Vagusnervstimulation: Ein Hoffnungsschimmer bei verschiedenen Erkrankungen?

Die Vagusnervstimulation (VNS) rückt zunehmend in den Fokus der medizinischen Forschung. Ursprünglich zur Behandlung von Epilepsie entwickelt, zeigt sie nun auch vielversprechendes Potenzial bei anderen neurologischen und psychiatrischen Erkrankungen wie Depressionen, Parkinson und sogar zur Herzgesundheit. Doch was steckt hinter dieser Methode, und für wen ist sie geeignet?

Die Rolle des Vagusnervs

Der Vagusnerv, auch bekannt als "umherschweifender Nerv", ist der längste Hirnnerv und spielt eine zentrale Rolle im parasympathischen Nervensystem, dem Teil des Nervensystems, der für Entspannung und Erholung zuständig ist. Er entspringt im Hirnstamm und zieht sich durch den Körper, wobei er mit zahlreichen Organen wie Lunge, Herz, Magen, Leber, Milz, Nieren, Gallenblase, Bauchspeicheldrüse, Dünndarm und Dickdarm in Verbindung steht.

Eine Hauptaufgabe des Vagusnervs ist der Informationsaustausch zwischen Körper und Gehirn. Er übermittelt vielfältige Signale, die unser Verhalten und unsere Stimmung beeinflussen. So sendet er beispielsweise beim Essen Informationen vom Verdauungstrakt an das Gehirn.

Wie funktioniert die Vagusnervstimulation?

Die Vagusnervstimulation zielt darauf ab, die Aktivität des Vagusnervs gezielt zu beeinflussen. Dabei gibt es zwei Hauptansätze:

  • Invasive Vagusnervstimulation (VNS): Bei diesem Verfahren wird ein kleines Gerät, ähnlich einem Herzschrittmacher, unterhalb des Schlüsselbeins unter die Haut implantiert. Von diesem Gerät führt ein Kabel zum Vagusnerv im Halsbereich, an dem Elektroden befestigt werden. Der Impulsgeber sendet in regelmäßigen Abständen elektrische Impulse an den Nerv, der diese Signale an das Gehirn weiterleitet.
  • Nicht-invasive Vagusnervstimulation (transkutane VNS): Diese Methode ist weniger invasiv und erfolgt durch die Haut. Dabei werden kleine Elektroden am Ohr angebracht, da sich dort Ausläufer des Vagusnervs befinden. Über diese Elektroden werden elektrische Impulse abgegeben, um den Nerv zu stimulieren.

Ein Vorteil der transkutanen Stimulation ist, dass sie nur wenige Stunden pro Tag möglich ist.

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Anwendungsgebiete der Vagusnervstimulation

Die Vagusnervstimulation wird in verschiedenen Bereichen der Medizin eingesetzt:

Depressionen

Die VNS ist in den USA bereits seit einigen Jahren als Zusatzbehandlung bei therapieresistenten Depressionen zugelassen, wenn mindestens vier unterschiedliche Therapien nicht ausreichend geholfen haben. Eine Post-Marketing-Studie der US-Zulassungsbehörde FDA zeigte, dass im Laufe von fünf Jahren zwei Drittel der Patienten auf die Behandlung ansprachen, verglichen mit nur 41 Prozent bei einer konventionellen Therapie.

Patienten mit schweren, therapieresistenten Depressionen sprachen schneller und häufiger auf die Behandlung an. Als prognostisch günstig erwies sich eine erfolgreiche Elektrokrampftherapie (EKT) in der Vergangenheit. Die Mortalität war in der VNS-Gruppe weniger als halb so hoch wie in der Kontrollgruppe.

Epilepsie

Ursprünglich wurde die VNS zur Behandlung von Epilepsie entwickelt. Mediziner entdeckten dabei, dass die Stimulation des Vagusnervs nicht nur epileptische Anfälle unterbinden, sondern auch die Stimmung der Patienten aufhellen kann.

Herzgesundheit

Studien deuten darauf hin, dass der Vagusnerv eine wichtige Rolle bei der Kommunikation zwischen Gehirn und Herz spielt. Stress, Depressionen und Angst können sich negativ auf die Herzgesundheit auswirken. Die Stimulation des Vagusnervs könnte helfen, diesen schädlichen Auswirkungen vorzubeugen.

