Tonischer Labyrinthreflex: Symptome, Auswirkungen und Integrationsmöglichkeiten

Der tonische Labyrinthreflex (TLR) ist ein frühkindlicher Reflex, der eine entscheidende Rolle in der Entwicklung des Kindes spielt. Er beeinflusst die Haltung, das Gleichgewicht und die räumliche Orientierung. Dieser Artikel beleuchtet die verschiedenen Aspekte des TLR, seine Symptome bei nicht erfolgter Integration und die Möglichkeiten der Reflexintegration.

Einführung in frühkindliche Reflexe

Frühkindliche Reflexe sind angeborene Bewegungsmuster, die in den ersten Lebensmonaten eines Kindes eine wichtige Rolle spielen. Sie sind essenziell für die Entwicklung von Motorik, Sensorik und Kognition. Ein wichtiger Reflex ist der tonische Labyrinthreflex (TLR), der sich in zwei Komponenten unterteilt: TLR vorwärts und TLR rückwärts.

Was ist der Tonische Labyrinthreflex (TLR)?

Der Tonische Labyrinth-Reflex (TLR) ist ein Haltungsreflex, der durch die Lage des Körpers zur Schwerkraft und die Position des Kopfes ausgelöst wird. Er hilft dem Neugeborenen, sich an die veränderten Bedingungen der Schwerkraft nach der Geburt anzupassen. Dabei wird besonders die Tiefensensibilität (propriozeptive Wahrnehmung) geschult. Er hilft dem Säugling, sich im Raum zu orientieren und die Muskulatur auf Bewegungen gegen die Schwerkraft vorzubereiten.

TLR vorwärts (Flexion)

Der TLR vorwärts wird durch die Neigung des Kopfes nach vorne ausgelöst. Dies führt zu einer allgemeinen Tonuserschlaffung, wobei sich Nacken, Rücken und Beine beugen. Der Körper des Kindes kommt in eine fötale Beugehaltung. Dieser Reflex entsteht bereits ab der 12. Schwangerschaftswoche und ermöglicht dem Kind, sich optimal an die Raumverhältnisse im Mutterleib anzupassen und einen maximalen Berührungskontakt mit der Mutter zu haben. Der TLR vorwärts sollte bis zum 4. bis 6. Lebensmonat integriert sein.

TLR rückwärts (Extension)

Der TLR rückwärts wird durch die Rückneigung des Kopfes aktiviert. Dies führt zu einer Streckung des gesamten Körpers, wobei sich die Streckmuskulatur aktiviert. Dieser Reflex bereitet das Kind darauf vor, sich in der unmittelbaren Vorgeburtsphase mit dem Kopf in den Geburtskanal zu strecken. Er hilft dem Kind, sich durch den Geburtskanal zu drehen. Nach der Geburt hilft der TLR rückwärts dem Kind, sich an die neuen Bedingungen der Schwerkraft anzupassen. Diese Streckkomponente kann physiologischerweise bis etwa zum 3. Lebensjahr aktiv sein.

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Neurologischer Hintergrund

Ein aktiver TLR kann das retikuläre Aktivierungssystem (RAS) im Hirnstamm unzureichend stimulieren. Dadurch wird der präfrontale Kortex - zuständig für Aufmerksamkeit, Impulskontrolle und Planung - nicht optimal aktiviert.

Funktionen des TLR

Der TLR spielt eine entscheidende Rolle bei der Entwicklung des Kindes:

  • Anpassung an die Schwerkraft: Hilft dem Neugeborenen, sich an die veränderten Bedingungen der Schwerkraft nach der Geburt anzupassen.
  • Tiefensensibilität: Schulung der propriozeptiven Wahrnehmung.
  • Räumliche Orientierung: Hilft dem Säugling, sich im Raum zu orientieren.
  • Muskelvorbereitung: Bereitet die Muskulatur auf Bewegungen gegen die Schwerkraft vor.
  • Geburtsprozess: Der TLR rückwärts unterstützt das Kind bei der Drehung durch den Geburtskanal.

Symptome eines nicht integrierten TLR

Bleibt der TLR über das normale Alter hinaus aktiv, kann dies zu verschiedenen Problemen führen. Die Symptome variieren je nachdem, ob der TLR vorwärts oder rückwärts dominant ist.

