Das vegetative Nervensystem (VNS), auch autonomes Nervensystem genannt, ist ein komplexes Netzwerk, das lebenswichtige Körperfunktionen steuert, ohne dass wir bewusst darüber nachdenken müssen. Es reguliert Atmung, Herzschlag, Verdauung, Stoffwechsel und viele andere Prozesse, die für unser Überleben unerlässlich sind. Das VNS besteht hauptsächlich aus zwei Hauptkomponenten: dem Sympathikus und dem Parasympathikus, die oft als Gegenspieler agieren, um ein Gleichgewicht im Körper herzustellen.
Die Komponenten des vegetativen Nervensystems
Sympathikus: Aktivierung für Leistung und Stress
Der Sympathikus bereitet den Körper auf Aktivität und Stress vor. In Gefahrensituationen oder bei körperlicher Anstrengung aktiviert er Organe und erhöht Herzfrequenz, Atmung und Blutdruck. Dies führt zu einer erhöhten Alarmbereitschaft und einem gesteigerten Fluchtverhalten. Der Sympathikus wird durch verschiedene Gehirnregionen gesteuert, darunter der paraventrikuläre Nucleus, der Locus coeruleus und die ventrolaterale Medulla. Die Steuerung erfolgt präganglionär über Acetylcholin und postganglionär über Noradrenalin.
Parasympathikus: Ruhe und Erholung
Der Parasympathikus hingegen fördert Ruhe und Erholung. Er verlangsamt den Herzschlag, senkt den Blutdruck, fördert die Verdauung und aktiviert Stoffwechselvorgänge. Der Parasympathikus ist besonders in Ruhephasen aktiv und hilft dem Körper, Energie zu sparen und zu regenerieren.
Enterisches Nervensystem: Das "Bauchhirn"
Das enterische Nervensystem (ENS) ist ein weiterer wichtiger Bestandteil des VNS. Es wird oft als "Bauchhirn" bezeichnet, da es das Verdauungssystem weitgehend unabhängig von Gehirn und Rückenmark steuern kann. Das ENS reguliert die Darmbewegung, die Sekretion von Verdauungssäften und die Durchblutung des Magen-Darm-Trakts. Es besteht aus etwa 100 Millionen Nervenzellen, die in der Wand des Verdauungstrakts lokalisiert sind.
Wie das vegetative Nervensystem funktioniert
Das VNS funktioniert teilautonom, was bedeutet, dass die meisten Erfolgsorgane über direkte Nerven mit Sympathikus und Parasympathikus verbunden sind. Die Steuerung erfolgt über Neurotransmitter und Hormone. Während die HPA-Achse (Hypothalamus-Hypophysen-Nebennierenrinden-Achse) endokrin über Neurotransmitter und Hormone angesteuert wird, wird das vegetative Nervensystem neuronal (elektrisch) angesteuert.
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Neurotransmitter und Rezeptoren
Acetylcholin und Noradrenalin sind wichtige Neurotransmitter im VNS. Acetylcholin wird präganglionär sowohl im Sympathikus als auch im Parasympathikus verwendet, sowie postganglionär im Parasympathikus. Noradrenalin ist der wichtigste Neurotransmitter postganglionär im Sympathikus. Diese Neurotransmitter binden an spezifische Rezeptoren auf den Zielorganen und lösen dort entsprechende Reaktionen aus.
Herzratenvariabilität (HRV) als Indikator für VNS-Aktivität
Die Aktivität des vegetativen Nervensystems, insbesondere die des Parasympathikus, kann noninvasiv durch Messung der Herzratenvariabilität (HRV) erfolgen. Die HRV bezieht sich auf die Variationen der Zeitintervalle zwischen Herzschlägen. Eine höhere HRV deutet auf eine bessere Anpassungsfähigkeit und Regulationsfähigkeit des Körpers hin, während eine niedrigere HRV oft mit Stress, Krankheit oder Alterung in Verbindung gebracht wird.
Das vegetative Nervensystem und das Bewusstsein
Obwohl das VNS weitgehend unbewusst arbeitet, gibt es dennoch Verbindungen zum Bewusstsein. Emotionen, Gedanken und bewusste Entscheidungen können die Aktivität des VNS beeinflussen. Stress, Angst und Aufregung können den Sympathikus aktivieren, während Entspannung, Meditation und positive Emotionen den Parasympathikus fördern.
Achtsamkeit und bewusste Beeinflussung des VNS
Durch Achtsamkeitspraktiken, Atemübungen und Entspannungstechniken können wir lernen, unser VNS bewusst zu beeinflussen. Indem wir uns auf unseren Atem konzentrieren, unsere Muskeln entspannen und unsere Gedanken beruhigen, können wir den Parasympathikus aktivieren und Stress reduzieren.
Vegetative Dystonie: Wenn das VNS aus dem Gleichgewicht gerät
Eine vegetative Dystonie liegt vor, wenn das Zusammenspiel zwischen Sympathikus und Parasympathikus gestört ist. Dies kann zu einer Vielzahl von Symptomen führen, darunter Kopfschmerzen, Schwindel, Durchfall, Verstopfung, Schlafstörungen, Herzrasen, erhöhter oder erniedrigter Blutdruck, vermehrtes Schwitzen und Zittern. Die Diagnose "vegetative Dystonie" ist jedoch umstritten und wird oft als "Verlegenheitsdiagnose" betrachtet. Stattdessen sprechen Ärzte häufiger von somatoformen Störungen oder funktionellen Syndromen, wenn keine organischen Ursachen für die Beschwerden gefunden werden können.
