Die Tiefe Hirnstimulation (THS) ist eine etablierte operative Behandlungsmethode für das idiopathische Parkinson-Syndrom (IPS), die darauf abzielt, die motorischen Fähigkeiten der Betroffenen zu verbessern. Diese als "Hirnschrittmacher" bekannte Prozedur kann jedoch neben der Motorik auch Auswirkungen auf die Kognition, das Sozialverhalten und somit auf den Alltag der Patienten haben. Aktuelle Forschung untersucht, inwieweit sich die THS auf das Sozialverhalten auswirkt und welche Faktoren diese Veränderungen beeinflussen. Ein wichtiger Aspekt dieser Forschung ist die Berücksichtigung von Geschlechterunterschieden, da sich Symptomatik und Risikofaktoren bei Parkinson auch vom Geschlecht abhängig zeigen.
Tiefe Hirnstimulation: Eine etablierte Therapie bei Parkinson
Die Tiefe Hirnstimulation (THS) ist ein anerkanntes operatives Verfahren zur Behandlung des Parkinson-Syndroms, das zur Verbesserung der motorischen Fähigkeit eingesetzt wird. Eine Vielzahl von Studien konnte die Wirksamkeit der THS zur Verbesserung der motorischen Funktion und eine daraus resultierende erhöhte Lebensqualität nachweisen. In der Regel kann nach der Operation die Parkinsonmedikation deutlich reduziert werden.
Auswirkungen der THS auf Kognition und Sozialverhalten
Die Verfahrensweise, die auch als "Hirnschrittmacher" bezeichnet wird, kann allerdings neben der verbesserten Bewegungsfähigkeit Auswirkungen auf Aufmerksamkeit und Konzentrationsvermögen und damit auch auf den Alltag der Betroffenen haben. Dies kann zur Folge haben, dass einige Betroffene beispielsweise nicht mehr in der Lage sind, ihren Beruf auszuüben. Neben der signifikant verbesserten Motorik hat sich jedoch auch gezeigt, dass sich kognitive Funktionen verschlechtern können und Patienten häufig nicht mehr ins Berufsleben zurückkehren können (sofern sie sich noch nicht im Ruhestand befanden). Welche kognitiven und sozialen Veränderungen dies sind und was genau diese Symptome verursacht, ist Gegenstand aktueller Forschung.
Mit der hier vorgestellten Studie möchten wir das Sozialverhalten bei IPS-Patienten mit THS im Bereich des Nucleus subthalamicus (STN) und IPS-Patienten ohne THS untersuchen und mögliche Determinanten der Änderungen (soziodemographische, (neuro-)psychologische, klinische, bei THS-Patienten elektrodenspezifische Parameter) bestimmen. Ein Verständnis dieser Mechanismen kann als Grundlage für Interventionen bzw. die Berücksichtigung entsprechender THS OP-Parameter fungieren. Der Erkenntnisgewinn aus dieser Studie ist daher sowohl für die praktische Anwendung der THS als auch für die (sozial-)kognitive Grundlagenforschung von großem Interesse.
Geschlechterunterschiede bei Parkinson und THS
Symptomatik und Risikofaktoren hängen bei Parkinson auch vom Geschlecht ab. Die Ergebnisse zeigen: Bei weiblichen und männlichen Parkinson-Patienten verläuft die Erkrankung unter anderem im Hinblick auf die motorischen Beschwerden anders. Insgesamt manifestieren sich solche Symptome bei Frauen später als bei Männern. Der sogenannte Tremor ist bei ihnen häufiger das erste eindeutige Symptom und geht oftmals mit Stürzen und Schmerzen einher. Männer haben dagegen oft stärkere Probleme, was die Körperhaltung angeht. Daneben scheint es auch Unterschiede bei den nicht-motorischen Symptomen zu geben, wie die Auswertungen nahelegen. Demnach sind unspezifische Beschwerden wie Depression, Verstopfung oder starkes Schwitzen bei Frauen häufiger und stärker ausgeprägt. Männer zeigen hingegen deutlichere Einschränkungen in Bezug auf ihre geistigen Fähigkeiten.
