Die Übererregbarkeitshypothese der Migräne

Migräne ist eine komplexe neurologische Erkrankung, die sich durch starke Kopfschmerzen äußert und die Lebensqualität der Betroffenen erheblich einschränken kann. Etwa 10 % der Bevölkerung leiden an Migräne, wobei Frauen dreimal häufiger betroffen sind als Männer.

Was ist Migräne?

Migräne ist mehr als nur eine Kopfschmerz-Episode; sie ist ein Zustand, der das gesamte Leben beeinträchtigen kann. Die Erkrankung ist durch meist einseitige Kopfschmerzen gekennzeichnet, die pulsierend und pochend sein können.

Formen der Migräne

Die Medizin unterscheidet hauptsächlich zwischen folgenden Erscheinungsformen:

  • Migräne ohne Aura: Die häufigste Form, bei der die Kopfschmerzphase ohne vorangehende neurologische Symptome beginnt.
  • Migräne mit Aura: Vor der Schmerzphase treten temporäre, neurologische Störungen auf. Dazu gehören vor allem Sehstörungen wie Flimmern, Zickzack-Linien oder Gesichtsfeldausfälle, aber auch Gefühls- oder Sprachstörungen sind möglich.
  • Retinale Migräne: Eine seltene Form, bei der die Sehstörungen nur auf einem Auge auftreten.
  • Chronische Migräne: Migräneattacken an 15 oder mehr Tagen im Monat über einen Zeitraum von mehr als drei Monaten.

Ursachenforschung: Ein komplexes Geschehen im Gehirn

Die genauen Ursachen der Migräne sind bis heute nicht vollständig entschlüsselt. Es wird von einem multifaktoriellen Geschehen ausgegangen, bei dem genetische Veranlagung eine wesentliche Rolle spielt.

Die Übererregbarkeitshypothese: Ein Schlüssel zum Verständnis?

Eine Hypothese besagt, dass Migränepatienten eine erhöhte Erregbarkeit der Hirnrinde besitzen, vor allem im Hinterhauptlappen. Durch die Übererregbarkeit werde vor allem Kalium im Gehirn freigesetzt, das wiederum für eine Erregung des Gehirns sorge.

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Die Details der Hypothese:

Professor Dr. Andreas Straube von der Neurologischen Klinik der Universität München und Vizepräsident der Deutschen Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft, erklärt, dass die Übererregbarkeit der Zellen der Hirnrinde eine zentrale Rolle spielt. Die Zellen setzen verstärkt Kaliumionen in den Zellularraum frei, wodurch der Ionenhaushalt gestört wird. Dies führt zu einer Depolarisation, die sich über die Hirnrinde ausbreitet: Eine Welle von Hyperaktivität zieht über den Cortex (Cortical spreading depression), vor allem auch über das Sehzentrum, was die genannten visuellen Symptome auslöst. Der Aktivitätswelle folgt eine Inhibitionswelle.

Die Rolle des Trigeminusnervs:

Erreicht die Depolarisationswelle den Trigeminusnerv, wird auch dieser aktiviert. Dieser Gesichtsnerv ist für das Übermitteln von Schmerzsignalen verantwortlich. Eine Aktivierung führt dann zum Empfinden von Kopfschmerzen. Es wird vermutet, dass die Schwelle, wann trigeminale Fasern aktiviert werden, von Mensch zu Mensch unterschiedlich hoch liegt. Bei Personen mit einer hohen Schwelle würden die trigeminalen Fasern nicht aktiviert, und der Kopfschmerz bleibt aus. Dies ist bei Personen mit isolierten Auren der Fall. Bei einer niedrigen Schwelle, springe die Aktivität auch auf den Trigeminusnerv über, und die charakteristischen Migränekopfschmerzen entstünden.

