Londoner Taxifahrer sind bekannt für ihre Fähigkeit, sich in dem komplexen Straßennetz der Stadt zurechtzufinden. Um ihre Lizenz zu erhalten, müssen sie "The Knowledge" erwerben, ein immenses Wissen über 25.000 Straßen und 20.000 Sehenswürdigkeiten im Umkreis von sechs Meilen um Charing Cross. Eine neurologische Studie des University College London hat gezeigt, dass dieses intensive Training tatsächlich die Gehirnstruktur der Taxifahrer verändert, insbesondere den Hippocampus, der für Gedächtnis und räumliche Orientierung zuständig ist.
"The Knowledge": Eine Herausforderung für Körper und Geist
Der Weg zum Londoner Taxifahrer ist lang und beschwerlich. Die Kandidaten müssen sich jahrelang dem "Knowledge" widmen, einer der härtesten Prüfungen der Welt. Ylber Loka, ein Taxifahrer-Anwärter, lernt seit dreieinhalb Jahren für die Aufnahmeprüfungen. Morgens steht er um sechs Uhr auf, um vor seiner Schicht als Sushikoch ein paar Stunden mit seiner Honda durch die Stadt zu fahren und sich Routen und Orte einzuprägen. Es gibt kein Anhalten, das ist Lokas Credo, nicht im Leben und nicht im Verkehr. Manchmal ruft Loka dabei laut die Namen der Straßen, über die er brettert, durch die Häuserschluchten.
Das "Knowledge" umfasst nicht nur das Auswendiglernen von Straßennamen und Sehenswürdigkeiten, sondern auch die Fähigkeit, die kürzesten Routen zwischen zwei beliebigen Orten zu finden. Die Kandidaten müssen sich auch mit Hotels, Restaurants, Krankenhäusern, Botschaften, Kirchen, Theatern und Friedhöfen auskennen. Der viktorianische Polizeipräsident Sir Richard Mayne führte die berüchtigte Prüfung ein, nachdem sich Fahrgäste während der Weltausstellung von 1851 darüber beschwert hatten, dass die Taxifahrer sich mit ihren Droschken verfahren hätten.
Die Prüfungen sind rigoros. Wer das schriftliche Examen schafft, auf den warten die mündlichen Prüfungen. Der Prüfer gibt dem Kandidaten dabei zwei Punkte, die irgendwo innerhalb eines Radius von sechs Meilen um die Kreuzung Charing Cross im Zentrum Londons liegen. Der Kandidat muss dann die kürzeste Route zwischen diesen beiden Orten aufsagen. Die Prüfer können tückisch sein. Mal wollen sie zu einer im Mauerwerk versteckten Statue gebracht werden, mal auf der Strecke keine einzige Ampel überqueren.
Veränderungen im Hippocampus
Die Studie des University College London ergab, dass der Hippocampus von Londoner Taxifahrern ausgeprägter ist als bei anderen Menschen. Das Team um Eleanor Maguire durchleuchtete nun mit Kernspintomographie die Gehirne von 16 männlichen Taxifahrern und 50 Kontrollpersonen. Und tatsächlich scheint der mentale Stadtplan deutliche Spuren im Gehirn zu hinterlassen: Der hintere Hippocampus der Taxifahrer war deutlich größer und anders geformt als der ihrer Mitmenschen. Und je länger sie schon andere durch die Gegend kutschierten, desto ausgeprägter war der Unterschied. Also scheint die wachsende Erfahrung und nicht eine bereits vorhandene Orientierungsfähigkeit dafür verantwortlich zu sein, dass die professionellen Chauffeure auch bei ausgefallenen Wünschen stets die beste Route finden. Die Neurologen fanden auch heraus, dass die Hippocampi umso stärker entwickelt waren, je mehr Berufserfahrung die Taxifahrer hatten.
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Ob das an verstärkten Verbindungen zwischen bereits existierenden Neuronen oder der Produktion komplett neuer Zellen liegt, ist noch nicht erforscht. Aber sicher ist: Das Knowledge ändert die Größe des Gehirns. Nur besser. "Selbst bei Erwachsenen kann sich das Gehirn anpassen, wenn neue Fähigkeiten erlernt werden", sagt Fleonore Maguire vom University College London.
Möglicher Schutz vor Alzheimer
Die Studie legt auch nahe, dass das Training der räumlichen Orientierung vor Alzheimer schützen könnte. Eine weitere Studie um Vishal Patel von der Harvard Medical School überprüfte, ob Taxifahrer seltener an Alzheimer sterben als Menschen mit anderen Berufen. Dafür werteten die Forschenden die Sterbeurkunden von fast neun Millionen Erwachsenen aus, die in den Jahren 2020 bis 2022 in den USA verstorben sind. Die Auswertung ergab, dass 1,69 Prozent aller untersuchten Menschen an Alzheimer starben. Bei den Taxifahrern starben hingegen nur 1,03 Prozent an dieser Krankheit und bei den Krankenwagenfahrern sogar nur 0,91 Prozent.
Den Grund für diese Unterschiede vermuten Patel und seine Kollegen in der Art des Fahrens bei diesen Berufen: Zwar steuern alle ein Verkehrsmittel, aber Busse, Schiffe und Flugzeuge folgen eher vorgegebenen Fahr- oder Flugrouten, während Taxis und Krankenwagen ständig neuen Routen folgen. Da bei diesen Personen der Hippocampus aktiver ist, könnte das verminderte Sterberisiko auf die regelmäßige Nutzung dieses Hirnareals zurückgehen.
Die Bedeutung des "Knowledge" in der modernen Welt
In einer Zeit, in der Navigationsgeräte allgegenwärtig sind, stellt sich die Frage, ob das "Knowledge" noch relevant ist. Als die Zeitung The Guardian einen Cabbie gegen einen mit einem Satellitennavigationsgerät ausgestatteten Uber-Fahrer ins Rennen schickte, brauchte der für die Strecke zwischen King’s Cross und Big Ben vier Minuten weniger - indem er eine längere, aber schnellere Route wählte.
Mark Baxter, ein Lehrer an der Eleanor Cross Knowledge School, weiß: "Das Erfolgsgefühl, wenn du den letzten Test bestanden hast, ist unglaublich". Ganz konkret steht The Knowledge für eine der großen Fragen unserer Zeit: Wie viel Wissen sollte der Mensch extern lagern, und über wie viel sollte er selbst verfügen? Muss ein Mensch unbedingt jede Gasse einer Stadt kennen, um einige Minuten früher am Ziel zu sein? Vielleicht nicht. Aber ist es nicht wunderbar, dass er es kann? Ist das nicht wertvoll genug?
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