Taubheit, auch als Gehörlosigkeit oder Anakusis bekannt, bezeichnet den vollständigen oder nahezu vollständigen Verlust des Hörvermögens auf einem oder beiden Ohren. Sie stellt eine erhebliche Beeinträchtigung der Lebensqualität dar, insbesondere wenn sie erst im Laufe des Lebens erworben wird. Eine frühzeitige Diagnose ist entscheidend, um geeignete Maßnahmen zur Verbesserung der Lebensqualität und zur Förderung der Entwicklung, insbesondere bei Kindern, einzuleiten.
Ursachen von Taubheit
Die Ursachen für Taubheit sind vielfältig und können sowohl angeboren als auch erworben sein. Grundsätzlich lässt sich die Ursache im Ohr selbst, insbesondere im Innenohr, oder in den weiteren Stationen der Hörbahn im Gehirn lokalisieren. Auch eine Kombination verschiedener Ursachen ist möglich. Man unterscheidet hauptsächlich zwischen Schallleitungsstörungen, Schallempfindungsstörungen und psychogenen Hörstörungen.
Schallleitungsstörungen
Bei einer Schallleitungsstörung wird der Schall nicht normal über den äußeren Gehörgang und das Mittelohr zum Innenohr weitergeleitet. Dies liegt meist an einer Schädigung der schallverstärkenden Gehörknöchelchen im Mittelohr. Eine solche Störung kann angeboren sein oder sich im Laufe des Lebens entwickeln. Eine alleinige Schallleitungsstörung führt jedoch nicht zur vollständigen Taubheit, da Schall auch über die Knochenleitung das Innenohr erreicht.
Schallempfindungsstörungen
Bei einer Schallempfindungsstörung ist die Schallweiterleitung bis zum Innenohr intakt, aber die akustischen Signale werden dort nicht registriert (sensorische Hörstörung). In selteneren Fällen werden die Signale zwar im Innenohr registriert, aber nicht an das Gehirn weitergeleitet und dort wahrgenommen. Dies kann durch eine Störung des Hörnervs (neurale Hörstörung) oder der zentralen Hörbahn (zentrale Hörstörung) verursacht werden. Auch Schallempfindungsstörungen können angeboren oder erworben sein.
Psychogene Hörstörungen
In seltenen Fällen können psychiatrische Erkrankungen zu Taubheit führen. Psychische Belastungen können die Hörempfindung beeinträchtigen, auch ohne nachweisbare Schäden an den Ohren. Objektive Höruntersuchungen können jedoch zeigen, ob akustische Signale im Gehirn des Patienten ankommen oder nicht.
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Angeborene Taubheit
Etwa eines von 1000 Neugeborenen kommt mit einer ausgeprägten Schwerhörigkeit oder Taubheit zur Welt. Genetische Faktoren spielen eine Rolle, was sich durch das gehäufte Auftreten von Taubheit in Familien zeigt. Auslöser sind oft Fehlbildungen des Innenohrs oder des Gehirns.
Infektionen der Mutter während der Schwangerschaft, wie Röteln, können die normale Entwicklung des Gehörs des ungeborenen Kindes beeinträchtigen. Auch Drogenkonsum (Alkohol, Nikotin) und bestimmte Medikamente (ototoxische Arzneistoffe wie Thalidomid, Aminoglykoside, Makrolide, Glykopeptide) während der Schwangerschaft erhöhen das Risiko einer Hörschädigung beim Kind.
Sauerstoffmangel und Hirnblutungen während der Geburt können ebenfalls zur Taubheit führen. Frühgeborene Kinder, die häufig an Sauerstoffmangel leiden, haben ein erhöhtes Risiko für Hörstörungen. Entwicklungsbedingte Verzögerungen der Hörbahnreifung können ebenfalls zu Schwerhörigkeit führen, die sich im Laufe des ersten Lebensjahres verbessern kann, aber auch zu bleibender Taubheit führen kann.
Erworbene Taubheit
Die häufigste Ursache für erworbene Taubheit sind Infektionen des Ohres, die in schweren Fällen sowohl das Mittelohr (Schallleitung) als auch das Innenohr (Schallempfindung) schädigen können. Auch Infektionen der Hirnhäute (Meningitis) oder des Gehirns (Enzephalitis) können Taubheit verursachen.
Einige Medikamente, wie bestimmte Krebsmedikamente (Chemotherapeutika), Entwässerungsmittel (Diuretika) und Antibiotika, haben eine ohrschädigende Wirkung. Auch Acetylsalicylsäure (ASS) wirkt ototoxisch, jedoch in geringerem Maße als andere genannte Arzneistoffe.