Symptome eines nicht integrierten TLR vorwärts

  • Schlaffe Körperhaltung: Runder Rücken und schwacher Muskeltonus.
  • Gleichgewichtsprobleme: Kinder halten sich oft an der Hose fest oder überkreuzen die Arme auf dem Rücken, um sich zu stabilisieren.
  • Motorische Unruhe: Ständige Bewegung, um das Gleichgewicht zu halten.
  • Eingeschränkte räumliche Wahrnehmung: Schwierigkeiten, Raum, Entfernung, Tiefe und Geschwindigkeit einzuschätzen.
  • Probleme beim Erkennen von Mustern: Schwierigkeiten beim Erkennen von logischen Mustern und Buchstabenfolgen.
  • Schwierigkeiten, in Bauchlage Kopf und Brust zu heben
  • Beine in Bauchlage sehr angespannt
  • Brustschwimmen schwierig
  • Koordination Ober- und Unterkörper ist schwierig
  • Schlechte Haltung: Kopfhaltung und Blick eher nach unten gerichtet (über dem Tisch lehnend)
  • Probleme mit Aufmerksamkeit und Konzentration
  • Schwierigkeiten beim logischen Denken (z. B. Probleme bei Bewegungsübergängen (z. B.

Symptome eines nicht integrierten TLR rückwärts

  • Überstreckte Körperhaltung: Steifer Muskeltonus und Schwierigkeiten, die Beine zu beugen.
  • Unbeholfene Bewegungen: Steife und ungeschickte Bewegungen.
  • Zehenspitzengang: Oftmals laufen die Kinder auf Zehenspitzen.
  • Sportliche Schwierigkeiten: Sport ist meist anstrengend.
  • Schwierigkeiten beim Purzelbaum: Kann keinen Purzelbaum machen, da es bei der Streckung der Beine zu einer Streckung des ganzen Körpers und damit des Nackens kommt.
  • Schwierigkeiten mit dem Gleichgewicht bei Kopfbewegung
  • Koordinationsprobleme
  • schlaffer Muskeltonus, schlechte Haltung, Kopf wird oft abgestützt
  • Zehengänger
  • Raum, Entfernung, Abstand, Tiefe und Geschwindigkeit können schwer abgeschätzt werden
  • Höhenangst
  • Reiseübelkeit
  • schlechtes Zeitgefühl
  • eingeschränkte Organisationsfähigkeit und Ordnungsfähigkeit
  • Probleme mit dem binokularen Sehen
  • Hörverarbeitung eingeschränkt
  • Orientierung im Raum ist beeinträchtigt - damit auch auf Buch- und Heftseiten = erschwertes > Erkennen von Zwischenräumen und Absätzen zwischen Wörtern und Buchstaben
  • Verdrehte Buchstaben oder Zahlen (z.B. 71 statt 27)
  • Schwierigkeiten, logische Reihenfolgen einzuhalten (z.B. Muster oder Zahlenreihen ergänzen)
  • Abschreiben von der Tafel eingeschränkt
  • Probleme mit Aufmerksamkeit und Konzentration

Auswirkungen auf verschiedene Bereiche

Ein nicht integrierter TLR kann weitreichende Folgen haben, die sich auf verschiedene Bereiche des Lebens auswirken:

  • Motorik: Schwierigkeiten bei der Koordination, Gleichgewichtsprobleme, schlechte Körperhaltung.
  • Sensorik: Beeinträchtigung der räumlichen und akustischen Wahrnehmung, Probleme mit dem binokularen Sehen.
  • Kognition: Schwierigkeiten beim Erkennen von Mustern, Probleme mit Aufmerksamkeit und Konzentration, eingeschränkte Organisationsfähigkeit.
  • Verhalten: Motorische Unruhe, Ängstlichkeit, geringe Stresstoleranz.
  • Lernen: Schwierigkeiten beim Abschreiben von der Tafel, Probleme beim Einhalten von Zeilen, verdrehte Buchstaben oder Zahlen.

Reflexintegration: Ein Lösungsansatz

Die Reflexintegration ist ein Therapieansatz, der darauf abzielt, nicht integrierte frühkindliche Reflexe zu hemmen und die damit verbundenen Symptome zu lindern. Diese Therapieform wird meist in ergotherapeutischen Praxen angeboten.

