Einführung
Die moderne Neurowissenschaft sieht mentale Prozesse oft als Produkte neuronaler Prozesse. Führende Neurowissenschaftler stellen Fragen wie: "Ist das Ich nicht eigentlich im Gehirn? Wird die Welt nicht doch im Gehirn hervorgebracht?" und behaupten: "Die Neuronen, die in einem gewaltigen Netzwerk verbunden sind, das sind Sie." Der Philosoph und Psychiater Thomas Fuchs widerspricht dieser Auffassung und betont, dass der lebendige Mensch und sein Bewusstsein nicht auf reine Gehirnprozesse reduziert werden dürfen. Dieser Artikel beleuchtet Fuchs' Kritik am neurowissenschaftlichen Reduktionismus und seine alternative, ökologische Sichtweise auf das Gehirn als Beziehungsorgan.
Die reduktionistische Sichtweise der Neurowissenschaften
Aktuelle neurobiologische Konzeptionen von Geist und Gehirn tendieren zu einer reduktionistischen Auffassung von Subjektivität als einem bloßen Konstrukt des Gehirns. Diese Sichtweise vernachlässigt laut Fuchs den lebendigen Menschen und seine Interaktionen mit der Umwelt. Er argumentiert, dass, wenn wir fühlen, denken, entscheiden oder küssen, dies Vorgänge sind, die von Menschen aus Fleisch und Blut vorgenommen werden und nicht dem Gehirn zugeschrieben werden können.
Die Elimination des Subjektiven
Fuchs kritisiert, dass der in den Naturwissenschaften bislang so erfolgreiche Weg der schrittweisen Elimination des Subjektiven in eine methodologische Sackgasse führt, wenn es um die Reduktion der Subjektivität selbst geht. Im Falle des Gehirns gerät der Reduktionismus in unlösbare Aporien. Die Rede über Gehirne setzt voraus, was angeblich von ihnen hervorgebracht werden soll: bewusste und sich miteinander verständigende Personen. Er sieht in der Neurobiologie eine spezialisierte Form menschlicher Praxis, die der Lebenswelt entstammt und die nicht einen Standpunkt außerhalb von ihr gewinnen kann.
Kritik an der Vereinfachung komplexer Ergebnisse
Fuchs bemängelt, dass Experten Ergebnisse vereinfachen, um sie laiengerecht zu vermitteln, wobei der Kontext oft ausgeblendet wird. Er greift einzelne, pointierte Sätze aus den Büchern prominenter Hirnforscher heraus und prangert deren Aussage an, was es ihm leicht macht, reduktionistische Tendenzen aufzuzeigen.
Fuchs' Gegenentwurf: Das Gehirn als Beziehungsorgan
Thomas Fuchs stellt der reduktionistischen Sichtweise eine 'ökologische' Sichtweise gegenüber, die das Gehirn in die kreisförmigen Beziehungen von Organismus und Umwelt einbettet. Er betont, dass das Gehirn nicht isoliert betrachtet werden darf, sondern als ein Organ, das die Beziehungen des Organismus zu anderen Menschen und zum eigenen Umfeld vermittelt.
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Das Gehirn als Vermittlungsorgan
Das Gehirn ist das Organ, das unsere Beziehungen zur Welt, zu anderen Menschen und zu uns selbst vermittelt. Es ist der Mediator, der uns den Zugang zur Welt vermittelt, der Transformator, der Wahrnehmungen und Bewegungen miteinander verknüpft. Das Gehirn an sich wäre nur ein totes Organ. Lebendig wird es erst in Verbindung mit unseren Muskeln, Eingeweiden, Nerven und Sinnen, mit unserer Haut, unserer Umwelt und mit anderen Menschen.
Die Bedeutung der Interaktion mit der Umwelt
Da die Interaktion insbesondere mit der sozialen Umwelt auch die Mikrostruktur des Gehirns fortlaufend verändert, ist es als gleichermaßen biologisch, sozial und geschichtlich geprägtes Organ anzusehen. Unser Gehirn ist auch ein Vermittlungsorgan für unsere Beziehungen zur Umwelt (einschließlich der anderen Menschen). Fuchs sieht das Gehirn als ein Beziehungsorgan, das sich nur als Organ eines Lebewesens in seiner Umwelt adäquat begreifen lässt. Es ist zum einen in den Organismus selbst eingebunden, zum anderen über dessen vielfältige, insbesondere sensomotorische Interaktionen eingebettet in die natürliche und soziale Umwelt.
Verkörperte Subjektivität
Fuchs sieht damit Subjektivität wesentlich verkörpert: Der Körper ist nicht bloßer Inhalt oder Objekt, sondern als Leib selbst konstitutives Moment des Subjekts. Wir sind in all unseren Gefühlen, Gedanken, Wahrnehmungen und Handlungen leibliche und damit zugleich auch physische Wesen. In den menschlichen Lebensvollzügen und Lebensäußerungen zeigt sich diese Doppelnatur: diese zeigen einerseits bestimmte Konfigurationen physiologischer (insbesondere auch neuronaler) Prozesse, andererseits auch Äußerungen, Erlebnisse und Tätigkeiten des gesamten Individuums als eines lebendigen Ganzen: Der Organismus muss zugleich ein Subjekt sein.
Das Lebewesen als primäre Einheit
Fuchs sieht das Lebewesen als die primäre Einheit, an der sich von einer Seite her integrale (leibliche, seelische, geistige) Lebensäußerungen, von der anderen Seite her physiologische Prozesse in beliebiger Detailliertheit feststellen lassen. Diese Komplementarität der Aspekte lässt sich mit den zwei Seiten einer Münze vergleichen, von denen immer nur eine ohne die andere sichtbar wird, die also weder miteinander identisch sind noch einander überlappen, sondern die allenfalls aufeinander verweisen können.
