Taubheitsgefühle sind Empfindungsstörungen, die sich durch eine verminderte oder fehlende Wahrnehmung von Berührungen, Temperatur oder Schmerz äußern. Während harmlose Ursachen wie ein "eingeschlafener" Fuß oft vorliegen, können anhaltende oder wiederkehrende Taubheitsgefühle auf tieferliegende medizinische oder psychische Probleme hinweisen. Dieser Artikel beleuchtet die psychischen Ursachen von Taubheitsgefühlen und bietet einen umfassenden Überblick über mögliche Zusammenhänge, Diagnose- und Therapieansätze.
Funktionelle Störungen als Ursache von Taubheitsgefühlen
Funktionelle neurologische Störungen, auch bekannt als Konversionsstörungen, können sich in einer Vielzahl von neurologischen Symptomen äußern, darunter Taubheitsgefühle. Diese Störungen entstehen nicht durch strukturelle Schäden im Nervensystem, sondern durch eine Fehlanpassung in der Funktionsweise des Gehirns. Funktionelle Gefühlsstörungen, auch Sensibilitätsstörungen genannt, können isoliert oder in Kombination mit motorischen Störungen auftreten. Oft ist eine Körperhälfte betroffen (funktionelle Hemihypästhesie), manchmal ein ganzer Arm oder ein ganzes Bein.
Ursachen und Risikofaktoren
Funktionelle Störungen treten häufig unerwartet auf, oft in Situationen hoher seelischer Belastung. Psychische Risikofaktoren wie Depressionen, Angststörungen und traumatische Erfahrungen können das Auftreten funktioneller Störungen begünstigen. Es wird angenommen, dass die Psyche einen starken Einfluss auf den Verlauf von körperlichen Symptomen hat oder diese hervorruft. Der Verlust einer nahestehenden Person kann beispielsweise eine psychische Belastung auslösen, die sich auf den Körper auswirkt und zu physischen Beschwerden führt.
Diagnose
Die Diagnose einer funktionellen Störung basiert in der Regel auf dem charakteristischen klinischen Erscheinungsbild. Neurologen können organische Ursachen für die Ausfallerscheinungen ausschließen. Gelegentlich werden bildgebende oder elektrophysiologische Verfahren angewandt, um eine Schädigung des Nervensystems auszuschließen. Auch Fragebögen zur Selbsteinschätzung können verwendet werden. Es ist wichtig zu betonen, dass es sich nicht um eine reine "Ausschlussdiagnose" handelt.
Behandlung
Zur Behandlung motorischer und sensibler funktioneller Störungen haben sich sowohl physiotherapeutische als auch psychotherapeutische Verfahren bewährt. Verhaltenstherapien und psychotherapeutische Gespräche können helfen, psychische Auslöser zu erkennen und den Betroffenen aus seiner selbst geschaffenen Isolation in die Realität zurückzuholen. Begleitend ist eine Behandlung der Konversionsstörung mit Medikamenten möglich. Eine frühzeitige Unterstützung wie eine Bewegungs- und Psychotherapie ist besonders wichtig. Ohne eine spezifische Behandlung ist der Verlauf funktioneller Lähmungen in etwa der Hälfte der Fälle chronisch.
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Angststörungen und Panikattacken
Auch Angststörungen und Panikattacken können mit Taubheitsgefühlen einhergehen. In Stress-Situationen oder während einer Panikattacke kann es zu hektischem Ein- und Ausatmen kommen. In der Folge atmet man mehr Kohlendioxid aus, wodurch die Menge an Kohlendioxid im Blut abnimmt. Das führt dazu, dass die Nerven und Muskeln kurzfristig zu stark erregt werden. Damit einhergehen können Gefühlsstörungen und Verkrampfungen - etwa an Händen und Lippen. Die Konzentration auf die Atmung zu lenken und bewusst langsam ein- und auszuatmen sollte helfen, die Symptome zu lindern.
Somatoforme Störungen
Somatoforme Störungen sind durch das Vorhandensein von körperlichen Beschwerden gekennzeichnet, für die keine ausreichende organische Ursache gefunden werden kann. Müdigkeit, Muskelverspannungen, Zungenbrennen oder auch Kribbeln sind mögliche Symptome einer somatoformen Störung. Obwohl in medizinischen Untersuchungen wiederholt keine organische Ursache gefunden werden kann, fordern die Betroffenen immer wieder neue medizinische Untersuchungen, um die Ursachen abzuklären. Es kann auch sein, dass tatsächlich eine körperliche Störung vorliegt - diese erklärt dann aber nicht das Ausmaß und die Art der Symptome und das damit verbundene Leiden des Patienten. Darüber hinaus gibt es auch Menschen mit einer somatoformen Störung, die nicht wiederholt Ärzte aufsuchen, sondern im Gegenteil die Auseinandersetzung mit den körperlichen Symptomen und den Kontakt mit medizinischen Informationen vermeiden.
