Die Unterscheidung zwischen Bewusstseinsstörungen und Krampfanfällen ist essenziell für eine korrekte Diagnose und adäquate Behandlung. Dieser Artikel beleuchtet die Charakteristika beider Zustände, ihre Ursachen, Symptome und Differenzierungsmöglichkeiten.
Einführung
Bewusstseinsstörungen und Krampfanfälle können sich in ähnlicher Weise äußern, haben jedoch unterschiedliche Ursachen und Mechanismen. Ein Krampfanfall, oft auch epileptischer Anfall genannt, entsteht durch eine übermäßige Entladung von Neuronen im Gehirn, während Bewusstseinsstörungen vielfältige Ursachen haben können, die nicht zwangsläufig mit epileptischer Aktivität verbunden sind.
Was ist ein Krampfanfall?
Ein Krampfanfall (epileptischer Anfall) entsteht durch eine überschießende Entladung von Neuronen im Gehirn. Die Phänomenologie variiert erheblich in Abhängigkeit vom Ort und der Ausprägung der Anfälle. Sie reicht z. B. von kurzen Abwesenheiten bis hin zu generalisierten tonisch-klonischen Anfällen.
Arten von Krampfanfällen
Es wird zwischen generalisierten und fokalen Krampfanfällen unterschieden. Generalisierte Krampfanfälle betreffen beide Gehirnhälften gleichermaßen, während fokale Krampfanfälle nur in einem begrenzten Bereich einer Hirnhälfte stattfinden.
- Generalisierte Anfälle:
- Generalisierter tonisch-klonischer Anfall: (früher „Grand mal“), ist die eindrücklichste Form des Krampfanfalls. Er besteht aus einer tonischen Phase, in welcher sich die Muskeln versteifen und der Patient ohne jegliche Schutzreflexe plötzlich stürzt. Hierbei kann es zu einem Versteifen der Atemmuskulatur kommen, wodurch ein kurzzeitiger Atemstillstand entsteht. Im Anschluss folgt die klonische Phase mit Zuckungen der gesamten Körpermuskulatur, sichtbar vor allem an den Extremitäten. Im Anschluss folgt eine ausgiebige postiktale Phase mit neurologischen Symptomen.
- Myoklonischer Anfall: Im Rahmen eines myoklonischen Anfalls treten bei vollem Bewusstsein plötzlich unwillkürliche Muskelzuckungen auf. Diese Anfälle dauern nur wenige Sekunden an und betreffen vorwiegend die Arme, Schultern oder den Oberkörper.
- Absencen: Absencen sind kurze und plötzlich einsetzende Abwesenheiten mit stark eingeschränktem oder völlig fehlendem Bewusstsein. Sie dauern wenige Sekunden an, beginnen und enden abrupt und haben anders als der generalisiert tonisch-klonische Anfall keine Aura.
- Atonischer Anfall: Verliert man die Muskelkraft, spricht man von einem atonischen Anfall.
- Fokale Anfälle:Der fokale Krampfanfall findet in einem begrenzten Bereich eine Hirnhälfte statt. Bei einem komplex-fokalen Anfall kommt es neben der lokal begrenzten Symptomatik zusätzlich zu Bewusstseinsstörungen. Patienten können Automatismen wie Schmatzen oder Lippenlecken zeigen. Wenn sich ein fokal beginnender Anfall über beide Hemisphären des Gehirns ausbreiten, kann es zu einem generalisiert tonisch-klonischen Anfall kommen.
Ursachen von Krampfanfällen
Bei einer Epilepsie kommt es durch unterschiedlichste Ursachen und Auslöser zu einer übermäßigen elektrischen Entladung von Nervenzellen im Gehirn. So können zum Beispiel Stoffwechselstörungen, genetische Faktoren, Kopfverletzungen, gutartige und bösartige Tumore, Hirnhautentzündungen oder Schlaganfälle entsprechende Veränderungen im Gehirn verursachen, welche solche übermäßigen Entladungen der Neuronen begünstigen. Dann kommt es zu Symptome wie Muskelkrämpfen, Stürzen und Bewusstlosigkeit, aber auch zu durchaus subtileren Anfallsformen. Oft ist die genaue Ursache jedoch unbekannt.Jede Schädigung von Hirngewebe kann zu einer spontanen Entladung von Nervenzellen und damit zu einem Krampf führen. Säuglinge und kleine Kinder entwickeln oft einen Anfall, wenn sie hohes Fieber haben. Es wird bei Kindern von einem Fieberkrampf gesprochen. Prinzipiell kann ein epileptischer Anfall oder eine Epilepsie in jedem Lebensalter auftreten. Manchmal bleibt die Ursache unbekannt. Bei einigen Patientinnen und Patienten erhöhen Trigger das Risiko für einen Krampf.