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Doch nicht nur die Symptome sind bei Morbus Parkinson abhängig vom Geschlecht: Wie die Wissenschaftler herausfanden, unterscheidet sich offenbar auch der Einfluss bestimmter genetischer und biologischer Risikofaktoren bei Männern und Frauen. Den Forschern zufolge scheint diese Behandlung bei Männern die motorischen Einschränkungen deutlicher verbessern zu können. Wie aber lassen sich diese Unterschiede erklären? Die Wissenschaftler haben unter anderem die Geschlechtshormone in Verdacht. Denn diese Botenstoffe wirken im gesamten Gehirn und könnten somit auch die Entstehung und das Fortschreiten der neurodegenerativen Erkrankung beeinflussen. Vor allem Östrogene scheinen in diesem Zusammenhang eine Rolle zu spielen.
Unterrepräsentation von Frauen bei THS
Auch bei der Behandlung von Patientinnen mit der THS konnte in früheren Studien eine geschlechtsspezifische Versorgungslücke im Vergleich zur Prävalenz der PK beobachtet werden. In der vorliegenden Arbeit wurden in einer Querschnittskohorte mit 316 Parkinsonpatientinnen der Uniklinik Köln die Geschlechterverhältnisse bei den verschiedenen Schritten, die von der Indikationsprüfung bis zur Elektrodenimplantation durchlaufen werden, geprüft. Die Ergebnisse dieser Arbeit zeigen, dass Parkinsonpatientinnen bereits bei der Indikationsprüfung unterrepräsentiert sind. Im Vergleich zu männlichen Parkinsonpatienten wird bei ihnen häufiger eine positive Indikation für die THS gestellt, dennoch werden signifikant weniger Frauen operiert. Weibliche Patientinnen sind zum Zeitpunkt der Operation länger erkrankt und weisen häufiger Dyskinesien auf.
Gleiche Wirksamkeit der THS bei beiden Geschlechtern
Es konnte zudem gezeigt werden, dass sich weibliche und männliche Patientinnen nach der Operation gleichermaßen bezüglich der motorischen und nicht-motorischen Symptome sowie der Lebensqualität verbessern. Die Gründe für die beobachtete geschlechtsspezifische Versorgungslücke scheinen demnach nicht die klinischen Effekte der Behandlung zu sein, sondern sind auf nicht-klinische Faktoren zurückzuführen. Deshalb sollte in Zukunft mehr Aufmerksamkeit auf den Entscheidungsprozess der Patientinnen und die Auswahlverfahren der überweisenden Ärzt*innen gerichtet werden. Da sich bei der genaueren Betrachtung einzelner NMS unterschiedliche geschlechtsspezifische Wirkungsprofile der THS zeigen, ist eine ganzheitliche klinische Untersuchung motorischer und nicht-motorischer Symptome vor der Implantation notwendig.
Mögliche Ursachen für Geschlechterunterschiede
„Insgesamt sind wir aber noch weit davon entfernt zu verstehen, was den beobachteten Geschlechtsunterschieden im Detail zugrunde liegt“, erklären die Forscher. Sie hoffen, dass in Zukunft mehr in die Erforschung der Rolle des Geschlechts bei Parkinson investiert wird - und sich dies eines Tages in besseren Therapien für Männer und Frauen niederschlägt. „Die Unterschiede zwischen Männern und Frauen legen nahe, dass wir dringend personalisierte und geschlechtsspezifische Ansätze in der Parkinson-Therapie brauchen“, so das Fazit von Blandini und seinen Kollegen.