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Reflexintegrationstraining

Das Reflexintegrationstraining ist eine Kombination von erprobten Methoden, die helfen, Schul-, Lern- wie auch Verhaltensprobleme sowie motorische Problematiken (fehlende neuromotorische Schulreife) von Kindern zu überprüfen. Entsprechend wird dann der individuelle Entwicklungsbedarf festgestellt bzw. Bei dem Training liegt der Fokus darauf, bestimmte frühkindliche Reflexe zu integrieren.

Ablauf des Trainings

Das Reflexintegrationstraining dauert zwischen 10 und 12 Monaten, wobei ca. alle 4 Wochen ein Termin in der Praxis stattfindet, bei dem die aktiven Reflexe nach und nach integriert werden. Den Kindern und ihren Eltern werden unkomplizierte Übungen gezeigt, die zu Hause zu machen sind. Dabei handelt es sich zum großen Teil um rhythmische Schaukelbewegungen. Der tägliche Zeitbedarf hierfür beträgt 5 Minuten.

Übungen und Therapien

Mit Hilfe bestimmter Übungen und Therapien kann die Reflexintegration unterstützt werden. Diese Übungen zielen darauf ab, die Restreaktionen des TLR zu minimieren und die Entwicklung des Kindes zu fördern.

Weitere frühkindliche Reflexe und ihre Bedeutung

Neben dem TLR gibt es noch weitere frühkindliche Reflexe, die eine wichtige Rolle in der Entwicklung spielen. Einige dieser Reflexe sind:

Moro-Reflex

Der Moro-Reflex ermöglicht den ersten Atemzug direkt nach der Geburt und bereitet das Baby darauf vor, den Kopf in vertikaler und horizontaler Lage zu halten. Er wird durch plötzliche Reize wie laute Geräusche oder schnelle Bewegungen ausgelöst. Ein persistierender Moro-Reflex kann zu erhöhter Schreckhaftigkeit, Überempfindlichkeit auf sensorische Reize und Koordinationsstörungen führen.

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Asymmetrisch Tonischer Nackenreflex (ATNR)

Der ATNR wird ausgelöst, wenn der Kopf des Babys zur Seite gedreht wird. Dies führt dazu, dass sich Arm und Bein auf der gleichen Seite strecken und auf der anderen Seite beugen. Der ATNR unterstützt den Geburtsvorgang und hilft dem Baby, die Bewegungen der Arme und Beine zu koordinieren. Ein nicht integrierter ATNR kann zu Problemen in der grob- und feinmotorischen Entwicklung führen, insbesondere beim Lesen und Schreiben.

Spinaler Galant-Reflex

Der Spinale Galant-Reflex wird ausgelöst, wenn man dem Baby neben der Wirbelsäule vom Nacken zum Kreuzbein entlang streicht. Die Hüfte dreht sich zu dieser Seite, das Bein wird gebeugt. Der Reflex ist wichtig für die Kopfdrehung während der Schwangerschaft und bereitet das Kind auf die richtige Geburtsposition vor. Ein offener Galantreflex kann zu Unruhe, Hyperaktivität und Skoliose führen.

Symmetrisch Tonischer Nackenreflex (STNR)

Der Symmetrisch Tonische Nackenreflex wird im Vierfüßlerstand ausgelöst. Wird der Kopf angehoben, erhöhen sich der Strecktonus in den Armen und der Beugetonus in des Hüften. Der STNR stärkt den Muskeltonus der Nacken- und Rückenmuskeln und ist somit wichtig für die richtige Körperhaltung. Ein nicht vollständig integrierter STNR kann zu motorischen Auffälligkeiten, posturalen Problemen und visuellen Beeinträchtigungen führen.

Landau Reflex

Der Landau Reflex zeigt sich erstmals zwischen dem zweiten und vierten Lebensmonat. Er wird ausgelöst, indem man das Baby schwebend in Bauchlage hält, woraufhin das Baby den Kopf hebt und die Wirbelsäule sowie die Beine streckt. Dies ist ein Zeichen dafür, dass das Baby beginnt, seine Muskeln zu koordinieren und zu stärken.