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Diagnose von Krampfanfällen
Für die Diagnose wird die Patientin oder der Patient ausführlich befragt und körperlich untersucht. Das Elektroenzephalogramm (EEG) misst die Hirnströme. Die Hirnstromkurve zeigt an, ob eine Neigung zu epileptischen Anfällen besteht. Weitere neurologische Veränderungen im Gehirn lassen sich zum Beispiel mittels der Computertomografie (CT) oder der Magnetresonanztomografie (MRT) darstellen. Auch die Blutuntersuchung kann dabei helfen, mögliche Ursachen für einen Krampfanfall oder eine Epilepsieerkrankung aufzuspüren. Manchmal wird eine genetische Testung veranlasst.
Therapie von Krampfanfällen
Die Therapie eines Krampfanfalls unterscheidet sich zwischen einem noch andauernden und einem bereits abgeschlossenen Anfall.
- Akute Therapie: Krampf medikamentös durchbrechen→ Midazolam i.n / i.m. oder i.v.→ Lorazepam i.v. Ein epileptische Anfall, welcher länger als 5 Minuten anhält, oder mehr als 2 aufeinanderfolgende Anfälle über einen Zeitraum von mehr als 5 Minuten ohne Wiedererlangen des Bewusstseins, werden als Status epilepticus bezeichnet stellen ein dringend therapiebedürftiges Notfallbild dar! Bei Patienten mit einer Neigung zu Anfallsserien kann die Gabe von Notfallmedikamenten abweichend bereits nach dem ersten Anfall erwogen werden. Neben der möglichen Gabe eines Benzodiazepine zur Durchbrechung des Krampfanfalls, sollten stets potenziell patientengefährdende Gegenstände entfernen werden. Als Medikament kommt bei den meisten Rettungsdiensten Midazolam aufgrund seiner umfangreichen Applikationswege zum Einsatz.
- Langzeittherapie: Die Epilepsiebehandlung wird in der Regel medikamentös begonnen, mit sogenannten Antiepileptika. Diese werden zur Vorbeugung von epileptischen Anfällen, aber auch zur Unterbrechung akuter Anfälle eingesetzt. Antiepileptika wirken direkt auf das Nervensystem und die Nervenzellen. Sie sorgen dafür, dass die Reizweiterleitung der Nerven gehemmt und die Erregbarkeit der Nervenzellen im Gehirn vermindert wird. Im Wesentlichen werden zwei Wirkmechanismen unterschieden: Die Blockierung epileptischer Impulse sowie das Verhindern der Ausbreitung epileptischer Aktivität. Parallel zur medikamentösen Epilepsietherapie kann auch der verhaltenstherapeutische Ansatz der Anfallsselbstkontrolle in die Behandlung integriert werden. Allerdings werden nicht alle Patienten durch eine medikamentöse Behandlung anfallsfrei. Bei ca. 30 Prozent der Betroffenen ist eine weitere Abklärung erforderlich und alternative Behandlungsmöglichkeiten (z.B. Unter Epilepsiechirurgie versteht man die Behandlung der Epilepsie mittels neurochirurgischer Verfahren. Sie ist eine erprobte und anerkannte Behandlungsform und wird in spezialisierten Zentren durchgeführt. Im Rahmen einer stationären prächirurgischen Abklärung sollte die Möglichkeit einer epilepsiechirurgischen Behandlung überprüft werden. Dabei untersucht man, ob die epileptischen Anfälle von einer bestimmten Stelle des Gehirns ausgehen und ob es möglich ist, diese operativ zu entfernen, ohne dass der Patienten Störungen im Bereich von Gedächtnis, Kraft oder Sprache erleidet. Nach der Operation und dem anschließenden stationären Aufenthalt wird in der Regel ein weiterer stationärer Aufenthalt in einer Rehabilitationsklinik mit Epilepsie-Schwerpunkt (Medizinische Rehabilitation) empfohlen. Innerhalb der ersten Jahre nach der Operation finden in unterschiedlichen Abständen Nachsorgeuntersuchungen statt, in die alle an der prächirurgischen Diagnostik und operativen Epilepsietherapie beteiligten Berufsgruppen (Ärzte, Neuropsychologie, Psychologie, Sozialdienst) mit eingebunden sind. Ebenso müssen die Medikamente zur Epilepsiebehandlung nach der Operation noch mehrere Jahre eingenommen werden. Sind dann keine weiteren Anfälle aufgetreten, kann nach Absprache mit dem behandelnden Arzt versucht werden, die Medikamente abzusetzen. Im Gegensatz zur Epilepsiechirurgie kann mit der Neurostimulation keine Anfallsfreiheit erreicht werden. Allerdings