Das Kubitaltunnelsyndrom (KUTS), auch Sulcus-ulnaris-Syndrom (SUS) genannt, ist eine Läsion bzw. Kompression des Nervus ulnaris im Ellenbogengelenksbereich. Es handelt sich um das zweithäufigste Engpasssyndrom nach dem Karpaltunnelsyndrom. Der linke Arm ist häufiger betroffen, und in etwa einem Drittel der Fälle tritt das Syndrom beidseitig auf. Um dauerhafte Schäden und eine Schwächung der Hand zu vermeiden, sollte diese Erkrankung zeitnah behandelt werden.
Was ist der Nervus ulnaris?
Der Nervus ulnaris ist einer der drei Hauptnerven des Arms und gehört zum peripheren Nervensystem (PNS). Das zentrale Nervensystem umfasst das Rückenmark und das Gehirn, während das periphere Nervensystem die sonstigen Nerven im Körper umfasst. Der Nervus ulnaris spielt eine wesentliche Rolle für die Motorik und Sensibilität in Unterarm und Hand.
Der Nervus ulnaris entspringt aus dem Plexus brachialis, einem Geflecht von Nerven, das in der Halswirbelsäule beginnt (insbesondere aus den Nervenwurzeln C8 und Th1). Er verläuft durch den Arm, um die Unterarmmuskeln und die Hand zu innervieren. Da es sich um einen peripheren Nerven handelt, ist der Nervus ulnaris von Markscheiden umhüllt, die dafür sorgen, dass die elektrischen Signale schnell in den Arm bzw. die Hand gelangen.
Verlauf des Nervus ulnaris
Der Nervus ulnaris verläuft vom Hals bis in die Hand. Er beginnt im Bereich des Halses, genauer gesagt im unteren Teil des Nackenrückenmarks, wo er aus dem sogenannten Plexus brachialis (einem Nervengeflecht) entspringt. Von dort zieht er durch die Innenseite des Oberarms nach unten. Er verläuft etwas tiefer unter der Haut und ist auf diesem Abschnitt gut geschützt. Wenn der N. ulnaris den Ellenbogen erreicht, passiert er eine besonders empfindliche Stelle, die als Sulcus ulnaris bezeichnet wird. An dieser Stelle liegt der Nerv sehr nah unter der Haut, sodass man ihn leicht anstoßen kann - das ist der berühmte Moment, wenn man den "Musikantenknochen" trifft und ein elektrisierendes Gefühl im Arm verspürt. Nach dem Ellenbogen verläuft der Nerv entlang der Innenseite des Unterarms. Hier gibt er einige Äste ab, die die Muskeln versorgen, die für das Beugen des Handgelenks und der Finger verantwortlich sind. Schließlich gelangt der Nervus ulnaris in die Hand, wo er durch einen Tunnel, die sogenannte Guyon-Loge, läuft.
Funktion des Nervus ulnaris
Er steuert die Bewegungen bestimmter Muskeln in Hand und Unterarm. Der Nerv versorgt sensibel (d. h. er leitet Empfindungen) das innere Drittel der Handfläche und den Kleinfinger sowie den halben Ringfinger.
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Welche Muskeln versorgt der Nervus ulnaris?
Der Nervus ulnaris versorgt einige wichtige Muskeln in der Hand und im Unterarm, die für präzise Bewegungen der Finger und Hand zuständig sind.
- Musculus flexor carpi ulnaris: Dieser Muskel ist dafür verantwortlich, dass die Hand nach unten gebeugt wird (zum Beispiel beim Faustschluss).
- Musculus flexor digitorum profundus (teilweise): Dieser Muskel hilft, die Finger zu beugen. Genauer gesagt, steuert der Nervus ulnaris den Teil des Muskels, der für das Beugen des Ringfingers und Kleinfingers zuständig ist.
- Interossei-Muskeln: Diese kleinen Muskeln befinden sich zwischen den Fingerknochen. Sie helfen, die Finger zu spreizen und wieder zusammenzuführen.
- Lumbricales (teilweise): Diese Muskeln sind für das Strecken der Finger zuständig, besonders am Ringfinger und Kleinfinger.
- Hypothenarmuskeln: Das ist eine Gruppe von Muskeln, die den Kleinfinger steuern.
