Ein Schlaganfall ist ein medizinischer Notfall, bei dem jede Minute zählt ("Time is brain"). Je schneller ein Patient behandelt wird, desto mehr Nervenzellen können gerettet werden. Glücklicherweise gibt es ein breites Spektrum an Therapie- und Rehamaßnahmen, besonders wenn der Patient schnell in einer spezialisierten Stroke Unit behandelt wird. In Deutschland erleidet alle 3 Minuten ein Mensch einen Schlaganfall. Der Schlaganfall ist die häufigste Ursache für bleibende Behinderungen. Jährlich erleiden 270.000 Menschen in Deutschland einen Schlaganfall. Bei bis zu 70 % der Schlaganfall-Betroffenen bleiben lang anhaltende Behinderungen zurück.
Akuttherapie
Nach einem akuten Schlaganfall versuchen Ärzte, die Schäden im Gehirn so gering wie möglich zu halten. Viele Kliniken haben spezielle Abteilungen für Schlaganfallpatienten, sogenannte Stroke Units, die auf die multidisziplinäre Behandlung von Schlaganfällen spezialisiert sind.
Thrombolyse und Thrombektomie
Wenn ein Blutgerinnsel den Schlaganfall verursacht hat, wird - wenn möglich - eine Thrombolyse oder Lyse-Therapie durchgeführt. Dabei werden Medikamente verabreicht, die das Blutgerinnsel auflösen sollen. Diese Therapie kann in bestimmten Fällen bis zu neun Stunden nach Auftreten der ersten Symptome erfolgen.
Eine weitere Methode ist die Thrombektomie, die bei größeren Blutgefäßverschlüssen im Gehirn eingesetzt wird. Dabei wird ein Katheter über die Leistenarterie eingeführt, um das verschlossene Gefäß wieder zu öffnen, ähnlich wie bei einer Herzkatheteruntersuchung. Ärzte versuchen, wenn möglich, beide Verfahren (Thrombolyse und Thrombektomie) zu kombinieren, um die Erfolgsaussichten zu erhöhen. Je früher die Behandlung erfolgt, desto besser sind die Erfolgsaussichten.
Behandlung von Hirnblutungen
Ist der Schlaganfall Folge einer Hirnblutung, kann eine Operation am offenen Gehirn erforderlich sein, abhängig von Art und Lokalisation der Blutung. In der Regel erfolgt die Überwachung auf der Stroke Unit, um den Blutdruck rasch zu senken und Komplikationen früh zu erkennen und zu behandeln. Bewusstlose oder beatmungspflichtige Patienten werden direkt auf die Intensivstation verlegt und ganzheitlich überwacht. Blutdruck und Blutzucker müssen exakt eingestellt werden.
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FAST-Test
Typische Symptome eines Schlaganfalls können Lähmungen und Taubheitsgefühle auf einer Körperseite sowie Sprachschwierigkeiten, Sehstörungen und Schwindel sein. Der FAST-Test hilft, einen Schlaganfall schnell zu erkennen:
- Face: Bitten Sie die Person zu lächeln. Hängt ein Mundwinkel herab?
- Arms: Kann die Person beide Arme mit den Handflächen nach oben nach vorne strecken?
- Speech: Kann die Person einen einfachen Satz nachsprechen?
- Time: Keine Zeit verlieren und sofort den Notruf wählen!
Rehabilitation nach Schlaganfall
Die Rehabilitation nach einem Schlaganfall ist stets individuell, da kaum ein Schlaganfall dem anderen gleicht. Der Krankenhausaufenthalt dauert etwa sieben bis zehn Tage. Danach sind weiterführende Reha-Maßnahmen sinnvoll, insbesondere die neurologische Reha.
