Viele Frauen leiden unter Menstruationsbeschwerden, die von Stimmungsschwankungen über Anspannung bis hin zu Konzentrationsstörungen und Erschöpfung reichen. In schweren Fällen können diese Symptome als prämenstruelle dysphorische Störung (PMDS) diagnostiziert werden und den Alltag erheblich beeinträchtigen. Herkömmliche Behandlungen wie Antidepressiva oder Hormonpräparate sind nicht immer wirksam und können Nebenwirkungen verursachen. Daher werden alternative Therapieansätze wie die Vagusnervstimulation (VNS) zunehmend in den Fokus gerückt.
Was ist der Vagusnerv und welche Rolle spielt er?
Der Vagusnerv, auch Nervus vagus genannt, ist der zehnte von zwölf Hirnnerven und der längste im Körper. Er erstreckt sich vom Gehirn bis in den Bauchraum und verbindet wichtige Organe wie Herz, Lunge, Leber, Milz und den Magen-Darm-Trakt. Als Teil des parasympathischen Nervensystems spielt der Vagusnerv eine zentrale Rolle bei der Steuerung unbewusster Körperfunktionen wie Verdauung, Atmung, Herzfrequenz, Speichelbildung und Nierenfunktion. Er fungiert als eine Art "Datenautobahn" zwischen Gehirn und Organen und trägt zur Aufrechterhaltung des inneren Gleichgewichts (Homöostase) bei.
Der Vagusnerv beeinflusst auch unser Wohlbefinden und unsere Gesundheit. Er signalisiert uns, ob unsere organischen Grundbedürfnisse gedeckt sind und ob wir uns entspannen oder anstrengen sollten. Bei Stress hilft er uns, angemessen zu reagieren, indem er beispielsweise die Herzfrequenz und die Atmung anpasst. Nach einer Stresssituation sorgt der Vagus dafür, dass der Körper wieder in einen Entspannungszustand gelangt.
Wie funktioniert die Vagusnervstimulation?
Die Vagusnervstimulation (VNS) ist eine Methode, bei der der Vagusnerv durch elektrische Impulse angeregt wird. Ziel ist es, die körpereigenen Steuerungsmechanismen des Nervs zu nutzen, um verschiedene Erkrankungen zu behandeln. Es gibt verschiedene Arten der VNS:
- Invasive VNS: Hierbei wird ein Gerät unter der Haut im Brustbereich implantiert, das mit einem Draht verbunden ist, der den Vagusnerv im Halsbereich umwickelt und elektrische Impulse an ihn sendet.
- Nicht-invasive VNS: Bei dieser Methode wird der Vagusnerv über die Haut stimuliert, beispielsweise durch ein Gerät im Ohr, das einem Kopfhörer ähnelt. Über die Haut wird ein Ast des Vagusnervs, der oberhalb des Gehörgangs sitzt, stimuliert (transkutane aurikuläre Vagusnervstimulation, taVNS).
Die elektrische Stimulation des Vagusnervs kann die Erregbarkeit von Gehirnzellen reduzieren und die Freisetzung von Neurotransmittern im Gehirn beeinflussen, die für die Stimmung und das Wohlbefinden verantwortlich sind.
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Vagusnervstimulation bei Menstruationsbeschwerden und PMDS
Da der Vagusnerv eine wichtige Rolle bei der Regulierung von Stimmung und Emotionen spielt, wird die VNS zunehmend als mögliche Therapieoption bei Menstruationsbeschwerden und PMDS untersucht. Studien deuten darauf hin, dass die taVNS bei verschiedenen neuropsychiatrischen Erkrankungen vielversprechend sein könnte.
Eine aktuelle Machbarkeitsstudie untersucht die Wirksamkeit der taVNS und von Slow-paced breathing (SPB) bei Frauen mit PMDS. In dieser Studie werden 60 Frauen mit PMDS in drei Gruppen aufgeteilt:
- Verum taVNS
- Sham taVNS (Placebo)
- SPB (Slow-paced breathing)
Die Teilnehmerinnen führen die Interventionen über drei Menstruationszyklen als tägliche Heimanwendung durch. Ziel der Studie ist es, die Praktikabilität des Studiendesigns im Alltag, die Rekrutierung von Teilnehmerinnen, die Umsetzbarkeit der täglichen Anwendung und die Zuverlässigkeit der Datenerhebung zu prüfen. Sekundäre Endpunkte umfassen Veränderungen der PMDS-Symptomatik (tägliches App-Tagebuch, psychometrische Skalen) sowie biologischer Marker (Herzratenvariabilität, EEG-Parameter, pro- und anti-inflammatorische Zytokine, Haarcortisol, Mikrobiom).
