Therapieansätze kombiniert.

Familiäre hemiplegische Migräne (FHM)

Die familiäre hemiplegische Migräne (FHM) ist eine seltene Form der Migräne mit Aura, bei der die Aura charakteristischerweise eine variabel ausgeprägte Hemiparese (Lähmung einer Körperhälfte) beinhaltet. Diese kann prolongiert - sogar über die Kopfschmerzattacke hinaus - bestehen. Andere fokal neurologische Symptome im Rahmen der Aura können Sehstörungen, Sensibilitätsstörungen oder Sprachstörungen sein. In einigen Fällen wurden auch Vigilanzstörungen oder psychiatrische Auffälligkeiten beschrieben. Ursache der FHM sind Mutationen in bestimmten Genen, insbesondere im Gen CACNA1A (FHM1), das für einen Calciumkanal kodiert.

Psychosomatische Migräne

Die psychosomatische Migräne ist eine Form der Migräne, bei der psychische Faktoren eine wesentliche Rolle bei der Entstehung und Aufrechterhaltung der Kopfschmerzen spielen. Stress, Angst, Depressionen oder andere psychische Belastungen können Migräneattacken auslösen oder verstärken. Die Behandlung der psychosomatischen Migräne umfasst in der Regel sowohl medikamentöse als auch psychotherapeutische Ansätze.

Migränekomplikationen

In seltenen Fällen kann es bei Migräne zu Komplikationen kommen, wie z. B.:

  • Migränöser Infarkt: Eine Durchblutungsstörung im Gehirn während einer Migräneattacke, die zu einem Schlaganfall führen kann.
  • Status migränosus: Eine Migräneattacke, die länger als 72 Stunden andauert.
  • Persistierende Aura ohne Infarkt: Eine Aura, die länger als eine Woche andauert.

Leben mit Migräne

Migräne kann große Auswirkungen auf den Alltag haben. Für Betroffene sind Migräneattacken oftmals kaum auszuhalten. Sie nehmen starken Einfluss auf den Alltag. Dennoch wird die Krankheit häufig unterschätzt. Es ist wichtig, sich über die Erkrankung zu informieren, Trigger zu identifizieren und zu vermeiden, eine gesunde Lebensweise zu pflegen und sich professionelle Hilfe zu suchen. Mit der richtigen Behandlung und den passenden Strategien können Betroffene ein erfülltes Leben führen.

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