Frührehabilitation
Oberstes Ziel der Frührehabilitation ist es, die körperlichen Funktionen wiederherzustellen, die durch den Schlaganfall geschädigt wurden. Je früher geeignete Therapiemaßnahmen und Übungen umgesetzt werden, desto eher können die Symptome behandelt und schwerere Folgeschäden verringert werden. Viele Reha-Maßnahmen werden heute ambulant, aber auch in stationären geriatrischen oder neurologischen Reha-Kliniken angeboten. Seit 2007 haben viele ältere Patienten einen Rechtsanspruch auf eine geriatrische Rehabilitation. Hausärzte koordinieren häufig die weitere Behandlung nach der Klinikentlassung, um das gewohnte Alltagsleben so weit wie möglich wiederherzustellen. Vor allem in den ersten sechs Monaten nach einem Schlaganfall sollte besonders viel trainiert werden. Je nach Bedarf können verschiedene Maßnahmen und Therapien ärztlich verordnet werden.
Maßnahmen und Therapien in der Rehabilitation
Je nach Bedarf kann der Arzt geeignete Hilfsmittel verschreiben, die den Alltag erleichtern. Es ist wichtig, offen über alle Herausforderungen in der Alltagsgestaltung zu sprechen, da verlorengegangene Fähigkeiten unter Umständen wieder vollständig erlernt werden können. Schlaganfallpatienten benötigen viel Geduld, da das Gehen und Sprechen oft neu erlernt werden muss. Die Dauer des Reha-Aufenthalts richtet sich nach mehreren Faktoren.
Arm-Robot-Therapie
Die Arm-Robot-Therapie kann für Menschen mit lähmungsbedingten Bewegungsstörungen im Arm bzw. der Hand sinnvoll sein. Sie wird in der Regel zusätzlich zu anderen Therapiemaßnahmen eingesetzt und kommt überwiegend in den ersten Wochen und Monaten nach dem Schlaganfall zum Einsatz, kann aber auch im chronischen Stadium noch Erfolge erzielen. Ziel ist es, die Ansteuerung des Armes und der Hand bei schweren Lähmungen wiederzuerreichen. Der betroffene Arm wird oft in eine Art Roboterschiene gelegt, die die Bewegungen unterstützt.
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Aufgabenorientiertes Training (AOT)
Aufgabenorientiertes Training kommt unter anderem für Menschen mit grob- und feinmotorischen Störungen infrage, wie sie zum Beispiel bei einer halbseitigen Lähmung auftreten. Ziel ist es, die einzelnen Bewegungsabläufe zu verbessern, sei es beim Gehen oder bei Arm- und Handbewegungen. Das Training orientiert sich an einem konkreten Alltagsbezug der Übungen. Die jeweilige Handlung wird sehr oft wiederholt, und die Patienten üben an der Leistungsgrenze.
Bobath-Konzept
Das Bobath-Konzept wird zur Befundaufnahme und Behandlung von Menschen mit Störungen des Muskeltonus verwendet. Auch bei sensiblen Störungen kann die Bobath-Therapie angewendet werden. Ziel ist die Verbesserung der funktionellen Fähigkeiten, sodass der Patient wieder am täglichen Leben teilnehmen kann. Im Unterschied zu anderen Therapiekonzepten gibt es im Bobath-Konzept keine standardisierten Übungen. Es ist ein 24 Stunden-Konzept, mit dem möglichst früh begonnen werden sollte.
CIMT-Therapie
Die "Constraint-Induced Movement Therapy" (CIMT) ist sinnvoll, wenn ein Arm nicht in vollem Umsatz einsatzfähig ist und die Betroffenen diese Seite vernachlässigen. Ziel ist es, den verstärkten Einsatz des betroffenen Armes im Alltag zu fördern. Der nicht-betroffene Arm wird über mehrere Stunden täglich immobilisiert, sodass die Betroffenen gezwungen sind, die schwächere Seite intensiv einzusetzen. Wichtig ist, dass keine vollständige Lähmung vorliegt und die Handfunktion teilweise noch erhalten ist.
Elektrostimulation
Durch einen Schlaganfall funktioniert die Signalweiterleitung vom Gehirn über das Rückenmark und die Nervenbahnen an den Muskel teilweise nicht mehr. Die Elektrotherapie kann dabei helfen, Bewegungsabläufe mit Unterstützung von Elektrostimulation wieder zu erlernen. Es gibt verschiedene Formen der Elektrostimulation:
- Neuromuskuläre Elektrostimulation (NMES): Elektroden werden auf dem betroffenen Muskel platziert, um Nerven und Muskeln zu stimulieren und eine Bewegung zu erzeugen.