Symptome somatoformer Störungen
Die Symptome somatoformer Störungen können ganz unterschiedliche Organe oder Teile des Körpers betreffen. Dabei treten am häufigsten Symptome auf, die auch bei einer starken Erregung des vegetativen Nervensystems vorkommen. Typische Symptome sind:
- beim Herz-Kreislauf-System: Druckgefühl oder Stiche in der Herzgegend, Engegefühl in der Brust, Herzklopfen
- bei der Atmung: Engegefühl in der Brust, Schwierigkeiten beim Atmen, Luftnot
- im Magen-Darm-Trakt: Übelkeit, Bauchschmerzen, Völlegefühl, Blähungen, Durchfall
- im Bereich der Gynäkologie: chronische Schmerzen im Unterbauch, unangenehme Empfindungen im oder um den Genitalbereich
- im Bereich der Blase und Niere: häufiges oder schmerzhaftes Wasserlassen, Schwierigkeiten beim Wasserlassen, Schmerzen im Unterbauch
- im Bereich der Haut: Klagen über Farbveränderungen der Haut, Taubheitsgefühle, Jucken oder Kribbeln bestimmter Hautbereiche
- bezogen auf Gehirn und Nervensystem: Schwindelgefühle, Punkte vor den Augen, vorübergehende Taubheit oder Blindheit
- Schmerzsymptome: anhaltende oder immer wiederkehrende Schmerzen, zum Beispiel Kopfschmerzen, Rückenschmerzen, Bauchschmerzen oder Gelenkschmerzen
Fallbeispiel
Frau T., 37 Jahre alt, berichtet von wechselnden körperlichen Symptomen, die schon seit vielen Jahren bestehen. Dabei hat sie zu unterschiedlichen Zeiten Verkrampfungen und Schmerzen im Brust- und Schulterbereich, Herzschmerzen und Herzrhythmusstörungen, Ohnmachtsanfälle, Lähmungsgefühle im linken Arm, Hörstörungen, Nahrungsmittelunverträglichkeiten, Erbrechen und Schmerzen beim Geschlechtsverkehr erlebt. Wegen der unterschiedlichen Symptome war sie unzählige Male bei Ärzten und wurde mehrmals stationär im Krankenhaus behandelt. All dies habe jedoch nie zu einer Besserung und nie zu einer Aufklärung der Ursachen geführt. Aus ihrer Vergangenheit berichtet Frau T., dass sie als ältestes Kind schon früh Verantwortung für ihre jüngeren Geschwister übernehmen musste. Ihre Mutter lag ständig erschöpft oder krank im Bett und hatte nicht die Kraft, sich um sie und ihre Geschwister zu kümmern. Ihr Stiefvater schlug sie häufig und missbrauchte sie jahrelang sexuell. Wenn sie selbst mal krank gewesen sei, habe sich dagegen niemand um sie gekümmert - dabei habe sie sich gerade dann besonders nach Liebe und Zuwendung gesehnt. Aus Sicht der Psychotherapeutin können die Traumatisierung durch den Vater und die fehlende emotionale Nähe der Mutter dazu beigetragen haben, dass eine somatoforme Störung entstanden ist. Dabei kann die körperliche Symptomatik als ein (unbewusster) Versuch angesehen werden, die ersehnte Zuwendung doch noch zu bekommen - nämlich von Ärzten und anderen Behandlern. Gleichzeitig wiederholt sich in ihrer Beziehung zu den Ärzten unbewusst die Problematik aus der Kindheit: Auch von ihnen wird Frau T. vernachlässigt oder „aggressiv“ behandelt.
