Verdacht auf Epilepsie: Welcher Arzt ist der richtige Spezialist?

Ein epileptischer Anfall kann beängstigend sein, sowohl für die betroffene Person als auch für die Zeugen. Doch wann ist ein Anfall ein Zeichen für Epilepsie, und welcher Arzt ist der richtige Ansprechpartner für Diagnose und Behandlung? Dieser Artikel gibt Ihnen einen Überblick.

Was ist Epilepsie?

Epilepsie ist eine neurologische Erkrankung, bei der es wiederholt zu epileptischen Anfällen kommt. Es handelt sich um eine der häufigsten chronischen Erkrankungen des zentralen Nervensystems. Ein einzelner Anfall bedeutet jedoch nicht zwangsläufig, dass jemand an Epilepsie erkrankt ist. Erst bei wiederholten Anfällen in bestimmten Zeitabständen oder bei epilepsietypischen Signalen im EEG spricht man von Epilepsie.

Epileptische Anfälle

Ein epileptischer Anfall ist eine zeitlich begrenzte Funktionsstörung der Hirnnervenzellen. Je nachdem, welche Nervenzellen betroffen sind, kann es zu verschiedenen Symptomen kommen. Das Spektrum reicht von Krämpfen des ganzen Körpers bis hin zu Zuckungen oder Bewegungen einzelner Körperteile. Ein Anfall kann sich aber auch in einer vorübergehenden Abwesenheit äußern.

Epileptische Anfälle können in jedem Lebensalter auftreten. Bei Kindern und Jugendlichen liegt die lebenslange Auftretenswahrscheinlichkeit (Prävalenz) einer Epilepsie bei 3-4%. Das häufigste Symptom einer Epilepsie ist ein epileptischer Anfall, bei dem es zu einer synchronen Massenentladung von Nervenzellen im Gehirn kommt. Art, Ausprägung und Dauer eines Anfalls können sehr unterschiedlich sein.

Arten von Epilepsie

Grundsätzlich unterscheidet man in der Medizin zwischen fokalen und generalisierten Anfällen.

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  • Fokale Anfälle: Bei fokalen Anfällen sind nur bestimmte Bereiche des Gehirns am Anfall beteiligt, und entsprechend sind nur einzelne Körperregionen betroffen. Zum Beispiel kann bei einem fokalen Anfall nur das Augenlid zucken. Fokale Anfälle werden in solche mit Bewusstseinsstörung und solche ohne Bewusstseinsstörung unterteilt. Eine Bewusstseinsstörung zeigt sich meist als kurze Eindämmerung, die so unauffällig für Außenstehende verläuft, dass sie meist nicht auffällt. In der Regel haben Betroffene keine Erinnerung an den Anfall.
  • Generalisierte Anfälle: Bei generalisierten Anfällen ist das ganze Gehirn vom Anfall betroffen, entweder von Anfang an oder ausgehend von einem fokalen Anfall. Generalisierte Anfälle zeigen sich als sogenannte Absencen, die kurze Zeit dauern und in denen die betroffene Person nicht ansprechbar ist. Des Weiteren werden auch myoklonische Anfälle, die sich als plötzliche und kurze Zuckungen von ganzen Muskelgruppen zeigen, zu den generalisierten Anfällen gezählt. Außerdem zählen auch Anfälle, die zu einer Versteifung und dann zum Krampfen des ganzen Körpers führen (Grand Mal genannt), zu den generalisierten Anfällen.

Ursachen von Epilepsie

Für Epilepsien können verschiedene Ursachen verantwortlich sein. In etwa der Hälfte der Fälle bleibt die Ursache jedoch ungeklärt. Mögliche bekannte Ursachen sind:

  • Andere neurologische Erkrankungen mit Epilepsie als Symptom
  • Stoffwechselkrankheiten
  • Pränatale Fehlentwicklungen
  • Neurologische Schädigungen während Schwangerschaft und Geburt
  • Vergiftungen
  • Hirnverletzungen
  • Genetische Faktoren

Symptome von Epilepsie

Die Symptome von Epilepsie können je nach Art des Anfalls variieren:

