Thorakale Neuritis, oft auch als Interkostalneuralgie bezeichnet, ist ein Schmerzsyndrom, das durch Reizung oder Schädigung der Interkostalnerven (Zwischenrippennerven) entsteht. Diese Nerven verlaufen zwischen den Rippen und versorgen die Brust- und Bauchwand. Der resultierende Schmerz kann die Lebensqualität erheblich beeinträchtigen.
Anatomische Grundlagen
Die 12 paarigen Thorakalnerven, ähnlich den anderen Spinalnerven, setzen sich aus der motorischen Vorder- und der sensiblen Hinterwurzel zusammen. Sie treten als gemeinsamer Spinalnervenstamm am Unterrand des entsprechenden Thorakalwirbels aus dem Foramen intervertebrale aus. Über die Rr. communicantes albi et grisei stehen sie mit den benachbarten Grenzstrangganglien in Verbindung. Nach dem Austritt aus dem Neuroforamen teilen sich die Spinalnerven in einen kräftigeren R. ventralis und einen R. dorsalis.
- R. dorsalis: Zieht nach dorsal, überquert die kleinen Wirbelgelenke und versorgt motorisch die autochthone Rückenmuskulatur sowie die darüberliegende Hautpartie in streng segmentaler Anordnung.
- Rr. ventrales (Nn. intercostales): Bilden im Unterschied zu anderen Spinalnerven keinen Plexus, sondern ziehen segmental getrennt als Nn. intercostales 1-12 am Unterrand der zugehörigen Rippe kaudal der A. und V. intercostalis gelegen nach ventral bis zum Sternum.
Die Interkostalnerven versorgen motorisch die Mm. intercostales und die Mm. subcostales; die kranialen 6 Paare versorgen zusätzlich den M. serratus posterior superior und den M. transversus thoracis, die kaudalen Paare 7-12 zusätzlich den M. serratus posterior inferior sowie nach Verlassen des Interkostalraums und Durchbohren des Zwerchfells, schräg nach unten ziehend, die großen ventralen Bauchmuskeln (Mm. obliquus abdominis externus et internus, transversus, rectus abdominis). Der erste Thorakalnerv beteiligt sich an der Zusammensetzung des unteren Primärstrangs des Plexus brachialis, und der zwölfte Thorakalnerv (N. subcostalis) an der Bildung des N. iliohypogastricus. Jeder Interkostalnerv gibt einen R. cutaneus lateralis im Bereich der vorderen Axillarlinie zur sensiblen Versorgung der lateralen Rumpfwand und einen R. cutaneus ventralis im Bereich der Parasternallinie zur Versorgung des entsprechenden Hautareals und der darunterliegenden Pleura bzw. des Peritoneums ab.
Ursachen von thorakaler Neuritis
Die Ursachen für eine thorakale Neuritis sind vielfältig. Im Allgemeinen lassen sie sich in folgende Kategorien einteilen:
Entzündliche Prozesse
Wurzelläsionen im Thorakalbereich sind häufig auf Entzündungen zurückzuführen, wie:
Lesen Sie auch: Was tun bei Schließmuskelkrämpfen?
- Zoster segmentalis (Gürtelrose): Eine Reaktivierung des Varizella-Zoster-Virus, das nach einer Windpockenerkrankung im Körper verbleibt. Es verursacht einen schmerzhaften, gürtelförmigen Hautausschlag entlang der betroffenen Nervenbahnen. Die Schmerzen können auch nach Abheilen des Ausschlags bestehen bleiben.
- Neuroborreliose: Eine Infektion mit Borrelien-Bakterien, die durch Zecken übertragen werden. Sie kann zu Entzündungen der Nervenwurzeln führen.
- Myelitis (Rückenmarkentzündung): Eine Entzündung des Rückenmarks, die durch verschiedene Ursachen ausgelöst werden kann. Die Symptome umfassen Muskelschwäche bis hin zur Lähmung, Gefühlsstörungen in Form von Taubheitsgefühlen, Kribbelmissempfindungen sowie schmerzhaften Missempfindungen, Fehlfunktionen der Harnblase, des Enddarms sowie sexuelle Störungen.
Metabolische Ursachen
- Diabetische Radikulopathie: Eine Variante der diabetischen Neuropathie, die vor allem bei nichtinsulinpflichtigen Diabetikern auftritt. Vermutlich handelt es sich eher um eine mikrovaskuläre als um eine metabolische Genese.
Degenerative Veränderungen
- Osteophytäre Randanbauten: Knochenanbauten an den Wirbelkörpern, die auf die Nerven drücken können.
- Degenerationen der kleinen Wirbelgelenke: Verschleiß der Wirbelgelenke, der zu Nervenreizungen führen kann.
- Synovialzysten im Facettengelenk: Flüssigkeitsgefüllte Zysten an den Wirbelgelenken, die Druck auf die Nerven ausüben können.