Weitere Faktoren, die eine Rolle spielen könnten

  • Ungleichgewicht von Botenstoffen im Gehirn
  • Durchblutung der Blutgefäße im Gehirn
  • Hormonelle Zusammenhänge
  • Entzündung der Nerven im Gehirn

Symptome der Migräne

Während eines Migräneanfalls können verschiedene Phasen mit unterschiedlichen charakteristischen Symptomen durchlaufen werden. Oft kündigt sich ein Anfall durch eine Vorboten- oder Prodromalphase mit Vorbotensymptomen an. Dieser kann eine Phase mit Wahrnehmungsstörungen, die sogenannte Migräneaura, folgen, die insbesondere das Sehen betreffen. In der Kopfschmerzphase bestehen neben den Kopfschmerzen unterschiedliche weitere Symptome wie Übelkeit, Erbrechen, Licht-, Lärm- und Geruchsempfindlichkeit. Bei manchen Patienten überdauert der Migräneanfall das Abklingen der Kopfschmerzen. Diese Phase wird als Rückbildungsphase bezeichnet.

Vorbotenphase

Bei mindestens 30 % der Migränepatienten kündigt sich eine Migräneattacke bereits frühzeitig in Form von Vorbotensymptomen an. Die Vorbotenphase kann wenige Stunden bis zwei Tage einer Migräneattacke vorausgehen und dauert bei den meisten Patienten ein bis zwei Stunden an. Während der Vorbotenphase treten insbesondere psychische, neurologische und vegetative Symptome auf, die sich von denen der Auraphase unterscheiden. Am häufigsten sind Müdigkeit, Geräuschempfindlichkeit und häufiges Gähnen. Vielfach zeigen sich auch Störungen im Magen-Darm-Trakt, die Verstopfungen einschließen können. Charakteristisch ist bei vielen Patienten ein Heißhunger auf bestimmte Nahrungsmittel, der meist als Migräneauslöser fehlinterpretiert wird.

Auraphase

Migräne geht in ca. 15 % bis 20 % der Fälle mit einer Aura einher. Es werden in der Auraphase meist visuelle Störungen wie Skotome, Fortifikationen, Verlust des räumlichen Sehens und Unschärfe oder Sensibilitätsstörungen wie der Verlust der Berührungsempfindung oder Kribbeln in den Armen, Beinen und im Gesicht empfunden, die langsam einsetzen und wieder vollständig abklingen. Zusätzlich können Störungen des Geruchsempfindens, Gleichgewichtsstörungen, Sprachstörungen oder andere neurologische Ausfälle auftreten. Die Aura wird von Patient zu Patient anders wahrgenommen und beschrieben. Auren mit stark visueller Ausprägung, wie sie im Rahmen einer Migräne auftreten können, werden auch als Alice-im-Wunderland-Syndrom bezeichnet. Einige berühmte Migränepatienten ließen sich von visuellen Erscheinungen während der Auraphase für ihr künstlerisches Werk inspirieren.

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Kopfschmerzphase

Der Kopfschmerz tritt in der Kopfschmerzphase meistens halbseitig (etwa 70 % der Fälle) insbesondere im Bereich von Stirn, Schläfe und Auge auf. Er ist meist pulsierend und nimmt bei körperlicher Betätigung an Intensität zu, während Ruhe und Dunkelheit zur Linderung der Kopfschmerzen beitragen. Die Kopfschmerzen des Migräneanfalls werden oft von zusätzlichen Symptomen wie Appetitlosigkeit (> 80 %), Übelkeit (80 %), Erbrechen (40 % bis 50 %) sowie Photophobie (60 %), Phonophobie (50 %) und seltener Osmophobie (Geruchsempfindlichkeit, < 10 % bis 30 %) begleitet. Der Kranke ist blass und erträgt äußere Einflüsse wie Licht und Lärm schlecht, da diese seine Beschwerden noch verstärken. Die Dauer der Kopfschmerzphase variiert zwischen 60 Minuten und bis zu drei Tagen in Abhängigkeit von Patient und Migräneform.