Stress als Ursache oder Verstärker von Taubheitsgefühlen
Stress ist die Ursache vieler Erkrankungen. Als Ursache von Polyneuropathie wird er nicht immer erkannt. Er kann jedoch sowohl eine primäre als auch eine sekundäre Ursache einer Polyneuropathie sein. Als primäre Ursache, als Hauptauslöser einer Polyneuropathie, kommt Stress seltener in Frage. Häufiger ist er die sekundäre Ursache von Polyneuropathie. Dauernde Stressbelastungen können zu Schlafproblemen, Nervosität, Herz-Kreislauf-Erkrankungen wie Bluthochdruck, Herzrhythmusstörungen oder Herzinfarkt, Schilddrüsenüberfunktion, erhöhter Infektanfälligkeit durch ein geschwächtes Immunsystem, aber auch zu Diabetes führen. Die häufigste Ursache einer Polyneuropathie ist Diabetes mellitus. Durch Stress können die Symptome von Diabetes, aber auch einer Polyneuropathie verstärkt werden. Stress kann die Entstehung einer Gürtelrose begünstigen, die in einigen Fällen die Entstehung einer Polyneuropathie auslöst oder begünstigt.
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Autonome Polyneuropathie und Stress
Macht sich eine Polyneuropathie durch Kribbeln in Händen oder Füßen bemerkbar, handelt es sich um eine periphere Polyneuropathie. Eine autonome Polyneuropathie kann verschiedene Organe wie Herz und Kreislauf, Magen-Darm-Trakt, Nieren und Blase oder Augen beeinträchtigen und sich durch Beschwerden mit diesen Organen bemerkbar machen. Für den Arzt ist es schwer, eine autonome Polyneuropathie zu diagnostizieren und die Ursachen festzustellen. Die Ursachen einer autonomen Polyneuropathie können Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes oder ein erhöhter Blutdruck sein. Stress kann das Entstehen solcher Ursachen begünstigen oder die Ursachen verstärken. Er kann auch selbst eine Ursache einer autonomen Polyneuropathie sein.
Differenzialdiagnose: Abgrenzung zu anderen Ursachen
Es ist wichtig, psychisch bedingte Taubheitsgefühle von anderen möglichen Ursachen abzugrenzen. Dazu gehören:
- Neurologische Erkrankungen: Multiple Sklerose (MS), Parkinson-Krankheit, Schlaganfall, Bandscheibenvorfall, Karpaltunnelsyndrom, Ulnartunnel- und Ulnarrinnensyndrom, Leistentunnelsyndrom, Guillain-Barré-Syndrom (GBS)
- Durchblutungsstörungen: Periphere arterielle Verschlusskrankheit (PAVK), Raynaud-Syndrom
- Erkrankungen der Nerven: Polyneuropathie, Restless-Legs-Syndrom (RLS)
- Andere Ursachen: Vitamin-B12-Mangel, Medikamente, Vergiftungen
Wann sollte man einen Arzt aufsuchen?
Grundsätzlich sollten Missempfindungen, die ohne erkennbare Ursache auftreten oder länger anhalten, ärztlich abgeklärt werden. Denn neben harmlosen Auslösern wie Kälte oder eingeschlafenen Beinen können auch ernste Ursachen wie Durchblutungsstörungen, ein Bandscheibenvorfall oder Nervenerkrankungen hinter den Beschwerden stecken. Tauchen die Taubheitsgefühle plötzlich auf und bestehen zusätzlich Beschwerden wie einseitige Lähmungen oder Probleme beim Sprechen, könnte es sich um einen Schlaganfall handeln. In diesem Fall ist umgehend der Notruf unter 112 zu wählen.
Behandlung und Selbsthilfe
Die Behandlung von Taubheitsgefühlen richtet sich nach der zugrunde liegenden Ursache. Bei psychisch bedingten Taubheitsgefühlen stehen psychotherapeutische Verfahren im Vordergrund. Ergänzend können Entspannungstechniken, Stressmanagement und eine gesunde Lebensweise helfen, die Symptome zu lindern.
Medikamente zur Behandlung der Polyneuropathie
Können die Ursachen einer Polyneuropathie nicht ermittelt werden, erweist sich eine wirksame Behandlung als schwierig. Die Behandlung kann mit Antidepressiva, Antiepileptika, Schmerzmitteln oder Opioiden erfolgen. Neben der medikamentösen Behandlung können weitere Methoden wie die Hochtontherapie mit dem HiToP® PNP oder physiotherapeutische Maßnahmen zum Einsatz kommen.
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Selbsthilfetipps
- Verzicht auf Nikotin: Nikotin beeinträchtigt die Durchblutung und kann Nervenschäden verstärken.
- Ausreichend Bewegung: Bewegung fördert die Durchblutung und stärkt das Nervensystem.
- Vitaminreiche und ausgewogene Ernährung: Eine gesunde Ernährung versorgt das Nervensystem mit wichtigen Nährstoffen.
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