  • Einfache fokale Anfälle: Meist kommt es zu einem Muskelkrampf, wobei das Bewusstsein erhalten bleibt.
  • Komplexere Anfälle: Das Bewusstsein kann eingeschränkt sein oder kurz aussetzen.
  • Absencen: Kurze Bewusstseinsstörung, wobei der Patient lediglich in der Tätigkeit erstarrt und nach wenigen Sekunden so tut, als ob nichts gewesen wäre.
  • Myoklonische Anfälle: Plötzlich auftretende, kurze, beidseitige Muskelzuckungen.
  • Klonische Anfälle: Muskelzuckungen. Arme und Beine können heftig zucken. Außerdem kann es zu vermehrtem Speichelfluss kommen, sodass Betroffene Schaum vor dem Mund haben können.
  • Tonische Anfälle: Muskelkrämpfe. Die Betroffenen versteifen oft Arme und Beine und stürzen. Dabei ist die Verletzungsgefahr sehr hoch. Es kann zu Bisswunden an der Zunge oder den Backen kommen.
  • Atonische Anfälle: Plötzliches Zusammenfallen der Muskelspannung, kurze Bewusstlosigkeit.
  • Status epilepticus: Notfall. Der Status epilepticus beschreibt den Zustand, bei dem die epileptischen Anfälle in so kurzen Abständen auftreten, dass sich der Betroffene zwischendurch nicht mehr erholen kann. Dieser Zustand muss umgehend vom Notarzt medikamentös unterbrochen werden, da es sonst zu schweren Hirnschädigungen kommen kann.

Welcher Arzt ist der richtige Ansprechpartner bei Verdacht auf Epilepsie?

Bei Verdacht auf Epilepsie ist es wichtig, sich an den richtigen Spezialisten zu wenden, um eine genaue Diagnose und eine angemessene Behandlung zu erhalten.

  • Erwachsene: Fachärzte für Neurologie sind die Spezialisten für epileptische Anfälle und Epilepsien bei Erwachsenen. Sie sind für die Diagnose und medikamentöse Therapie verantwortlich.
  • Kinder: Für Kinder mit Verdacht auf Epilepsie sind Kinderärzte (Pädiater) zuständig. Bei Bedarf können sie an einen Neuropädiater überweisen, einen Spezialisten für neurologische Erkrankungen bei Kindern.

Ein erster epileptischer Anfall sollte immer ärztlich abgeklärt werden. Je früher eine Hirnstromkurve (EEG - Elektroencephalogramm) abgeleitet werden kann, desto einfacher ist die genauere Diagnose. Vor allem kleinere Krämpfe als erste Anzeichen einer Epilepsie werden oftmals verkannt.

Diagnose von Epilepsie

Bei Verdacht auf Epilepsie wird der behandelnde Arzt verschiedene Untersuchungen durchführen:

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  • Anamnese: Der Arzt wird sich nach der Krankengeschichte erkundigen, einschließlich früherer Verletzungen, Medikamenteneinnahme und familiärer Vorbelastung. Wenn sich der Patient an eine Aura (Beschwerden unmittelbar vor dem Anfall) oder an die Umstände vor dem Anfall erinnern kann, sollte er dies dem Arzt berichten. Häufiger werden Sie auf Berichte von BeobachterInnen angewiesen sein. Der Arzt möchte vor allem wissen, wie der Anfall verlief und ob dem Anfall Anzeichen vorausgingen. Typische Anzeichen sind unwillkürliches Schmatzen oder Nesteln mit den Händen.
  • Körperliche Untersuchung: Eine allgemeine körperliche Untersuchung wird durchgeführt, um andere mögliche Ursachen für die Anfälle auszuschließen.
  • EEG (Elektroenzephalogramm): Zur Aufzeichnung einer Hirnstromkurve werden Elektroden auf die Kopfhaut aufgeklebt. Sie dienen der Messung von elektrischer Spannung zwischen Nervenzellen. Jede Epilepsieform äußert sich in charakteristischen Veränderungen in der Hirnstromkurve. Es zeigen sich drei Spitzen und drei Wellen pro Sekunde.
  • Bildgebende Verfahren: In den meisten Fällen ist eine hochauflösende Magnetresonanztomografie (MRT) des Kopfes indiziert, um strukturelle Veränderungen des Gehirns als Ursache für die Epilepsie auszuschließen.

In der Regel erfolgt bei Verdacht auf Epilepsie eine stationäre Aufnahme in eine neurologische Klinik. Die Untersuchungen sind nicht schmerzhaft und Routine.

Behandlung von Epilepsie

Epilepsien werden in der Regel in einem ersten Schritt konservativ, das heißt medikamentös behandelt. Dabei kommen Medikamente der Gruppe Antiepileptika zum Einsatz. In schwerwiegenden Fällen müssen mehrere Medikamente gleichzeitig gegeben werden und unterschiedliche Kombinationen ausprobiert werden. Die Antiepileptika sollen einem epileptischen Anfall vorbeugen. Die medikamentöse Behandlung einer Epilepsie ist daher immer eine Langzeittherapie und dauert meistens mehrere Jahre.