bewirkt sie, je nach Art der Epilepsie und des eingesetzten Verfahrens, eine deutliche Minderung der Anfallsfrequenz bzw. Unter Neurostimulation versteht man zusammengefasst, dass Strukturen im Gehirn oder solche, die dort hinführen (wie der Vagus-Nerv), mit niedriger Stromstärke stimuliert werden. Im direkten Vergleich scheint die Tiefe Hirnstimulation - die allerdings nur unter bestimmten Bedingungen in Frage kommt - effektiver als die Vagus-Nerv-Stimulation zu sein. 20-30 Prozent aller Epilepsiepatienten sprechen nicht ausreichend auf eine medikamentöse Behandlung an und / oder können aus verschiedenen Gründen nicht operiert werden. Die VNS steht bereits seit Mitte der 90er Jahre als erfolgversprechende Behandlungsalternative zur Verfügung. Hierbei wird der 10. Dafür muss ein Pulsgenerator in eine Hauttasche unter dem linken Schlüsselbein eingesetzt und mittels eines Elektrodenkabels eine Verbindung zum 10. Hirnnerv im linken Halsbereich hergestellt werden. Dies erfolgt im Rahmen einer (minimalinvasiven) 1,5-stündigen OP unter Vollnarkose. In der Regel können die Patienten bereits am Folgetag nach Aktivierung des Systems entlassen werden. Dies ist die Weiterentwicklung der VNS, bei der keine Operation und kein Klinikaufenthalt erforderlich sind. Allerdings liegt die Effektivität deutlich unter der der konventionellen Methode. Spezielle Nervenfasern werden hier über eine Ohrelektrode am Ohr durch sanfte elektrische Impulse aktiviert (Neurostimulation). Bei der Transkraniellen Magnetstimulation erfolgt die Stimulation durch die Schädeldecke und erreicht so die übererregten Hirnstrukturen. Bei diesem Verfahren werden Elektroden in bestimmte Strukturen meist auf beiden Seiten des Gehirns implantiert. Die Tiefe Hirnstimulation ist bei Menschen mit Bewegungsstörungen etabliert und zur Therapie des M. In einer Studie konnte gezeigt werden, dass die Tiefe Hirnstimulation zu einer Reduzierung der Anfallshäufigkeit führt, wenn eine bestimmte Hirnregion - der anteriore Thalamus - stimuliert wird; besonders profitiert haben Menschen mit komplex-fokalen (bzw. automotorischen) Anfällen und Menschen mit Temporallappenepilepsien.
Bewusstseinsstörungen: Ein breites Spektrum
Bewusstseinsstörungen umfassen ein breites Spektrum von Zuständen, die durch eine Beeinträchtigung der Wachheit oder des Bewusstseinsinhalts gekennzeichnet sind. Sie können durch verschiedene Faktoren verursacht werden, darunter:
- Metabolische Störungen: Unterzuckerung, Elektrolytstörungen
- Infektionen: Meningitis, Enzephalitis
- Traumatische Hirnverletzungen: Schädel-Hirn-Trauma
- Vaskuläre Ereignisse: Schlaganfall
- Intoxikationen: Alkohol, Drogen
- Psychische Ursachen: Dissoziative Anfälle
Symptome von Bewusstseinsstörungen
Die Symptome von Bewusstseinsstörungen variieren je nach Ursache und Schweregrad. Sie können umfassen:
- Verwirrtheit
- Desorientiertheit
- Benommenheit
- Somnolenz
- Stupor
- Koma
Diagnose von Bewusstseinsstörungen
Die Diagnose von Bewusstseinsstörungen erfordert eine umfassende Anamnese, körperliche Untersuchung und neurologische Beurteilung. Zusätzliche diagnostische Maßnahmen können umfassen:
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- Blutuntersuchungen zur Beurteilung metabolischer Störungen und Infektionen
- Bildgebende Verfahren (CT, MRT) zur Identifizierung struktureller Hirnschäden
- EEG zur Beurteilung der Hirnaktivität und zum Ausschluss von Krampfanfällen
Therapie von Bewusstseinsstörungen
Die Therapie von Bewusstseinsstörungen richtet sich nach der zugrunde liegenden Ursache. Sie kann umfassen:
- Behandlung metabolischer Störungen
- Antibiose bei Infektionen
- Chirurgische Intervention bei traumatischen Hirnverletzungen oder vaskulären Ereignissen
- Entgiftung bei Intoxikationen
- Psychotherapie bei dissoziativen Störungen
Die Unterscheidung: Synkope, Epilepsie und psychogene Anfälle
Bei plötzlicher Bewusstlosigkeit ohne vorangegangenes Schädel-Hirn-Trauma ist die Unterscheidung zwischen Synkope, epileptischem und psychogenem Anfall entscheidend.