- EMG (Elektromyographie)-getriggerte Elektrostimulation (EMG-ES): Die EMG-Elektroden werden auf der Muskelgruppe platziert, die therapiert werden soll. Ab einem gewissen Maß an Muskelaktivität erfolgt die elektrische Stimulation.
- Funktionelle Elektrostimulation (FES): Mehrere Elektroden werden auf die Haut geklebt, um mehrere betroffene Muskeln durch elektrische Stimulation dazu zu bringen, sich zusammenzuziehen.
Laufbandtraining
Das Laufbandtraining hilft vor allem bei der Verbesserung der Gehgeschwindigkeit und Ausdauer. Bei Bedarf besteht die Möglichkeit, ein Gurtsystem anzulegen, um das Körpergewicht während des Übens zu verringern. Während des Gehtrainings besteht die Möglichkeit, bestimmte Muskeln, die beim Gehen gebraucht werden, über elektrische Nervenimpulse gezielt anzusteuern (transkutane elektrische Nervenstimulation, TENS). Sprunggelenksorthesen helfen Betroffenen mit einer Fußheberschwäche.
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Weitere Aspekte der Rehabilitation
- Unterstützung im Alltag: Ergotherapeuten beraten Patienten und Angehörige, was getan werden kann, damit die Betroffenen in ihrer vertrauten Umgebung bleiben können. Häufig reicht es, Gehhilfen, Rollstuhl oder Treppenlift anzuschaffen.
- Psychische Gesundheit: Viele Patientinnen und Patienten entwickeln in Folge des Schlaganfalls eine Depression, da sich ihr Leben massiv verändert hat. Eine Depression ist eine schwere Erkrankung, die von Anfang an konsequent behandelt werden muss.
- Selbsthilfegruppen: Sowohl für Schlaganfallpatienten selbst als auch für deren Angehörige können Schlaganfall-Selbsthilfegruppen eine große Unterstützung sein, um mit den Folgen und Auswirkungen eines Schlaganfalls zu leben. Die Stiftung Deutsche Schlaganfall-Hilfe ist eine gute Adresse, um Kontakt zu Selbsthilfegruppen aufzunehmen.
- Ernährung: Eine besondere Ernährung nach einem Schlaganfall kann eine gute Prävention sein, um einen weiteren Schlaganfall zu verhindern. Eine gesunde Ernährung im Alter kann Risikofaktoren wie zu hohe Cholesterin- oder Zuckerwerte in Schach halten. Es wird empfohlen, sich an den Grundregeln der „mediterranen Diät“ zu orientieren: Eine Mischkost aus viel Obst und Gemüse, Olivenöl, Fisch sowie wenig rotem Fleisch.
- Schluckstörungen: Ein Schlaganfall führt bei etwa der Hälfte der Betroffenen zu einer akuten Schluckstörung, rund ein Viertel der Betroffenen leidet an einer chronischen Schluckstörung (Dysphagie). Ein gestörter Schluckreflex muss immer behandelt werden, um Mangelernährung und das Eindringen von Nahrungsresten in die Lunge zu vermeiden.
- Fahrtauglichkeit: Ob man nach einem Schlaganfall wieder Auto fahren kann, sollte man zunächst mit seinem Arzt besprechen. Zur Überprüfung der Eignung kann man sich bei der zuständigen Fahrerlaubnisbehörde der Kommune melden.
Risikofaktoren und Prävention
Das Risiko, nach einem Schlaganfall einen weiteren Apoplex zu erleiden, ist groß. Risikofaktoren sind vor allem Bluthochdruck, Diabetes, hohe Blutfette, Rauchen, Übergewicht und Bewegungsmangel. Diese Faktoren begünstigen Arteriosklerose. Eine gesunde Lebensweise, die auf fettreiche Ernährung und Rauchen verzichtet und Bewegung einschließt, kann helfen, einem Schlaganfall vorzubeugen. Ein aktiver, beweglicher Lebensstil mit regelmäßiger Ausdauerbelastung hilft, dem Schlaganfall vorzubeugen.
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