Weitere Anwendungsbereiche der Vagusnervstimulation
Die Vagusnervstimulation wird nicht nur bei Menstruationsbeschwerden und PMDS, sondern auch bei einer Vielzahl anderer Erkrankungen eingesetzt, darunter:
- Epilepsie: Die VNS kann bei Patientinnen und Patienten mit schwer kontrollierbarer Epilepsie die Häufigkeit und Schwere von Anfällen in Kombination mit Medikamenten reduzieren.
- Depressionen: Die VNS kann bei therapieresistenten Depressionen die Stimmung und Motivation verbessern.
- Chronische Schmerzen: Die VNS kann bei verschiedenen chronischen Schmerzzuständen, wie z.B. chronischen Rückenschmerzen, Unterleibsschmerzen und Migräne, die Schmerzen lindern und den Bedarf an Schmerzmitteln reduzieren.
- Adipositas: Die VNS kann das Sättigungsgefühl verstärken und so bei der Gewichtsabnahme helfen.
- Angststörungen: Die VNS kann Angstzustände reduzieren und die Entspannung fördern.
Wie kann man den Vagusnerv selbst trainieren?
Neben der professionellen Vagusnervstimulation gibt es auch verschiedene Möglichkeiten, den Vagusnerv selbst zu trainieren und zu aktivieren:
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- Atemübungen: Tiefe, langsame Atemzüge, insbesondere die Bauchatmung, können den Vagusnerv aktivieren und Entspannung hervorrufen.
- Entspannungstechniken: Meditation, Yoga und autogenes Training können das gesamte Nervensystem regulieren und den Vagusnerv positiv beeinflussen.
- Kälteexposition: Eine kalte Dusche oder das Eintauchen des Gesichts in kaltes Wasser kann den Sympathikus dämpfen und den Parasympathikus aktivieren.
- Singen und Summen: Singen, insbesondere tiefe Töne, oder das Summen eines langgezogenen "Om" oder "Ah" kann die Kehlkopf- und Rachenmuskulatur stimulieren und den Vagusnerv aktivieren.
- Gurgeln: Mehrmaliges tägliches Gurgeln mit Wasser kann die Rachenmuskulatur aktivieren und den Vagusnerv stimulieren.
- Bewegung: Moderate Bewegung wie Spazierengehen, Radfahren oder Joggen kann den Vagusnerv aktivieren und Stress abbauen.
- Probiotische Ernährung: Der Verzehr von probiotischen Lebensmitteln wie Kefir und Sauerkraut kann die Darmflora stärken und die Bildung von Serotonin und Dopamin fördern, was sich positiv auf den Vagusnerv auswirken kann.
Kritik und Einschränkungen
Obwohl die Vagusnervstimulation vielversprechend ist, gibt es auch einige Kritikpunkte und Einschränkungen:
- Mangelnde Evidenz: Für einige Anwendungsbereiche, insbesondere bei Menstruationsbeschwerden und PMDS, ist die Evidenzlage noch begrenzt. Weitere Studien sind erforderlich, um die Wirksamkeit und Sicherheit der VNS in diesen Bereichen zu bestätigen.
- Nebenwirkungen: Die invasive VNS kann Nebenwirkungen wie Stimmveränderungen, Heiserkeit oder Herzrhythmusstörungen verursachen. Die nicht-invasive VNS ist in der Regel gut verträglich, kann aber in seltenen Fällen zu Hautreizungen oder leichten Beschwerden führen.
- Kosten: Die invasive VNS ist ein teures Verfahren, das nicht von allen Krankenkassen übernommen wird. Die Kosten für die nicht-invasive VNS können je nach Gerät variieren.
- Selbststimulation: Es gibt viele Geräte zur Selbststimulation des Vagusnervs auf dem Markt, deren Wirksamkeit jedoch oft nicht ausreichend belegt ist. Vor der Anwendung solcher Geräte sollte man sich daher gut informieren und gegebenenfalls ärztlichen Rat einholen.
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