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Weitere Ursachen für erworbene Taubheit sind Tumore, Lärmschäden, Durchblutungsstörungen, Hörsturz oder chronische Erkrankungen des Ohres wie Otosklerose. Seltener führen Industrieschadstoffe (z. B. Kohlenmonoxid) und Verletzungen zu Taubheit.
Diagnose von Taubheit
Der Hals-Nasen-Ohrenarzt (HNO-Arzt) ist der richtige Ansprechpartner für die Diagnose von Taubheit. Zunächst wird eine ausführliche Anamnese erhoben, um Risikofaktoren und bisherige Auffälligkeiten zu erfassen. Bei Kindern sind folgende Auffälligkeiten ernst zu nehmen:
- Keine Reaktion auf Ansprache oder Rufen
- Nichtbefolgen von Anweisungen
- Häufiges Nachfragen mit "Wie?" oder "Was?"
- Verzögerte Sprachentwicklung
- Schlechte Artikulation
- Hohe Lautstärke beim Fernsehen oder Musikhören
Diese Hinweise gelten auch für Erwachsene, wobei die Artikulation bei Erwachsenen, die nicht seit der Kindheit taub sind, in der Regel normal ist.
Untersuchungsmethoden
Verschiedene Untersuchungen und Tests werden durchgeführt, um den Verdacht auf Taubheit abzuklären. Die Hörtests erlauben meist nur in Kombination eine Aussage über das Hörvermögen.
- Ohrspiegelung (Otoskopie): Der Arzt untersucht das Ohr mit einem Otoskop, um das Trommelfell und den Gehörgang zu beurteilen. Diese Untersuchung liefert jedoch keine Informationen über die Hörleistung.
- Weber- und Rinne-Test: Diese Tests geben Hinweise auf die Art und den Ort der Hörschädigung. Eine schwingende Stimmgabel wird an verschiedenen Stellen im Bereich des Kopfes aufgesetzt. Der Weber-Test dient der Feststellung, ob ein Ton auf einem Ohr besser gehört wird als auf dem anderen. Der Rinne-Test vergleicht die Luft- und Knochenleitung.
- Tonschwellen-Audiometrie: Die Hörbarkeit von Tönen wird über Kopfhörer oder Knochenleitungskopfhörer zur Bestimmung der frequenzabhängigen Hörschwelle genutzt. Die Hörschwelle wird in Dezibel angegeben.
- Sprach-Audiometrie: Statt Tönen werden Wörter oder Laute vorgespielt, die der Patient erkennen und nachsprechen muss. Dies testet das Sprachverständnis.
- Audiogramm: Die Ergebnisse der Tonschwellen-Audiometrie werden in einem Audiogramm dargestellt, das Einbußen der Hörleistung bei bestimmten Frequenzen zeigt.
- Weitere subjektive Hörtests: Bei Kindern werden Verhaltens-Audiometrie, Reflex-Audiometrie, visuelle Konditionierung und konditionierte Spiel-Audiometrie eingesetzt, wenn das Tragen von Kopfhörern nicht möglich ist.
- Objektive Hörtests: Diese Verfahren erfordern nur geringe Mitarbeit des Patienten und untersuchen Teilabschnitte der Hörbahn.
- Tympanometrie (Impedanz-Audiometrie): Eine Sonde wird in das Ohr eingeführt, um den Widerstand des Trommelfells und der Gehörknöchelchen zu messen und die Funktionalität des Mittelohrs zu beurteilen.
- Messung des Stapedius-Reflexes: Der Stapedius-Reflex ist eine Reaktion auf lauten Schall, der das Innenohr vor hoher Lautstärke schützt. Die Messung der Reflexschwelle gibt Aufschluss über die Beweglichkeit der Gehörknöchelchen im Mittelohr.
- Neugeborenen-Screening: Seit 2009 werden alle Neugeborenen auf Taubheit untersucht. Dabei werden otoakustische Emissionen gemessen und die Hirnstamm-Audiometrie (BERA) durchgeführt.
- Bildgebende Verfahren: Magnetresonanztomografie (MRT) oder Computertomografie (CT) werden eingesetzt, wenn ein Cochlea-Implantat geplant ist oder der Verdacht auf eine Krebserkrankung oder Fehlbildung besteht.
- Blutuntersuchungen: Sie sind nur in bestimmten Fällen hilfreich, etwa zur Abklärung von Infektionen oder bei Hinweisen auf eine Stoffwechselerkrankung.