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Vegetatives Nervensystem und ADHS
Eine Metastudie von 55 Untersuchungen zum VNS bei ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung) fand bei knapp der Hälfte der Untersuchungen keinen Einfluss des VNS auf ADHS. Bei ADHS sind die Adrenalinwerte oft verringert und der Parasympathikus überhöht und unflexibel. Die Befunde zum Sympathikus bei ADHS sind uneinheitlich. Einige Studien deuten auf eine verringerte Aktivität des Sympathikus und des Parasympathikus bei Jugendlichen mit ADHS hin, während andere Studien eine erhöhte Sympathikus-Reaktion bei Kindern mit ADHS fanden.
Adrenalin und Noradrenalin bei ADHS
Adrenalin und Noradrenalin spielen eine wichtige Rolle bei Aufmerksamkeit, Konzentration und Impulskontrolle. Bei einer langweiligen, unterstimulierenden Aufgabe schnitten Probanden mit höheren Adrenalinspiegeln besser ab als diejenigen mit niedrigeren Adrenalinspiegeln. Junge Männer, die auf Stress einen höheren Noradrenalin- und Adrenalinanstieg zeigten, waren in Tests effizienter. Umgekehrt ist die Adrenalinausschüttung der sympathetischen Nebenniere bei Kindern mit Aggressivität, motorischer Unruhe und Konzentrationsschwierigkeiten unter Stressbelastung wie ohne Stressbelastung signifikant verringert.
Respiratorische Sinusarrhythmie (RSA) und kardiale Prä-Ejektions-Periode (PEP) bei ADHS
Die respiratorische Sinusarrhythmie (RSA) und die kardiale Prä-Ejektions-Periode (PEP) sind weitere Indikatoren für die Aktivität des VNS. Die RSA repräsentiert parasympathische/vagale Wirkungen auf das Herz, während die PEP ein durch das sympathische Nervensystem vermitteltes systolisches Zeitintervall ist. Einige Studien fanden keine durchschlagenden Unterschiede der Ruheaktivität oder Reaktivität der RSA oder PEP bei Kindern mit und ohne ADHS, während andere Studien eine erhöhte Sympathikus-Reaktion bei Kindern mit ADHS fanden.
Elektrodermale Aktivität bei ADHS
Eine Studie fand bei Jugendlichen mit ADHS mit und ohne komorbide Conduct Disorder eine signifikante Verringerung der elektrodermalen Aktivität, was sich mit dem geringeren Angstempfinden bei Impulsivität deckt.
Stress und das vegetative Nervensystem
Stress ist ein wesentlicher Faktor, der das vegetative Nervensystem beeinflusst. In Stresssituationen wird der Sympathikus aktiviert, was zu einer erhöhten Herzfrequenz, beschleunigter Atmung und erhöhter Muskelspannung führt. Chronischer Stress kann jedoch zu einer Dysregulation des VNS führen, was sich negativ auf die Gesundheit auswirken kann.
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Die Rolle von Kampf oder Flucht
Die Regulation des vegetativen Nervensystems diente ursprünglich dazu, den Menschen bei vitalen Bedrohungen binnen kürzester Zeit auf Kampf und Flucht einzustellen. Regelmäßige lebensbedrohliche Einflüsse sind heute eher selten. Viel mehr zu schaffen macht uns ein ganz anderes Thema unserer Zeit: Stress. Dieses Phänomen steht im Mittelpunkt der Stressmessung bzw. HRV-Messung.
HRV-Messung zur Analyse des VNS-Zustands
Bei der VNS-Analyse wird der Zustand von Sympathikus und Parasympathikus mittels der Herzfrequenzvariabilität (HRV) gemessen. Die HRV-Messung ist ein anerkanntes schulmedizinisches Verfahren, bei der 520 Mal der zeitliche Abstand zwischen den einzelnen Herzschlägen gemessen wird. Je besser die Variabilität des Herzschlags, desto besser die Anpassungs- und Regulationsfähigkeit des Menschen.
Waldbaden als Anti-Stress-Kur
Beim Waldbaden wird die Aktivität des Sympathikus gebremst und der Parasympathikus aktiviert. So sinken Blutdruck und Blutzucker und auch die Atmung wird vertieft. Außerdem werden Entzündungsprozesse im Körper gehemmt, sodass auch Veränderungen im Hormon- und Immunsystem eingeleitet werden.
Was tun, wenn der Sympathikus aktiv ist?
Wenn wir bemerken, wie sich alles in uns anspannt, hilft erst einmal ein tiefer Atemzug, bei dem der Aus-Atem länger ist als der Ein-Atem. Das signalisiert nämlich unserem Körper, dass die Gefahr vorbei ist.
Der Gegenspieler: Der Parasympathikus
Die gute Nachricht ist - der Sympathikus hat einen Gegenspieler, den Parasympathikus. Und den können wir stark machen. Wie das geht, kannst du in meinem folgenden Blog lesen.
Symptome und Behandlung der vegetativen Dystonie
Eine Vielzahl unterschiedlicher Symptome; in der Regel handelt es sich um Beschwerden ohne konkrete diagnostizierbare organische Ursache. Viele Beschwerden verschwinden von alleine. Bei anhaltenden Beschwerden: Psychotherapie, körperliche Betätigung wie Sport, Yoga oder Entspannungstrainings; in manchen Fällen Medikamente.
Ursachen und Risikofaktoren
Zusammenspiel körperlicher, seelischer und sozialer Umstände, psychosomatische Ursachen, Stress, Trauer, Ängste.
Diagnose
Körperliche Untersuchung, Anamnese der Krankengeschichte und Lebensumstände; unter Umständen spezifische Untersuchungen je nach Beschwerden.
Prognose
Abhängig von den Umständen, meist Besserung von alleine, in anderen Fällen Therapie; spontane Besserung in jedem Stadium möglich.
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