Ursachen des Kubitaltunnelsyndroms
Es werden zwei Formen unterschieden:
- Primäres/idiopathisches Kubitaltunnelsyndrom
- Sekundäres Kubitaltunnelsyndrom oder auch Spätparese des N. ulnaris (Bedingt durch Verletzungen/Veränderungen des Ellenbogengelenkes oder des Nerven)
Die Ursache des Kubitaltunnelsyndroms kann im Einzelnen oft nicht direkt ermittelt werden. Aus unbekannten Gründen wird das bindegewebliche Dach des Kubitaltunnels straff und komprimiert den Nerven. Man spricht dann von einem idiopathischen Kubitaltunnelsyndrom. Diabetes mellitus, Übergewicht sowie Erkrankungen des rheumatischen Formenkreises und vorausgegangene Verletzungen stellen Risikofaktoren für ein Kubitaltunnelsyndrom dar. Des Weiteren kann Überlastung durch einen intensiven Armeinsatz die Entstehung eines Kubitaltunnelsyndroms begünstigen. So sind Baseballspieler besonders vom Kubitaltunnelsyndrom betroffen, da diese beim Werfen des Balls den Arm in besonderer Weise drehen müssen.
In der zweiten (sekundären) Form spielen Veränderungen des Knochengewebes und des Bandapparats infolge einer Verletzung eine ursächliche Rolle. Da die oft auftretende Lähmung nicht direkt nach der Verletzung auftritt, sondern erst nach einer gewissen Zeit, spricht man von einer Spätlähmung oder Spätparese des N. ulnaris.
Weitere mögliche Ursachen sind:
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- Ständige Be- bzw. Überlastung des Ellenbogens, beispielsweise durch permanentes Stützen oder Beugen.
- Vorschädigungen, z. B. Knochenbrüche oder Arthrose
- Unfallbedingte Quetschungen
- Degenerative Prozesse wie Gelenkverschleiß
- Verhärtete und verdickte Gewebefasern wie kräftige Muskelfasern mit Schwellungen
Beschwerdesymptomatik
Typische Symptome des Kubitaltunnelsyndroms (KUTS) sind:
- Kribbelparästhesien ("Ameisenlaufen")
- Taubheitsgefühl und Schmerzen im Bereich des Klein- und Ringfingers
- Kraftminderung in der Hand der betroffenen Seite - zunächst Ungeschicklichkeit/Kraftlosigkeit der Hand, so dass Dinge fallen gelassen werden oder einfache Handlungen, wie z. B. das Aufschließen der Tür nur noch schwer oder gar nicht mehr möglich sind.
- Erst in einem späten Stadium vollständige Ausbildung der sogenannten „Krallenhand“
- Atrophie des ersten Zwischenfingerraums (zwischen Daumen und Zeigefinger). Das "Verschwinden" des Muskelgewebes ist zum großen Teil durch absterben der Muskelfasern bedingt und auch nach einer erfolgten Dekompression meist nicht mehr rückläufig.
Die Betroffenen berichten in der Frühphase der Erkrankung über gelegentliches „Einschlafen“ des Kleinfingers und der Außenseite des Ringfingers bei Beugung des Ellenbogens. Auch lokale Schmerzen bei Beugung des Ellenbogens mit Ausstrahlung in Richtung Kleinfinger sind typisch. Im fortgeschrittenen Stadium sind die sensiblen Ausfallerscheinungen dauerhaft vorhanden. Zusätzlich kommt es dann zu motorischen Einschränkungen z.B.
Im fortschreitenden Krankheitsverlauf nimmt die kleine Handmuskulatur ab und die Finger, insbesondere der 4. und 5. Finger, können nicht mehr kraftvoll gespreizt werden. Lähmungen und Muskelschwund der kleinen Handmuskel treten aber erst später auf. In ausgeprägten Krankheitsfällen bildet sich so eine Krallenhand.
Diagnostik
Die genaue Beschwerdeschilderung des Patienten ist wegweisend. Die elektrophysiologische Untersuchung (ENG/EMG) und ggf. die Durchführung einer Nervensonographie kann die Verdachtsdiagnose bestätigen.
Neben der Erhebung der Anamnese und der körperlichen Untersuchung kommt der neurologischen Diagnostik eine wesentliche Bedeutung für die Diagnose und Indikationsstellung des Kubitaltunnelsyndroms zu. Die elektroneurographische Untersuchung dient der Bestätigung der klinisch gestellten Diagnose und kann zur Verlaufsbeobachtung genutzt werden. Bei dieser Untersuchung wird gemessen, wie schnell der Nerv einen Reiz weiterleitet.