- Humangenetische Beratung: Bei genetischen Ursachen oder familiärer Taubheit kann eine humangenetische Beratung durchgeführt werden.
Abgrenzung von Schwerhörigkeit
Um Schwerhörigkeit von Taubheit abzugrenzen, wird die Tonschwellenaudiometrie betrachtet. Ein Hörverlust von 100 Dezibel oder mehr im Hauptsprachbereich deutet auf Taubheit hin.
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Behandlungsmöglichkeiten bei Taubheit
Taubheit ist in der Regel irreparabel, aber Folgeschäden können vermindert und der Alltag mit Höreinschränkung verbessert werden. Die Behandlungsmöglichkeiten hängen von der Ursache und dem Ausmaß der Taubheit ab.
Cochlea-Implantat (CI)
Bei kompletter Taubheit kann ein Cochlea-Implantat (CI) eingesetzt werden. Dieses besteht aus einem äußeren Sprachprozessor und einem inneren Implantat mit Elektroden, die in die Cochlea eingesetzt werden. Das CI wandelt Schallwellen in elektrische Impulse um, die den Hörnerv stimulieren und so das Hören ermöglichen.
Hörgeräte
Bei einseitiger Taubheit können CROS-Hörgeräte eine Option sein. Diese erfassen den Schall auf dem ertaubten Ohr und übertragen ihn auf das funktionsfähige Ohr, wodurch die Hörwahrnehmung der Umgebung verbessert wird.
Weitere Hilfen
- Gebärdensprache: Das Erlernen der Gebärdensprache ist besonders wichtig für Kinder mit prälingualer Taubheit, um ihre Sprachkompetenz zu fördern.
- Signalanlagen: Akustische Signale können in Licht- oder Vibrationssignale umgewandelt werden, um Gehörlosen den Alltag zu erleichtern (z. B. Türklingel, Telefon, Rauchmelder).
- Verhaltensregeln im Umgang mit Gehörlosen: Es ist wichtig, Gehörlose wie jeden anderen Menschen zu behandeln und im Gespräch Blickkontakt zu halten, deutlich zu sprechen (ohne zu schreien) und bei Bedarf aufzuschreiben, was nicht verstanden wurde.
Prävention
Erbliche Taubheit ist nicht vermeidbar, aber das Risiko erworbener Taubheit kann durch Schutz vor Infektionen während der Schwangerschaft (Impfungen gegen Röteln), Vermeidung von Alkohol und Nikotin während der Schwangerschaft und Einnahme von Medikamenten nur nach Rücksprache mit dem Arzt verringert werden. Nach der Geburt sollte das Neugeborenen-Hörscreening wahrgenommen werden.
Kribbeln und Taubheitsgefühle
Kribbeln und Taubheitsgefühle sind Missempfindungen, die in verschiedenen Körperteilen auftreten können, wie Beinen, Armen, Händen, Fingern, Füßen, Zehen und Gesicht. Sie können durch Probleme mit den peripheren Nerven, dem zentralen Nervensystem oder psychische Ursachen bedingt sein. Plötzliche Taubheitsgefühle und Lähmungen auf einer Körperseite können auf einen Schlaganfall hinweisen und erfordern sofortige notärztliche Hilfe.
Ursachen von Kribbeln und Taubheitsgefühlen
- Erkrankungen der Nerven: Polyneuropathie, Restless-Legs-Syndrom (RLS), Multiple Sklerose (MS), Parkinson-Krankheit, Migräne, Guillain-Barré-Syndrom (GBS), Bandscheibenvorfall, Karpaltunnelsyndrom, Ulnartunnel- und Ulnarrinnensyndrom, Leistentunnelsyndrom.
- Durchblutungsstörungen: Schlaganfall, periphere arterielle Verschlusskrankheit (PAVK), Raynaud-Syndrom.
- Psychische Störungen: Angst-/Panikattacken und Angststörungen (Phobien), Hyperventilationssyndrom, somatoforme Störungen.
- Medikamente und Umweltgifte: Vergiftungen (z. B. mit Schwermetallen), Nebenwirkungen von Medikamenten.
Diagnose von Kribbeln und Taubheitsgefühlen
Die Diagnose umfasst ein ausführliches persönliches Gespräch, neurologische Untersuchungen und Bluttests zur Bestimmung des Blutzuckerspiegels, der Menge bestimmter Vitamine und Mineralstoffe sowie Entzündungswerte. Je nach Verdachtsdiagnose kommen weitere Untersuchungen infrage.
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