Anatomie und Nerven der unteren Bauchmuskulatur: Ein umfassender Überblick

Die Bauchmuskulatur ist ein komplexes System, das weit mehr ist als nur die Grundlage für ein Sixpack. Sie spielt eine entscheidende Rolle für die Stabilität der Wirbelsäule, die Bewegung des Rumpfes und die Unterstützung der Atmung. Dieser Artikel bietet einen detaillierten Einblick in die Anatomie der Bauchmuskulatur, insbesondere im unteren Bauchbereich, sowie in die zugehörigen Nerven und deren Funktionen.

Die Bauchmuskulatur: Ein Überblick

Die Bauchmuskulatur bildet die vordere und seitliche Begrenzung des Bauchraums. Sie besteht aus verschiedenen Muskelgruppen, die paarweise angeordnet sind und sich entlang der senkrechten Mittellinie des Bauches spiegeln. Die Bauchmuskulatur lässt sich in drei Hauptgruppen unterteilen:

  • Vordere Bauchmuskeln: Diese Muskeln verlaufen senkrecht und umfassen den Musculus rectus abdominis (gerader Bauchmuskel) und den Musculus pyramidalis.
  • Seitliche Bauchmuskeln: Diese Muskeln verlaufen schräg und umfassen den Musculus obliquus externus abdominis (äußerer schräger Bauchmuskel), den Musculus obliquus internus abdominis (innerer schräger Bauchmuskel) und den Musculus transversus abdominis (quer verlaufender Bauchmuskel).
  • Hintere Bauchmuskeln: Diese Muskeln bilden die hintere Begrenzung des Bauchraums und umfassen den Musculus quadratus lumborum (quadratischer Lendenmuskel) und den Musculus psoas major (großer Lendenmuskel).

Die Rektusscheide: Eine wichtige Struktur

Die Bauchmuskeln sind von Sehnenplatten, sogenannten Aponeurosen, umgeben. Diese Aponeurosen bilden gemeinsam die Rektusscheide, die den Musculus rectus abdominis umhüllt und stützt.

Aufbau der Rektusscheide

Die Rektusscheide besteht aus zwei Abschnitten, die durch die Linea arcuata geteilt werden. Die Linea arcuata befindet sich etwa fünf Zentimeter unterhalb des Bauchnabels und entsteht durch den Zusammenschluss aller Aponeurosen der seitlichen Bauchmuskeln. Oberhalb der Linea arcuata besteht die Rektusscheide aus einem vorderen Blatt (Lamina anterior) und einem hinteren Blatt (Lamina posterior). Das hintere Blatt wird aus den hinteren Anteilen der Internusaponeurose sowie der Aponeurose des Musculus transversus abdominis gebildet. Unterhalb der Linea arcuata verschmelzen die Aponeurosen zu einem einzigen vorderen Blatt (Lamina exterior).

Funktion der Rektusscheide

Die Rektusscheide erfüllt mehrere wichtige Funktionen:

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  • Umhüllung und Stabilisierung des Musculus rectus abdominis: Die Rektusscheide schützt und stützt den geraden Bauchmuskel in seinem Verlauf.
  • Verkürzung der Muskeln: Die Rektusscheide ermöglicht eine Verkürzung der Muskelfasern der Bauchmuskulatur, was evolutionsbiologisch von Vorteil ist.
  • Funktionelle Einheit der Bauchmuskeln: Die Rektusscheide trägt dazu bei, dass die Bauchmuskeln als funktionelle Einheit agieren können.

Die vorderen Bauchmuskeln im Detail

Die vorderen Bauchmuskeln, der Musculus rectus abdominis und der Musculus pyramidalis, spielen eine wichtige Rolle für die Bewegung und Stabilität des Rumpfes.

Musculus rectus abdominis (gerader Bauchmuskel)

Der Musculus rectus abdominis ist der prominenteste Muskel der vorderen Bauchwand. Er verläuft senkrecht vom Brustbein zum Schambein und ist durch horizontale Sehnenzüge unterteilt, die bei trainierten Menschen als "Sixpack" sichtbar werden.

  • Ursprung: Rippenknorpel der 5. bis 7. Rippe, Schwertfortsatz des Brustbeins
  • Ansatz: Schambein (Os pubis)
  • Funktion: Aufrichten des Beckens, Beugen des Rumpfes nach vorne, Bauchpresse, Unterstützung der Ausatmung
  • Innervation:Interkostalnerven (Th7-Th12)

Musculus pyramidalis

Der Musculus pyramidalis ist ein kleiner, dreieckiger Muskel, der vor dem Musculus rectus abdominis liegt. Er ist nicht bei allen Menschen vorhanden.

  • Ursprung: Schambein (Os pubis)
  • Ansatz: Linea alba
  • Funktion: Spannt die Linea alba an
  • Innervation: Nervus subcostalis (Th12)

Die seitlichen Bauchmuskeln im Detail

Die seitlichen Bauchmuskeln, der Musculus obliquus externus abdominis, der Musculus obliquus internus abdominis und der Musculus transversus abdominis, sind für die Drehung und Seitneigung des Rumpfes sowie für die Stabilität der Wirbelsäule verantwortlich.