Aktuelle Forschungsprojekte und Studien
Aktuelle Studien haben bereits eine Reihe von Unterschieden zwischen den Geschlechtern ergeben: So erkranken Männer nicht nur häufiger, sondern auch früher an Parkinson. Bei Frauen trifft man eher den tremor-dominanten Subtyp an, d.h. sie leiden mehr am parkinson-typischen Zittern, aber weniger am Rigor, der ebenfalls häufigen Muskelsteifigkeit. Interessant ist auch, dass Männer und Frauen, was ihre Motorik betrifft, gleichermaßen von der Therapie durch die Tiefe Hirnstimulation, einen neurochirurgischen Eingriff in das Gehirn, profitieren. Festgestellt wurde aber auch, dass sich die gesundheitsbezogene Lebensqualität stärker bei Frauen durch diese Therapie verbesserte, wenngleich bei weiblichen Patienten wiederum mehr depressive Symptome verzeichnet werden.
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LANDSCAPE-Studie
Als Partner in der vom BMBF geförderten multizentrischen Kohortenstudie „LANDSCAPE“, geleitet vom Universitätsklinikum Marburg, können wir auf eine gute Datenbasis zu kognitiven Störungen und Demenz bei über 600 Patient/innen mit Morbus Parkinson zurückgreifen. Dabei ergab sich, dass Frauen zunächst - wie auch in der gesunden Bevölkerung feststellbar - verbal und in Bezug auf Gedächtnis besser sind, Männer sich dagegen bei räumlichen Aufgabenstellungen als besser erweisen. Im Verlauf der Erkrankung änderte sich das insofern, als dass Frauen - von ihrem höheren Level - rascher absanken, was verbale wie auch Gedächtnisleistungen betraf. Fazit für uns: Die Erkrankung beeinträchtigt im Hinblick auf kognitive Veränderungen Frauen stärker. Das ließ sich sowohl bei Parkinson wie auch bei Alzheimer feststellen.
Einfluss der kognitiven Reserve
Sicher eine nicht unerhebliche. So gibt es - durch familiären Kontext, Bildung, Aktivitäten im Laufe des Lebens - eine so genannte kognitive Reserve, die bei Erkrankungen wie den genannten zum Tragen kommt. Frauen, die heute in höherem Alter sind, hatten mit Blick auf ihre Biographie und ihren Lebensverlauf oft nicht so viele Möglichkeiten, derartige Reserven anzulegen. Das wird sich ändern - durch bessere Schulbildung, Berufstätigkeit, Eingebundensein in die Gesellschaft. Die Frage, wie sich das Gehirn von Frauen und Männern unterscheidet, ist deshalb nicht endgültig zu beantworten, sondern immer nur bezogen auf den aktuellen Wissensstand … Wir leisten dazu mit unseren Forschungen einen Beitrag, der aber auch dazu auffordert, am Thema und damit an weiteren Forschungen dranzubleiben. Was nicht zuletzt bedeuten muss, dass die neu gewonnenen Erkenntnisse zum einen in die Lehre, aber auch in die Klinik und die Gesundheitsversorgung eingebracht werden müssen. Das betrifft zum Beispiel neuropsychologische Tests und Fragebögen, die auf Frauen wie Männer zugeschnitten sind, und natürlich Medikamente, die unterschiedliche Wirkmechanismen zwischen den Geschlechtern berücksichtigen sollten - eine Thematik, die ebenso noch intensiv bearbeitet werden muss.