Raumforderungen
- Schwannome, Meningeome, Tumormetastasen: Neubildungen, die durch ihr Wachstum Nerven komprimieren oder infiltrieren können.
Traumatische Ursachen
- Traumatische Läsionen: Verletzungen der Brustwirbelsäule, z.B. Rippen- und Beckenfrakturen oder Stichverletzungen.
- Iatrogene Schäden: Nervenläsionen, die im Rahmen von operativen Eingriffen an der Brustwirbelsäule entstehen können (intraoperativ verwendete Spreizinstrumente, Narbenbildung).
Kompressionssyndrome
- Notalgia paraesthetica: Ein Kompressionssyndrom des R. dorsalis beim Durchtritt durch Faszie oder Muskel oder durch degenerative Wirbelgelenkveränderungen.
- Rectus-abdominis-Syndrom: Ein Kompressionssyndrom von Endästen der kaudalen Interkostalnerven beim Durchtritt durch die Faszie des M. rectus abdominis.
Weitere Ursachen
- Mondor-Syndrom: Thrombosierung oberflächlicher Thoraxvenen, die Schmerzen im vorderen Thoraxbereich verursacht.
- Abnorm bewegliche Rippe: Eine abnorm bewegliche 9. oder 10. Rippe kann zu Schmerzen führen.
- Ruptur des M. rectus abdominis: Ein Riss des geraden Bauchmuskels oberhalb des Schambeinastes, z.B. durch chronischen Husten.
- Spontane Spiegeli-Bauchwandhernie: Eine seltene Hernie, die sich spontan zwischen der Linea semilunaris und dem Lateralrand des M. rectus abdominis bildet.
- Thoracic-Outlet-Syndrom (TOS): Hierbei werden zwischen Hals und Brust Nerven oder Blutgefäße eingeengt. Mögliche Folgen: Schulterschmerzen, Nackenprobleme, Schwäche und Taubheit in Armen und Händen.
Psychische Faktoren
- Stress: Psychisches Stressempfinden kann Fehlhaltungen und Muskelverspannungen hervorrufen, die zu einer Interkostalneuralgie führen können. Stress kann auch unbewusst das Atemmuster verändern, was zu flacher oder unregelmäßiger Atmung führt. Langanhaltender Stress kann das Nervensystem sensibilisieren, was die Schmerzempfindlichkeit erhöht.
Symptome
Die Symptome einer thorakalen Neuritis können vielfältig sein, aber typischerweise umfassen sie:
- Gürtelförmige Schmerzen: Akut auftretende, gürtelförmige Schmerzen im Bereich des Brustkorbs oder des Abdomens.
- Langanhaltende, ziehende oder stechende Schmerzen: Die Schmerzen können in anfallsartigen Schmerzspitzen gipfeln.
- Schmerzverstärkung bei Bewegung: Körperliche Aktivität oder bestimmte Bewegungen wie eine Drehung des Oberkörpers, Springen, Lachen, Husten und Niesen können den Schmerz verstärken.
- Atembeschwerden: Bei tiefer Ein- und Ausatmung kann es zu einer ausgeprägten Schmerzverstärkung kommen, selten bis hin zu ernsthaften Atembeschwerden.
- Sensibilitätsstörungen: Dysästhesie und Hypalgesie in einem schmalen Streifen im Zentrum des betroffenen Dermatoms. Bei monosegmentaler Läsion ist die Sensibilitätsprüfung oft unauffällig.
- Bauchwandparese: Bei Betroffenheit von mindestens zwei nebeneinanderliegenden Segmenten im Bereich der unteren 6 Thorakalnerven kann eine klinisch nachweisbare Parese der lateralen Bauchwand resultieren.
- Beevor-Zeichen: Bei Parese der Bauchwand kann es beim Aufrichten aus dem Liegen ohne Mithilfe der Arme zu einer Verschiebung des Nabels zur gesunden Seite kommen.
- Herzrasen: Auch bei einer Interkostalneuralgie ist Herzrasen ein häufiges begleitendes Symptom. Ursachen hierfür können die Schmerzen sein, aber auch psychomatische Beteiligungen können das Herzrasen auslösen.
Diagnostik
Die Diagnose einer thorakalen Neuritis basiert auf:
- Anamnese: Erhebung der Krankengeschichte, einschließlich möglicher Vorerkrankungen, Operationen oder Verletzungen.
- Körperliche Untersuchung: Palpation des Brustkorbs zur Identifizierung schmerzhafter Druckpunkte (paravertebral, in der Axillarlinie oder paramedian). Prüfung der Bauchhautreflexe.
- Neurologische Untersuchung: Prüfung der Sensibilität und Motorik.
- Bildgebende Verfahren:
- Röntgenaufnahmen: Zum Ausschluss von Rippenfrakturen, Erkrankungen der Wirbelsäule oder unklaren Befunden.
- MRT (Magnetresonanztomographie): Zur Darstellung von Rückenmark, Nervenwurzeln und peripheren Nerven, um Erkrankungen des Rückenmarks oder der Nervenwurzeln auszuschließen.