Folgende Faktoren wirken ebenfalls präventiv und schützen vor einem weiteren Anfall:

  • Regelmäßige Medikamenteneinnahme
  • Geregelte Lebensführung mit regelmäßigem Schlaf-Wach-Rhythmus
  • Gesunde ausgewogene Ernährung
  • Regelmäßige ärztliche Kontrollen
  • Stressvermeidung
  • Vermeiden von anfallsprovozierenden Faktoren

Für eine kleine Zahl von Betroffenen mit sogenannten therapieresistenten Epilepsien ist eine medikamentöse Therapie nicht ausreichend. Ihnen kann mit moderner Medizin durch einen neurochirurgischen Eingriff (Epilepsiechirurgie) geholfen werden, sofern sich der Herd in einer genau umschriebenen Region des Gehirns befindet.

Epilepsiezentren und Spezialambulanzen

Für die Behandlung von Epilepsie gibt es spezialisierte Einrichtungen wie Epilepsiezentren und Epilepsieambulanzen.

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  • Epilepsiezentren: In Deutschland gibt es 57 zertifizierte Epilepsiezentren (Stand: 03.06.2024). Diese Zentren erfüllen bestimmte Kriterien hinsichtlich ihrer Ausstattung und Expertise und bieten eine umfassende Versorgung von Patienten mit Epilepsie.
  • Epilepsieambulanzen: In Deutschland gibt es 50 Epilepsie-Ambulanzen für Jugendliche und Erwachsene (Stand: 22.05.2024) und 97 Epilepsie-Ambulanzen für Kinder und Jugendliche (Stand: 23.05.2024). Diese Ambulanzen sind auf die Diagnose und Behandlung von Epilepsie spezialisiert und bieten eine ambulante Betreuung der Patienten an.

Die Mannheimer Epilepsiezentrum behandelt Patient:innen mit Anfallserkrankungen ambulant und stationär und verfügt über modernste diagnostische Verfahren einschließlich Video-EEG-Monitoring, spezialisierten MRT-Techniken (z. B. funktionelle MRT), PET und Neuropsychologie. Umfassende Beratung Umfassende Beratung von Patient:innen mit Epilepsieerkrankungen im gesamten Spektrum (über ersten Anfall, neudiagnostizierte Epilepsien bis hin zu chronischen Verlaufsformen) und bezüglich aller Aspekte von Medikamenten bis zu sozialen und beruflichen Problemen. Individuelle Schwerpunkte Die Behandlung richtet sich nach den Prioritäten der zu behandelnden Person und ihrer besonderen Situation, sei es ein erster Anfall, eine therapierefraktäre Epilepsie, Schwangerschaft, Alter, nichtepileptische Anfälle oder Evaluation eines epilepsiechirurgischen Eingriffs. Sorgfältige Diagnose Eine sorgfältige und systematische diagnostische Abklärung ist die Basis jeder Behandlung. Sie umfasst auch andere anfallsartige Störungen, etwa Kreislaufstörungen, Synkopen oder Bewegungsstörungen. Modernste Methodik Bereitstellung modernster diagnostischer Methoden: 3 Tesla-MRT, funktionelles MRT, PET, Neuropsychologie, EEG, Video-EEG-Monitoring. Individuelle Therapieplanung Individuelle Therapieplanung, die alle medikamentösen Ansätze, resektive und funktionelle (Vagusnervstimulation) Epilepsiechirurgie, sowie auch Sozial- und Berufsberatung einschließt. Kooperation Die Behandlung wird mit den anderen behandelnden Ärzt:innen koordiniert, sei es in der hausärztlichen Praxis oder in der ambulanten Neurologie. Patient:innen, die für einen epilepsiechirurgischen Eingriff in Frage kommen, werden in einem Netzwerk der baden-württembergischen Epilepsiezentren diskutiert. Der Eingriff wird ggf. im Epilepsiezentrum Freiburg durchgeführt.

Leben mit Epilepsie

Unter medikamentöser Behandlung bleiben viele Patienten anfallsfrei und können ein normales Leben führen. Allerdings kann es nach einem Anfall zu einer „Bewährungsphase“ kommen, bei der der Betroffene auf Tätigkeiten, die sich selber oder andere Leute gefährden könnte, wie zum Beispiel Autofahren oder Gerüstbauen, verzichten muss. Bleibt der Betroffene nach einem bestimmten Zeitraum ohne Anfall, können solche Tätigkeiten wieder aufgenommen werden.

Folgen von Epilepsie

Grand-Mal-Anfälle kann das Gehirn lange Zeit kompensieren. Später kann es zu folgenden Defiziten kommen:

  • Aufmerksamkeitsstörungen und Konzentrationsstörungen
  • Lernstörungen
  • Auffälligkeitsstörungen
  • Erhöhte Verletzungsgefahr

Unterstützung und Beratung

Neben der medizinischen Behandlung ist auch die psychologische und soziale Unterstützung der Betroffenen wichtig. In Deutschland gibt es 23 Epilepsie-Beratungsstellen (Stand: 14.06.2024), die Betroffenen und ihren Angehörigen mit Rat und Tat zur Seite stehen.

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