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Manchmal werden Röntgenaufnahmen des Handgelenks oder Ellbogens zum Ausschluss einer knöchernen Verletzung erstellt. Selten kann auch eine Magnetresonanztomografie (MRT) oder ein Ultraschall des Nervs durchgeführt werden.
Behandlungsmöglichkeiten
In den meisten Fällen verschwinden die Beschwerden von selbst. Wichtig ist es, eine eventuell vorhandene Ursache der Erkrankung zu ergründen und zu beheben. Druck auf den Nerv im Ellbogen und langes Beugen ist zu vermeiden. In einem frühen Stadium kann es hilfreich sein, Tätigkeiten zu ändern, die den Druck auslösen. Vorübergehend kann nachts auch eine Polsterung ratsam sein.
Bei den ersten Anzeichen von Taubheit und Kribbeln reicht es als Therapie eines Ulnarisrinnen-Syndroms häufig aus, die verursachenden Umstände abzustellen. Dazu zählen z.B. bei einem Schreibtischjob, die Ellenbogen nicht mehr auf dem Tisch aufzustellen. Solche Fehlhaltungen sollten korrigiert werden und bestimmte Angewohnheiten, den Ellenbogen ständig auf bestimmte Art abzustützen sollten verändert werden. Hat man die zur Erkrankung führenden verursachenden Faktoren abgestellt, sollten im Anfangsstadium konservative Behandlungenmethoden begleitend angewendet werden, wie z.B. Entlastung des Ellenbogens durch Hochlegen und Kühlung des Ellenbogeninnenbereichs. Auch kann es notwendig werden, den betroffenen Ellenbogen eine gewisse Zeit ruhig zu stellen. Dies passiert üblicherweise mittels Gipsverband oder Schiene, um die Regeneration des Ellennervs zu ermöglichen.
Konservative Therapie
Eine konservative Therapie ist nur bei der leichten Form des Kubitaltunnelsyndroms zu empfehlen, z.B. wenn nur Kribbeln und gelegentlich ein leichtes Taubheitsgefühl vorhanden sind. In diesen Fällen ist eine nächtliche Ruhigstellung mit einer Ellenbogengelenksschiene mit guter Polsterung von der Mitte des Oberarmes bis zur Hand und mit ca 30° Beugung am Ellenbogen zu empfehlen.
Bei milden Symptomen kann es durch die Anwendung entzündungshemmender Medikamente ggfs. in Verbindung mit einer Schiene oftmals bereits zu einer Verbesserung der Beschwerden kommen.
Operative Therapie
Bei ausgeprägter Taubheit oder sogar schon aufgetretener Schwäche droht dauerhafte Schädigung des Nervs und der kleinen Handmuskeln, wenn die Ursache der Schädigung nicht beseitigt wird. Dauern die Symptome an und führen zu Lähmungserscheinungen, werden Sie zur weiteren Untersuchung an Spezialist*innen für Neurologie überwiesen. In einigen Fällen ist eine Operation notwendig, die den Druck auf den Nerv verringert.
Mit der Operation wird die Einengung des Nervus ulnaris im Kubitaltunnel am Ellenbogengelenk beseitigt. Es gibt zwei Methoden der operativen Entlastung des Nervs:
- Alleinige Dekompression des N. ulnaris (offen oder endoskopisch)
- Subcutane/submuskuläre Vorverlagerung des N. ulnaris
Die Entscheidung, welches Verfahren zur Anwendung kommt und ob eine alleinige Dekompression ausreichend oder eine Vorverlagerung des Nerven von Nöten ist, wird am Einzelfall in der Ambulanz für periphere Nerven- und Plexuschirurgie gemeinsam mit dem Patienten diskutiert und entschieden. Der Goldstandard ist leitliniengemäß die einfache Dekompression des Nervs, die standardmäßig endoskopisch durchgeführt wird. Der Vorteil der Endoskopie liegt in der kleineren Narbe, bei der sehr oft auch kein Fadenzug erforderlich ist. Eine Vorverlagerung ist für ausgeprägte anatomische Veränderungen des Ellenbogens reserviert, so dass diese seltener schon im Vorfeld geplant wird. Häufiger wird über eine Vorverlagerung erst intraoperativ entschieden, wenn sich die ursprüngliche Loge des Nervs als ungeeignet zeigt.