Greifreflex

Der Greifreflex wird automatisch ausgelöst, wenn die Handfläche des Babys berührt wird. Daraufhin schließen sich die kleinen Finger um den berührenden Gegenstand. Dieser Reflex ist essenziell für die erste Lebensphase des Babys, da er die Grundlage für spätere Greifbewegungen und die Entwicklung der Hand-Augen-Koordination bildet. Ein nicht integrierter Greifreflex kann zu Schwierigkeiten in der motorischen Entwicklung des Kindes führen.

Palmarreflex

Der Palmarreflex, auch als Handgreifreflex bekannt, ist ein automatischer Reflex, der bei Säuglingen zu beobachten ist und typischerweise durch die Stimulation der Handflächen ausgelöst wird. Dieser Reflex ist bereits bei Neugeborenen aktiv und spielt eine wichtige Rolle in der frühkindlichen Entwicklung. Ein persistierender Palmarreflex kann zu verschiedenen Herausforderungen im Kindesalter führen.

Babinski-Reflex

Der Babinski-Reflex wird ausgelöst, wenn die Fußsohle eines Babys entlang des äußeren Randes von der Ferse bis zu den Zehen gestreichelt wird. Die typische Reaktion auf diese Stimulation ist das Spreizen der Zehen, insbesondere das Abwinkeln des großen Zehs nach oben. Dieser Reflex ist bei Neugeborenen normal und dient als Indikator für das Funktionieren des zentralen Nervensystems.

Saugreflex

Der Saugreflex ist ein essenzieller frühkindlicher Reflex, der bereits im Mutterleib entsteht und in den ersten Lebensmonaten eines Babys von großer Bedeutung ist. Dieser Reflex wird durch eine Berührung der Lippen und der Zungenspitze aktiviert und ist entscheidend für die Nahrungsaufnahme des Säuglings. Ein persistierender Saugreflex über das erste Lebensjahr hinaus kann zu verschiedenen Entwicklungsstörungen und Verhaltensauffälligkeiten führen.

Bonding-Reflex

Der Bonding-Reflex, der auch als Bindungsreflex bekannt ist, spielt eine entscheidende Rolle für die emotionale und psychische Entwicklung von Neugeborenen. Er entsteht bereits in der 12. Schwangerschaftswoche und wird normalerweise zwischen dem 8. und 10. Lebensmonat gehemmt. Seine Hauptaktivierung erfährt der Reflex in der ersten Stunde nach der Geburt, wenn das Baby intensiven Körperkontakt mit der Mutter hat. Wenn der Bonding-Reflex nicht richtig integriert wird, können verschiedene emotionale und soziale Probleme auftreten.

Spinaler Perez Reflex

Der Spinaler Perez Reflex ist ein frühkindlicher Reflex, der bereits in der 12. Schwangerschaftswoche beginnt und eine zentrale Rolle bei der Entwicklung eines Kindes spielt. Er ist nicht nur für die Stimulierung des Kreislaufs wichtig, der lebenswichtige Flüssigkeiten zu Wirbelsäule und Gehirn transportiert, sondern auch für die Entgiftung des Körpers und die Regulation des Muskeltonus im zentralen Körperbereich.

Furcht-Lähmungs-Reflex (FLR)

Der Furcht-Lähmungs-Reflex (FLR), auch bekannt als "Freeze-Response", ist ein essenzieller Schutzmechanismus in den frühesten Entwicklungsphasen eines Kindes. Dieser Reflex entsteht bereits zwischen der 5. und 7. Schwangerschaftswoche und ist ein natürlicher Bestandteil des Überlebensinstinkts des Fötus. Er spielt eine zentrale Rolle, indem er das Baby in potenziell gefährlichen Situationen schützt, beispielsweise wenn die Mutter Stress, Angst oder einen Schreck erlebt.

Wichtige Hinweise

Reflex-Therapie kann in Krankheitsfällen keine notwendige primäre ärztliche Behandlung ersetzen, aber in Absprache mit Ihrem Arzt/dem Arzt Ihres Kindes eine ideale Ergänzung darstellen. Die angebotenen Dienstleistungen sind keine Behandlung im medizinischen oder naturheilkundlichen Sinn. Reflex-Therapie dient ausschließlich der Prävention, der Gesundheitsförderung und der Entwicklung der neuronalen Schulreife. Die Inanspruchnahme der angebotenen Dienstleistung ersetzt keinesfalls den Besuch/die Behandlung durch einen Arzt oder Heilpraktiker.

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