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Eine niedrige Herzratenvariabilität (HRV) deutet auf eine geringere Aktivität des Vagusnervs und ein erhöhtes Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen hin. Menschen mit Angst- und Panikstörungen haben oft eine geringere HRV. Die Stärkung des Vagusnervs könnte dazu beitragen, Angstreaktionen besser zu unterdrücken und chronischen Stress zu reduzieren.

Weitere potenzielle Anwendungsgebiete

In Erlangen wurde ein Gerät entwickelt, das über eine Elektrode im Ohr den Vagusnerv stimuliert. Dies könnte bei verschiedensten Krankheiten wie Parkinson helfen.

Chancen und Risiken

Die Vagusnervstimulation bietet neue Therapieoptionen für Menschen mit verschiedenen Erkrankungen. Allerdings ist es wichtig, die Chancen und Risiken sorgfältig abzuwägen.

Chancen

  • Wirksamkeit bei therapieresistenten Erkrankungen: Die VNS kann eine wirksame Behandlungsoption sein, wenn andere Therapien nicht ausreichend helfen.
  • Verbesserung der Lebensqualität: Viele Patienten berichten von einer deutlichen Verbesserung ihrer Lebensqualität durch die VNS.
  • Potenzial für weitere Anwendungsgebiete: Die Forschung zur VNS ist noch nicht abgeschlossen, und es gibt Hinweise auf weitere potenzielle Anwendungsgebiete.

Risiken

  • Invasiver Eingriff (bei implantierter VNS): Die Implantation eines VNS-Geräts ist ein operativer Eingriff, der mit Risiken verbunden sein kann.
  • Nebenwirkungen: Die VNS kann Nebenwirkungen wie Heiserkeit, Husten, Schluckbeschwerden oder Kribbeln im Halsbereich verursachen.
  • Hohe Kosten: Die Kosten für ein VNS-Gerät und die Operation können beträchtlich sein.
  • Erfolgsquote nicht garantiert: Die VNS hilft nicht jedem Patienten, und die Erfolgsquoten können je nach Erkrankung variieren.

Vagusnervstimulation im Alltag: Selbsthilfe oder Hype?

In den sozialen Medien kursieren zahlreiche Videos, die Selbsthilfe-Methoden zur Stimulation des Vagusnervs anpreisen, etwa durch Massagen am Hals oder kleine elektrische Impulse über Elektroden am Ohr. Diese Methoden sollen Stress und Ängste reduzieren und sogar depressive Symptome lindern.

Einige Experten sehen diese Techniken kritisch. Sie weisen darauf hin, dass die wissenschaftliche Grundlage für viele dieser Methoden noch nicht ausreichend belegt ist. Einige der Techniken, wie Massagen am Hals, könnten tatsächlich zur Beruhigung beitragen, da der Vagusnerv als Teil des parasympathischen Systems Erholungs- und Entspannungsprozesse aktiviert. Die Wirkung anderer Techniken halten sie für "Fiktion".

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Es ist wichtig, sich bewusst zu sein, dass die Vagusnervstimulation kein Allheilmittel ist und dass eine professionelle medizinische oder psychotherapeutische Behandlung nicht ersetzt werden kann.

Alternative Behandlungsansätze

Neben der Vagusnervstimulation gibt es weitere alternative Behandlungsansätze, die bei Depressionen und anderen psychischen Erkrankungen eingesetzt werden können:

  • Elektrokrampftherapie (EKT): Die EKT ist eine wirksame Methode gegen schwere Depressionen, bei der unter Kurznarkose ein Krampfanfall im Gehirn ausgelöst wird.
  • Transkranielle Magnetstimulation (TMS): Bei der TMS werden Magnetspulen über dem Kopf platziert, um den Hirnstoffwechsel anzuregen.
  • Wachtherapie: Schlafentzug kann bei manchen Depressiven die Stimmung verbessern.
  • Psychokardiologie: Psychotherapeutische Maßnahmen können bei Herzkranken Menschen Depressivität, Angstsymptome und Stress reduzieren.
  • Ernährung: Eine ausgewogene Ernährung mit viel Fisch, Früchten, Nüssen und Olivenöl kann sich positiv auf die Stimmung auswirken.

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