Rückbildungsphase

In der Rückbildungsphase nehmen der Migränekopfschmerz und die Begleitsymptome bis zur vollständigen Erholung langsam ab. Der Patient fühlt sich müde und angespannt. Diese Phase kann bis zu 24 Stunden dauern.

Auslösende Faktoren (Trigger)

Migräne kann bei empfindlichen Personen durch spezielle Situationen oder Substanzen, sogenannte Trigger (Schlüsselreize), ausgelöst werden. Dazu zählen insbesondere hormonelle Faktoren, Schlaf, Stress, Lebensmittel und Umweltfaktoren. Diese Auslösefaktoren sind jedoch individuell sehr unterschiedlich und können mit Hilfe eines Kopfschmerztagebuchs in Erfahrung gebracht werden. Zu den häufigsten Auslösern einer Migräne zählen Stress, unregelmäßiger Biorhythmus mit Schlafmangel oder zu viel Schlaf und Umweltfaktoren. Bei einigen Migränepatienten folgt ein Migräneanfall erst in der Poststress-Entspannungsphase („Wochenendmigräne“). Neben Geruchsreizen werden oft Wetterschwankungen als äußere Faktoren genannt, die eine Migräneattacke auslösen können. Bei Frauen sind hormonelle Schwankungen ein wichtiger Faktor. Über die Hälfte aller weiblichen Migränepatienten gibt den Menstruationszyklus als Auslöser einer Migräne an.

Diagnose

Die Diagnose wird nach Ausschluss anderer Erkrankungen als Ursachen üblicherweise mit Hilfe einer Anamnese gestellt. Die Migräne wird entsprechend der diagnostischen Kriterien der 3. Auflage der Internationalen Kopfschmerzklassifikation ICHD-3 [17] diagnostiziert.

Behandlung

Ein wichtiger Ansatzpunkt ist die medikamentöse Behandlung. Bei der Migräne werden vor allem Medikamente eingesetzt, die die erweiterten Blutgefäße wieder verengen. Dies sind so genannte Triptane. Auch wirken ASS, Ibuprofen oder Paracetamol schmerzlindernd. Es gibt auch Möglichkeiten, Medikamente zur Prophylaxe (Vorsorge) gegen Migräneattacken einzunehmen. Da eine häufige Ursache Stress ist, können Betroffene zu Beginn einer Attacke durch Ruhe und dunkle Räume eine Verschlimmerung oft verhindern oder die Symptome zumindest gering ausgeprägt halten. Auch die Physiotherapie kann helfen, indem man zum Beispiel mit der Lymphdrainage den Abfluss der Lymphe erhöht oder über muskelentspannende Techniken zusätzlich auftretende Nackenschmerzen lindert.

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Weitere Therapieansätze

  • Botulinumtoxin (Botox): Seit 2011 wird die Behandlung der chronischen Migräne auch von den gesetzlichen Kassen übernommen. Mit Botox® ist es möglich, die Kopfschmerztage zu reduzieren und die Stärke der Migräneattacken zu minimieren.
  • Alternative Therapien: Akupunktur, Entspannungstechniken, Physiotherapie.

Migräne und Wahrnehmungsstörungen

Schottische Forscher fanden heraus, dass Migränepatienten nicht nur unter Kopfschmerzen leiden, sondern dass ihre Wahrnehmung selbst in schmerzfreien Phasen getrübt ist. In einer detailreichen Umgebung fällt es den Betroffenen schwer, ein entscheidendes Objekt zu erkennen, weil sie unwichtige optische Eindrücke nur sehr schlecht ausblenden können. Von dieser Sehstörung sind die Patienten auch in schmerzfreien Phasen betroffen. Für Patienten, die unter Migräne mit Aura leiden, ist der Effekt besonders ausgeprägt. Die Wissenschaftler vermuten, dass die generelle Übererregbarkeit der Gehirnzellen von Migränepatienten die Ursache für diese Störung ist.

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