Musculus obliquus externus abdominis (äußerer schräger Bauchmuskel)

Der Musculus obliquus externus abdominis ist der oberflächlichste der seitlichen Bauchmuskeln. Er verläuft schräg von den unteren Rippen zum Hüftkamm und zur Linea alba.

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  • Ursprung: Untere Rippen
  • Ansatz: Linea alba, Hüftkamm, Vorderseite der Rektusscheide
  • Funktion: Beugung des Oberkörpers zur gleichen Seite, Drehung des Oberkörpers zur Gegenseite, Aufrichten des Beckens, Bauchpresse, Unterstützung der Ausatmung
  • Innervation: Interkostalnerven (Th5-Th12), Nervus subcostalis (Th12)

Musculus obliquus internus abdominis (innerer schräger Bauchmuskel)

Der Musculus obliquus internus abdominis liegt unterhalb des Musculus obliquus externus abdominis. Er verläuft schräg von der Fascia thoracolumbalis, dem Hüftkamm, dem Becken und dem Leistenband zur Linea alba, zur Vorder- und Rückseite der Rektusscheide und zu den unteren Rippen.

  • Ursprung: Fascia thoracolumbalis, Hüftkamm, Becken, Leistenband
  • Ansatz: Linea alba, Vorder- und Rückseite der Rektusscheide, untere Rippen
  • Funktion: Beugung des Oberkörpers zur gleichen Seite, Drehung des Oberkörpers zur gleichen Seite, Aufrichten des Beckens, Bauchpresse, Unterstützung der Ausatmung
  • Innervation: Interkostalnerven (Th7-Th12), Nervus subcostalis (Th12), Nervus iliohypogastricus, Nervus ilioinguinalis

Musculus transversus abdominis (quer verlaufender Bauchmuskel)

Der Musculus transversus abdominis ist der tiefste der seitlichen Bauchmuskeln. Er verläuft quer von den unteren Rippen, der Fascia thoracolumbalis, dem Hüftkamm, dem Becken und dem Leistenband zur Linea alba und zur Vorderseite der Rektusscheide.

  • Ursprung: Untere Rippen, Fascia thoracolumbalis, Hüftkamm, Becken, Leistenband
  • Ansatz: Linea alba, Vorderseite der Rektusscheide
  • Funktion: Bauchpresse, Unterstützung der Ausatmung, Stabilisierung der Wirbelsäule
  • Innervation: Interkostalnerven (Th7-Th12), Nervus subcostalis (Th12), Nervus iliohypogastricus, Nervus ilioinguinalis

Die hinteren Bauchmuskeln im Detail

Die hinteren Bauchmuskeln, der Musculus quadratus lumborum und der Musculus psoas major, sind für die Seitneigung des Rumpfes, die Stabilisierung der Wirbelsäule und die Beugung der Hüfte verantwortlich.

Musculus quadratus lumborum (quadratischer Lendenmuskel)

Der Musculus quadratus lumborum verläuft vom Hüftkamm zur untersten Rippe und zu den Knochenfortsätzen der oberen Lendenwirbelkörper.

  • Ursprung: Hüftkamm
  • Ansatz: Unterste Rippe, Knochenfortsätze der oberen Lendenwirbelkörper
  • Funktion: Seitneigung des Oberkörpers zur gleichen Seite, Unterstützung der Bauchpresse und der Ausatmung, Stabilisierung der Wirbelsäule
  • Innervation: Nervi lumbales (L1-L4), Nervus subcostalis (Th12)

Musculus psoas major (großer Lendenmuskel)

Der Musculus psoas major verläuft von den Wirbelkörpern der unteren Brustwirbelsäule und der oberen Lendenwirbelsäule sowie von den Knochenfortsätzen der oberen Lendenwirbelkörper zum Knochenfortsatz des Oberschenkels.

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  • Ursprung: Wirbelkörper der unteren Brustwirbelsäule und der oberen Lendenwirbelsäule, Knochenfortsätze der oberen Lendenwirbelkörper
  • Ansatz: Knochenfortsatz des Oberschenkels
  • Funktion: Beugung der Hüfte, Drehung der Hüfte nach außen
  • Innervation: Nervi lumbales (L1-L3)

Die Nerven der Bauchmuskulatur

Die Bauchmuskulatur wird von verschiedenen Nerven innerviert, die aus dem Brust- und Lendenbereich des Rückenmarks stammen. Diese Nerven versorgen die Muskeln mit den notwendigen Signalen für die Kontraktion und Bewegung.

  • Interkostalnerven (Th5-Th12): Diese Nerven verlaufen zwischen den Rippen und innervieren die seitlichen und vorderen Bauchmuskeln.
  • Nervus subcostalis (Th12): Dieser Nerv verläuft unterhalb der 12. Rippe und innerviert die seitlichen und vorderen Bauchmuskeln.
  • Nervus iliohypogastricus (L1): Dieser Nerv entspringt dem Lendenplexus und innerviert die seitlichen Bauchmuskeln und die Haut im Unterbauchbereich.
  • Nervus ilioinguinalis (L1): Dieser Nerv entspringt ebenfalls dem Lendenplexus und innerviert die seitlichen Bauchmuskeln und die Haut in der Leistengegend.
  • Nervi lumbales (L1-L4): Diese Nerven entspringen dem Lendenplexus und innervieren die hinteren Bauchmuskeln.