- Synkopen: Sind meist durch eine Minderdurchblutung des Gehirns bedingt, einschließlich vasovagaler, kardialer und orthostatischer Synkopen.
- Epileptische Anfälle: Haben ihren Ursprung im Gehirn, wo sich Gruppen von Neuronen pathologisch synchronisiert immer wieder entladen.
- Psychogene nicht-epileptische Anfälle: Treten oft als Begleitsymptom verschiedener psychiatrischer Diagnosen auf und gehen nicht auf neuronale Überaktivierungen zurück.
Differenzierung von Krampfanfällen und Bewusstseinsstörungen
Die Differenzierung zwischen Krampfanfällen und Bewusstseinsstörungen kann aufgrund ähnlicher Symptome eine Herausforderung darstellen. Folgende Aspekte können bei der Unterscheidung helfen:
- Anamnese: Eine detaillierte Anamnese unter Einbeziehung von Augenzeugenberichten ist entscheidend. Wichtige Fragen umfassen:
- Gab es Vorboten wie eine Aura?
- Wie war der Beginn und Verlauf des Ereignisses?
- Gab es Zuckungen oder Krämpfe?
- Wie lange dauerte das Ereignis?
- Wie war der Zustand nach dem Ereignis (postiktale Phase)?
- EEG: Das EEG ist ein wichtiges diagnostisches Instrument zur Identifizierung epileptischer Aktivität.
- Bildgebende Verfahren: CT und MRT können strukturelle Hirnschäden aufdecken, die sowohl Krampfanfälle als auch Bewusstseinsstörungen verursachen können.
- Blutuntersuchungen: Blutuntersuchungen können metabolische Störungen oder Infektionen identifizieren, die Bewusstseinsstörungen verursachen können.
Besondere Anfallsformen und ihre Unterscheidung
- Psychogene Anfälle: Typische Anzeichen sind plötzliche Bewegungsstörungen oder Bewusstseinsveränderungen ohne eine organische Ursache im Gehirn. Dissoziative Anfälle zählen daher zu den sogenannten funktionellen Störungen. Psychotherapeutische Unterstützung kann dagegen helfen. Anders als bei Epilepsie fehlt jedoch eine krankhafte elektrische Entladung im Gehirn. Die Anfälle entstehen ohne erkennbare körperliche Ursache und dauern oft mehrere Minuten. Dissoziative Anfälle sind meist Folge unbewusster seelischer Belastung. Manchmal stehen frühere medizinische Ereignisse wie ein epileptischer Anfall oder eine Ohnmacht am Anfang. Menschen mit anderen chronischen Erkrankungen wie Epilepsie, Migräne, Depression, Angst- oder Schlafstörungen haben ein erhöhtes Risiko. Ohne gezielte Therapie bleiben dissoziative Anfälle oft über Jahre bestehen. Eine individuell angepasste Psychotherapie kann jedoch sehr wirksam sein. Wichtig: Abgrenzung zur Epilepsie. Die Diagnose stützt sich auf das typische Erscheinungsbild der Anfälle. Zentral ist eine individuell angepasste Psychotherapie. Jeder zweite Betroffene wird mit Therapie anfallsfrei - früh beginnen lohnt sich! Eine spontane Heilung ist selten - aber mit gezielter Therapie sind die Chancen gut: Bei über der Hälfte der Patienten nehmen die Anfälle stark ab oder verschwinden ganz. Wichtig ist ein offener Umgang mit der Erkrankung. Angehörige, Freunde und Kolleg:innen sollten wissen, wie sie im Ernstfall reagieren.
Erste Hilfe bei Krampfanfällen
Die Symptome einer Epilepsie treten meist ganz plötzlich und unvermittelt auf, weshalb es entscheidend ist, dass Angehörige genau wissen, wie man schnell und präzise Erste Hilfe während eines Anfalls leistet. Das kann Angehörigen und Betroffenen große Angst machen.
- Ruhe bewahren: Panik hilft niemandem.
- Gefährliche Gegenstände entfernen: Um Verletzungen zu vermeiden.
- Person nicht festhalten: Krampfende Bewegungen nicht unterdrücken.
- Atemwege sichern: Nach dem Anfall in stabile Seitenlage bringen.
- Notruf wählen: Wenn der Anfall länger als 5 Minuten dauert oder sich wiederholt.
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