- CT (Computertomographie): Zur Beurteilung von knöchernen Strukturen und Organen im Brustkorb.
- Elektromyographie (EMG): Zur Messung der Muskelaktivität und zur Unterscheidung zwischen muskulären Ursachen und Nervenschädigungen.
- Nervenwasseruntersuchung: Zum Nachweis von Entzündungen im Nervensystem.
- Wirbelsäulenvermessung: Mittels Videorasterstereographie zur Vermessung von Rücken und Wirbelsäule, um Wirbelsäulenerkrankungen und Haltungsschäden zu erkennen.
Differentialdiagnosen
Es ist wichtig, andere Ursachen für Brustschmerzen auszuschließen, wie z.B.:
- Herzerkrankungen: Angina pectoris, Herzinfarkt.
- Lungenerkrankungen: Pleuritis, Lungenembolie, Pneumothorax, Lungenkrebs.
- Erkrankungen des Verdauungstrakts: Ösophagitis, Refluxkrankheit, Gallenkolik.
- Muskuloskelettale Schmerzen: Muskelverspannungen, Rippenprellungen.
Behandlung
Die Behandlung der thorakalen Neuritis richtet sich nach der zugrunde liegenden Ursache und dem Schweregrad der Symptome.
Konservative Therapie
- Schmerzlinderung:
- Nichtsteroidale Antirheumatika (NSAR): Ibuprofen, Diclofenac.
- Opioide: Bei sehr starken Schmerzen.
- Antidepressiva: Amitriptylin, Duloxetin (zur Unterdrückung der Schmerzsignalweiterleitung).
- Antiepileptika: Gabapentin, Pregabalin (zur Behandlung neuropathischer Schmerzen).
- Lokale Betäubungsmittel: Lidocain-Pflaster oder -Cremes.
- Physiotherapie:
- Manuelle Therapie: Zur Lösung von Blockaden und Verspannungen.
- Dehnübungen: Zur Lockerung der Muskeln rund um die Rippen.
- Kräftigungsübungen: Zur Stärkung der Rumpfmuskulatur.
- Atemtherapie: Zur Verbesserung der Atmung und Entspannung der Atemmuskulatur.
- Wärme- und Kälteanwendungen: Wärmepackungen oder Heizkissen zur Entspannung der Muskeln, Kühlpacks zur Reduzierung von Entzündungen.
- Kinesiotaping: Zur Unterstützung der Muskulatur und Vorbeugung von Überbelastungen.
- Osteopathie: Durch Lockerung der Verspannungen und Faszientherapie werden chronische Schmerzen gelindert und die Muskeln entlastet.
- Entspannungstechniken: Autogenes Training, progressive Muskelentspannung, Yoga, Meditation.
- Hausmittel: Warme Bäder (mit Epsom-Salz oder ätherischen Ölen), Pfefferminzöl.
Invasive Therapie
- Infiltrationen: Injektion von Lokalanästhetika und Kortikosteroiden in die Nähe der Interkostalnerven zur Schmerzlinderung.
- Epidurale Injektionen: Injektion von Medikamenten in den Epiduralraum zur Blockierung von Schmerzsignalen.
- PASHA-Katheter: Minimalinvasive Schmerztherapie durch elektrische Neuromodulation (Epidurale gepulste Radiofrequenztherapie).
- Operation: In seltenen Fällen kann ein chirurgischer Eingriff zur Entlastung der Nerven erforderlich sein, z.B. bei Tumoren oder Kompressionssyndromen.
Behandlung der Ursache
- Antivirale Therapie: Bei Gürtelrose.
- Antibiotische Therapie: Bei Neuroborreliose.
- Behandlung von Stoffwechselerkrankungen: Bei diabetischer Radikulopathie.
- Korrektur von Fehlstellungen: Bei Skoliose oder anderen Wirbelsäulenerkrankungen.
Prognose
Die Prognose einer thorakalen Neuritis hängt von der zugrunde liegenden Ursache und der Wirksamkeit der Behandlung ab. In vielen Fällen können die Schmerzen durch konservative Maßnahmen gelindert werden. Bei chronischen Schmerzen kann eine multimodale Therapie erforderlich sein.
Lesen Sie auch: Die gesundheitliche Krise von Gaby Köster: Schlaganfall im Fokus
Prävention
Einige Maßnahmen können helfen, einer thorakalen Neuritis vorzubeugen:
- Impfung gegen Gürtelrose: Für Personen über 60 Jahre.
- Vermeidung von Risikofaktoren: Übergewicht, Rauchen, Stress.
- Ergonomische Arbeitsplatzgestaltung: Vermeidung von Fehlhaltungen und Überlastungen.
- Regelmäßige Bewegung: Stärkung der Rumpfmuskulatur und Förderung der Durchblutung.
- Stressmanagement: Entspannungstechniken zur Reduzierung von Stress.
Lesen Sie auch: Behandlungsmöglichkeiten bei Taubheitsgefühl