Das vegetative Nervensystem und die Bauchorgane

Das vegetative Nervensystem spielt eine wichtige Rolle bei der Steuerung der Organfunktionen im Bauchraum. Es besteht aus zwei Hauptkomponenten: dem Sympathikus und dem Parasympathikus.

  • Sympathikus: Der Sympathikus hat seinen Ursprung im thorakolumbalen Rückenmark und wirkt tendenziell aktivierend auf die Organfunktionen. Er beeinflusst unter anderem die Nierendurchblutung, die Reninfreisetzung und die Volumenretention.
  • Parasympathikus: Der Parasympathikus hat seinen Ursprung im Hirnstamm und im sakralen Rückenmark und wirkt tendenziell beruhigend auf die Organfunktionen. Der Nervus vagus (zehnter Hirnnerv) versorgt die Thoraxorgane und Oberbauchorgane (Magen, Pankreas, Leber, Nieren, Dünndarm und Dickdarm bis zur linken Kolonflexur) mit parasympathischen Nervenfasern. Die Axone aus dem Sakralmark versorgen die Beckenorgane und den Dickdarm bis zur linken Kolonflexus.

Erkrankungen und Verletzungen der Bauchmuskulatur

Verschiedene Erkrankungen und Verletzungen können die Bauchmuskulatur beeinträchtigen und zu Schmerzen und Funktionseinschränkungen führen.

  • Rektusscheidenhämatom: Hierbei handelt es sich um eine traumatische Verletzung der Bauchdecke, bei der es zu einem Bluterguss in der Rektusscheide kommt.
  • Rektusdiastase: Hierbei handelt es sich um eine Ausdünnung und Weitung der Linea alba zwischen den beiden Seiten des Musculus rectus abdominis.
  • Laterale Bauchwandhernie: Hierbei handelt es sich um eine Vorwölbung im Bereich der Linea semilunaris, wo die Bauchwand weniger stark durch Bindegewebe gestützt ist.
  • Triggerpunkte: Myogelosen und Triggerpunkte sind kleinste Knötchen in der Muskulatur, die unter anderem zu Schmerzen führen können. Triggerpunkte im Rectus abdominis können Brustschmerzen, Herzschmerzen, Verdauungsprobleme, Völlegefühle und Brechreiz auslösen. Rectus abdominis Triggerpunkte im Bereich des Bauchnabels können kolikartige Bauchschmerzen und Magenkrämpfe auslösen.
  • Muskelkater: Muskelkater nach Krafttraining der Bauchmuskeln verschwindet in der Regel innerhalb weniger Tage.
  • Bauchwandhernie: Manchmal gibt es einen Vorfall des Bauchfells durch eine schwache Stelle oder Öffnung in der Bauchwand. Dies nennt man eine Bauchwandhernie oder Hernia abdominalis.
  • Nervenschädigungen: Auch Schädigungen der Nerven in der Bauchwand können Bauchschmerzen verursachen.

Besonderheiten bei Frauen

Bei Frauen gibt es einige Besonderheiten in Bezug auf die Bauchmuskulatur, die vor allem mit Schwangerschaft und Geburt zusammenhängen.

  • Elastischere Bindegewebsstruktur: Die Bindegewebsstruktur im Unterbauch ist bei Frauen oft elastischer, um Platz für eine Schwangerschaft zu schaffen.
  • Hormonelle Einflüsse: Hormone spielen eine entscheidende Rolle beim Bauchmuskeltraining, besonders bei Frauen. Sie wirken sich nicht nur auf den Muskelaufbau aus, sondern auch auf die Fettverteilung und den Stoffwechsel.
  • Rektusdiastase nach der Geburt: Nach der Geburt kann es zu einer Rektusdiastase kommen, die sich aber in der Regel spontan zurückbildet.

Training der Bauchmuskulatur

Ein gezieltes Bauchmuskeltraining ist wichtig für die Stabilität der Wirbelsäule, die Körperhaltung und die allgemeine Fitness. Es ist wichtig, alle Bauchmuskelgruppen zu trainieren, sowohl die vorderen als auch die seitlichen und tiefen Bauchmuskeln.

  • Funktionelle Übungen: Funktionelle Übungen, die mehrere Muskelgruppen gleichzeitig beanspruchen, sind besonders effektiv.
  • Progressive Steigerung: Für langfristige Fortschritte ist eine progressive Steigerung des Trainings wichtig.
  • Regeneration: Planen Sie Ruhetage ein, damit sich Ihre Muskeln erholen können.
  • Ernährung: Eine gesunde und ausgewogene Ernährung ist wichtig für den Muskelaufbau und die Fettverbrennung.

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