Bei der Operation erfolgt die Druckentlastung des Ulnaris - Nerven durch Freilegen des Nerven. Dann werden, z. B. störendes Gewebe entfernt, und so eine Druckentlastung erreicht. In einigen Fällen kann es auch notwendig werden, den Nervus ulnaris zu verlegen, um eine Verbesserung zu erzielen.
Bei der Neurolyse wird der Nerv im Rahmen einer offenen OP von Verwachsungen/Verklebungen befreit. In manchen Fällen findet sich jedoch ein sehr enger Nervenkanal, sodass dies nicht ausreichend ist. In solchen Fällen wird der Nerv dann aus seinem Bett befreit und in das Unterhautfettgewebe bzw. eine Muskeltasche verlagert (sog. Transposition).
Das Ziel der Operation ist es, den Nerv aus seinen Einengungen zu befreien (sog. Dekompression). Hierzu wird der Nerv oberhalb des Ellenbogens aufgesucht und die einengenden Strukturen werden durchtrennt. Bei ausgeprägten Verwachsungen z.B. wird eine Neurolyse durchgeführt.
Nachsorge nach der Operation
Um eine rasche Wundheilung und Genesung des Armes zu erreichen, sollte der Arm in den ersten Tagen geschont werden. Bereits ab dem ersten postoperativen Tag ist ein vorsichtiges Bewegen des Ellenbogens erforderlich. Am dritten Tag nach der Operation kann der Wickelverband abgelegt werden.
Schwere Arbeiten mit dem betroffenen Arm sollten für 2-4 Wochen unterlassen werden. Nach 2-3 Wochen ist der Arm zum alltäglichen Gebrauch wie auch für die meisten beruflichen Tätigkeiten wieder einsatzfähig. Zur Schonung des Ellennerven sollte eine starke Beugung des Ellenbogens über einen längeren Zeitraum, z.B. beim Abstützen am Schreibtisch oder beim Einschlafen, sowohl nach der Operation als auch in der Zukunft vermieden werden.
Treten unvorhergesehene Schwierigkeiten auf, wie z.B. erhebliche Schmerzen, Bewegungseinschränkungen der Gelenke oder eine starke Schwellung, so suchen Sie bitte unbedingt wieder die Klinik auf.
Je nach Befund wird die operierte Stelle mit einem elastischen Verband oder einer Schiene ruhig gestellt. Bereits nach dem ersten Tag der Operation können und sollen die Finger sowie der Ellenbogen wieder bewegt werden. Nach ca. einer Woche wird der Verband bzw. die Schiene entfernt und durch ein einfaches Pflaster ersetzt.
Krankengymnastik oder Ergotherapie können die Wiederherstellung der Handfunktion und -kraft unterstützen.
Zweiwöchige Schonung und vorsichtiges Mobilisieren sind wichtig für eine gute Heilung. Arbeitsfähigkeit besteht nach 2-6 Wochen, je nach Schwere der Belastung des Arms. Die Rückkehr des Gefühls oder der motorischen Funktion hängt von der Dauer der präoperativen Beschwerden ab und kann sich über mehrere Monate erstrecken. Das klinische Ergebnis hängt maßgeblich vom Ausmaß der Vorschädigung ab. Bei bereits länger bestehenden Muskelatrophien der kleinen Handmuskeln bleiben häufig Residuen bestehen. Die vorhandenen Paresen können sich nach erfolgter Dekompression des N. ulnaris in einem Zeitraum bis 24 Monate postoperativ bessern. Weitere negative Einflussfaktoren hinsichtlich des klinischen Ergebnisses stellen Alter, Rauchen, und eine sonografisch nachgewiesene Verdickung des N. ulnaris dar. Die Rezidivrate nach offener Dekompression wird in der Literatur mit ca. 3-15 % angegeben.
Wann kann man nach der Behandlung wieder arbeiten und Sport machen?
Nach ungefähr zwei bis drei Wochen ist der Arm wieder für den Alltag sowie die meisten Tätigkeiten einsatzfähig. Schwere Arbeiten sollten allerdings für bis zu sechs Wochen unterlassen werden.
Sie können ca. vier Wochen nach der Behandlung langsam wieder mit aktivem Sport beginnen.
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