Studie zu Stoffwechselrisikofaktoren
Eine neue Forschungsstudie von Longping Yao et al. untersucht den Einfluss von Stoffwechselrisikofaktoren auf die Wirksamkeit der tiefen Hirnstimulation (THS) bei Parkinson-Patienten, mit besonderem Fokus auf Depressionen und Schlafstörungen. Dabei werden metabolische Faktoren wie den Body-Mass-Index, Nüchternblutzucker, Cholesterinspiegel und Triglyzeride sowohl in Mausmodellen als auch bei menschlichen Probanden untersucht. Die Ergebnisse zeigen, dass die THS sowohl bei Mäusen als auch bei Parkinson-Patienten deutliche Verbesserungen bei Depressionen und Schlafstörungen bewirkt. Interessanterweise wurde festgestellt, dass eine fett- und zuckerreiche Ernährung diese Symptome bei Mäusen mit Parkinson-ähnlichen Symptomen verschlimmerte. Bei Parkinson-Patienten mit Depressionen und Schlafstörungen wurden erhöhte Werte der untersuchten metabolischen Faktoren beobachtet. Ein wichtiger Befund der Studie ist, dass diese metabolischen Risikofaktoren die Wirksamkeit der THS bei der Behandlung von Depressionen und Schlafstörungen beeinträchtigen, während sie keinen Einfluss auf die motorischen Symptome haben. Die positiven Effekte der THS hielten etwa sechs Jahre an, bevor ein signifikanter Rückgang beobachtet wurde. Besonders bemerkenswert ist die Erkenntnis, dass zusätzliche Behandlungen gegen erhöhten Blutzucker und Cholesterin die Wirksamkeit der THS bei der Linderung von Depressionen und Schlafstörungen verbesserten, ohne die motorischen Funktionen zu beeinflussen. Dies unterstreicht die Bedeutung eines ganzheitlichen Behandlungsansatzes bei Parkinson. Die Studie kommt zu dem Schluss, dass die THS eine wirksame Behandlungsoption für Depressionen und Schlafstörungen bei Parkinson-Patienten ist, deren Erfolg jedoch von metabolischen Risikofaktoren beeinflusst wird.
EARLYSTIM-Studie
In der EARLYSTIM-Studie wurde die THS schon bei jüngeren Patienten eingesetzt und so die Lebensqualität um bis zu 26 Prozent verbessert, teilt die Deutsche Gesellschaft für Klinische Neurophysiologie und funktionelle Bildgebung (DGKN) anlässlich des Welt-Parkinson-Tages am 11. Derzeit testen Düsseldorfer Forscher neue Stimulationsverfahren, die die Parkinson-Therapie weiter verbessern könnten. Inzwischen setzen Ärzte ihn in bestimmten Fällen bereits erfolgreich nach durchschnittlich sechs Jahren Erkrankung ein. Leider kämen Parkinson-Patienten häufig gar nicht zum Spezialisten, um eine Hirnschrittmacher-Therapie für sich zu erörtern, bedauert er. "Wir gehen davon aus, dass beispielsweise durch kürzere Impulszeiten bessere Ergebnisse erzielt werden können", sagt Schnitzler. "Wir möchten alle Parkinson-Patienten dazu ermuntern, sich früher von spezialisierten Neurologen untersuchen zu lassen, um zu prüfen, ob eine Tiefe Hirnstimulation für sie in Frage kommt.
ReTune-Forschungsprojekt
Wie entsteht eine Bewegungsstörung im Gehirn? Und wie lassen sich gestörte motorische Netzwerke durch Neuromodulation therapeutisch beeinflussen? Der von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) langfristig geförderte, interdisziplinäre Sonderforschungsbereich ReTune (TRR 295) sucht nach Antworten. Zwei neue Projekte der Arbeitsgruppen von Dr. Lisa Harder (Universitätsklinikum Würzburg) und Dr. Yangfan Peng (Charité - Universitätsmedizin Berlin) rücken zentrale Fragen in den Fokus: Was geschieht auf zellulärer Ebene, wenn Bewegungen aus dem Takt geraten? Und wie lassen sich diese Prozesse gezielt modulieren?
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Bedeutung personalisierter Therapieansätze
Geschlechtsspezifische Unterschiede sind bei vielen Krankheiten bekannt, werden jedoch bis heute zu wenig in der klinischen Behandlung berücksichtigt. „Die Unterschiede zwischen Männern und Frauen legen nahe, dass wir dringend personalisierte und geschlechtsspezifische Ansätze in der Parkinson-Therapie brauchen“, so das Fazit von Blandini und seinen Kollegen. Die Berücksichtigung von Geschlechterunterschieden bei der THS und anderen Parkinson-Therapien ist entscheidend, um eine optimale Versorgung der Patient*innen zu gewährleisten.
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