Die drei Thesen von Thomas Fuchs
Fuchs fasst seine Kritik und seine alternative Sichtweise in drei Thesen zusammen:
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- Die Welt ist nicht im Kopf.
- Das Subjekt ist nicht im Gehirn.
- Im Gehirn gibt es keine Gedanken.
Er argumentiert, dass Denken, Fühlen, Entscheiden und Handeln Lebensvollzüge sind, die sich nur von einem Wesen aus Fleisch und Blut und nur im Zusammenhang mit seiner Lebenssituation aussagen lassen. Das Gehirn mag viele bemerkenswerte Eigenschaften haben, es mag auch der zentrale Ort bewusstseinstragender Prozesse sein, aber Bewusstsein hat es nicht.
Die Rolle des Leibes
Menschliche Subjektivität ist verkörperte oder leibliche Subjektivität. Der Leib ist das Ensemble aller Fähigkeiten und Vermögen, die uns zur Verfügung stehen. Leib ist der Mensch auch für die anderen, die ihn selbst in seinem Ausdruck, seiner Haltung und seinen Äußerungen unmittelbar „leibhaftig“ wahrnehmen - also nicht als eine Kombination von reinem Körper und verborgener Psyche, sondern als ein geeintes Ganzes.
Die Bedeutung der Interaktion für die Entwicklung des Gehirns
Die Entwicklung des verkörperten menschlichen Geistes bedarf nicht nur der Interaktion von Gehirn, Körper und Umwelt, sondern vor allem der Interaktion mit anderen Menschen. Im Zuge dieser biographisch fortschreitenden Interaktionen wird das Gehirn zu einem sozialen, kulturellen und geschichtlichen Organ. Freilich handelt es dabei nicht um eine Vernetzung von „Gehirnen“, wie es Neurobiologen gerne formulieren, sondern um die Interaktion und gemeinsame Praxis von leiblichen Wesen, also um verkörperte Intersubjektivität.
Autopoietische Systeme
Als autopoietische Systeme setzen sich Lebewesen von ihrer Umgebung ebenso ab wie sie zu ihr in Wechselbeziehung stehen. Aufgrund ihrer inneren Struktur erzeugen Lebewesen selbst erst den Ausschnitt der Umgebung, der für sie als Umwelt bedeutsam und wirksam wird. An die Stelle linearer Kausalität tritt eine spezifische Verknüpfung von Reiz und Reaktion, von Wahrnehmung und Antwort. Lebewesen werden daher nicht von physikalischen Einwirkungen aus der Umgebung determiniert, sondern sie antworten auf wahrgenommene Reize aus ihrem Zentrum heraus, durch eine Reizkonfiguration ihres Gesamtsystems.
Die Funktion des Gehirns im Funktionskreis
Dabei kann das Gehirn als ein Vermittlungsorgan oder „Transformator“ sowohl im Funktionskreis von Organismus und Umwelt als auch im Funktionskreis von Ganzem oder Teilen innerhalb des Organismus aufgefasst werden. Beide Funktionskreise sind in den Vermögen von Lebewesen ineinander verschränkt. Vermögen bedeutet dabei die strukturell gegebene Fähigkeit eines Lebewesens, bestimmte Leistungen zu vollziehen. Ein Vermögen wirkt für Fuchs wie ein Schlüssel zu passenden Schlössern in der Umwelt, denn es hat sich - phylo- oder ontogenetisch - in und an dieser Umwelt herausgeformt.
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Die Plastizität des Gehirns
Das Gehirn dient als zentrales Organ für diese Ausformung, insofern sich wiederholende Erfahrungen des Lebewesens im hochgradig plastischen neuronalen System niederschlagen. Tritt nun die geeignete Gelegenheit ein, so kann das Lebewesen sein Vermögen realisieren, wobei sich innerorganismische Teilprozesse (vertikal) ebenso wie Organismus und Umwelt (horizontal) zu einer kooperierenden Einheit zusammenschließen. Daher realisieren sich die entsprechenden Leistungen auch nicht starr und mechanisch, sondern immer flexibel angepasst an die Erfordernisse der konkreten Situation.
Affekte und die Interaktion von Gehirn und Körper
Auch die Affekte sind als Kern unseres subjektiven Erlebens an die ständige Interaktion von Gehirn und Körper gebunden. Stimmungen und Gefühle sind biologisch betrachtet prototypische gesamtorganische Zustände, die nahezu alle Subsysteme des Körpers einbeziehen. Die Beziehung von Organismus und Objekt bedeutet nun nicht das Einwirken von einem System auf das andere, sondern eine Rekonfiguration des Gesamtsystems von Organismus und Umwelt, in der sich eine bereits vorbestehende komplementäre Beziehung neu aktualisiert.
Kritik am Begriff der Repräsentation
Fuchs kritisiert den von den Philosophen in diesem Zusammenhang verwendeten Begriff der Repräsentation. Dieser beruht auf einer prinzipiellen Trennung von Organismus und Umwelt und damit auf einer Wahrnehmungstheorie, die uns nicht mit der Welt selbst in Verbindung bringt, sondern nur mit internen Abbildern oder Konstrukten. Doch Hirnzustände weisen als solche keine mentalen bzw. semantischen Gehalte aus; sie können die Welt nicht „beschreiben“, denn sie sind nur beteiligt an den Situationen, aus deren Kontext sich jene Gehalte ergeben. Der Hirnzustand für sich genommen ist nur ein Fragment des gesamten Funktionskreises, der bestimmten Umweltbestandteilen Bedeutungen zuweist bzw. die Leerstellen erzeugt, in die sie einrücken können.